Lehrerstimmen : „Auch Nein zu sagen muss gelernt werden“

Die Corona-Pandemie verlangt von Lehrerinnen und Lehrern übermäßiges Engagement, und das bereits seit vielen Monaten. Wir haben Lehrkräfte, die regelmäßig für das Schulportal schreiben, befragt, wie es ihnen geht, wie sie mit den gestiegenen Anforderungen umgehen und wie sie sich gerade jetzt ihre Gesundheit und Arbeitszufriedenheit erhalten.

14. Oktober 2020
Schild am Schuleingang: "Bitte Abstand halten"
Als Lehrerin erinnert man in jeder unterrichtsfreien Minute irgendjemanden an irgendetwas: „Zieh deine Maske bitte über die Nase!“, „Nein, du darfst erst in zehn Minuten auf den Fußballplatz.“
©dpa

Steigende Belastung sichtbar machen hilft

Dejan Mihajlović, Realschullehrer in Baden-Württemberg: „Eine ,kurze E-Mail‘, ,nur eine Frage‘ in einem der vielen Messenger oder ein ,kleines Problem‘, das in einer Sprachnachricht geschildert wird – das ist es immer aus Sicht der Personen, die sich bei einem melden und deshalb eine zügige Antwort und Lösung erwarten. Die steigende Belastung sichtbar zu machen, sie zu benennen, sie bewusst wahrzunehmen und zu diskutieren hilft einem selbst und den anderen. So kann der eigene und fremde Erwartungsdruck verringert werden. Auch Nein zu sagen muss hier verstanden und gelernt werden.

Immer wieder Pausen zu setzen – echte Pausen, in denen etwas unternommen wird, das mit meiner Arbeit nichts zu tun hat und meine volle Aufmerksamkeit erhält – hilft mir am meisten, Kraft zu schöpfen. Es müssen im Alltag machbare Beschäftigungen sein, damit sie verankert werden können. Die Zeit bewusster (und häufiger) mit den Kindern zu verbringen, Sport (mit den Kindern) zu treiben und (mit den Kindern) zu kochen sind meine gewählten Auszeiten, die sich in den letzten Monaten etabliert haben.

Durch COVID-19 wurde noch mal deutlicher und spürbarer, wie wertvoll die Arbeitskultur ist und wie stark sie sich auf die Zufriedenheit und Freude bei der Arbeit auswirkt. Ein Umfeld, in dem man Wertschätzung und Unterstützung erfährt, gemeinsam Herausforderungen angeht und löst, Belastungen auf viele Schultern verteilt und sie offen kommuniziert, bietet Raum für eine erfolgreiche Zusammenarbeit und das eigene Wohlbefinden.

,So gut es geht, sich mit Menschen umgeben, die nach diesen Kriterien streben und sie erfüllen‘, lautet hier die Maxime.“

Wenn die Vertretungskapazität nicht mehr ausreicht

Ulrike Ammermann, Lehrerin an einer Stadtteilschule in Hamburg: „Auch ohne Corona sind Schulen Virenschleudern. Besonders im Winter meldet sich das Personal regelmäßig krank. Noch kommen fast alle in die Schule. Nur leider nicht immer …

In Hamburg ist es in den Klassenzimmern wieder so voll wie eh und je. Allerdings versuchen wir, die Kohorten voneinander zu trennen. Schülerinnen und Schüler aus der Sechsten sollen keinen Fünftklässlern begegnen und die wiederum niemandem aus der Achten. Das hat zur Folge, dass in der ersten großen Pause die Sechstklässler auf der Rasenfläche toben dürfen, in der zweiten die Siebtklässler. Die Fünftklässler haben eh andere Unterrichtszeiten – und die Oberstufenschüler sowieso. Vor lauter Regeln kann einem manchmal fast schwindelig werden. Als Lehrerin erinnert man in jeder unterrichtsfreien Minute irgendjemanden an irgendetwas: „Zieh deine Maske bitte über die Nase!“, „Nein, du darfst erst in zehn Minuten auf den Fußballplatz.“

Das war gut so. Denn obwohl drei Klassen meiner Schule und deren Lehrkräfte in die Quarantäne und den digitalen Unterricht ausweichen mussten, konnten alle anderen weiter kommen. Trotzdem sind wir in der zweiten Woche in die Knie gegangen. Wenn so viele ausfallen, dürfen die anderen nicht auch noch erkranken – egal, an was. Tun sie es doch, fällt für einige die Schule aus. Einfach, weil keine Vertretungskapazität mehr für jede Klasse da ist.

Nachmittags musste ich dann meine Schülerinnen und Schüler anrufen, um ihnen mitzuteilen, dass erstens am kommenden Tag die Schule ausfällt, sie zweitens Aufgaben bearbeiten sollen und sie mir bei Fragen drittens Textnachrichten schicken können. Für virtuellen Unterricht war keine Zeit – ich habe echten Unterricht gegeben. Zwischendurch bin ich in meine Klasse geflitzt, um den Schülerinnen und Schülern Arbeitsmaterial zu geben. Darauf, dass das System Schule innerhalb weniger Stunden einknickt, waren wir trotz aller Vorbereitungen, trotz der IT-Schulungen von Lehrkräften und Lernenden, trotz all der Notfallpläne nicht vorbereitet. Am Ende war es dann doch das Mathebuch, das zu Hause bearbeitet wird.

