MSA und Abi 2020 : „Das ist für uns kein richtiger Abschluss“

Klausurvorbereitung am heimischen Schreibtisch, Prüfungen mit Mindestabstand, und am Ende fällt sogar noch die heiß ersehnte Party aus. Der Jahrgang 2020 muss in Corona-Zeiten Verzicht üben und flexibel sein. Das Schulportal hat drei Absolventinnen und Absolventen gefragt, wie sie ihren Schulabschluss während der Pandemie geschafft haben und wie sie nun auf ihre Zukunft schauen.

Sandra Hermes / 18. Juni 2020
Abiturprüfung mit Corona-Abstandsregelung in der Turnhalle
Die Abschlussprüfungen finden während der Corona-Pandemie unter besonderen Bedingungen statt. Zum Prüfungsstress kommt für viele Schülerinnen und Schüler die Corona-Angst hinzu.
©Felix Kästle/dpa

Konzentriert lernen, Fach für Fach die Abschlussklausuren und Prüfungen absolvieren – und dann endlich so richtig feiern. Das Ende der Schulzeit und die eigene Leistung! Danach noch mal ab ins Ausland oder in Studium oder Ausbildung starten. Soweit die normale Reihenfolge in den letzten Monaten einer langen Schulzeit und danach. Aber normal war gestern. Jetzt ist Corona, und für Schülerinnen und Schüler, die 2020 ihren Schulabschluss machen – egal ob Abi, ESA oder MSA – ist nichts so, wie es sein sollte, und nichts, wie sie es sich erhofft hatten.

Mathelernen mit Freundinnen und Freunden funktionierte nicht

Schon die Abivorbereitungen liefen für den 18-jährigen Pepe aus Berlin nicht, wie er sich das eigentlich vorgestellt hatte. Mathelernen mit Freunden funktionierte nicht. Treffen von Gruppen waren während der Corona-Maßnahmen verboten, und der Vater des Mathe-Experten gehörte auch noch zur Risikogruppe. „Ich habe probiert, Mathe über Skype zu machen, aber es war sehr zäh und hat fast kein Sinn gemacht.“ Auch Recherchen in Unibibliotheken seien nicht möglich gewesen, berichtet der Schüler der Jane-Addams-Schule von seinem Corona-Schulalltag. Ob das alles letztlich seinem Abischnitt geschadet hat, sei schwer zu sagen.

Ich habe probiert, Mathe über Skype zu machen, aber es war sehr zäh und hat fast kein Sinn gemacht.
Pepe (18), Schüler der Jane-Addams-Schule in Berlin

Auch der Abiturientin Mathilda fehlte der persönliche Kontakt zu ihren Lehrerinnen und Lehrern. In der Bremer Wilhelm Wagenfeld Schule liefen viele Übungseinheiten als freiwillige Telefonkonferenz und über die Lernplattform „itslearning“ ab. „Meiner Meinung nach war das nicht so eine gute Vorbereitung für die Schüler, weil es eben freiwillig war“, meint die Schülerin. Wie gut die Abivorbereitung im Homeschooling funktionierte, sei aber auch stark von den Lehrerinnen und Lehrern abhängig gewesen, findet die 18-Jährige. In Mathe seien fast täglich Aufgaben besprochen worden, erzählt sie. In anderen Fächern lief kaum etwas. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer seien aber immer per E-Mail oder Telefon ansprechbar gewesen, betont Mathilda. „Die haben sich auch Mühe gegeben, für uns die beste Vorbereitung zu ermöglichen!“

Die 16-jährige Adelina bereitet sich im bayerischen Amberg auf ihren Mittleren Schulabschluss (MSA) vor. Hier profitieren die Abschlussjahrgänge von den späten Sommerferien der süddeutschen Bundesländer. Mittlerweile sind die Zehntklässlerinnen und Zahntklässler wieder in der Schule und haben noch Zeit, verpassten Stoff aus der Heimunterrichtszeit nachzuholen: „Ich glaube, das mit Microsoft Teams war ein ganz guter Ersatz für die Schule. Aber wenn man neue Themen lernt, ist es halt wieder schwerer, diese zu verstehen. Es ist ganz anders, wenn man das persönlich erklärt bekommt“, findet die Schülerin der Schönwerth-Realschule.

