Dieser Artikel erschien am 31.10.2018 in DIE ZEIT
Autor: Jeannette Otto

Rechtsextremismus : „Auch ein kleiner Nazi kann ein guter Facharbeiter sein”

Man hört verstörende Sätze an Sachsens Schulen. Lehrer sollen jetzt für den Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen gestärkt werden. Aber das Projekt stößt auf unerwarteten Widerstand.

01.05.2018, Sachsen, Chemnitz. Teilnehmer einer Gegendemonstration halten ein Transparent mit der Aufschrift "Chemnitz liebt bunt". Insgesamt haben rund 25 Parteien, B¸ndnisse, Initiativen, Vereine, Clubs und Kirchenvertreter gemeinsam dazu aufgerufen, friedlich gegen Rechts zu demonstrieren. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
In Sachsen stößt ein Projekt, das Lehrkräfte im Umgang mit Rechtsextremismus unterstützen soll, auf unerwarteten Widerstand.
©dpa

Nazi-Schmierereien im Klassenzimmer, T-Shirts mit rechtsextremen Symbolen, ein Hitlergruß beim Schulausflug, rassistische Schimpfwörter in der Pause, ein Schüler, der einen Schaltkreis bauen soll und ihn aussehen lässt wie ein Hakenkreuz. Wer in Sachsen Lehrer wird, muss auf einiges gefasst sein. In den Reihen vor ihm könnte der ein oder andere rechtsaffine oder gar rechtsextreme Schüler sitzen. Die meisten Pädagogen verunsichert das, sie sind Fachexperten, wissen, wie man Gleichungen löst und Photosynthese erklärt, haben aber nie gelernt, mit extremen politischen Haltungen umzugehen.

Gerade in einem Bundesland wie Sachsen, wo Kurt Biedenkopf einst sagte, seine Bewohner seien immun gegen Rechtsextremismus, sich darin aber gewaltig täuschte, brauchen Lehrer Hilfe, politisches Rüstzeug, damit sie selbstbewusst in die Auseinandersetzungen mit ihren Schülern gehen, anstatt sich vor fremdenfeindlichen Parolen wegzuducken. Dieser Gedanke war es, mit dem die Robert-Bosch-Stiftung im November 2015 gemeinsam mit dem sächsischen Kultusministerium an neun Berufsschulen das Modell-projekt „Starke Lehrer – Starke Schüler” startete.

Es war die Zeit, in der Pegida in Dresden und Legida in Leipzig Angst vor Einwanderern schürten und islamfeindliches Vokabular unters Volk brachten. Und wenig später, 2016 und 2017, erschütterten die Ergebnisse des Sachsen-Monitors all jene, die noch glaubten, rechtes Gedankengut sei nur ein Randphänomen: Eine Mehrheit der Sachsen gab in den Umfragen an, dass die Bundesrepublik wegen zu vieler Ausländer in einem gefährlichen Maße„überfremdet” sei. Keine Gruppe unter den Befragten zeigte eine so große Unzufriedenheit mit der Demokratie in Sachsen und in der Bundesrepublik wie die jungen Menschen – die zugleich jene waren, die sich am wenigsten für Politik interessierten.

Lange hatte sich auch die sächsische Politik nicht dafür interessiert, wer die junge Generation mit den Spielregeln einer demokratischen Gesellschaft vertraut macht. Nirgendwo sonst in Deutschland gab es so wenige Unterrichtsstunden in Gemeinschaftskunde. Nirgendwo sonst galt die Devise, Politik habe in der Schule nichts zu suchen.

Nun aber sollten im Rahmen des Bosch-Projekts 26 Berufsschullehrer über drei Jahre hinweg qualifiziert und gecoacht werden, damit sie Strategien entwickeln im Umgang mit rechtsextremen Schülern, ihr Wissen über Jugendkultur und szenetypische Erscheinungsformen erweitern, sich mit Fachleuten und Initiativen vernetzen – und schließlich in die eigenen Kollegien hineinwirken, um am Ende nicht weniger als die politische Kultur an ihren Schulen zu verändern.

Drei Jahre später, an einem nasskalten Montag im Oktober, der Abschlussbericht zum Projekt wird in wenigen Tagen vorgestellt, sitzen drei Berufsschullehrer und ein Sozialpädagoge im schmucklosen Raum 246 am Institut für Politikwissenschaft der TU Dresden und überlegen, wie es nun weitergeht. Von den ursprünglich 26 Teilnehmern waren am Ende zwar noch 21 im Projekt, doch diese vier hier sind die Einzigen, die ihr Wissen nun auch weitergeben wollen. Viele ihrer Kollegen haben aufgegeben, sich von den Anfeindungen und dem fehlenden Rückhalt an der eigenen Schule ausbremsen lassen.

