Club of Rome Schulen : „Wir brauchen in der Schule mehr Lebensbezug”

Mit der Veröffentlichung seines ersten Berichts „Die Grenzen des Wachstums“ wurde der Club of Rome vor 50 Jahren weltweit bekannt. Ziel dieser gemeinnützigen Denkfabrik ist es, die wichtigsten Zukunftsprobleme der Menschheit und des Planeten zu identifizieren und Lösungen zu finden. Zum 50. Jahrestag hat das Schulportal eine Club of Rome Schule besucht – die Lernwerft in Kiel – und sich vor Ort angeschaut, wie sich der Geist des Club of Rome im Unterricht und im Schulalltag widerspiegelt.

Annette Kuhn 31. März 2022
Schüler und Lehrerin vor der Lernwerft, eine von 16 Club of Rome Schulen
Jette, Paul, Ben und Luzia (v.l.) mit Lehrerin Ulrike Wieck vor der Lernwerft in Kiel.
©Annette Kuhn

Wer die Lernwerft besucht, ist erst einmal von der Lage überwältigt. Weit schweift der Blick über die Kieler Förde. Und dieser Ausblick wirkt wie ein Symbol für das Programm der Schule, die vor 16 Jahren in einem denkmalgeschützten Marinelazarett gegründet wurde. Denn im Unterricht und Schulalltag der Lernwerft geht es viel darum, über den Tellerrand zu schauen.

Die Lernwerft ist eine von derzeit 16 Club of Rome Schulen. Der 1968 gegründete Club of Rome ist eine Art gemeinnützige Denkfabrik, in der seitdem Expertinnen und Experten aus verschiedenen Ländern der Welt regelmäßig zusammenkommen. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, nachhaltige Lösungen für Zukunftsprobleme der Menschheit und des Planeten zu finden. Vor fast genau 50 Jahren hat der Club of Rome seinen ersten Bericht veröffentlicht: „The Limits to Growth“ (Die Grenzen des Wachstums). Er gilt als erster umfassender, wissenschaftlich fundierter Report zur Zukunft der Erde und warnte davor, nur auf Wachstum zu setzen.

Schule konzentriert sich vor allem auf Wissen – aber wir brauchen mehr Klugheit, mehr Lebensbezug.
Ralf Heinrich, Mitgründer des Netzwerks der Club-of-Rome-Schulen

Die Idee, im Geist des Club of Rome ein Netzwerk von Schulen zu schaffen, stützt sich auf einen weiteren Bericht, der 1979 erschien: „No Limits to Learning“, der im Deutschen den Titel „Zukunftschance Lernen“ trägt. Allerdings dauerte es noch 25 Jahre, bis es tatsächlich Club of Rome Schulen gab.

Schaufel Eimer am Strand
Mit Eimer und Schaufel geht die Schülerschaft der Lernwerft am Coastal Cleanup Day an den Strand.
©Lernwerft

Das Motto dieser Schulen lautet: „Think global, act local“ (Denke global, handle lokal). Die Schülerinnen und Schüler nehmen schon früh das große Ganze der Welt in den Blick, lernen systemisches Denken und leiten aus globalen Zusammenhängen konkretes Handeln vor Ort ab. Im besten Fall entsteht ein Verantwortungsbewusstsein, das weltumspannend und generationsübergreifend ist. Die Lernwerft beteiligt sich zum Beispiel am jährlichen „Coastal Cleanup Day“. Weltweit sammeln Menschen an diesem Tag Müll an den Küsten ein – so auch die Schülerinnen und Schüler der Lernwerft an der Kieler Förde.

„Schule konzentriert sich vor allem auf Wissen – aber wir brauchen mehr Klugheit, mehr Lebensbezug“, sagt Ralf Heinrich, Mitgründer des Netzwerks und bis vor Kurzem Schulleiter des Thomas-Strittmatter-Gymnasiums im Schwarzwald, eine der Club of Rome Schulen.

