Auslandsschule : „Ich habe die Entscheidung nicht bereut“

Sie wollte nach Südeuropa oder Nordamerika. Doch dann landete eine Lehrerin aus Kiel an einer Auslandsschule in Südafrika. Über ihre Entscheidung, eine Zeitlang im Ausland zu arbeiten, über ihre ersten acht Monate an der Deutschen Internationalen Schule in Johannesburg und über ihr Leben am anderen Ende der Welt erzählt sie auf dem Schulportal.

Annette Kuhn / 02. September 2019
Lehrerin und Schüler vor dem Schulgebäude mit Heften
An der Deutschen Schule in Johannesburg verlegt Lehrerin Raika Wiethe den Unterricht auch schon mal ins Freie.
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USA, Kanada, südliches Europa, dort an einer Auslandsschule zu arbeiten, hatte sich Raika Wiethe gut vorstellen können. Aber Südafrika? Doch da ist die Pädagogin aus Kiel nun gelandet. Seit Januar 2019 arbeitet die 46-Jährige als Pädagogische Direktorin der Deutschen Internationalen Schule in Johannesburg. Mit Kind und Kegel, genauer: mit Mann, ihren zwei Söhnen und Hund lebt die Norddeutsche nun am anderen Ende der Welt.

Es ist nicht ihr erster Auslandsaufenthalt. Direkt nach dem Referendariat war Raika Wiethe für ein Jahr an die Deutsche Schule in Lissabon gegangen. Als sich ihr erstes Kind ankündigte, kehrte sie aber wieder nach Deutschland zurück. Genug hatte sie da aber noch nicht. „Für mich war klar, dass ich auf jeden Fall noch mal an eine Auslandsschule gehen will“, erzählt sie am Telefon. Doch die Zeit verging. Nach dem ersten kam der zweite Sohn, die Tage waren gefüllt mit Familienalltag und ihrer Arbeit am Regionalen Berufsbildungszentrum Wirtschaft in Kiel, wo sie den Bereich Deutsch als Zweitsprache (DAZ) aufbaute und koordinierte. Zusätzlich entwickelte sie im Bildungsministerium von Schleswig-Holstein neue Bildungsangebote für Zugewanderte.

Der Plan, an eine Auslandsschule zu gehen, blieb der Lehrerin immer im Kopf

Die Auslandspläne griff Raika Wiethe wieder auf, als der ältere Sohn schon Teenager war: „Ich habe mir gesagt: jetzt oder nie. Mit 16 wäre der Große wahrscheinlich nicht mehr mitgegangen, aber ich wollte, dass wir die Erfahrung als Familie machen.“ Also bewarb sie sich bei der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA), die für die Vermittlung von deutschen Lehrkräften an Auslandsschulen zuständig ist.

 

Frau vor Tafel mit Aufschriften Schule
Raika Wiethe vor der Deutschen Internationalen Schule in Johannesburg
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Es kamen Angebote: aus Kairo, aus Peking, aus Mexiko. Doch die klickte die Pädagogin weg – weder die Orte noch die Stellen passten. Fast glaubte sie schon nicht mehr daran, dass sie noch etwas Geeignetes bekommen würde, und sie plante eine berufliche Veränderung in Deutschland. Sie arbeitete bereits als Projektleiterin bei der Deutschen Schulakademie, seit ihre Schule 2014 einen Deutschen Schulpreis bekommen hatte. Doch dann kam das Angebot der Internationalen Schule aus Johannesburg. Das hat sie nicht weggeklickt.

Hier passte alles: Einige Pädagogen der Schule kannte sie bereits, weil auch diese 2016 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde und Raika Wiethe bei der Preisverleihung dabei war. Die Position als Pädagogische Direktorin reizte sie. Und Johannesburg? Das wusste sie nicht, sie war vorher noch nie in Afrika gewesen. Kurzerhand setzte sie sich ins Flugzeug und flog für ein verlängertes Wochenende in die südafrikanische Metropole, um die Stadt und die Schule kennenzulernen. Und um zu sehen, ob die Chemie stimmt. Mit einem „Ja“ im Gepäck kam sie nach Kiel zurück und beriet sich mit ihrem Mann. „Man muss das vorher genau reflektieren. Die Familie muss mitziehen, denn es ist schon eine große Veränderung für alle“, erklärt die Lehrerin.

