Das Deutsche Schulbarometer : Hausaufgaben bestimmen den Familienalltag

In den meisten Familien nehmen Hausaufgaben viel Raum ein, wie auch das Deutsche Schulbarometer zeigt. Nicht nur in der Freizeit der Kinder – auch bei den Eltern, die dabei viel Unterstützung leisten. Das ist eine große Herausforderung für alle Beteiligten und sorgt für Stress, wie das Beispiel einer Berliner Familie zeigt.

Annette Kuhn / 04. September 2019
Frau und Kinder am Tisch mit Karteikarten und Schulbüchern
Hausaufgaben können anstrengend sein. Aber mit einer guten Portion Humor beugt man Konflikten vor.
©Patricia Haas

Der Blick ins Hausaufgabenheft gehört für Susanne Kluge ebenso selbstverständlich zum Alltag wie das Nachprüfen, ob ihre beiden Kinder sie auch tatsächlich gemacht haben. Gut, bei ihrer Tochter prüft sie nicht mehr alles nach. Helena ist jetzt in der achten Klasse und besucht ein Gymnasium in Berlin. Die 13-Jährige ist gut in der Schule, macht ihre Hausaufgaben gewissenhaft und überwiegend selbstständig. In ihrer Schule gibt es das Fach Methodentraining. Da hat sie viel darüber erfahren, wie sie zum Beispiel mit Karteikarten üben und wie sie sich das Lernpensum gut einteilen kann.

Wenn Susanne Kluge am Nachmittag von der Arbeit nach Hause kommt, sitzt die Tochter meist am Schreibtisch. Die Mutter kommt erst dann zum Zug, wenn es darum geht, Karteikarten oder Vokabeln abzufragen – immerhin lernt Helena jetzt schon drei Fremdsprachen: Englisch, Französisch, Spanisch.

Der Sohn hat auch andere Dinge als Schule im Kopf

Bei Adrian, ihrem Zehnjährigen, schaut die Mutter schon genauer hin. Nicht, dass er Schwierigkeiten in der Schule hat. Er hätte ja sonst auch gar nicht in diesem Sommer nach der vierten Klasse der Grundschule den Sprung aufs Gymnasium geschafft. In Berlin ist der Wechsel auf die weiterführende Schule ja eigentlich erst zur siebten Klasse üblich. Aber er hat außer Schule noch andere Dinge im Kopf, und die können ihm auch mal wichtiger sein. Fußball zum Beispiel. „Bei ihm muss ich mehr hinterher sein“, sagt die Mutter.

Hausaufgaben nehmen bei den Kluges schon viel Raum ein. Helena sagt: eine halbe bis eine Stunde pro Tag. Adrian zuckt mit den Schultern. Er weiß es noch nicht so genau – er ist ja erst drei Wochen auf dem Gymnasium, davon eine Woche auf Klassenfahrt. Und vorher war er auf einer gebundenen Ganztagsschule, da sollten zu Hause eigentlich keine Aufgaben gemacht werden. Hat zwar nicht immer so gut geklappt, aber im Großen und Ganzen schon. Die Mutter sagt: Mindestens eine Stunde am Tag geht es zu Hause um die Schule. Am Wochenende meist deutlich mehr – besonders wenn eine Klassenarbeit ansteht und dafür geübt werden muss. Ja, bestätigt Helena, ein halber Tag am Wochenende sei dann schnell mal weg.

Es wird schon viel auf die Unterstützung der Eltern gesetzt.
Susanne Kluge, Mutter von zwei Schulkindern

Nicht, dass Susanne Kluge ständig um ihre Kinder helikoptern würde. Dafür hat sie keine Zeit, schließlich ist sie, ebenso wie ihr Mann, berufstätig. Aber ohne eine gute Organisation läuft es nicht. Und für die ist sie zuständig. Also dafür, dass die Kinder die Hausaufgaben schaffen und trotzdem noch zum Chor, zum Klavierunterricht, zum Gitarrenunterricht, zum Fußball gehen können. Die 46-Jährige behält auch den Überblick, welche Aufgaben zu wann anstehen, wann Arbeiten geschrieben werden.

Die direkte Hilfe bei den Hausaufgaben ist dabei aus Sicht der Mutter dabei überschaubar, vielleicht bei bis zu drei Stunden in der Woche. Damit ist Familie Kluge gewissermaßen Durchschnitt. Im  Deutschen Schulbarometer, einer repräsentativen Befragung im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT Verlagsgruppe, gaben 41 Prozent der befragten Eltern an, dass sie ihre Kinder regelmäßig bei den Hausaufgaben unterstützen, davon etwa die Hälfte zwischen ein bis drei Stunden in der Woche. Ein Drittel investiert sogar bis zu sechs Stunden und mehr.

