Cybermobbing : Hetze gegen Lehrkräfte im Internet

Gewalt von Schülerinnen und Schülern gegen Lehrkräfte nimmt zu. Das ist das Ergebnis einer Studie des Verbands Bildung und Erziehung. Dabei spielt das Mobben im Internet eine immer größere Rolle. Auf Facebook oder WhatsApp äußern sich Kinder und Jugendliche abwertend über ihre Lehrerinnen und Lehrer. Bereits jede fünfte Schule gibt an, dass Lehrkräfte im Netz gemobbt werden. Schulpsychologe Klaus Seifried vom Berufsverband der Psychologen sagt im Interview mit dem Schulportal, warum das so ist und was man dagegen tun kann.

Regina Köhler / 21. August 2018
Junger Mann mit Laptop
Immer häufiger werden Lehrkräfte von ihren Schülerinnen und Schülern in sozialen Netzwerken gemobbt.
©Getty Images

Herr Seifried, nimmt Gewalt gegen Lehrerinnen und Lehrer tatsächlich zu?
Klaus Seifried: Konflikte in den Familien, aber auch in der Schule sind normal und nichts Neues. Kinder und Jugendliche reiben sich, besonders in der Pubertät, an Autoritäten. Konflikte und Konfliktmanagement gehören somit zum Alltag und zum Erziehungsauftrag von Lehrkräften. Bei Beleidigungen, Bedrohungen und Gewalt gegen Lehrkräfte darf es aber keine Toleranz geben.
Neu ist, dass das Thema Gewalt gegen Lehrkräfte nicht mehr tabuisiert wird. Schulleiterinnen und Schulleiter halten solche Vorfälle nicht mehr unter der Decke, um den Ruf ihrer Schule zu schützen, sondern melden sie. Das Dunkelfeld wird kleiner. Wir sollten also genau hinsehen, ohne allerdings zu dramatisieren.

Was Lehrkräfte berichten, ist teilweise aber durchaus dramatisch. Ein zunehmendes Problem ist das Cybermobbing. Warum?
Cybermobbing ist nichts anderes als Mobbing mit modernen Medien. Jede Schülerin, jeder Schüler hat heute ein Mobiltelefon in der Tasche oder einen Laptop zu Hause. Wenn sie posten, dass sie eine Lehrkraft und deren Unterricht „blöd finden“ – um es mal vorsichtig auszudrücken –, dann sind diese Beleidigungen permanent und für jeden einsehbar im Netz zu finden. Hinzu kommt die Anonymität, die solche Plattformen bieten. Es ist oft schwer zurückzuverfolgen, wer so etwas geschrieben hat. Das verleitet Nutzerinnen und Nutzer dazu, sich unkontrollierter und aggressiver zu äußern.

Wer nur zuschaut und nichts tut, verhält sich ähnlich wie bei einem Unfall: Das ist unterlassene Hilfeleistung!

Ist Cybermobbing ernst zu nehmen, oder handelt es sich dabei eher um pubertäres Gehabe? Schließlich gehen Schülerinnen und Schüler untereinander auch schnell mal richtig zur Sache.
Kleinere Provokationen kann man durchaus ignorieren. Handelt es sich allerdings um massive Drohungen und Beschimpfungen, sollte entschieden und schnell reagiert werden, schwere Fälle sollten bei der Polizei angezeigt werden. Wichtig ist in jedem Fall, dass die betroffenen Lehrkräfte nicht die Opferrolle einnehmen und sich aus Angst oder Scham zurückziehen, sondern Hilfe holen – bei Kollegen, bei der Schulleitung, der Schulaufsicht und bei der Schulpsychologie. In schweren Fällen brauchen die Lehrkräfte Supervision und Betreuung. Aus Erfahrung wissen wir, dass es hilft, die Mitschülerinnen und Mitschüler einzubeziehen. Sie sollten wissen, dass sie verpflichtet sind, Mobbing im Netz zu melden. Wer nur zuschaut und nichts tut, verhält sich ähnlich wie bei einem Unfall: Das ist unterlassene Hilfeleistung!