Dabei wünscht sich die sächsische Bildungspolitik, dass die Arbeit an den Modellschulen weitergeht und dass auch andere Schulen von deren Erfahrungen lernen. Deshalb werden die vier Übriggebliebenen im nächsten Schuljahr Fortbildungen in ganz Sachsen geben, sich vor fremde Lehrer stellen und ihnen erzählen, was es heißt, politische Bildung endlich ernst zu nehmen – dass sie keine Angst haben und nicht immer neutral bleiben müssen.

Ich erkenne jetzt viele Symbole aus der Szene.
Frank Böhme

Was haben sie selbst in den letzten drei Jahren gelernt? Fakten, Argumente, Strategien, Handwerkszeug, der Abschlussbericht spricht von„Professionalisierungseffekten”. Schätzten die meisten Lehrer ihren eigenen Wissensstand zum Thema Rechtsextremismus zu Beginn des Projektes als »eher gering« ein, wurde er von einer Mehrheit der Teilnehmer am Ende als »eher umfassend« beschrieben. Die beteiligten Lehrer fühlten sich sicherer in ihrem Handeln und schätzten die eigenen Kompetenzen viel positiver ein.

„Ich erkenne jetzt viele Symbole aus der Szene”, sagt Frank Böhme, Politiklehrer an einer Berufsschule für Förderschüler in Leipzig. Es sei eine Art Hobby für ihn geworden, an Pinnwänden, Garderoben, Waschbecken und in unauffälligen Ecken seiner Schule nach Aufklebern und versteckten Hinweisen zu suchen. Die zeige er dann dem Hausmeister, damit der dafür sorge, dass„diese Zeichen” schnell verschwinden. Das Projekt habe seinen Blick geschärft und ihn darin bestärkt, keiner noch so unangenehmen Diskussion mehr auszuweichen.„Wir müssen ja auch all jenen, die anders denken, zeigen, dass sie nicht allein sind mit ihrer Haltung. Die brauchen eine Bestätigung, dass es auch andere Menschen gibt, die für Fremde einstehen und sie nicht verachten.”

Eine Illusion bleibe es allerdings, jenen Schüler zu erreichen, der Mitglied einer rechten Kameradschaft und argumentativ so perfekt geschult ist, dass er sich von keinem noch so guten Politik-lehrer von seiner Haltung abbringen ließe. Was an vielen Schulen immer noch fehle, sei ein klarer Rahmen, wie man mit Vorfällen umgehe. Die wenigsten Kollegien seien sich da einig, erzählen Böhme und die anderen Lehrer. Nicht mal eine Hausordnung mit klarem Verbot von Kleidung, Schuhen und Symbolen, die auf eine rechtsradikale Gesinnung hindeuten, ist an den sächsischen Berufsschulen eine Selbstverständlichkeit. „Es gibt immer wieder Lehrer an Schulen, die sagen: Ich unterrichte keine Migranten – und die kommen damit durch”, erzählt Böhme und schüttelt den Kopf. „Dabei sind bei uns die Migranten diejenigen, die wirklich noch was wollen.”

 

Die Beschäftigung mit Rechtsextremismus wird in vielen Kollegien als kontraproduktiv und unnütz wahrgenommen, weil sie der Meinung sind, die wahren Probleme liegen vor allem in der Frage der Migration begründet.
Sebastian Fischer

Wie problematisch die politische Stimmungslage in vielen Lehrerzimmern, aber auch bei vielen Schulleitern ist, zeigt der Abschlussbericht zur Evaluation des Projektes in schonungsloser Offenheit. Die beteiligten Lehrer berichten von Anfeindungen, Diffamierungen durch Kollegen, einige redeten aus Angst vor Ablehnung lange Zeit gar nicht über ihr Engagement.„Die Beschäftigung mit Rechtsextremismus wird in vielen Kollegien als kontraproduktiv und unnütz wahrgenommen, weil sie der Meinung sind, die wahren Probleme liegen vor allem in der Frage der Migration begründet”, sagt Sebastian Fischer. Der Politikwissenschaftler von der Uni Hannover hat Fragebögen ausgewertet, Interviews und -Gruppendiskussionen geführt und schließlich den Abschlussbericht verfasst. Was ihm zu Beginn des Projektes auffiel: Viele Lehrer aus dem Projekt -versuchten eine Auseinandersetzung mit rechts-extremen Schülern zu vermeiden. Ihr Ziel war eher ein „akzeptierender Umgang” mit ausgrenzenden und menschenverachtenden Positionierungen, wobei viele der Meinung waren, erst bei manifestem „Extremismus” intervenieren zu müssen.