Von diesem Grundgedanken ausgehend, haben die Gründer des Netzwerks ein Konzept entwickelt, an dem sich die Club of Rome Schulen orientieren. Zu den wichtigen Punkten gehören Nachhaltigkeit als Grundhaltung, Projektarbeit, eine ganzheitliche Bildung mit „Kopf, Herz und Hand“, eine differenzierende Lernförderung und eine dauerhafte Schulentwicklung. In der konkreten Ausgestaltung sind die Schulen frei.

Lernwerft von Anfang an als Club of Rome Schule geplant

Die Idee für ein Netzwerk von Club of Rome Schulen haben die Gründer 2002 den Kultusministerien vorgestellt. „Wunsch war, möglichst in jedem Bundesland eine Club of Rome Schule zu haben“, erklärt Heinrich. Das schleswig-holsteinische Kultusministerium kam damals auf Albert Benning zu und bat ihn, auf dieser Basis eine Club of Rome Schule zu konzipieren. Benning – eigentlich Gymnasiallehrer für Biologie und Sport – ist Vorstand der Bildungsstiftung Schleswig-Holstein und war vor der Gründung der Lernwerft Geschäftsführer der Waldorfschule Kiel.

„Ich war von der Idee gleich überzeugt“, erinnert sich Benning. „weil ich es für wichtig halte, Kindern und Jugendlichen in der Schule die Fähigkeit zu vermitteln, eigenverantwortlich zu arbeiten und eigene Interesse zu entwickeln.“ Zwei Jahre später hatten Benning und sein Team eine neue Schule im Geist des Club of Rome konzipiert. „Was machen wir nun damit?“, haben sie sich gefragt – und die Antwort schnell gefunden: „Wir gründen diese Schule jetzt auch.“

Gerade wird neues Lernformat „Frei Day“ getestet

So entstand die Lernwerft, zu der eine Kita und die Schule von der Klasse 1 bis 13 gehören. An der Privatschule lernen heute 540 Kinder und Jugendliche. Während die anderen Schulen, die zum Netzwerk gehören, alle schon existierten, ist die Lernwerft die einzige Schule, die im Netzwerk neu gegründet wurde und daher den Club of Rome auch im Namen trägt.

Eine große Rolle spielt an der Lernwerft das eigenverantwortliche Lernen. Und die Schule will auch dem Wunsch der jungen Generation entsprechen, in der Schule den Fragen zur Zukunft mehr Raum zu geben. Gerade hat sich die Lernwerft daher der bundesweiten Aktion „Frei Day“ angeschlossen. Das Lernformat will Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, sich Herausforderungen unserer Zeit selbst zu stellen und diesen mit Mut, Verantwortungsbewusstsein und Kreativität zu begegnen.

Wichtig ist, dass zu einer im wirklichen Leben relevanten Fragestellung eine ins wirkliche Leben greifende Lösung gefunden wird.
Ulrike Wieck, Kunstlehrerin und verantwortlich für das Club of Rome Konzept an der Lernwerft

Ein zehnköpfiges Lehrerteam hat dieses Konzept auf die Lernwerft zugeschnitten. Der „Frei Day“ findet in der Pilotphase zunächst in den 9. Klassen statt und läuft von März bis Juni. Danach soll der „Frei Day“ evaluiert werden. „Die Idee ist, dass dieser Projekttag dann auf alle Jahrgangsstufen – auch jahrgangsübergreifend – ausgeweitet werden soll, wenn er sich bewährt hat“, sagt Ulrike Wieck, die an der Lernwerft Kunst unterrichtet und im Team „Strategie und Schulentwicklung“ für das Club of Rome Konzept an der Lernwerft verantwortlich ist.

Arbeit mit Tablets ist selbstverständlich

Beim „Frei Day“ arbeiten die Schülerinnen und Schüler an Projekten, deren Themen und Umsetzung sie selbst bestimmen. Auch in der Gestaltung und Präsentation der Ergebnisse sind sie frei: Vom klassischen Vortrag bis zur Umfrage, einem Film oder einer Performance ist alles möglich. „Wichtig ist, dass zu einer im wirklichen Leben relevanten Fragestellung eine ins wirkliche Leben greifende Lösung gefunden wird“, erklärt Ulrike Wieck.

