Dieser Artikel erschien am 05.10.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Fridtjof Küchemann

Britta Teckentrups „Schule“ : Das müsst ihr unter euch ausmachen

Aufmunternd wie so viele Bücher zu diesem Thema ist „Die Schule“ nicht. Was nicht heißt, dass Britta Teckentrups Bilder­buch nicht auf seine Art ermutigend oder bestärkend wäre: Es zeichnet das ungeschönte Soziogramm einer sechsten Klasse.

©JACOBY & STUART

Was ist das nur mit diesem Tom? Besonders groß oder kräftig ist er nicht, und trotz­dem schafft er es, die ganze Klasse in seinen Bann zu schlagen. Keiner mag ihn, alle haben Angst vor ihm, vielleicht sogar die anderen aus seiner Bande. Dabei sind sie es doch, die ihn erst stark machen. Und der Umstand, dass er es immer wieder schafft, dass ihm die Lehrer glauben. Und natürlich sein Vater, der es bestens versteht, subtil die Glaub­würdig­keit des Mobbing-Opfers und die Bedeutung der Situation anzuzweifeln, als er doch einmal zum Klassen­lehrer gebeten wird, weil Mit­schüler nicht mit ansehen konnten, was Tom wieder mit Max gemacht hat: In dessen Familie scheine es ja drunter und drüber zu gehen und ob Max eigentlich auch so ein guter Schüler sei wie Tom, der schließlich Anwalt werden wolle, wie er, sein Vater. Schließlich gehörten ja auch immer zwei zu einer Quälerei wie der behaupteten.

Es sind Momentaufnahmen wie diese, die Britta Tecken­trup in ihrem Bilder­buch „Die Schule“ versammelt, Porträts der Kinder einer sechsten Klasse und kleine Szenen, aus denen sich ein Soziogramm der elf, zwölf Jahre alten Schülerinnen und Schüler zusammen­setzt, wie es selbst in Büchern für diese Alters­gruppe, von zehn Jahren an, selten zu finden ist. Dabei weicht die Illustratorin nicht etwa ab von der erwart­baren Typologie, sie spielt sie im Gegen­teil sorg­fältig durch: Der Junge, der „trotz seiner etwas seltsamen Art sehr intelligent ist“, hat ebenso seinen Auftritt wie die eingebildete Schöne, das Mädchen, das beim Sport­unter­richt als Letzte in eine Mann­schaft gewählt wird, genauso wie das Mädchen mit der tollen Stimme, die jeden verzaubert. Paula verschläft fast immer, aller­dings muss sie auch jeden Morgen ganz allein für sich sorgen, denn ihre Eltern brechen schon ganz früh zur Arbeit auf.

Lisa ist die Einzige, die sich nichts aus Toms Tyrannei macht und Max manchmal tröstet. Sie wirkt stark, aber sie spricht nicht viel von sich, und bei ihr zu Hause war auch noch niemand. Djamila musste fliehen, ist noch neu in der Klasse und wird in ihrem Willen, die Welt zu verändern, wenn sie groß ist, vom Geschichts­lehrer unter­stützt. Neben Lehrern wie ihn zeigt das Buch auch solche, die brenzlige Situationen herunter­spielen oder mit neuen Regeln Lieblings­fächer zur Tortur machen können. Es ist ein Gruppen­bild mit Schatten, das auf diese Weise entsteht: Die Spannung, der Konflikt, der Druck oder das Unbehagen halten sich die Waage mit den Momenten der Anteil­nahme, des Trosts und der Unter­stützung. Aufmunternd wie so viele Kinder­bücher, die sich dem Thema Schule oder Klassen­verbund widmen, ist dieses Buch also nicht. Was nicht heißt, dass es nicht auf seine Art ermutigend oder bestärkend wäre.

Wer in aller Welt ist Herr Neumann?

Britta Teckentrup stellt ihre Kinder mit großer Ruhe und gutem Augen­maß vor. So wie sie auch in den unter­schiedlichen Bildern zumeist mit einem Gesichts­aus­druck – in wechselnden Zusammen­hängen, in verschiedenen Größen kopiert oder gespiegelt – für jeden einzelnen Charakter auskommt, bleibt ihr Text skizzen­haft und suggestiv: Der Autorin geht es erkennbar nicht um Geschichten, sondern um die Wieder­erkenn­barkeit, ums Grund­sätzliche.

Ihr Buch lebt von der suggestiven Balance aus Eindringlichkeit und Distanziertheit der Illustrationen, aber auch von der Beweg­lichkeit, mit der die Erzählung aus der Vorstellung eines Mit­schülers in eine Szene springt, ins Herz und in den Kopf der Einzelnen – und von dort auf eine ganze Seite, die unter Schülern aus­getauschte Gemein­heiten versammelt, gefolgt von einer, auf der gegen­seitige Bestärkungen zu lesen sind, wie man sie auf den Schul­höfen wohl leider ungleich seltener hört. Diese Beweglich­keit hat ihren Preis: Obwohl sie im engeren Sinn keine Geschichte erzählt, lässt Britta Teckentrup eine Schülerin der Klasse als Ich-Erzählerin durch das Buch führen. Doch schon bei der Vorstellung des ersten Kinds kann die Autorin die Perspektive nicht halten: Das Mädchen weiß über den Jungen, der noch unschlüssig auf dem Schul­hof steht, weil er neu in die Klasse kommen wird, nachdem er es in seiner alten nicht mehr ausgehalten hat, mehr, als sie der Situation nach wissen kann.

Es bleibt kein Einzelfall: Das Mädchen berichtet von Gesprächen zwischen Lehrern und Eltern, beobachtet heimliche Momente der Annäherung unter Klassen­kameraden, taucht mit einer Mit­schülerin, die dafür im Schwimm­unter­richt all ihren Mut zusammen­nehmen muss – wo es doch kurz zuvor noch um den Sport­unter­richt gegangen ist und die Ereignisse später, doch wieder eine zeitliche Abfolge nahe­legend, als „Tag der neuen Freund­schaften“ zusammen­gefasst werden. Ein Herr Neumann spielt die Qualen des armen Max herunter – „du bist doch selbst schuld, wenn du sowas mit dir machen lässt“ –, ohne dass die Leser erfahren, ob es sich hier um den Klassen­lehrer handelt oder vielleicht sogar um den Vater des Jungen. Das für­sorgliche Buch hätte hier größere Sorg­falt verdient gehabt.