Dazu passt auch, dass etliche Lehrer die extremen Standpunkte ihrer Schüler oft als »Ausdruck einer Suche nach Orientierung« erklärten, „als den Versuch der Bewältigung schwieriger Lebenslagen”. Eine solche Wahrnehmung führe dazu, die politische Dimension extrem rechter Positionierungen zu unterschätzen, sagt Fischer. Fast schon verstörend wirkt das fehlende Problembewusstsein, das aus den Aussagen mancher Schulleiter spricht. Einer sagte und so steht es nun auch im Bericht:„Auch ein kleiner Nazi kann ein guter Facharbeiter sein.”

Die Lehrer in Raum 246 reden inzwischen über Zumutungen. Womit kann man die Pädagogen während der Fortbildung inhaltlich konfrontieren, ohne sie anzugreifen, ohne sie zu verschrecken? „Bringt bloß nicht Pegida ins Spiel”, ruft einer in die Runde. „Da bekommt ihr Probleme!” Da fänden sich sofort einige, die sagen: „Ich lauf da mit, aber deshalb bin ich doch kein Nazi!” Also: Pegida thematisieren oder vermeiden? An diesem Montag finden die Lehrer darauf noch keine Antwort.

 

Egal, wie stark dieses Portal am Ende genutzt wird, es führt schon jetzt zu Beklemmung und Selbstzensur in einer sowieso stark verängstigten Lehrerschaft. Wir müssen mit den Lehrern darüber reden.
Rico Behrens

„Was machen wir mit dem AfD-Lehrer-Pranger?”, fragt Rico Behrens. Der Politikwissenschaftler ist der Projektleiter von „Starke Lehrer – Starke Schüler” und heute dabei, um die Fortbildungen mit vorzubereiten. „Müssen wir da nicht auch fragen: Wie spricht man darüber mit seinen Schülern?” Neben Hamburg und Berlin gibt es nun auch in Sachsen eine Melde-Plattform, auf der Schüler Lehrer verpetzen sollen, die sich nicht an das „Neutralitätsgebot” halten, sich einseitig politisch äußern. Lehrer-SOS heißt die Website, auf der die AfD auch dazu aufruft, Fotos an die Meldungen der Vorfälle zu hängen, „denn manchmal sagt das mehr als 1000 Worte”. „Egal, wie stark dieses Portal am Ende genutzt wird”, sagt Behrens, „es führt schon jetzt zu Beklemmung und Selbstzensur in einer sowieso stark verängstigten Lehrerschaft. Wir müssen mit den Lehrern darüber reden.”

Niemand hier in Dresden weiß an diesem Vormittag, wie viele der 70 Berufsschulen in Sachsen sich überhaupt für eine Fortbildung entscheiden werden. Das Kultusministerium jedenfalls will im nächsten Jahr 150.000 und ein Jahr später noch einmal 250.000 Euro investieren, um seine Lehrer sicherer und mutiger zu machen. Einzelkämpfer allein können die politische Kultur an den Schulen allerdings nicht verändern, das hat die Auswertung des Projektes hinreichend gezeigt. Wenn Schulleitung und große Teile des Kollegiums das Thema ablehnen, tut sich nichts. „Vielen Lehrern fiel es schwer, sich in der Schulöffentlichkeit zu engagieren, da Teile des Kollegiums offensiv rechtspopulistische Positionen vertraten und Schulleitungen sich nicht oder nur sehr zurückhaltend zugunsten des Projektes positionierten”, sagt Fischer. Für die Teilnehmer sei das ein „krasser Lernprozess” gewesen, sagt Rico Behrens, der Projektleiter: „Die haben erst mal gemerkt, was überhaupt los ist an ihrer Schule, dass man mit Haltungen aneckt, die nicht dem Mainstream entsprechen.”

Was die Wissenschaftler aus dem Projekt gelernt haben: An den wenigsten Schulen gibt es ein Bewusstsein für den Umgang mit Rechtsextremismus. Und an einigen Einrichtungen gibt es nicht mal demokratische Strukturen. Auch wenn sich diese ernüchternde Auswertung nicht verallgemeinern lässt und nur auf einen minimalen Ausschnitt sächsischer Berufsschulen zutrifft, bleibt die Frage: Wer hat die politische Bildung in Sachsen gerade am nötigsten? Schüler oder Lehrer? Welche Schlüsse folgen aus diesem Projekt? Die Antwort aus dem Kultusministerium: „Klar wurde, dass es ein weiter und steiniger Weg ist, um alle Lehrerinnen und Lehrer für neue Methoden, Ansätze und Prozesse aufzuschließen. Doch der Weg lohnt sich.” Ist das nun Zuversicht oder Hilflosigkeit?

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