Buch-Tipp

Mit Disziplin und Pünktlichkeit gegen den „Wahnsinn“

Er setzt auf Pünktlichkeit und Disziplin. Er hat nichts gegen Frontalunterricht, aber gegen Kaugummis im Unterricht. Und trotzdem ist er beliebt bei den Schülerinnen und Schülern. Ihre Leistungen liegen deutlich über dem Berliner Durchschnitt, und das an einer Schule mitten in einem sozialen Brennpunkt. Doch die pädagogische Haltung des Berliner Schulleiters Michael Rudolph löst Kontroversen aus. In dem Buch „Wahnsinn Schule. Was sich dringend ändern muss“, beschreibt er zusammen mit der Bildungsjournalistin Susanne Leinemann, wieso er vor allem auf Leistung setzt, wie er eine gute und ruhige Lernatmosphäre schafft und wieso er nach mehr als 40 Jahren als Lehrer und Schulleiter noch immer für diesen Beruf brennt.

Annette Kuhn 03. Februar 2021 1 Kommentar
Cover Wahnsinn Schule

Michael Rudolph wirkt wie aus der Zeit gefallen. Der Schulleiter einer Berliner Sekundarschule kommt mit Jackett, Schlips und Kragen in die Schule. Er begrüßt die Schülerinnen und Schüler morgens am Treppenaufgang. Wer zu spät kommt, meldet sich beim Hausmeister und muss die erste Stunde mit ihm zum Beispiel den Schulhof säubern. Kaugummikauen ist untersagt. Das Schneeballwerfen auch.

Der Schulleiter setzt auf Pünktlichkeit, Ordnung und Disziplin. Nun könnte man denken, Familien machen einen großen Bogen um diese Schule, weil sie so streng und gestrig ist. Aber das Gegenteil ist der Fall: Der Andrang auf die Schule ist groß. Längst nicht alle Schülerinnen und Schüler, die auf die Friedrich-Bergius-Schule wechseln wollen, bekommen auch einen Platz.

Dabei stand die einstige Hauptschule vor knapp 20 Jahren schon fast vor der Schließung. Sie hat ein schwieriges sozioökonomisches Umfeld. Die Schülerschaft ist äußerst heterogen. Um die Jahrtausendwende landete hier kaum noch jemand freiwillig. Die Bergius-Schule stand für schlechte Leistungen, Gewalt, Mobbing, Schwänzen, Schulabbruch. Dann kam Michael Rudolph. Er brachte fast 30 Jahre Erfahrung als Lehrer und Schulleiter an Hauptschulen in Kreuzberg mit. Es waren auch alles Schulen in herausfordernder Lage.

Von der unbeliebten Brennpunktschule zur begehrten Sekundarschule

Innerhalb kurzer Zeit sorgte Michael Rudolph für einen Imagewandel an der Bergius-Schule. Heute gehört sie zu den begehrtesten Sekundarschulen der Stadt. Die Schülerinnen und Schüler schließen die 10. Klasse mit überdurchschnittlich guten Leistungen ab, fast die Hälfte der Schülerschaft bekommt mit dem mittleren Schulabschluss auch eine Gymnasialempfehlung.

Michael Rudolph hat seinen ganz eigenen Weg gefunden, eine Schule erfolgreich zu leiten und mit schwierigen Schülerinnen und Schülern umzugehen. Von diesem Weg erzählt der Schulleiter gemeinsam mit der Berliner Bildungsjournalistin Susanne Leinemann in dem Buch „Wahnsinn Schule. Was sich dringend ändern muss“.

Der Titel reiht sich ein in diese Bücher, von denen es zurzeit so viele gibt: „Eine Lehrerin sieht rot“, „Mein Jahr als Lehrerin an der Grundschule des Grauens“, „Schule vor dem Kollaps“. Es sind meist Bücher, die pauschal das ganze Schulsystem anprangern. In denen Kinder zu Monstern werden. Geschrieben von Lehrkräften, die den Beruf meist schnell wieder verlassen.

