Architektur : Das Ende der Flurschule

Neue Schulgebäude sollen einer modernen Pädagogik entsprechen. Rainer Schweppe entwickelte dazu das Raumkonzept der „Lern- und Teamhäuser“, das bereits in München und nun auch in Berlin als neuer Standard beim Bau und bei der Sanierung von Schulen gilt. Das Schulportal sprach mit ihm darüber, wie die neuen Lern- und Teamhäuser das Schulleben verändern.

Florentine Anders / 03. Mai 2018
Die Anne-Frank-Realschule in München, Preisträger des Deutschen Schulpreises, ist nach dem transparenten und offenen „Lern- und Teamhaus“-Prinzip organisiert.
Die Anne-Frank-Realschule in München, Preisträger des Deutschen Schulpreises, ist nach dem transparenten und offenen „Lern- und Teamhaus“-Prinzip organisiert.
©Theodor Barth (Robert Bosch Stiftung)

Bessere Noten durch neue Raumstrukturen

Deutsches Schulportal: In einigen Schulneubauten, etwa in München, ist das „Lernhaus“-Konzept schon umgesetzt. Wie beeinflusst das neue Raumkonzept die Schulkultur?
Rainer Schweppe:
Die Schulen von heute und in jedem Fall die von morgen sind inklusive Ganztagsschulen und Teamschulen. Das wird niemand bestreiten, auch wenn wir vielfach erst auf dem Weg dahin sind. Für zeitgemäße Pädagogik, Ganztag, Inklusion und ein neues Verständnis von Leadership in Schulen sind die überall in Deutschland bestehenden Halbtagsschulbauten nicht geeignet. Sie bieten zu wenig Bewegungsspielraum sowohl für Lehrkräfte als auch für Schülerinnen und Schüler.

Eine Antwort auf die Herausforderungen ist das Lernhaus-Konzept, dessen Entwicklung auf der Basis pädagogischer Zielsetzungen beruht. Mittlerweile liegen vielerlei Erfahrungen vor, und diese sind überwiegend sehr positiv.

Die ,kleinen Schulen‘ – die Lernhäuser – in der ,großen Schule‘ schaffen eine neue Kultur der gegenseitigen Verantwortung und Beziehung.
Rainer Schweppe, externer Berater für die Facharbeitsgruppe Schulraumqualität in Berlin

Man kann feststellen, dass sich das Miteinander in den Schulen verändert hat. Sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrerinnen und Lehrer nehmen einander besser wahr. Die Unterteilung der „großen Schule“ in kleinere Schulen – die Lernhäuser – schafft eine neue Kultur der gegenseitigen Verantwortung und Beziehung. Die Lernhäuser verhindern die zu große Anonymität, wie man sie von einer traditionellen Schule mit 1.000 Schülerinnen und Schülern sowie 100 Lehrkräften oft kennt. Durch die offene architektonische Gestaltung werden Methodenwechsel und differenziertes Arbeiten ermöglicht und unterstützt, sodass auch die Pädagogik Entwicklungsspielräume hat.

Das alles wirkt sich tiefgreifend auf die Schulkultur aus – das zeigen die Rückmeldungen aus dem pädagogischen Bereich, die von einer neuen positiven Dynamik in den Lernhaus-Teams berichten. Man unterstützt sich gegenseitig, und die Arbeit macht mehr Freude. Die Schülerinnen und Schüler erreichen bessere Noten und Abschlüsse, was sicher auch daran liegt, dass eine neue Kultur des Miteinanders entstanden ist.

Die Architektur lädt zum Methodenwechsel ein

Wie verändert die räumliche Gestaltung die Arbeit der Pädagogen?

Es fällt aus eigener Erfahrung nicht schwer, sich vorzustellen, was für Einflüsse der Unterricht – vielleicht ganztägig – in einem geschlossenen Klassenzimmer mit 30 Schülerinnen und Schülern im 45-Minuten-Takt auf Lehrkräfte und die anvertrauten Kinder oder Jugendlichen hat. Ich behaupte: Niemandem geht es dabei gut!

