Buch-Tipp

Sokratischer Eid : Brauchen Lehrkräfte einen Berufseid?

Was macht eine gute Lehrerin, einen guten Lehrer aus? Welche Haltung brauchen Lehrkräfte, um erfolgreich unterrichten zu können? Das Buch „Der Sokratische Eid“ von Klaus Zierer versucht Antworten auf diese Fragen zu finden. Der Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg setzt sich darin mit der Frage auseinander, ob ein Berufseid für Lehrkräfte sinnvoll ist und was er bewirken kann. Wir stellen das erste Kapitel hier kostenlos zum Download zur Verfügung.

Annette Kuhn 22. August 2022 Aktualisiert am 06. September 2022
Der Sokratische Eid Buchcover

Kinder und Jugendliche verbringen im Schnitt 15.000 Stunden ihres Lebens in der Schule und erleben dabei etwa 50 Lehrerinnen und Lehrer, rechnet Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, in seinem Buch „Der Sokratische Eid“ vor. Er schreibt aber auch, dass nur die wenigsten Lehrkräfte in guter Erinnerung bleiben. Woran liegt das? Was macht die Lehrerinnen und Lehrer aus, die man ein Leben lang nicht vergisst? Welche Haltung bringen sie mit? Und inwieweit kann ein Berufseid helfen, diese Haltung zu entwickeln?

Der Sokratische Eid ist eine Selbstverpflichtung, unter anderem mit dem Wortlaut „Als Lehrperson verpflichte ich mich, all mein Fühlen, Denken und Handeln im Beruf auf das Wohl der mir anvertrauten Kinder hin auszurichten“. Davon abgeleitet werden dann fast 40 Punkte genannt mit konkreten Verpflichtungen vor allem gegenüber den Kindern, aber auch gegenüber den Eltern, den Kolleginnen und Kollegen der Gesellschaft und sich selbst gegenüber. Wohl niemand wird alle Verpflichtungen fehlerfrei erfüllen können – aber darum geht es auch nicht. Der Sokratische Eid versteht sich als Orientierung, als Vision, nicht als Regelwerk.

Der Sokratische Eid

Der Sokratische Eid in voller Länge und das einführende Kapitel des Buches stehen hier zum Download bereit:

Neu ist der Sokratische Eid nicht. Formuliert hat den Sokratischen Eid 1991 erstmals der Pädagoge Hartmut von Hentig und damit in den vergangenen dreißig Jahren immer wieder Diskurse über das Grundverständnis von Lehrpersonen angeregt. Hartmut von Hentigs Wirken ist wegen seiner Verstrickungen in den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule heute umstritten. Die von ihm im Sokratischen Eid formulierte Verpflichtung, „für die leibliche, seelische und geistige Unversehrtheit der mir anvertrauten Kinder einzustehen“, klingt vor diesem Hintergrund fast makaber. Klaus Zierer grenzt sich klar von der Person Hartmut von Hentig ab, sagt aber auch, dass sich dessen pädagogische Überlegungen „bis heute als innovativ und inspirierend“ zeigten, und knüpft daher an den Diskurs um den Sokratischen Eid an.

In den USA gab es schon im 19. Jahrhundert Berufseide für Lehrpersonen

Eine Erneuerung hält Zierer für nötig, weil Erziehungswissenschaft nicht stehen bleiben kann und sich stetig weiterentwickeln muss, aber auch weil insbesondere die jüngsten globalen Herausforderungen wie die Corona-Pandemie, die Klimakrise und der Ukraine-Krieg Auswirkungen auf die Bildung von Kindern und Jugendlichen haben. Kinder müssten heute in viel größerem Maß, als das noch 1991 gesehen wurde, eine eigene Stimme bekommen.

Aber wieso überhaupt ein Berufseid für Lehrkräfte? In den USA wurde darüber schon im 19. Jahrhundert diskutiert. Wie Zierer schreibt, haben seit 1863 fast zwei Drittel der US-Staaten Berufseide für Lehrerinnen und Lehrer eingeführt und teilweise auch – zumindest zeitweilig – gesetzlich festgeschrieben. Auch in anderen Ländern gibt es solche Selbstverpflichtungen für Lehrkräfte. Rechtlich bindend sind sie nicht.

Der Sokratische Eid als Pendant zum Eid des Hippokrates

Als Vorbild für einen Berufseid für Lehrkräfte lässt sich der Eid des Hippokrates sehen. Auch dieses Arztgelöbnis hat heute keine Rechtswirkung, dient Ärztinnen und Ärzten aber als ethische Richtschnur und Ehrenkodex. Zierer sieht Parallelen zwischen dem Arzt- und dem Lehrberuf – zum einen weil eine Steuerung in beiden Berufsgruppen von außen weder sinnvoll noch möglich sei, zum anderen weil in beiden Berufen die Beziehungsarbeit eine große Rolle spiele.

Der Sokratische Eid ist eben nicht der Versuch, einen Minimalstandard zu formulieren, sondern er ist als Maximalstandard zu verstehen.

Anders als beim Arztberuf gehen Personen in pädagogischen Berufen allerdings eine doppelte Verpflichtung ein: Denn sie müssen den Bildungs- und Erziehungsauftrag einerseits gegenüber den Schülerinnen und Schülern erfüllen, andererseits aber auch gegenüber der Gesellschaft.

Aber brauchen Lehrkräfte überhaupt einen Berufseid? Zierer schreibt dazu: „So richtig es daher ist, dass eine Selbstverpflichtung allein nichts bewirken kann, so richtig ist auch: Ohne diese Selbstverpflichtung verpufft nahezu alles, was im Schulsystem an Innovationen möglich ist.“

Die Liste der Verpflichtungen erscheint kaum umsetzbar

Das Buch „Der Sokratische Eid“ ist durchaus streitbar. Angesichts der hohen Belastungen im schulischen Alltag erscheint die lange Liste an Verpflichtungen, die der Sokratische Eid beschreibt, kaum umsetzbar, vielleicht sogar als Zumutung. Zierer ist sich dessen bewusst, aber ihm geht es nicht darum, die Liste abzuarbeiten, sondern um Orientierung – und darum, immer wieder Diskussionen anzuregen. Er schreibt auch: „Der Sokratische Eid ist eben nicht der Versuch, einen Minimalstandard zu formulieren, sondern er ist als Maximalstandard zu verstehen. Er enthält eine Vision davon, wie eine Lehrperson tagtäglich agieren sollte, um dann eine Grundlage für die Reflexion darüber zu haben, wie sie tagtäglich agiert.“ Gerade in Zeiten hoher Belastungen kann es auch guttun, mal aus dem Alltagsleben herauszutreten und über die im Sokratischen Eid formulierten Punkte nachzudenken.

Auf einen Blick

  • Das Buch „Der Sokratische Eid. Eine zeitgemäße Interpretation“ von Klaus Zierer ist im August 2022 im Waxmann Verlag erschienen, hat 86 Seiten und kostet 19,90 Euro.