Digitalisierung : Erkenntnisgewinn durch Misserfolg

Die Jenaplan-Schule in Thüringen ist digital gut aufgestellt. Aber ein digitales Beteiligungsprojekt, das ideal für die Schule zu sein schien, funktionierte nicht – was für die Schule überraschend war. Die Erfahrungen will sie nun für die künftige Planung digitaler Projekte nutzen.

Fabian Schindler / 25. März 2019
Podiumsdiskussion in Erkner
Auf der Preisträgerkonferenz in Erkner hat die Jenaplan-Schule Jena berichtet, warum das digitale aula-Projekt nicht funktioniert hat und welche Erkenntnisse die Schule dadurch gewonnen hat.
©Fabian Schindler

Lehrreiche Erkenntnisse können Schulen auch daraus gewinnen, wenn etwas nicht wie geplant funktioniert. Das hat die Jenaplan-Schule im thüringischen Jena vor Kurzem erfahren. Über diese Erfahrungen hat sie auf der Preisträgerkonferenz des Deutschen Schulpreises in Erkner berichtet. Denn ihre Lernerfahrung könnte für andere Schulen nützlich sein.

Das Projekt, das an dieser Schule alles noch besser machen sollte, nennt sich „aula“. Dahinter verbirgt sich ein digitales Beteiligungskonzept, das Jugendlichen eine aktive Mitbestimmung im schulischen Alltag ermöglichen soll und das vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend unterstützt wird. Mithilfe einer speziell konzipierten Onlineplattform und didaktischer Begleitung soll das Programm demokratische Praktiken und Kompetenzen der Teilnehmenden fördern. So weit die Theorie.

Heike Schmidt-Heyneck ist Didaktische Leiterin an der Jenaplan-Schule, die zu den ersten Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises zählt. Sie hatte das aula-Projekt initiiert, weil sie überzeugt war, dass die Schule mit ihren besonderen digitalen Kompetenzen das Projekt gut in den Schulalltag integrieren könnte.

Das Digitalprojekt sollte Entwicklungen transparenter machen

Was an der Schule umgesetzt werden sollte, lässt sich einfach skizzieren: Die Schülerinnen und Schüler sollten Projekte, die sie selbst für sinnvoll erachten, mit Hilfe von aula planen und dann umsetzen. Etwa den Bau eines überdachten Fahrradständers für die Schule. Die Vorteile, die sich mit aula ergeben sollten, lagen scheinbar auf der Hand: In einem demokratischen Abstimmungsprozess kann festgelegt werden, welche Projekte prioritär sind. Zudem biete das Programm volle Transparenz zum jeweiligen Projektstatus.

Doch das Projekt aula schlief ein – die Beteiligung vonseiten der Schülerschaft blieb deutlich unter den Erwartungen. Aber warum? Diese Frage beschäftigte die Schule eine geraume Zeit.

Mehrere Dinge hätten eine Rolle gespielt. Zum einen habe es einfach eine gewisse „Schusseligkeit“ innerhalb der Schülerschaft gegeben. Permanent seien Zugangspasswörter vergessen worden, was den Arbeitsfluss hemmte.

Der Mehrwert des aula-Projekts hat sich vielen nicht erschlossen

Gravierender war aber, dass der Mehrwert des digitalen Mediums nicht allen offensichtlich gewesen ist. Der tiefere Sinn eines zusätzlichen Kommunikationsmediums an der Schule habe sich vielen nicht erschlossen. Viele seien daher „einfach so“ gegen aula gewesen. Auch das hemmte das Projekt.

Der andere Grund für die mangelnde Beteiligung war für Lehrende und Lernende gleichermaßen überraschend: An der Schule existiert eine vielleicht schon zu gute Beziehungskultur. Es sei „ein absolutes Luxusproblem”, mit dem die Schule zu kämpfen habe. Zu Lehrerinnen und Lehrern hätten die Schülerinnen und Schüler ein ausgesprochen gutes Verhältnis. Daher würden viele Dinge im direkten Gespräch geklärt. Diese direkte Kommunikation sei schneller und unkomplizierter als der digitale Weg – und viel bequemer.

Aus dem Scheitern zieht die Schule neue Erkenntnisse

Sich in einen Computer einzuloggen, das Projekt zu laden und vielleicht tagelang auf die Antwort zu einer Frage zu warten sei umständlicher. Daher entwickelte sich kein Bedarf innerhalb der Schülerschaft, etwas in einen virtuellen Raum zu verschieben.

Schmidt-Heyneck nennt noch einen Grund, der das Projekt gehemmt habe: Die Schüler seien bereits sehr aktiv, an vielen Projekten beteiligt, sodass die Zeit für aula letztlich gefehlt habe. Hier hätte erst ein Freiraum geschaffen werden müssen, in dem sich das digitale Medium hätte entfalten können. Und eine klare inhaltliche Definition habe auch gefehlt.

Das Fazit, das die Schule für sich gezogen hat: Digitale Projekte sind nicht automatisch ein Zugpferd für mehr Schülerbeteiligung. Digitale Projekte müssten zur jeweiligen Schule mit ihrem individuellen Profil passen. Und wenn ein Projekt nicht zum Profil der Schule passe, sollte nicht verbissen versucht werden, dieses weiter umzusetzen.

Auf einen Blick

Im Rahmen des Deutschen Schulpreises werden von der Deutschen Schulakademie mehrtägige Preisträgerkonferenzen veranstaltet. Hier tauschen sich die Schulen des Netzwerks der Preisträgerschulen untereinander zu bestimmten Themen in einer Vielzahl von Workshops aus und nehmen zusätzlich an Fachvorträgen und Diskussionen teil.

In diesem Frühjahr ist die bundesweite Preisträgerkonferenz in Erkner bei Berlin veranstaltet worden. Etwa 180 Vertreterinnen und Vertreter der Preisträgerschulen haben an der Konferenz teilgenommen. Der Schwerpunkt lag auf dem Thema Lernen und Schule im Kontext der Digitalisierung.