Die neuen Raumstrukturen ermöglichen allen, anders zu arbeiten – aber sie müssen es nicht! Die Strukturen sind eine Chance, die ergriffen werden kann. Dieses Angebot wird Früchte tragen, weil die Architektur dazu einlädt, Methodenwechsel auszuprobieren und individueller zu fordern und fördern. Man ist nicht mehr auf die enge Klasse beschränkt und hat doch Sichtkontakt in die Umgebung, in der auch gearbeitet oder mal Pause gemacht werden kann. So wird die Arbeit der Pädagoginnen und Pädagogen vielfältiger, individueller und professioneller.

Haben die neuen Schulbauten, die nach diesem Konzept gebaut wurden, auch einen Einfluss auf die Lernerfolge der Schülerinnen und Schüler?

Ja – ich hatte es bereits angedeutet. Die Lernerfolge sind tatsächlich größer. Das Sozialverhalten verändert sich positiv, weil man mehr füreinander da ist. Nicht von ungefähr hat die städtische Anne-Frank-Realschule in München 2014 den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises erhalten. Sie hat organisatorisch nach dem Lernhauskonzept gearbeitet. Die Abschlussquote betrug 100 Prozent. Auch bei anderen entsprechend umgebauten Schulen haben sich die Abschlussquoten deutlich verbessert, und es gibt weniger Wiederholer.

Wie auf dieser Skizze kann an einer Grundschule die Raumaufteilung in einem Lernhaus aussehen.
Wie auf dieser Skizze kann an einer Grundschule die Raumaufteilung in einem Lernhaus aussehen.
©Svenja Koch, Serviceagentur für Ganztagsbildung der Stadt München

Auch Lehrerinnen und Lehrer müssen mal abschalten können

Wie profitiert die Qualität des Ganztags durch die Raumstandards?

Wie soll eine als Halbtagsschule gebaute Schule eine gute Ganztagsschule werden? Da ist es nicht mit der Bereitstellung einer neuen Mensa getan. „Ganztag“ bedeutet nicht, den 45-Minuten-Rhythmus bis 16 Uhr auszudehnen und dazwischen eine 30-minütige Mittagspause in der Mensa zu machen. Das ist für die Lehrkräfte ebenso wie für die Schülerinnen und Schüler eine Zumutung. Stellen Sie sich das einfach mal praktisch vor!

Wer sich täglich länger in der Schule aufhält, braucht Zeiten der Anspannung und Entspannung, über den Tag verteilt. Das kann zum Beispiel mit 90-Minuten-Unterrichtseinheiten, Selbst-Lernzeiten und Ruhezeiten erreicht werden. Neben Frontalunterricht müssen Gruppen- und Einzelarbeit möglich sein. Auch Lehrkräfte müssen mal abschalten und sich zurücknehmen können, wenn sie länger in der Schule sind. Hierzu brauchen sie viel mehr als ein großes Lehrerzimmer, nämlich ruhige und kommunikative Teamräume mit Kaffeemaschine und Kühlschrank.

Das Berliner Lern- und Teamhäuser-Konzept bietet Möglichkeiten der flexiblen Tagesgestaltung und nicht zuletzt einen individuellen Umgang mit digitalen Medien. Wie soll eine gute Ganztagsschule ohne eine Ganztagsschularchitektur gelingen, in der sich die Menschen wohlfühlen? Hier hat Berlin mit dem neuen Standard als erstes Bundesland in Deutschland kraftvolle Zeichen gesetzt.

Zur Person

  • Rainer Schweppe war 2016 und 2017 Leiter der Facharbeitsgruppe Schulraumqualität des Landes Berlin, die das Konzept der Berliner „Lern- und Teamhäuser“ entwickelt hat.
  • Von 2010 bis 2016 war Rainer Schweppe Stadtrat und Stadtschulrat der Landeshauptstadt München. Hier leitete er das Referat für Bildung und Sport und begründete das „Münchner Lernhauskonzept“.
  • Bis 2010 leitete Rainer Schweppe die Bildungsabteilung der Stadt Herford in Nordrhein-Westfalen und realisierte unter Einbindung der Universitäten Duisburg-Essen und Paderborn mit dem „Herforder Modell“ ein neues Schulbaukonzept.
  • Kontakt per E-Mail: rainer.schweppe@gmx.de
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