Viele sehen sich in der Rolle eines Hilfslehrers

Die Kluges kennen auch solche Familien. Die jeden Nachmittag mit ihren Kindern sitzen und lernen. Freizeitprogramm gibt es dort weder für die Eltern noch für die Kinder. Aber anders, so glauben diese Eltern, könnten ihre Kinder den Anschluss nicht halten. „Es wird von der Schule schon viel auf die Unterstützung der Eltern gesetzt“, findet Susanne Kluge. Oft heißt es ja: „Macht die Aufgaben zu Hause zu Ende. Übt das noch mal für euch.“ Kinder, denen Schule weniger leichtfällt, sind damit schnell überfordert. Fühlen sich sogar bestraft, wenn sie wegen der Schule nicht mehr zum Sport gehen können, Verabredungen absagen müssen.

Die Eltern versuchen dann aufzuholen, was in der Schule nicht gut klappt. Viele sehen sich in der Rolle der Hilfslehrerin, des Hilfslehrers. Eindrucksvoll und schonungslos beschreibt Autorin Anke Willers in ihrem Buch „Geht’s dir gut oder hast du Kinder in der Schule?”, wie sie ihre beiden Töchter durch Hausaufgaben und Prüfungen, durch die ganze Schulzeit bugsiert hat und wie viele Tränen und Nerven das alles gekostet hat.

Manche Eltern haben gar nicht die Zeit, bei schulischen Aufgaben zu helfen. Andere haben den Stoff nicht mehr präsent oder ihn nie gelernt. Die eigene Schulzeit ist lange vorbei, oft mehr als 30 Jahre. „Das geht schon bei den Fragestellungen los, die ich nicht immer verstehe“, sagt Susanne Kluge, „bei vielen Fächern bin ich längst raus.“

Sie hat auch schon frustriert aufgegeben

Eine Geduldsprobe sei es sowieso, wenn sie ihre Kinder bei der Schule unterstütze, sagt sie. Meistens klappe es ganz gut mit dem gemeinsamen Lernen und Abfragen, aber natürlich sind sie auch schon aneinandergeraten. Allein bei der Schrift ihres Sohnes muss die Mutter schon mal die Luft anhalten. Für eine Grafikdesignerin ist es schwierig, wenn die Buchstaben unkontrolliert über die Seite hüpfen. Aber Adrian findet das nicht so schlimm. Sie habe auch schon frustriert aufgegeben, wenn sie keine Geduld mehr hatte, und ihrem Mann das Feld überlassen: „Mach du das jetzt!“

Oft ist es ein sinnvoller Weg, wenn sich die eine herauszieht, und der andere übernimmt. Aber es kann auch passieren, dass die ganze Familie in Clinch gerät. Helena erinnert sich an eine Lernsituation mit ihrem Vater in der Grundschule. Lange her, darum kann sie darüber heute lachen. Es ging um Mathe, um Mal-Folgen. „Ich war nicht so schnell mit der Antwort und er wurde immer ungeduldiger: Hast du’s jetzt endlich?“ Die Antwort hat das natürlich nicht gerade beschleunigt, eher wurde das Brett vorm Kopf dicker. Was dann? Was hätte geholfen? „Am besten ist eine Pause – und wir setzen uns später noch mal hin. Dann klappt es besser“, so Helenas Erfahrung.

Meistens schreiben die beiden Kinder der Kluges in der Schule Einsen und Zweien. Eine Drei ist eher die Ausnahme. „Wenn die Dreien sich häufen würden, dann müsste ich schon mal nachhaken, dann würden wir wohl auch mehr machen“, sagt die Mutter.

Schon eine Drei gilt vielen Eltern als kritische Note

Die Angst der meisten Eltern ist groß, dass die Kinder in der Schule den Anschluss verpassen. Schon eine Drei, ein „Befriedigend“, gilt vielen als kritische Note, bei der die Alarmglocken schrillen: Das Kind könnte den Anschluss verlieren, bekommt eine schlechte Note auf dem Zeugnis, schafft nicht die Oberstufe, möglicherweise fällt es durchs Abitur, kein Studienplatz, keine Zukunft. So in etwa schraubt sich die Angstspirale hoch.

Den bekannten Schweizer Kinderarzt und Sachbuchautor Remo Largo wundert das nicht. Im Interview mit dem Deutschen Schulportal erklärt er, Eltern seien verunsichert, hätten Angst, dass ihre Kinder nicht den gleichen Wohlstand wie sie halten können. „Diese Ängste übertragen die Eltern auf ihre Kinder und üben enormen Druck auf sie aus.“ Das belaste die Beziehung zwischen Eltern und Kindern.

Bei Familie Kluge ist das nicht zu spüren. Aber Susanne Kluge weiß nicht, wie es wäre, wenn die Kinder Probleme in der Schule hätten. Damit das gar nicht erst passiert, ist ihr der Blick ins Hausaufgabenheft so wichtig. Und sie fügt hinzu: „Ich bin heilfroh, dass es bei uns so gut läuft.“