Die Rollen in der Partnerschaft werden neu verteilt. Arbeiten darf ja meistens nur einer von beiden – das, so sagt sie, würden sich viele im Vorfeld nicht klarmachen. Auch Raika Wiethes Mann – er ist Osteopath und hatte eine Praxis in Kiel – kann in Johannesburg nicht arbeiten. Jetzt hat er sich entschieden, eine Auszeit zu nehmen und sich über ein Fernstudium weiter zu qualifizieren.  Und er kümmert sich um die Kinder und alles Organisatorische.

Die Familie ist im ersten halben Jahr gleich zweimal umgezogen

Denn ganz glatt läuft das Verpflanzen einer ganzen Familie für einige Jahre trotz aller Vorbereitung ja doch nicht. Wochenlang war er mit Wohnungssuche beschäftigt. Das erste Haus hatten die Wiethes übers Internet gemietet. Erst vor Ort stellte sich heraus, dass die Aufteilung für die Familie nicht geeignet war. Also haben sie innerhalb eines halben Jahres gleich noch einen zweiten Umzug hinter sich gebracht. Raika Wiethe war da froh, dass sich ihr Mann um vieles kümmern konnte.

Ein paar Monate brauche es schon, bis man sich in der Fremde gut eingelebt habe, so die Erfahrung von Raika Wiethe. Aber mittlerweile ist die Familie gut angekommen. Auch die Kinder haben in Johannesburg schnell neue Freunde gefunden. Die beiden besuchen ebenfalls die Deutsche Auslandsschule und fühlen sich hier wohl.

Allerdings war doch einiges neu  – die Schuluniform zum Beispiel. Und der Leistungsbegriff:  Wer besondere Leistungen zeigt und eine bestimmte Punktzahl erreicht, wird an der Schule geehrt und bekommt sogar ein Abzeichen für die Uniform. „Ich fand das zuerst sehr konservativ und altbacken“, sagt Raika Wiethe, „aber dann habe ich festgestellt, dass es die Kinder wirklich motiviert und einen Anreiz gibt“. Auch bei ihrem Sohn war es so.

Die Familie muss mitziehen, denn es ist schon eine große Veränderung für alle
Raika Wiethe, Pädagogische Direktorin an der Deutschen Internationalen Schule Johannesburg

Neue Erfahrungen sammelt die Pädagogin obendrein im Bereich Interkulturalität. Südafrika hat allein elf Amtssprachen, und 36 Nationalitäten leben hier. An der Schule würden sogar 42 verschiedene Sprachen gesprochen. Für ihre pädagogische Arbeit sind damit viele Herausforderungen verknüpft, „andererseits bekomme ich so viele neue Impulse, und auch der Zusammenhalt ist hier sehr groß“. Sie ist überzeugt, dass deutsche Schulen von Auslandsschulen viel lernen können – vor allem was Vielfalt und Flexibilität angelangt. „Mir erscheint die Schule in Deutschland oft wie ein großer Tanker – hier fühle ich mich eher wie auf einem Speedboot. Und ich glaube: Ein bisschen mehr Speedboot täte vielen deutschen Schulen gut.“

Mit Rollenspielen werden die Lehrkräfte auf mögliche Gefahrensituationen  vorbereitet

Ob so ein Auslandsaufenthalt auch eine Karrierechance ist? Das komme auf die Stelle an und später auch auf das Rückkehrmanagement, sagt Raika Wiethe. Nicht jede Schule in Deutschland empfange einen nach einem Auslandsaufenthalt mit offenen Armen, und nicht jeder finde nach einer Zeit im Ausland wieder problemlos in den deutschen Alltag zurück. Auch solle man den Schritt nicht wegen des machen, rät Wiethe. Man sei zwar in der Grundbesoldung, die sich nach der Landesbesoldung richtet, nicht schlechter gestellt und bekomme zum Beispiel auch eine Familien- und Ortszulage, aber die sei variabel und könne sich während des Aufenthalts auch verändern. Das hat sie selbst erlebt. Und wie bei ihr würde ja auch bei anderen Paaren der Partner seinen Beruf nicht genauso wie vorher ausüben können, also auch nicht entsprechend mit verdienen. „Trotzdem habe ich die Entscheidung nicht einen Tag bereut“, sagt sie.

