Infografik

Studie : „Kooperation führt zu wesentlicher Entlastung“

Wann arbeiten Lehrkräfte zusammen? Welche Rahmenbedingungen unterstützen die Kooperation an Schulen? Welchen Einfluss hat Kooperation auf die Schulentwicklung? Für die Studie „CoMMIT – Kooperation an Schulen, Innovation im Team“ haben Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher die Kooperationsaktivitäten an Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises sowie einer Gruppe weiterer Schulen untersucht. Gefördert wurde das Projekt im Rahmen des Forschungsprogramms des Deutschen Schulpreises. Cornelia Gräsel von der Universität Wuppertal und Dirk Richter von der Universität Potsdam waren an dem Projekt beteiligt. Im Interview mit dem Schulportal erklären sie, wie Kooperation im Kollegium gefördert werden kann und wo sie noch großen Handlungsbedarf sehen.

Annette Kuhn 25. Oktober 2021
Grafik zu Kooperation an Schulen CoMMIT-Studie

Deutsches Schulportal: Was haben Sie im CoMMIT-Projekt untersucht, und was sind die wichtigsten Ergebnisse?
Dirk Richter: Wir haben uns die Kooperation an Schulpreisträger-Schulen und an anderen Schulen angeschaut und konnten dabei feststellen, dass sich das Niveau der Kooperation in den beiden Schulgruppen unterschied. Auch wenn die Schulpreis-Schulen keine homogene Gruppe sind, haben sie deutlich mehr kooperiert als die Basis-Schulen. Das hing auch mit den günstigeren Rahmenbedingungen an Schulpreis-Schulen zusammen. So gab es an Schulpreis-Schulen öfter feste Zeitfenster, als das an anderen Schulen der Fall war.
Cornelia Gräsel: Wir haben bei CoMMIT außerdem gesehen, dass eine inhaltliche Differenzierung der Kooperation stattfindet, nämlich zwischen unterrichtsbezogener und schulbezogener Kooperation. Dabei fällt auf, dass Kooperation zu Unterrichtsthemen weniger intensiv stattfindet.

Können Sie das näher erläutern?
Richter: In früheren Studien haben wir Kooperationsaktivitäten bezüglich ihrer Intensität in drei Niveaustufen unterteilt: Austausch, Arbeitsteilung und Ko-Konstruktion. In der CoMMIT-Studie haben wir stärker darauf geschaut, zu welchen Themen sich Lehrkräfte austauschen und sie nach den Inhalten in unterrichtsbezogene und schulbezogene Aktivitäten unterteilt. Beide Aktivitäten finden wiederum in unterschiedlicher Intensität statt. Dabei konnten wir sie aber nicht mehr drei, sondern zwei Intensitätsstufen zuordnen: Austausch und Ko-Konstruktion. Bei unterrichtsbezogenen Themen gehört der Austausch von Unterrichtsmaterialien zum Beispiel eher in die niedrigere und die gemeinsame Unterrichtsplanung oder kollegiales Feedback in die höhere Niveaustufe.

Ich fand überraschend, dass die unterrichtsbezogene Kooperation relativ oberflächlich ist. Da dominiert immer noch dieses „Zwischen Tür und Angel“: sich mal schnell austauschen, mal schnell informieren.
Cornelia Gräsel, Professorin für Bildungsforschung an der Universität Wuppertal

Gibt es Ergebnisse der Studie, die Sie überrascht haben?
Gräsel: Ich fand überraschend, dass die unterrichtsbezogene Kooperation relativ oberflächlich ist. Da dominiert immer noch dieses „Zwischen Tür und Angel“: sich mal schnell austauschen, mal schnell informieren. Aber eine engere Kooperation, in der man über Unterricht spricht, ihn gemeinsam plant und gemeinsam reflektiert, ist an vielen Schulen wenig ausgeprägt. Dieser Befund ist besonders überraschend, weil wir im CoMMIT-Projekt insgesamt mit einer relativ privilegierten Stichprobe gearbeitet haben. Denn alle Schulen, die bei dem Projekt dabei waren, waren sehr an Schulentwicklung interessiert – das betraf nicht nur die Schulpreis-Schulen.