Wie beugt man Mobbing gegen Lehrkräfte, also auch Cybermobbing, vor?
Die beste Prävention sind ein gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis, gegenseitiger Respekt und die Autorität der Lehrerschaft. Dazu gehört aber auch, dass die Lehrkräfte sich regelmäßig ein Feedback von ihren Schülerinnen und Schülern holen. Wenn diese ihre Meinung zum Unterricht sagen und auch eigene Vorschläge machen dürfen, führt das zu einem guten sozialen Klima in der Schule. Viel Konfliktstoff wird abgebaut.
Jede Schule sollte zudem feste Regeln für das soziale Miteinander aufstellen. Schülerinnen und Schüler sollten schon bei der Anmeldung an der Schule eine Selbstverpflichtung unterschreiben, zu der auch gehört, dass es keinerlei Hasskommentare in den digitalen Medien geben darf. Auch die Eltern sollten den Schulkodex unterschreiben und sich der Einhaltung verpflichtet fühlen. Es ist hilfreich, wenn die Kinder und Jugendlichen spüren, dass Lehrkräfte und Eltern an einem Strang ziehen. Schimpfen indes auch die Eltern auf die Schule und die Lehrerinnen und Lehrer, kann das ein respektloses Verhalten der Kinder bestärken. Grundsätzlich sind die Eltern dafür verantwortlich, was ihre Kinder zu Hause am Computer tun.

Welche Rolle spielt es für das soziale Klima an der Schule, dass immer mehr Lehrkräfte eingestellt werden, die keine volle pädagogische Ausbildung haben – Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger zum Beispiel?
Das kann sich negativ auswirken, wenn Lehrkräfte aufgrund mangelnder Ausbildung keinen guten Unterricht machen und von den Schülern nicht als Autorität anerkannt werden. Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger und andere nicht voll ausgebildete Lehrkräfte brauchen deshalb sehr viel Unterstützung, Fortbildung und Begleitung von Mentoren. Außerdem sollten deutlich mehr Sozialarbeiter und Schulpsychologen die Lehrkräfte unterstützen.

Wir beobachten allerdings auch in anderen Bereichen der Gesellschaft einen raueren Umgang der Menschen untereinander. Mehr und mehr Zeitungen und Rundfunkanstalten etwa schalten die Kommentarfunktion im Netz ab, weil sie gar nicht mehr in der Lage sind, angemessen auf die vielen Hass-Mails zu reagieren, die sie täglich erreichen. Das hat doch sicher auch Auswirkungen auf das schulische Umfeld?
Ja, leider gibt es diese negativen Veränderungen in der Gesellschaft. Die Leute sind schneller bereit, ihre Forderungen rücksichtslos, aggressiv oder mit Gewalt durchzusetzen – das sehen wir zum Beispiel im Straßenverkehr. Gegenseitige Rücksichtnahme nimmt ab, es wird gedrängelt, geschimpft, gedroht. Auch in den Nachrichten, die uns täglich erreichen, geht es meist darum, wer sich wo durchsetzen kann. Gewalt ist an der Tagesordnung. Kinder schauen sich solche Verhaltensweisen von den Erwachsenen ab.
Bei allen Problemen, die wir hier angesprochen haben, sollten wir uns trotzdem immer wieder vergegenwärtigen, dass die Schule ein relativ friedlicher Ort und gerade in sozialen Brennpunkten oft der stabilisierende Faktor im Leben der Kinder und Jugendlichen ist.

Zur Person

Schulpsychologe Klaus Seifried
©Markus Waechter
  • Klaus Seifried arbeitete 12 Jahre als Lehrer und 26 Jahre als Schulpsychologe.
  • Von 2003 bis 2016 war er Leiter des Schulpsychologischen und Inklusionspädagogischen Beratungszentrums Tempelhof-Schöneberg in Berlin.
  • Seit 1996 ist er im Bundesvorstand der Sektion Schulpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen tätig.
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