Gedankenteufelskreis, wenn jemand in der Prüfung hustet

Aber nicht nur die Vorbereitung im Homeschooling stresste die Schülerinnen und Schüler. Auch die Ungewissheit, ob die Prüfungen überhaupt geschrieben werden sollen oder ob die Politik vielleicht doch für eine Durchschnittsbewertung stimmt, zerrte an den Nerven: „Das war auf jeden Fall auch ein ziemlicher Motivationsdämpfer“, erinnert sich Pepe. „Für ein, zwei Wochen stand deswegen alles im Raum. Wir wussten gar nicht so genau, was jetzt passieren sollte. Es war alles so vage.“

Die Prüfungen selbst fühlten sich dann seltsam an, findet Mathilda. Mathe wurde an ihrer Schule mit etwa 40 Schülerinnen und Schülern in der Aula geschrieben. Mit Abstand, desinfizierten Händen, ohne Taschen und Federtaschen und bei offenen Fenstern und Türen. Unter normalen Umständen hätte sie die Klausur in ihrer Klasse geschrieben.

Man sei in den Prüfungen einfach abgelenkter gewesen, als das sonst der Fall gewesen wäre, findet Pepe. Er wisse von Freunden, dass viele sich bei jedem Husten Sorgen gemacht haben, ob ein Mitschüler vielleicht krank ist, sie sich anstecken und dann wiederum zu Hause ihre Familien anstecken könnten. „Dann kommt man in so einen Gedankenteufelskreis rein, in dem man sich wirklich die wildesten Sachen ausdenkt und dadurch ziemlichen Stress hat.“ Für viele Schülerinnen und Schüler keine optimalen Voraussetzungen für gute Prüfungsleistungen.

Manche können besser in der Schule lernen, aber für mich war es schon gut, dass ich diese freie Zeit hatte, um mich besser zu konzentrieren.
Mathilda (18), Schülerin der Wilhelm Wagenfeld Schule in Bremen

Für Mathilda hatte die Schulschließung kurz vor den Klausuren auch einen positiven Effekt: „Ich glaube sogar, dass das für mich ganz gut war, dass diese Zeit der Vorbereitung in der Schule weggefallen ist, weil ich sonst gar nicht so viel gelernt hätte. Ich hätte gar nicht die Zeit gehabt oder die Lust. Manche können besser in der Schule lernen, aber für mich war es schon gut, dass ich diese freie Zeit hatte, um mich besser zu konzentrieren.“

Enttäuschung über fehlende Abschlussfeier

So unterschiedlich die Absolventinnen und Absolventen das Homeschooling und den Effekt der Schulschließung auf ihre Prüfungsleistung bewerten, in einem sind sich alle einig: Sie sind enttäuscht und sehr traurig, dass das ganze Drumherum der letzten Schultage pandemiebedingt flachfällt. Abistreich, Mottowoche, Abschlussball, die feierliche Zeugnisübergabe in der Schulaula, das alles ist in gewohnter Form nicht möglich. Was im letzten Schuljahr als Belohnung für eine lange Schulzeit und die anstrengende Prüfungszeit am Horizont aufblitzte – einfach abgesagt. „Durch die Schulzeit wurde man ja auch quasi geprägt“, erklärt Pepe seine Enttäuschung. „Und das einfach nicht ausklingen zu lassen, und sich selbst da nicht mal ein bisschen auf die Schulter klopfen zu können mit allen anderen zusammen, die es auch geschafft haben, und sich darüber zu freuen, das ist einfach echt schade. Das ist eine Sache, die uns im Vergleich zu anderen Jahrgängen auf jeden Fall ziemlich fehlen wird. Das ist für uns kein richtiger Abschluss.“