Auch während der Vorbereitungszeit für den Auslandsaufenthalt war sich Raika Wiethe in ihrer Entscheidung sicher. Bis auf den einen Moment: „Während des Sicherheitstrainings, das Teil der Vorbereitung ist, habe ich kurz kalte Füße bekommen“, gibt sie zu. In Rollenspielen wurde sie mit Kolleginnen und Kollegen, die nach Südamerika gehen sollten, mit Gefahrensituationen konfrontiert, die ihr Angst gemacht haben. „Zum Glück habe ich bisher nichts dergleichen erlebt“, beteuert sie. Natürlich beachtet sie die Sicherheitshinweise: Bei Dunkelheit ist sie nicht mehr zu Fuß unterwegs, und ihr Haus ist durch eine Mauer, einen elektrischen Zaun und eine Alarmanlage gesichert.

Längstens können Lehrerinnen und Lehrer acht Jahre an einer Auslandsschule bleiben

Heimweh kommt bei den Wiethes trotzdem nicht auf. Auch nicht nach diesen Sommerferien, in denen sie zum ersten Mal wieder in Deutschland waren, um dem südafrikanischen Winter zu entfliehen. Das nächste Mal wollen sie nun erst wieder in einem Jahr in die Heimat fliegen. Wie lange Raika Wiethe überhaupt in Südafrika arbeiten wird, hat sie noch nicht entschieden. Mindestens drei Jahre sind vom Programm vorgesehen, das sei der Zeitraum, in dem man tatsächlich etwas in der Schule bewegen könne. Dann kann sie noch mal um drei, längstens um fünf Jahre verlängern.

Die Entscheidung wird die Familie gemeinsam treffen, wenn es so weit ist. Vielleicht will der ältere Sohn sein Abitur ohnehin lieber in Südafrika machen, vielleicht hat ihr Mann dann neue berufliche Pläne. Raika Wiethe will das auf sich zukommen lassen. In Flexibilität hat sie sich die vergangenen Monate ohnehin geübt. Ohne die würde so ein Auslandsabenteuer wohl nicht gelingen. Auch eine Portion Mut und Neugier gehörten dazu. Und wenn sie jemand fragen würde, ob sie oder er ins Ausland gehen solle oder nicht – was würde sie raten? Die Antwort kommt ohne Zögern: „Mach es!“

Auf einen Blick

  • Weltweit gibt es in 70 Ländern etwa 140 deutsche Auslandsschulen.
  • Lehrerinnen und Lehrer, die eine Zeitlang im Ausland arbeiten wollen, werden von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) vermittelt. Die ZfA betreut etwa 2000 deutsche Lehrkräfte, die im Ausland arbeiten
  • Die meisten Lehrerinnen und Lehrer gehen zunächst für drei Jahre ins Ausland, und können ihren Aufenthalt um weitere drei Jahre verlängern. Bei einer Funktionsstelle sind danach noch einmal zwei Jahre Verlängerung möglich. Längstens kann der Auslandsaufenthalt also acht Jahre dauern.
  • Lehrerinnen und Lehrer, die bereits in einem festen Dienstverhältnis stehen, lassen sich vom Schuldienst in Deutschland beurlauben und gehen als Auslandsdienstlehrkräfte in die Ferne. Absolventinnen und Absolventen, die noch nicht in einem Dienstverhältnis stehen, können sich bei der ZfA als Bundesprogrammlehrkräfte bewerben. Ortslehrkräfte werden nicht von der ZfA vermittelt, sondern direkt von der Schule vor Ort nach Landesrecht beschäftigt.