Dieser Artikel erschien am 15.07.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Anna-Elisa Jakob

Bilanz eines Modellprojekts : Auf dem richtigen Weg

Nach vier Jahren freut sich die Berufs­schule Dachau über den Erfolg eines Projekts mit Integrations­klassen. Zwei Drittel der jungen Geflüchteten haben gute Berufs­chancen. Die Wirtschaft profitiert von neuen Arbeitskräften

Frau an Schraubstock
©Getty Images

Über mehrere Jahre hinweg hat es in der Berufs­schule Dachau dreizehn Berufs­integrations­klassen gegeben, im laufenden Schul­jahr sind es fünf, im kommenden werden es nur noch vier sein. Von etwa 260 Schüler auf 70: Die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die als Asyl­suchende und Flüchtlinge an die Berufs­schule kommen, sinkt – nicht nur in Dachau, sondern bayern­weit. Nun zogen Kultus­ministerium und Berufs­schulen die Bilanz eines aus­laufenden Modell­projekts, an dem auch die Nikolaus-Lehner-Schule in Dachau teilnahm. Vier Jahre lang wurde im Schul­all­tag erprobt, wie junge Geflüchtete am besten auf das Aus­bildungs- und Berufs­leben vorbereitet werden können. Das Projekt „Perspektive Beruf“ sah vor, bereits bestehende Berufs­integrations­klassen zu verbessern – und der Erfolg lässt sich sehen. Zwei Drittel der Schüler bekamen einen aussichts­reichen Job – und auch für die beteiligten Unter­nehmen hat sich das Modell durch­aus gelohnt.

Das Modellprojekt wurde 2015 ins Leben gerufen, die Berufs­integrations­klassen gibt es an bayerischen Schulen teilweise aber schon seit 2011. In Dachau wurde die erste 2013 eingeführt. Das Projekt wurde durch das bayerische Kultus­ministerium, die Stiftung Bildungs­pakt Bayern und die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft gefördert. Deren Haupt­geschäfts­führer Bertram Brossardt lobte bei der Abschluss­veranstaltung in München den Erfolg: „Das Projekt gibt aber nicht nur Geflüchteten Perspektiven, sondern auch den beteiligten Unter­nehmen, die damit Chancen auf neue Mit­arbeiter erhalten.“

Die Berufsschule Dachau setzte sich bereits vor dem Projekt stark mit der schulischen Betreuung von Flüchtlingen auseinander – und wurde aus diesem Grund vom Kultus­ministerium für die Test­phase ausgewählt. „Ich denke, wir hatten uns schon vorher in diesem Bereich einen guten Namen gemacht hatten“, sagt Johannes Sommerer, Leiter der Berufs­schule Dachau. Getestet wurde das Projekt insgesamt an 21 Berufs­schulen in Bayern. Dass die Schüler­zahlen für Berufs­integrations­klassen in Dachau sinken, entspricht der landes­weiten Tendenz: 2011 gab es bayern­weit 23 Berufs­integrations­klassen, zwischen­zeitlich stieg ihre Zahl auf 1100 an, heute sind es rund 730, die das zweijährige Programm anbieten.

Dazu gehört für viele, zunächst die deutsche Sprache zu erlernen, zusätzliche Fächer sind beispiels­weise politische Bildung und Werte­vermittlung. Im zweiten Schul­jahr absolvieren die Schüler Praktika in Betrieben, um heraus­zu­finden, wo die eigenen Stärken liegen und welche Ausbildung zu ihnen passt. Auch durch die zusätzlichen finanziellen Mittel dieses Projekts habe sich die Schule verstärkt auf die neuen Heraus­forderungen konzentrieren können, erklärt Sommerer. Allein der Umgang mit Schülern, die unter Traumata leiden, forderte einen besonderen Umgang und die Unter­stützung durch Sozial­pädagogen. Die Berufsschule Dachau kooperiert hierfür mit dem Beruflichen Forschungs­zentrum der Bayerischen Wirtschaft, das sowohl Sozial­pädagogen stellt als auch Lehrer, die darauf geschult sind, Deutsch als Fremd­sprache zu unterrichten. „Mittler­weile haben wir aber selbst einige Lehrerinnen und Lehrer an der Schule, die hierfür qualifiziert sind“, sagt Sommerer. Das Erlernen der neuen Sprache direkt mit der Berufs­vor­bereitung zu verbinden, habe sich im Laufe des Modell­projektes als sehr erfolgreich erwiesen, bilanziert Carolin Völk, Sprecherin des Kultus­ministeriums. Deutsch wird an den Berufs­schulen nicht allein als einzelnes Fach gelehrt, sondern auch in sämtlichen anderen Modulen vertieft und dabei nah an das Alltags- und Berufs­leben angelehnt.

Und wie sieht die Zukunft für die Schüler nach den zwei Jahren aus? „Bei uns gelangen rund zwei Drittel der Schüler danach auf eine gute berufliche Linie“, zeigt sich Sommerer zufrieden. Schließlich fielen in die Bilanz auch diejenigen Schüler, die im Laufe der Jahre wegzogen, in ihre Heimat zurück­kehrten oder abgeschoben wurden. In Berufs­integrations­klassen treffen Schülerinnen und Schüler zusammen, die unter­schiedliche Sprachen sprechen und auf verschiedenen Bildungs­niveaus stehen. Manche haben bereits einen qualifizierten Abschluss, andere müssen Grund­kenntnisse aufholen. „Wir haben gemerkt, dass es vor allem auch in Mathe ganze große Unter­schiede zwischen den Schülern gibt“, erklärt Sommerer. Verschiedene Bildungs­niveaus in einer Klasse von rund zwanzig Schülern zu vereinen, sei von Anfang an eine der größten Heraus­forderungen gewesen – und eines der Probleme, dem sich die Berufs­schule während der Projekt­phase besonders annehmen wollte. Die Schule hat es geschafft, ein besseres System zu entwickeln: Statt nur in Klassen zu unterrichten, werden Gruppen gebildet, je nach Leistungs­niveau. So kann schneller und gezielter unterrichtet werden.

Nun läuft nach vier Jahren das bayern­weite Modell­projekt aus, übrig bleiben zwei dicke Material­ordner, Stoff für Fortbildung und Unterricht, pädagogischer und inhaltlicher Leitfaden für Lehrkräfte. „Wir sind mittler­weile sehr gut auf­gestellt“, erklärt Schul­leiter Sommerer. Das Engagement der letzten Jahre möchte die Berufs­schule weiter aufrecht­erhalten, auch wenn die Schüler­zahlen zurück­gehen. Werden sich weiter weniger Schüler für die Berufs­integrations­klassen melden, gebe es die Möglichkeit, land­kreis­über­greifende Stand­orte anzubieten. Die Berufs­schule Dachau hat sich hierfür bereits als Schwer­punkt­stand­ort beworben, über dessen Vergabe in den kommenden Schul­jahren entschieden wird.