Praxiskonzepte : Drei Ideen für Lerncoaching in der Schule

Ende Januar und Anfang Februar ist die Zeit der Halbjahreszeugnisse – und damit boomt das Geschäft der Nachhilfeinstitute. Doch immer mehr Schulen suchen nach Alternativen zur klassischen Nachhilfe und bieten selbst intern zusätzliches Coaching und Lernhilfen. Als Coaches eingebunden sind dabei häufig leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler – aus höheren Klassenstufen, aber auch innerhalb einer Klasse. Das Schulportal hat sich drei Konzepte aus der Praxis näher angesehen.

Annette Kuhn / 30. Januar 2020
Coaching einer Schülerin an der Waldparkschule in Heidelberg
An der Waldparkschule in Heidelberg profitieren die Kinder von einem individuellen Lerncoaching.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Lern- und Fachcoaching in Kleingruppen an der Waldparkschule Heidelberg: Wenn sich die schulischen Leistungen bei Kindern oder Jugendlichen verschlechtern, liegt es nicht immer daran, dass sie etwas im Unterricht nicht verstanden haben. Manchmal sind die Ursachen an anderer Stelle zu suchen – vielleicht gibt es gerade zu Hause Probleme. Die Waldparkschule in Heidelberg, die 2017 den Deutschen Schulpreis bekam, hat daher ein spezielles Coaching entwickelt, das diese Faktoren berücksichtigt. „Seit Jahren unterrichten wir denselben Stiefel, es ist Energie fressend, wir kommen nicht an die Schüler heran – wieso probieren wir es nicht mal ganz anders?“, so fasst Schulleiter Thilo Engelhardt zusammen, was das Kollegium bei der Umsetzung des Programms vor einigen Jahren bewegt hat.

Bei den Terminen zum Caoching, für die sich eine Lehrkraft mit drei, vier Schülerinnen und Schülern meist vor Unterrichtsbeginn trifft, geht es zunächst mal darum, Vertrauen aufzubauen und Druck herauszunehmen. Auf dieser Basis besprechen sie dann gemeinsam den Lerntag und die Lernziele.

Zusätzlich gibt es an der Waldparkschule das sogenannte Fachcoaching, bei dem es um Lernfortschritte in den einzelnen Fächern geht. Da der Unterricht viel in Kleingruppen stattfindet, haben die Lehrerinnen und Lehrer immer die Möglichkeit, einer Gruppe nach Bedarf kurze Inputs zu geben. Außerdem unterstützen sich die Schülerinnen und Schüler in den Kleingruppen auch gegenseitig: Diejenigen, die eine Aufgabe besser oder schneller verstanden haben, geben den anderen, die noch nicht so weit sind, Hilfestellung. Zudem falle es den Kindern häufig auch leichter, Unterstützung von Gleichaltrigen anzunehmen, so die Erfahrung einer Lehrerin.

Das Schulkonzept

Das Video zeigt, wie das individuelle Coaching in den Unterrichtsalltag der Waldparkschule in Heidelberg eingebunden ist. Das Schulportal bietet in der Konzeptbeschreibung weitere Informationen und Material zum Download, zum Beispiel einen Leitfaden, wie solche Gespräche konkret aussehen können.

„Huckepack“-Programm am Humboldt-Gymnasium in Potsdam: „Was ist die zweite Person Plural von ,velle‘?“ Eine Frage im Lateinunterricht, die so manche Schülerinnen und Schüler ins Stocken bringt. Im Repetitorium des Humboldt-Gymnasiums in Potsdam konjugiert die ganze Gruppe das unregelmäßige Verb „velle“ (wollen) im Chor durch und kommt dann gemeinsam zur Lösung: „vultis“. Das Repetitorium gehört zu „Humboldt-Huckepack“, dem Mentorenprogramm des Humboldt-Gymnasiums: Bei diesem Coaching unterstützen leistungsstarke Schülerinnen und Schüler – die Mentorinnen und Mentoren – Kinder und Jugendliche, die Lernschwierigkeiten haben. Die Schule gehörte 2016 – gerade auch wegen dieses Ansatzes – zu den Trägern des Deutschen Schulpreises.

Beim Repetitorium arbeiten mehrere Mentorinnen und Mentoren mit einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern. Außerdem gibt es beim Programm „Humboldt-Huckepack“ noch das Angebot einer Eins-zu-eins-Betreuung. Die Mentorinnen und Mentoren sprechen sich mit den Lehrkräften ab und lassen sich von ihnen bei Bedarf Unterrichtsmaterial geben, das sie dann im Repetitorium oder in der Eins-zu-eins-Betreuung zugrunde legen. Von diesem Coaching profitieren beide Seiten: Die Schülerinnen und Schüler bekommen bei Bedarf effektive Unterstützung innerhalb der Schule und können ihre Leistungen verbessern. Die Mentorinnen und Mentoren wiederum lernen, wie sie am besten ihr Wissen vermitteln können. „Was mich an ,Humboldt-Huckepack‘ so fasziniert, ist, dass man anderen Schülern sein Wissen weitergeben kann, anderen helfen kann und dass es am Ende etwas bewirkt“, sagt ein 15-jähriger Mentor im Film über das Konzept der Schule.

Das Schulkonzept

Mehr über das Programm „Huckepack”am Humboldt-Gymnasium in Potsdam erfahren Sie im Video und in der ausführlichen Konzeptbeschreibung auf dem Schulportal. Hier gibt es außerdem Material zum Download.

Lernhelfer mit sonderpädagogischem Förderbedarf an der Matthias-Claudius-Schule in Bochum: An der inklusiven Gesamtschule lernen fast 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit einem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Nach der zehnten Klasse kommen diese Jugendlichen in die Berufspraxisstufe. Hier werden sie nicht nur auf das Berufsleben vorbereitet, einige übernehmen als „Lernhelfer“ auch Verantwortung.

Die Jugendlichen unterstützen jüngere Schülerinnen und Schüler aus der Mittelstufe, die einen ähnlichen Förderschwerpunkt wie sie haben, beim Lernen. „Zu der Idee, Schülerinnen und Schüler aus der Berufspraxisstufe als Lernhelfer in unteren Klassen arbeiten zu lassen, kam es, weil wir unseren Schülern, die ihr Praktikum im sozialen Bereich machen, noch eine Möglichkeit geben wollten, auch in der Schule ihre sozialen Kompetenzen zu trainieren“, erklärt Anke Gross, Sonderpädagogin an der Matthias-Claudius-Schule, die 2018 den Deutschen Schulpreis bekam.

Aus dem ungewöhnlichen Ansatz, der aus dieser Idee entstanden ist, ziehen beide Seiten Nutzen. Die Lernhelferinnen und Lernhelfer übernehmen bei diesem Coaching Verantwortung, reflektieren ihr Verhalten in der Lernsituation und fühlen sich wertgeschätzt durch die ihnen übertragene Aufgabe. Oft erleben sie dadurch auch einen großen Schub in der Persönlichkeitsentwicklung. Für die jüngeren Schülerinnen und Schülern wiederum ist es häufig leichter, wenn sie von jungen Menschen unterstützt werden, die die Herausforderungen kennen und daher meist mit viel Empathie und Geduld mit ihnen arbeiten.

Das Schulkonzept

Wie die Lernhelferinnen und Lernhelfer an der Matthias-Claudius-Schule arbeiten, macht das Video anschaulich. Weitere Informationen zur Berufspraxisstufe mit Material zum Download finden Sie in der Konzeptbeschreibung auf dem Schulportal.