Ich habe mich sehr gefreut auf die Abschlussfeier. Man sieht die ganzen Lehrer wieder, man kriegt sein Zeugnis auf der Bühne. Irgendwie dachte ich, das gehört halt einfach so dazu. Aber jetzt, wo es nicht stattfindet, ist es einfach sehr traurig.
Adelina (16), Schülerin der Schülerin der Schönwerth-Realschule in Bayern

Das sieht auch Adelina so: „Ich find’s sehr schade. Ich habe mich sehr gefreut auf die Abschlussfeier. Man sieht die ganzen Lehrer wieder, man kriegt sein Zeugnis auf der Bühne. Irgendwie dachte ich, das gehört halt einfach so dazu. Aber jetzt, wo es nicht stattfindet, ist es einfach sehr traurig“, erzählt die 16-Jährige. Mathilda findet es auch schade um die ganze Arbeit, die in den Vorbereitungen steckt. „Ein Jahr haben wir dafür geplant. Mit einer Gruppe aus Schülern und Lehrern haben wir alles organisiert. Und die Zeugnisübergabe wird bei uns auch immer von den Elftklässlern vorbereitet. Das hat schon so eine Tradition, und das wird mir fehlen. Ich hätte gerne einen Abschluss gehabt“, erklärt auch sie.

Die Auslandsreise fällt weg, aber der Ausbildungsplatz ist sicher

Nachteile in der Vorbereitung, Prüfungen unter Hygienemaßnahmen, ausgefallene Abschlussfeiern: Für viele Absolventinnen und Absolventen ist das noch nicht alles, was Corona in ihrem Leben verändert hat. Für Adelina fällt der Türkeiurlaub ins Wasser. Dafür ist aber ihr Ausbildungsplatz als Steuersekretäranwärterin beim Finanzamt sicher.

Der 18-jährige Pepe muss sich dagegen ganz neu umschauen. Sein Auslandsjahr in Kolumbien ist abgesagt. Eine Alternative hat er noch nicht: „Es ist wirklich schade, seine Pläne so durchkreuzt zu sehen. Es fühlt sich so ernüchternd an, irgendwie.“ Sich jetzt schnell umzuorientieren, falle ihm schwer, da das Auslandsjahr auch dazu gedacht war, sich Zeit zu nehmen und Erfahrungen zu sammeln, um sich besser orientieren zu können.

Auch Mathildas Zukunftspläne sind gezwungenermaßen vage. Sie will eine Ausbildung machen, aber hält erst einen Beginn im nächsten Jahr für realistisch. Was sie bis dahin macht, stehe in den Sternen, erzählt sie. Arbeiten? Praktikum? Corona macht vielen Absolventinnen und Absolventen gerade einen dicken Strich durch die Rechnung. Der Jahrgang 2020 muss einmal mehr zeigen, wie flexibel er ist. Dass die Schülerinnen und Schüler das können, haben sie ja gerade erst bewiesen.

Auf eiem Blick

  • Trotz Schulschließungen fanden die Abschlussprüfungen unter strengen Hygienevorgaben in allen Bundesländern statt. Darauf hatte sich die KMK zu Beginn der Corona-Krise verständigt. In einigen Ländern wurden die Prüfungen zeitlich verschoben. Nur in Berlin wurde ein Teil der Prüfungen für den Mittleren Schulabschluss (MSA) ganz abgesagt.
  • In einigen Bundesländern hatten Schülervertretungen ein Abitur ohne Prüfungen gefordert, jedoch ohne Erfolg. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)  und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hatten ein Verzicht auf Prüfungen gefordert und dies mit den ungleichen Bedingungen für die Schülerinnen und Schüler bei den Vorbereitungen begründet.