Durch Kooperation können Lehrkräfte ihre Arbeit reflektieren

Richter: Überrascht haben mich die Vielfalt und Kreativität der Personalentwicklungsmaßnahmen, die manche Schulen entwickelt haben. Es gab zum Beispiel „Fitnessrunden“ oder „Sternstunden“. In „Fitnessrunden“ haben Lehrerinnen und Lehrer regelmäßig zu einem festen Termin über eigene Themen berichtet, die sie kennengelernt haben und über die sie andere Lehrkräfte informieren wollten.

Im Konzept der „Sternstunden“ ging es darum, über gelungene Unterrichtsstunden zu berichten. Beides sind keine verordneten Formate, sondern informelle Angebote, die durch Initiative einzelner Personen entstanden sind, aber zur Professionalisierung des gesamten Kollegiums beitragen.

Wieso ist Kooperation zwischen Lehrkräften überhaupt so wichtig?
Richter: Zum einen führt Kooperation zu einer wesentlichen Entlastung, zum Beispiel durch den Austausch von Unterrichtsmaterialien. Lehrkräfte müssen nicht alle alles neu erfinden, sondern man kann auf Dinge zurückgreifen, die andere schon entwickelt haben.

Darüber hinaus ist es auch wichtig, dass Lehrkräfte kooperieren, um ihre eigene Arbeit zu reflektieren. Und sich darüber weiterentwickeln. Dafür brauchen sie Feedback – und zwar nicht nur von Schülerinnen und Schülern, sondern auch von Kolleginnen und Kollegen mit einem ähnlichen professionellen Hintergrund.

Umsetzung von Innovationen gelingt besser, wenn alle zusammenarbeiten

Gräsel: Und der dritte Punkt ist, dass Kooperation immer dann wichtig ist, wenn Schulen etwas Neues machen müssen. Hier lag auch der Fokus unserer Untersuchung: Wie gehen Schulen mit Innovationen um? Wie initiieren sie Veränderungsprozesse?

Wir wissen heute, dass die Umsetzung von Innovationen sehr viel besser gelingt, wenn Lehrkräfte dabei zusammenarbeiten. Es muss etwas Neues ausprobiert werden, und man muss gemeinsam darüber reflektieren – da kommt die Feedback-Komponente wieder ins Spiel. Auch Prozesse der Problemlösung sind normalerweise günstiger, wenn mehrere Personen über Probleme nachdenken und gemeinsam Wege suchen. In der Regel kommt man dabei auf bessere Lösungen.

Zur Person

Cornelia Graesel
©Uwe Schinkel
  • Cornelia Gräsel ist seit 2004 Professorin am Institut für Bildungsforschung in der School of Education der Bergischen Universität Wuppertal.
  • Sie leitet dort den Bereich Lehr-, Lern- und Unterrichtsforschung und beschäftigt sich unter anderem damit, welche Rolle Teamarbeit und Kooperation bei der Schulentwicklung spielen.
©Hoffotografen
  • Dirk Richter ist seit 2016 Professor für Erziehungswissenschaftliche Bildungsforschung an der Universität Potsdam und ist Ko-Sprecher des Departments Erziehungswissenschaft.
  • Sein Arbeitsbereich untersucht u.a. die Kooperation von Lehrkräften und die Professionalisierung pädagogischen Personals in der Institution Schule.

Die CoMMIT-Studie zeigt eine deutliche Diskrepanz zwischen den Kooperationsaktivitäten von Lehrkräften in der schulischen Praxis und denjenigen, die sie zwar für wichtig halten, aber weniger praktizieren. Wie erklären Sie sich das?
Richter: Lehrkräfte sind grundsätzlich positiv gegenüber Kooperation eingestellt, aber sie setzen sie letztlich wenig um. Das hat unterschiedliche Gründe. Es stellt sich zum einen die Frage, inwieweit Lehrkräfte an ihrer Schule überhaupt die Zeit und die Räume für Kooperation haben. Außerdem bedarf es immer eines konkreten Anlasses, um zu kooperieren. Und es muss natürlich auch geeignete Kolleginnen und Kollegen geben, mit denen eine Interaktion möglich ist.