Am dritten Freitag der Projektphase haben sich die meisten Teams bereits gefunden und sind mitten in der Recherche. Sie arbeiten dabei viel mit Tablets, die sie zum Teil von zu Hause mitbringen, zum Teil von der Schule gestellt bekommen.

Lehrkräfte werden an der Lernwerft zu „Lotsen“

Die Bandbreite der Themen ist groß: Ole und Lidya befassen sich zum Beispiel damit, wie Enzyme Plastik auflösen können, und wollen ein Produkt herstellen, das im Alltag nutzbar ist. Eine andere Gruppe plant, die Schule als Modell für die Website nachzubauen, um Besuchern virtuelle Rundgänge zu ermöglichen. Avsin und Sarah wollen Schultoiletten mit kostenlosen Hygieneartikeln ausstatten und damit das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler stärken. Sie entwerfen jetzt erst mal ein Konzept für die Lernwerft, wollen es dann aber auch anderen Schulen in Kiel und am liebsten über die Stadtgrenze hinaus anbieten – ganz im Sinne von „Think global, act local“.

Die Lehrkräfte sehen sich am „Frei Day“ als „Lotsen“, die die Schülerinnen und Schüler bei ihren individuellen Projekten begleiten, sie aber nicht lenken. Sie gehen von Tisch zu Tisch, lassen sich die Vorgehensweise von den Schülerinnen und Schülern erklären, geben vielleicht auch ein paar Hinweise zur Recherche. „Man muss loslassen, es kommt hier nicht auf Wissensvermittlung an, sondern vielmehr auf emotionale und motivationale Unterstützung“, sagt Klassenlehrer Lucas Taubenrauch.

Wir lernen hier nicht unnützes Wissen, sondern was uns wirklich interessiert.
Paul, Schüler der 12. Klasse an der Lernwerft

Auch wenn eine Gruppe bei ihrer Recherche nicht weiterkommt, greift er nicht gleich ein, sondern lässt sie erst mal selbst eine Lösung suchen. Dabei hilft auch ein Schwarzes Brett im Flur, auf dem die Gruppen Ideen für ihre Projekte sammeln, aber auch notieren, wo sie noch Unterstützung benötigen.

Der 15-jährigen Luzia, die mit einer Mitschülerin einen Poetry Slam zur Rolle von Mädchen in der Gesellschaft entwickelt, gefällt der „Frei Day“: „Man kann hier eigene Ideen entwickeln, und man wird ernst genommen mit seinen Ideen.“ Sie kennt Schule auch anders. Auf dem Gymnasium, das sie vor ihrem Wechsel auf die Lernwerft besucht hat, sei es weniger kreativ zugegangen, und das Verhältnis zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern habe sie weniger als ein Miteinander erlebt.

Club of Rome Schulen verständigen sich auf Jahresthema

Ihr Mitschüler Ben nickt. Auch er ist erst zur 8. Klasse vom Gymnasium auf die Lernwerft gewechselt. Er sagt: „Vorher ging es vor allem darum, für Arbeiten zu lernen. Jetzt setze ich mich viel tiefer mit Inhalten auseinander.“ Und Paul aus der 12. Klasse ergänzt: „Wir lernen hier nicht unnützes Wissen, sondern was uns wirklich interessiert.“ Einen starken Lebensweltbezug hält auch Lehrerin Ulrike Wieck für sehr wichtig.

Kunstprojekt Lernwerft Erdball auf den Müll Aus Handy fällt
Auch im Kunstunterricht setzen sich Schülerinnen und Schüler mit Nachhaltigkeit und der Klimakrise auseinander.
©Lernwerft

Den Leitlinien des Club of Rome verpflichtet sind auch wesentliche Unterrichtsmodule der Oberstufe. Die 11. Klassen der Lernwerft gehen mit einem Großsegler eine Woche auf Klassenfahrt nach Dänemark, und jeder forscht in der Woche zu einer selbst gewählten Frage. Häufig geht es um naturwissenschaftliche Themen, die, naheliegend, Meeresbezug haben. Paul wiederum hat sich mit der Kulturgeschichte Dänemarks befasst.

