Buchtipp : Inklusive Schulen brauchen neue Raumkonzepte

Die klassische Flurschule wird zeitgemäßen pädagogischen Ansätzen oft nicht mehr gerecht: Inklusion benötigt veränderte Raumkonzepte, um den Bedürfnissen und Begabungen aller Kinder und Jugendlichen gerecht zu werden. Das neue, praxisorientierte Fachbuch „Raum und Inklusion. Neue Konzepte im Schulbau“ zeigt bewährte Modelle aus dem In- und Ausland und will Impulsgeber für die inklusive Schulentwicklung sein. Nachmachen erlaubt!

Antje Tiefenthal / 01. Juni 2018
Eine Person hält ein ausgeschlagenes Buch
Den Fokus auf menschliche Beziehungen legen, darum geht es in Marcus Damms neuem Buch.
©photocase

Ein halbes Jahrhundert und mehr haben die meisten Gebäude der Rosenmaarschule im Kölner Stadtteile Höhenhaus auf dem Buckel. Schon sieben Jahre nach der Fertigstellung musste der Altbau um einen Gebäudeflügel erweitert werden. Heute besuchen rund 420 Kinder und Jugendliche die Schule, knapp 20 Prozent von ihnen haben Förderbedarf.

Völlig anders sind die baulichen Voraussetzungen an der Primus Modellschule am Standort Berg Fidel im nordrhein-westfälischen Münster. Das campusartige Schulgelände ist jünger als die Rosenmaarschule und besteht aus Schulgebäuden unterschiedlichen Alters: Bauphasen gab es in den 1970er-, 1990er- und 2000er-Jahren. Hier lernen Schülerinnen und Schüler aus über 50 Nationen zusammen, der Anteil von Lernenden mit Einwanderungshintergrund ist hoch. Zu den Förderschwerpunkten der Primus Schule gehören neben Sprache auch Lernen, geistige sowie sozial-emotionale Entwicklung.

Diese Schulen haben zweierlei gemeinsam: Zum einen wollen beide „eine Schule für alle“ sein. Und zum anderen haben sie die Herausforderung gemeistert, die nicht einfachen räumlichen Ausgangssituationen so anzupassen und weiterzuentwickeln, dass sie ihrem inklusiven Anspruch gerecht werden.

Wie ihnen und zehn weiteren nationalen und internationalen Schulen das gelungen ist, zeigt anschaulich das neue Fachbuch „Raum und Inklusion. Neue Konzepte im Schulbau“. Denn „mit den Maßgaben der Inklusion verändern sich auch die pädagogischen Raumanforderungen im Schulbau. Flächen- und Raumansätze, die bisher getrennt für allgemeinbildende und Förder-/Sonderschulen betrachtet wurden, müssen als konzeptionelle und räumliche Einheit betrachtet werden“, schreiben die vier Autoren – eine Architektin, ein Stadtplaner, eine Wissenschaftlerin und ein Pädagoge – in ihrer Einleitung. Mit bewährten Projekten, Studien, Modellen und konkreten Empfehlungen verschaffen sie den Leserinnen und Lesern einen praxisnahen Einblick und sind Impuls- sowie Ideengeber für inklusive Schulentwicklung. Die Autoren haben nicht nur für jedes Organisationsmodell – von „Klassenraum plus“ bis Lerncluster – individuelle Ratschläge entwickelt, sondern auch modellübergreifende Anregungen konzipiert.

Buchcover von „Raum und Inklusion – Neue Konzepte im Schulbau“
©Beltz

Dazu zählen folgende Empfehlungen (in stark gekürzter Fassung):

• Teamstrukturen: „Für eine erfolgreiche Inklusion wird eine ganztägige Anwesenheit des pädagogischen Teams empfohlen.“
• Ganztag: „Wir empfehlen nach Möglichkeit, vorgesehene Ganztagsflächen zu einem mit dem Lernraum nutzbaren Flächenpool zusammenzufassen.“
• Situative Nutzung der Räume: „Wir empfehlen im Zuge der räumlichen Vernetzung eine hohe Offenheit der Räume, um dem breiten Spektrum der Bedürfnisse und den vielfältigen Lernformaten der Schüler/-innen entsprechen zu können.“
• Einbindung der Freiflächen: „Für das Außengelände sind ähnlich wie für Innenräume qualifizierte Nutzungsanforderungen und -konzepte zu entwickeln.“
• Ablesbare Identität der Räume: „Im Schulhaus klar definierte Lernorte ermöglichen Orientierung und eine Beheimatung für Lernende.“
• Variabilität und Möblierung: „Wir empfehlen, im Sinne einer einfachen Umbaubarkeit eine vielfältig kombinierbare Nutzung und Möblierung von Anbeginn zu berücksichtigen.“
• Barrierefreiheit: „Die barrierefreie Gestaltung eines Bildungsortes ist übergeordnet als ,Bauen und Gestalten für alle‘ oder ,menschengerechtes Bauen‘ zu verstehen. Eine Einschränkung auf ,behindertengerechtes Bauen‘ greift zu kurz.“

Auf einen Blick

Meike Kricke, Kersten Reich, Lea Schanz, Jochem Schneider: „Raum und Inklusion. Neue Konzepte im Schulbau“, Beltz Verlagsgruppe, Weinheim, 503 Seiten, 58 Euro. Erschienen im April 2018.

www.beltz.de

Zur Person

• Meike Kricke ist Mitarbeiterin der Bonner Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Köln.
• Der Pädagoge Kersten Reich ist emeritierter Professor für Internationale Lehr- und Lernforschung an der Universität Köln. Zwei Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind Chancengerechtigkeit und Inklusion.
• Architektin und Stadtplanerin Lea Schanz lebt und arbeitet in Köln.
• Als Gesellschafter eines Architekturbüros mit Niederlassungen in Köln und Stuttgart begleitet Jochem Schneider viele kommunale Planungsprozesse im Schulbau.

Sie verwenden einen veralteten Browser. Aktuelle Browser finden Sie hier. x