Für eine gute Kooperation braucht es vor allem Zeit

Wo sehen Sie vor allem noch Entwicklungsbedarf, was die Kooperation anbelangt?
Gräsel: Gerade bei der Kooperation zur Unterrichtsentwicklung gibt es noch viel Luft nach oben. Da müssen sich die Rahmenbedingungen verbessern. Es müssen vor allem Zeitslots und gemeinsame Räume geschaffen werden. Wobei ich Räume als nachrangig betrachte. Einen Raum für die Zusammenarbeit findet man immer an einer Schule. Aber die Zeit ist ein großes Problem.

Wie können Schulleitungen solche Zeitfenster schaffen?
Richter: Sie sollten schon bei der Stundenplanung berücksichtigt werden. Es gibt Schulen, die zum Beispiel Arbeitszeit dafür umwidmen, indem sie Unterrichtsstunden kürzen und die verbleibende Zeit nutzen, um sich in der Schule zusammenzusetzen und gemeinsam zu arbeiten. Es gibt auch Schulen, die längere Anwesenheiten der Lehrkräfte in der Schule vereinbaren und so Zeit für Kooperation ermöglichen.

Gibt es überhaupt Kapazität für Kooperation angesichts des großen Lehrkräftemangels?
Gräsel: Klar ist: Der Anfang von Gruppen ist immer schwierig und zeitaufwendig. Darum sind bei der Kooperation zunächst die Kosten höher als der Gewinn. Die Gruppe ist zunächst langsamer, als wenn man die Dinge allein macht. Die Gruppe führt auch manchmal zu Spannungen.

Über diesen Berg an „Kosten“ muss man erst mal rüberkommen. Aber wenn man das geschafft hat, ist in aller Regel der Nutzen größer. Man kann auf Ergebnisse der Gruppe zurückgreifen und muss den Unterricht nicht in allen Schritten selbst planen. Und man nimmt das Material auch nicht als fremd wahr, weil man sich selbst eingebracht hat.

All das kann für Entlastung sorgen. Zum anderen können Lehrkräfte auch emotional von der Gruppe profitieren. Wenn sie zum Beispiel Probleme in einer Klasse haben, können sie Unterstützung von der Gruppe bekommen.

Gestaltung von Teamsitzungen spielt eine wichtige Rolle

Wie kann die Schulleitung diese Prozesse unterstützen?
Gräsel: Es kommt ganz wesentlich auf die Haltung der Schulleitung an. Neben der Schaffung der Zeitfenster spielt es auch eine wichtige Rolle, wie sie Teamsitzungen gestaltet. An Schulen ist immer noch ein sehr intuitives Verständnis von Kooperation verbreitet. Aber dass man Teamsitzungen bewusst gestaltet, dass man Tools verwendet, die Gruppenprozesse unterstützen, dass man Gesprächsregeln für informelle Gruppen hat, das ist noch nicht überall üblich.

Sind angehende Lehrkräfte darauf vorbereitet, kooperativ zu arbeiten?
Richter: An den Universitäten wird viel kooperativ gearbeitet. Die Frage ist, was passiert, wenn die angehenden Lehrkräfte an die Schulen kommen und ob sie dort weiter umsetzen können, wie sie vorher gearbeitet haben. Wir beobachten, dass sich gerade jüngere Lehrkräfte untereinander vernetzen. Aber in der Vernetzung zwischen jüngeren und älteren Kolleginnen und Kollegen sehe ich noch viel Potenzial. Eine wichtige Frage dabei ist, wie das Wissen von jungen Lehrkräften in die Schulen getragen werden kann und sich ein systematischer Wissenstransfer gestalten lässt. Auch hier hängt es natürlich stark von der Schulleitung ab, wie sie die jungen Menschen aufnimmt und ob sie ein Klima der Kooperation schafft.