Danke der Nachfrage. Mir geht es gut. Noch.“

Fürsorgepflicht für Lehrerinnen und Lehrer wahrnehmen

Matthias Förtsch, Schulleiter an einem Gymnasium in Baden-Württemberg: „Die Erwartungen an Schule sind in den vergangenen Monaten gestiegen – und das zu Recht. Schulschließungen müssen professioneller bewältigt werden als noch im März. Technisch wurden den Bildungseinrichtungen durch das Sofortprogramm für Schülergeräte und durch die teilweise Entbürokratisierung des DigitalPakts Angebote gemacht. Leider fließen die Mittel nicht wie erhofft, was größtenteils an der Kommunikation zwischen Trägern und Schulen liegt. Auch dadurch fehlt es zum Teil noch an geeigneten Lernplattformen.

An den meisten Schulen haben sich Lehrkräfte in den vergangenen Monaten weitergebildet und auch auf hybride Lernsettings vorbereitet, viel guten Willen gezeigt und sich und ihren Unterricht weiterentwickelt. Gleichzeitig führt die unzureichende Ausstattung mancherorts aber genau dadurch zu Frusterlebnissen: Die Erwartungen der Gesellschaft sind hoch, die Anzahl datenschutzkonformer Angebote, die unkompliziert zur Verfügung stehen, gering.

Für Schulleitungen gilt auch und gerade in diesen Zeiten die Fürsorgepflicht für die Lehrerinnen und Lehrer: Einerseits sollten Kollegien natürlich gemeinsame Mindeststandards für Zeiten der Quarantäne ganzer Klassen finden, andererseits muss den Eltern gegenüber auch kommuniziert werden, dass Schule in Zeiten von Corona keine ,normale Schule‘ ist.

Ganztagsschulen können schon bei wenigen Corona-Fällen mit dazugehörigen Quarantäneverpflichtungen ihre Angebote nicht aufrechterhalten. Einzelne Schülerinnen und Schüler in Quarantäne können nicht noch zusätzlich per Video und ausführlichem Feedback versorgt werden, wenn gleichzeitig der Vollbetrieb in Präsenz bei erhöhten Aufsichts- und Vertretungsverpflichtungen der Kollegien läuft. Hier wird deutlich, dass die hohen Erwartungen an Schule nur durch zusätzliche personelle Ressourcen erfüllt werden können.

Bei dieser Erkenntnis ist das Bildungssystem (noch) nicht angelangt.“

Lehrerinnen und Lehrer haben keine Pausen mehr

Sabine Czerny, Lehrerin an einer Grundschule in Bayern: Bei uns an der Schule ist bislang alles im grünen Bereich. Wir hatten noch keinen Corona-Fall. Zwei Lehrer mussten sich testen lassen und zwei Tage zu Hause bleiben, bis das negative Ergebnis vorlag. Die Eltern verhalten sich verantwortungsbewusst und lassen kränkelnde Kinder zu Hause. Auf erneuten Wechselbetrieb oder gar Fernunterricht sind wir so weit gut vorbereitet – alle Lehrkräfte haben sich eingearbeitet, die Eltern sind informiert und werden ständig auf dem Laufenden gehalten. Die Organisationspläne liegen bereit und könnten unverzüglich umgesetzt werden – im Fall der Fälle. Unser Hygieneplan wird immer wieder den aktuellen Gegebenheiten angepasst – inzwischen hat man sich daran gewöhnt.

Einzig, dass wir Lehrerinnen und Lehrer nun keine Pausen mehr haben, weil wir versetzt mit den Kindern auf den Schulhof gehen, ist derzeit ziemlich anstrengend. Und natürlich macht das Masken-Tragen niemandem wirklich Spaß. Und beim ständigen Lüften merkt man die sinkenden Außentemperaturen doch deutlich.

Ich selbst merke, dass ich aufgrund von Corona noch mehr Zeit zu Hause verbringe. Das trägt nicht unbedingt zur Work-Life-Balance bei und hat zum Ergebnis, dass ich sozusagen noch mehr Zeit für die Schule aufbringen kann – wenn auch mit mehr Ruhe. Klingt positiv, soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Zeit mit Freunden und Verwandten, Ausflüge in die Natur, Reisen, Theater und Oper und anderes fehlen und mein Leben nicht mehr so bunt ist wie vorher. Auch die Ferien habe ich übrigens komplett zu Hause verbracht und mich der Einarbeitung in digitale Felder gewidmet. Insofern ist es jetzt nicht unbedingt ,stressiger‘ – es sind aber einfach wesentliche Teile meines Lebens durch Corona weggebrochen.

Was man jetzt nach dem Schulstart wieder deutlich merkt – das höre ich übrigens auch von Kolleginnen und Kollegen –, ist, wie anstrengend solch eine große Klasse ist und dass die halbe Klassengröße aus vielerlei Gründen weitaus sinnvoller wäre. Individuelle Förderung ist auf diese Weise wieder mal nur stark eingeschränkt möglich. Und Kindern nicht gerecht werden zu können ist einfach kein gutes Gefühl.“

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