Dieser Artikel erschien am 27.02.2019 in der taz
Autorin: Antje Lang-Lendorff

Mobbingfreie Schulen in Berlin? : Bildungssenatorin wird zur Utopistin

Sandra Scheeres (SPD) will die Schulen in Berlin mobbing­frei machen. Das dürften viele als naiv empfinden. Schlecht ist es nicht.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD)
Sandra Scheeres hat große Pläne
©dpa

Senat will Schulen mobbingfrei machen“, liest die Mutter beim Frühstück aus der Zeitung vor. Ihre Tochter reagiert prompt: „Mobbing­freie Schulen? Dann gibt es in Zukunft nur noch Einzel­unterricht.“ Die 14-Jährige hätte allen Grund, das Vorhaben von Bildungs­senatorin Sandra Scheeres (SPD) gut­zu­heißen, sie wurde in der Grund­schule selbst gemobbt und wechselte nach einiger Zeit die Schule. Aber gerade deshalb ist sie über­zeugt: Wo es Schülerinnen und Schüler gibt, gibt es Mobbing – zumindest immer mal wieder.

Warum Scheeres gerade jetzt einen Gast­beitrag zum Thema im Tages­spiegel veröffentlicht, liegt auf der Hand: Zuletzt hatte der Suizid einer Elf­jährigen für Schlag­zeilen gesorgt, der in Zusammen­hang mit Mobbing gebracht wurde. Am heutigen Donnerstag findet im Bildungs­aus­schuss des Abgeordneten­hauses eine Anhörung zu Mobbing statt – auf Antrag von FDP und CDU. Bereits Ende Januar hatten die Grünen ein „Gesamt­konzept gegen Diskriminierung an den Berliner Schulen“ vor­gestellt.

Mit ihrer Veröffentlichung will Scheeres nun in die Offensive gehen. Mobbing werde nach wie vor häufig nicht bemerkt, schreibt sie. „Wir werden neue Instrumente entwickeln, um die Sensibilität der gesamten Schul­gemein­schaft für Mobbing zu erhöhen.“ Sie beschreibt bestehende Hilfs­programme und kündigt an, eine neue Anti-Mobbing-Stelle in ihrer Verwaltung schaffen zu wollen.

Mobbing als Lustgewinn

Die Bildungssenatorin schließt mit einem gewissen Pathos: „Schulen ohne Streit und Stress gibt es nicht. Aber (…) ich bin mir sicher: mobbing­freie Schulen sind möglich, wenn wir jeder Form von Mobbing an jedem Ort mit Klar­heit und Konsequenz entgegen­treten. Das muss unser gemeinsames Ziel sein.“

Nun ist es gut, dass Scheeres zwischen Konflikten und Mobbing unterscheidet. Es ist etwas ganz anderes, ob Kinder oder Jugendliche manchmal aneinander­geraten – oder ob eine Einzelne oder ein Einzelner kontinuierlich gehänselt, seelisch oder körperlich gequält und ausgegrenzt wird. Diese Ohnmachts­erfahrung kann Betroffene ein Leben lang beschäftigen. Die TäterInnen erleben Mobbing häufig als Lust­gewinn, sie fühlen sich mächtig, als Gruppe vereint gegen den Schwächeren.

Genau deshalb, weil Mobben Spaß machen kann, wird es Mobbing auch weiter­hin geben. Viele, nicht nur die 14-Jährige am Früh­stücks­tisch, dürften Scheeres’ Gast­beitrag als naiv empfinden.

Andererseits: Wenn die Senatorin nun tatsächlich alles in ihrer Macht Stehende tun sollte, um sich mobbing­freien Schulen anzunähern, schadet das ganz sicher nicht. Ihre Verve lässt hoffen, dass es ihr ernst ist damit.