In der 12. Klasse steht die „Themenzeit“ auf dem Programm. Während mehrerer Wochen befassen sich die Schülerinnen und Schüler hier intensiv mit einem selbst gewählten Thema, das Bezug zum jeweiligen Club of Rome Jahresthema hat. „Sie sollen den Umgang mit Komplexität, Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit lernen“, erklärt Ulrike Wieck, „so lernen sie auch, dass es im Leben selten nur eine Antwort gibt.“ Diese Projektarbeit hat das Gewicht eines Kurses und wird auch so bewertet.

Raum für aktuelle Themen – wie den Krieg in der Ukraine

Die 19-jährige Jette beschäftigt sich in der Themenzeit gerade mit Rüstungsexporten ins Ausland. Das Thema hatte sie schon gewählt, bevor der Krieg in der Ukraine ausbrach. „Ich wollte die Zusammenhänge und Abhängigkeiten besser verstehen.“ Aber jetzt hat es für sie noch mal eine ganz andere Dimension bekommen. Auch das ist typisch für die Lernwerft: dass die Lehrerinnen und Lehrer in solch einer Situation nicht einfach mit dem Stoff weitergehen, sondern dass aktuelle Ereignisse bei Bedarf auch einen Raum bekommen.

Dabei weiß Ulrike Wieck, dass es schon manchmal Angst gibt, den „Stoff“ nicht zu schaffen. Doch die Bereitschaft, auf aktuelle Fragen und Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler zu reagieren, hält sie für sehr wichtig. Und sie ist auch überzeugt: „Wir können Schülerinnen und Schülern nur vermitteln, was wir selbst erfahren haben.“ Das heißt: Nur wenn das Kollegium ein verantwortungsvolles Miteinander lebt, sind auch die Schülerinnen und Schüler dazu in der Lage.

Manchmal fängt dieses verantwortungsvolle Miteinander auch direkt vor der Schultür an. Beim jährlichen „Coastal Cleanup Day“ – oder auch beim Mirabellenbaum, der vor der Lernwerft steht. Früher hat der Baum alle genervt, weil so viele Früchte herunterfielen und der Weg voller Matsch war. Heute werden die Mirabellen gemeinsam geerntet und in der Küche zu Kuchen verarbeitet. Nachhaltigkeit fängt in der Lernwerft eben oft auch im Kleinen an.

Lernwerft Kiel
Die Lernwerft in Kiel ist eine der deutschlandweit 16 Club of Rome Schulen. Hier können Kinder von der Kita an bis zur 13. Klasse lernen.
©Annette Kuhn

Das Netzwerk der Club-of-Rome-Schulen

  • Das Netzwerk der Club of Rome Schulen wurde 2004 ins Leben gerufen. Zu ihm gehören derzeit 16 Schulen verschiedener Schularten.
  • Ziel war es, möglichst in jedem Bundesland eine Club of Rome Schule zu haben, um anderen Schulen in der Region Impulse zu geben.
  • Wer Club of Rome Schule werden will, muss strenge Aufnahmekriterien erfüllen: 80 Prozent des Kollegiums müssen sich für das Konzept aussprechen, damit sichergestellt ist, dass es auch wirklich umgesetzt wird.
  • Die ersten fünf Jahre ist eine Club of Rome Schule in Gründung. Danach erfolgt alle fünf Jahre eine Zertifizierung. In der Regel besuchen dazu Mitglieder des Netzwerks die Schule.
  • Jedes Jahr treffen sich Schulleitungen, Lehrkräfte, Elternvertreterinnen und Elternvertreter sowie Schülerinnen und Schüler, um gemeinsam über gesellschafts- und bildungsrelevante Themen zu sprechen und konkrete Ansätze für eine nachhaltige Bildung zu entwickeln.
  • Alle zwei Jahre wird ein Thema bestimmt, mit dem sich die Schulen schwerpunktmäßig beschäftigen und das auch die 17 „SDGs“, die globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals), spiegelt. Zuletzt ging es um Spannungsfelder der Demokratie. Das neue Jahresthema widmet sich der „Zukunftsalphabetisierung“ – also der Frage, welche Kompetenzen junge Menschen für ein zukunftsfähiges Handeln benötigen.