Die Lehrkräfte müssen gemeinsam ein Verständnis von gutem Unterricht entwickeln, gemeinsam an Entwürfen arbeiten, sich Unterricht von Kolleginnen und Kollegen gegenseitig anschauen und Feedback geben.
Dirk Richter, Bildungsforscher an der Universität Potsdam

Einen großen Teil ihrer Arbeitszeit verbringen Lehrerinnen und Lehrer allein zu Hause. Inwieweit behindert das die Kooperation, oder sollte sie mehr im digitalen Raum stattfinden?
Gräsel: Die ehemalige Berliner Bildungssenatorin Sybille Volkholz hat mal gesagt, wenn alle Lehrkräfte am Nachmittag in der Schule bleiben müssten, gäbe es viele Probleme nicht. Da ist etwas dran, auch wenn sich die Bedeutung von Homeoffice in den vergangenen zwei Jahren sehr gewandelt hat. Kooperation erfordert aber schon, dass sich die Menschen auch regelmäßig zusammensetzen. Jede Gruppe braucht Vertrauen und ein Gefühl, dass man die anderen Personen kennt. Diese emotionalen Seiten der Kooperation entstehen eher, wenn man sich vor Ort trifft.

Kooperation kann nicht nur digital stattfinden

Aber natürlich sind die digitalen Möglichkeiten für die Kooperation eine große Bereicherung und bringen Zeitersparnis – das hat auch die Corona-Pandemie gezeigt. Sie könnten von Schulen noch stärker genutzt werden. Aber ich glaube nicht, dass sie Präsenztreffen völlig ersetzen können.

Richter: Für die niedrige Niveaustufe der Kooperation sind die digitalen Möglichkeiten sehr gut geeignet, zum Beispiel für das Teilen von Informationen. Und auch eine schulübergreifende Kooperation lässt sich in der Digitalität besser realisieren. Gerade für Schulen im ländlichen Raum ergeben sich so viel mehr Möglichkeiten zur Vernetzung.

Aber für die Ko-Konstruktion brauchen wir vor allem Präsenztreffen. Und das ist ja gerade der Bereich, wo sich Schulen weiterentwickeln müssen. Die Lehrkräfte müssen gemeinsam ein Verständnis von gutem Unterricht entwickeln, gemeinsam an Entwürfen arbeiten, sich Unterricht von Kolleginnen und Kollegen gegenseitig anschauen und Feedback geben. Das setzt Präsenz voraus. Ko-Konstruktion kann durch digitale Tools unterstützt werden, aber sie kann nicht durch digitale Tools entstehen.

Zur CoMMIT-Studie

  • Für die CoMMIT-Studie wurden 773 Lehrkräfte aus 16 weiterführenden Schulen befragt, darunter waren 7 Preisträger des Deutschen Schulpreises.
  • CoMMIT wurde im Rahmen des Forschungsprogramms „Wie geht gute Schule? – Forschen für die Praxis?“ des Deutschen Schulpreises von der Robert Bosch Stiftung gefördert.
  • Ziel des Forschungsprogramms ist es, die Schulpraxis der mehr als 90 Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises systematisch zu erforschen. Die Profile und Konzepte der Preisträgerschulen bieten eine breite Datengrundlage guter Schulpraxis, die bislang in der empirischen Bildungsforschung kaum untersucht wurde. Das Forschungsprogramm soll dazu beitragen, die Lücke zwischen erziehungswissenschaftlicher und psychologischer Forschung und der Schulpraxis zu verringern.
  • Aus der Forschung ist bekannt, dass Kooperation eine wesentliche Rolle für die Schulentwicklung spielt. Daher wurde bei CoMMIT vor allem auch die Kooperation von Schulen in Bezug auf ihre Entwicklungs- und Innovationskapazität untersucht.
  • Das Projekt lief von 2018 bis 2021. Neben Cornelia Gräsel und Dirk Richter waren auch Ulrike Hartmann vom DIPF I Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation sowie Habibe Ercan von der Bergischen Universität Wuppertal und Jenny Kuschel von der Universität Potsdam beteiligt.