Wer morgens zu spät kommt, geht erst mal zum Hausmeister

Rudolphs Buch ist trotz des Titels ganz anders. Es hat nicht diesen Drang zum Drama. Und Rudolph gibt nicht auf. Nicht seinen Beruf und nicht seine Schülerinnen und Schüler. Wahrscheinlich hat er in den mehr als 40 Jahren seines Berufslebens nicht einmal daran gedacht. Das Buch zeigt ihn immer noch als Lehrer mit viel Leidenschaft und mit der Überzeugung, etwas bewirken zu können. Wenn er Kritik daran übt, wie Schule heute läuft, dann zeigt er zugleich auch Perspektiven, wie es aus seiner Sicht besser laufen könnte.

Seine pädagogische Haltung bricht Rudolph gern auf die Begriffe „Konsequenz“ und „Empathie“ herunter: Es gibt Regeln, die einzuhalten sind – und werden sie missachtet, folgen Konsequenzen. Wer in der Bergius-Schule morgens zu spät kommt, muss klingeln und darf in der ersten Stunde nicht mehr in den Unterricht, sondern bekommt vom Hausmeister eine Aufgabe.

Am Ende ist es egal, wie das kleine Einmaleins gelehrt wurde, ob im Stuhlkreis, im Kopfstand oder frontal. Hauptsache, es sitzt.

Solche Regeln dürften aber nicht willkürlich von oben bestimmt werden, sondern die ganze Schulgemeinschaft müsste sich darauf verständigt haben. Da ist er dann auch schon bei der Empathie: Jugendliche müssten spüren, dass die Schule an ihrem Weiterkommen interessiert sei, dass sie die Schülerinnen und Schüler ernst nehme und dass die Regeln keine Schikane seien, sondern der Weg, eine gute Lernatmosphäre in der Schule zu schaffen und den Jugendlichen ein gutes Sozialverhalten zu vermitteln. Gutes Sozialverhalten und gute Leistung – darin sieht Michael Rudolph den Schlüssel für eine gute berufliche Zukunft seiner Schülerinnen und Schüler.

Aber gute Leistung ist in der Schule aus seiner Sicht zu sehr in den Hintergrund gerückt. „Wenn die Kinder nach der Grundschule nicht das kleine Einmaleins oder nicht richtig lesen können, ist etwas komplett falsch gelaufen“, findet er. Und bezüglich der Ursachenforschung schreibt er im Buch auch Sätze wie: „Viel zu lang haben wir uns in der Schule mit ideologischen Grabenkämpfen beschäftigt.“

Bei der Schulaufsicht ist Michael Rudolph trotz guter Schülerleistungen durchgefallen

Es sind solche Sätze, die provozieren, die ihm schon oft den Vorwurf eingebracht haben, er wolle die Schule von gestern zurück. Er propagiere „Steinzeitpädagogik“. Tatsächlich hat Rudolph nichts gegen Frontalunterricht. Er hat die Erfahrung gemacht, dass seine Schülerinnen und Schüler beim Frontalunterricht erfolgreich lernen können. Dass ihnen eine klare Struktur hilft, weil sie die zu Hause oft nicht hätten.

Bei der Berliner Schulaufsicht kam das weniger gut an. Trotz der guten Schülerleistungen ist Rudolphs Pädagogik durchgefallen. Der Schulleiter hätte sich da mehr Offenheit gewünscht. Er will ja gar nicht, dass alle Schulen so arbeiten wie die Bergius-Schule. Für ihn zählt das Ergebnis: Schülerinnen und Schüler eine Basis zu geben, auf der sie ihre Zukunft bauen können. Und mit diesem Ziel vor Augen könne doch jede Schule ihren eigenen Weg gehen. „Was bei der einen Schule klappt, führt weniger Kilometer weiter womöglich zum Chaos. Am Ende ist es egal, wie das kleine Einmaleins gelehrt wurde, ob im Stuhlkreis, im Kopfstand oder frontal. Hauptsache, es sitzt.“

Auf einen Blick

Michael Rudolph, Susanne Leinemann. „Wahnsinn Schule. Was sind dringend ändern muss“, Rowohlt Verlag, 256 Seiten, 22 Euro.