Dieser Artikel erschien am 20.08.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Haiko Prengel

Elterntaxis : Bahn investiert in Car­sharing für Schul­kinder

In den USA werden viele Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht, deshalb entstand GoKid, ein Car­sharing-Dienst für Eltern. Die Deutsche Bahn hat sich an dem Start-up beteiligt. Ein Verkehrs­klub befürchtet Schlimmes.

Ein Schüler winkt seiner Mutter zur Verabschiebung
Elterntaxi - in Zukunft als Fahrgemeinschaft?
©iStock

Beim Schulverkehr setzt die Deutsche Bahn AG künftig verstärkt auf Auto-Bring­dienste und investiert in das US-Unter­nehmen GoKid. Das Start-up aus New York betreibt eine Platt­form für elterliche Fahr­gemein­schaften, um Kinder mit­einander „sicher und pünktlich“ die Schule, zum Sport und zu anderen Freizeit­aktivitäten zu bringen, wie der DB-Konzern erklärte. So werde Eltern das Leben welt­weit leichter gemacht.

Die Idee von GoKid ist, Familien, Freunde und Nachbarn zu Fahr­gemein­schaften zu organisieren. Der Vor­teil: Nicht jedes Kind muss von seinen Eltern alleine gefahren werden, sondern mehrere Familien teilen sich einen Wagen. Die Fahrten können grund­sätzlich nur von Teil­nehmern über­nommen werden, die auch ihre eigenen Kinder mit an Bord haben. In Echt­zeit soll sich verfolgen lassen, wann die Kinder abgeholt werden, auf welcher Route sie unter­wegs sind und wann sie beim Sport oder in der Schule angekommen sind. Eine Basis­version der App ist kosten­los, Zusatzvfunktionen kosten 4,99 Dollar im Monat (etwa 4,40 Euro).

Über 100.000 Fahrten mit GoKid wurden bereits organisiert. „Unser Schwer­punkt ist derzeit noch die USA“, sagt die Geschäfts­führerin von GoKid, Stefanie Lemcke. In über 25 Ländern gebe es weitere Nutzer, auch in Deutsch­land. Offiziell sei der Markt­start hier­zulande aber noch nicht erfolgt. Aus Sicht des DB-Konzerns kann GoKid in Deutschland das Kern­geschäft Bahn „sinn­voll ergänzen“. Auch der Auto­hersteller Daimler engagiert sich bereits auf dem Car­sharing-Markt und ist bei der US-Platt­form Turo eingestiegen. Inzwischen können auch Nutzer in Deutsch­land über Turo ihre Privat­autos tage­weise vermieten.

Für den VCD ist GoKid „ein Grauen“

Beim täglichen Schulverkehr in Deutschland spielen bislang Busse, aber auch Regional­bahnen eine wichtige Rolle – insbesondere im ländlichen Bereich. Der ökologische Verkehrs­club Deutschland (VCD) kritisiert daher das Vorhaben der Bahn, in Sharing-Angebote mit Individual­verkehr zu investieren.

„Aus unserer Sicht ist dieses Mobilitäts­angebot von GoKid ein Grauen“, sagt Anika Meenken, Fuß-, Rad- und Schul­weg-Expertin beim VCD. „Wir setzen uns seit Jahren dafür ein, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr mit dem Eltern­taxi in die Schule bringen.“ Es sei wichtig, dass Kinder selbst­ständig den Schul­weg meistern, entweder zu Fuß oder mit dem Rad. Das stärke nicht nur ihr Selbst­bewusstsein und ihre Sozial­kompetenz, es wirke auch dem Bewegungs­mangel vieler Kinder entgegen. Außer­dem schadeten Eltern­taxis der Umwelt und gefährdeten die Verkehrs­sicher­heit im Schul­umfeld, argumentiert Meenken.

Auch aus verkehrspolitischen Gründen forderte der Verkehrsclub die Bahn auf, das Investment in GoKid zu über­denken. Es bestehe die Gefahr, dass durch das Engagement im Individual­verkehr das ohnehin schon löchrige ÖPNV-Netz weiter ausgedünnt werde – insbesondere in ländlichen Regionen. Dort sicherten Schul­busse und Regional­bahnen ein Mindest­maß an Mobilität und seien nicht nur für Kinder und Jugendliche wichtig, sondern auch für ältere und sozial schwache Menschen.

Bahn setzt auf die Entwicklung neuer Mobilitäts­angebote

Die Deutsche Bahn verteidigte die Kooperation mit GoKid. Man investiere derzeit Rekord­summen in die Instand­haltung und den Ausbau des Schienen­netzes sowie die Modernisierung von Zügen und Bussen, erklärte ein Konzern­sprecher. Zugleich setze das Unter­nehmen auf die Entwicklung neuer Mobilität­sangebote, die das Verkehrs­mittel Bahn vorteil­haft ergänzten. Dazu zählten insbesondere On-Demand-Services wie ioki, das in Hamburg in einem speziellen Einzugs­gebiet gestartet ist, und Ride­sharing-Modelle wie die von GoKid. Bei ioki holen Elektro-Shuttles Fahr­gäste von jeder beliebigen Adresse ab und fahren diese zu einer gewünschten Halte­stelle.

Nicht immer lasse sich der Weg zur Schule, zum Sport­verein oder zum Bade­see von Kindern zu Fuß oder mit dem Fahr­rad erledigen. Wo kein Bahn­anschluss besteht oder Schul­busse aufgrund sinkender Schüler­zahlen dem individuellen Bedarf von Eltern und Kindern nicht ausreichend gerecht werden können, stellten Fahr­gemein­schaften wie für Kinder GoKid eine bequeme und umwelt­verträglichere Alternative zu Einzel-PKW-Fahrten dar, argumentiert die Bahn. Wie viel genau die Bahn in GoKid investiert hat, ist nicht bekannt.