Dieser Artikel erschien am 08.09.2018 in der taz
Autor: Manfred Ronzheimer

Freie Schulen : Auch andere im Blick

Schule ist ein sozialer Raum. Das spiegelt sich im Alltag freier Einrichtungen auf unter­schiedliche Weisen wider: mit inter­nationalen Projekten und lokalem Einsatz.

Ein kind gräbt etwas in Erde ein
Freie Schulen haben einen besonderen Ansatz.
©Theodor Barth/RB Stiftung

„Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“ Der bekannte pädagogische Leit­satz bestimmt den Unter­richt der Freien Schulen in besonderer Weise. „Engagiert, sozial & innovativ“, so lauten die zentralen Werte der nicht­staatlichen Schulen in privater oder kirchlicher Träger­schaft. „Wir engagieren uns für gute Bildung, sozial in der Bereit­schaft, unseren Beitrag zu leisten, damit kein Kind verlorengeht, und innovativ, wenn es darum geht, unsere Pädagogik im Blick auf neue Heraus­forderungen weiter­zu­ent­wickeln“, heißt es in der Selbst­beschreibung der Freien Schulen in Berlin.

„Lernen in Vielfalt ist die Voraus­setzung für gute Bildung, denn Menschen wachsen am anderen“, sagt Tobias Zimmer­mann SJ, der Rektor des Canisius-Kollegs. Die Jesuiten­schule in Berlin ist ein Gymnasium, das 820 SchülerInnen aus vielen Ländern besuchen – mehr als 30 Mutter­sprachen werden hier gesprochen – und keines­wegs nur Katholiken. Ein Fünftel sind Protestanten oder stammen aus anderen religiö­sen und welt­anschaulichen Umfeldern. Den Eltern ist es wichtig, dass ihre Kinder in einer Schul­kultur des Respekts und des Dialogs über die Grenzen von Nationen erzogen werden.

Realisiert wird dies unter anderem durch eine Schulpartnerschaft mit Simbabwe. „Wie der Frank­reich­aus­tausch die Freund­schaft der europäischen Nachbarn unter­stützt, so erhält hier eine kommende Gene­ration die Chance, gegen­seitiges Verständnis und Beziehungen über die Grenzen Europas hinaus in einer solidarischen Nach­bar­schaft zu entwickeln“, beschreibt das Canisius-Kolleg ihr Afrika-Projekt. Auch bei der Integration von Flüchtlings­kindern ist die Schule engagiert. Nach Erwerb des deutschen Sprach­diploms konnte eine „Willkommens­klasse“ mit 14 Schülern in vorigen Jahr in den Regel­unter­richt über­nommen werden. Zwei von ihnen haben sogar den ersten und den zweiten Platz des Landes­wett­bewerbs „Jugend debattiert in Will­kommens­klassen“ gewonnen. Ihre Integrations­erfahrungen geben sie im Rahmen einer inter­kulturellen Jugend­gruppe an andere junge Menschen in Flüchtlings­heimen weiter.

An der Kant-Oberschule, einer internationalen Schule mit 2.200 Schülern an drei Standorten im Süden Berlins, prägt das Diktum des Namensgebers – „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ – die Ausbildung zu kritisch denkenden Menschen. „Im Hause Kant ermutigen wir Schüler, Eltern und Lehrkräfte täglich, sich sozial zu engagieren, sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zu stellen und sich im Umgang miteinander respekt- und rücksichtsvoll zu zeigen“, beschreibt die Schule ihren Ansatz.

Ein besonders Projekt ist die seit 2008 bestehende Kooperation zwischen der Kant-Schule und der „Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen“ (Achse). Dabei gelang es der Schul­­gemein­schaft, sich wichtigen gesell­schaftlichen Fragen im Umgang mit­einander zu stellen – ob gesund oder krank, normal oder anders, wurde in einer Bilanz festgestellt. „Für die Schülerinnen und Schüler einer von vielen weiteren Schritten auf dem Weg zu einer toleranten und empathischen Haltung.“

In weiteren internationalen Projekten werden Straßenkinder in Uganda oder ein Waisen­haus in Thailand unter­stützt. Die Ober­schüler der Kant-Schule starten jedes Jahr zum Spenden­lauf, dessen Erlöse dem „Kälte­bus“ der Berliner Stadt­mission zugute kommen. Die Parzival-Schule in Zehlen­dorf ist eine Waldorf­schule mit einem sonder­pädagogischen Förder­schwer­punkt. In den Klassenstufen 1 bis 12 werden rund 140 Schüle­r­innen und Schüler unter­richtet, wobei die menschen­kundlichen Erkenntnisse Rudolf Steiners die pädagogische Grund­lage bilden. „Projekt­arbeit ist an unserer Schule ein elementarer Bestand­teil“, erklärt Schul­leiter Flemming Herre. „Unser Anliegen innerhalb dieser Projekt­zeiten ist es, den Schüler­innen und Schülern in Form von Vor­planung, Durchführung und Reflexion die Möglichkeit zu geben, in ganz­heitli­che Lern­prozesse einzu­tauchen.“

In der künstlerisch und musisch ausgerichteten Schule spielt die praktische Lern­arbeit in Werk­stätten eine besondere Rolle. Hier werden auch Reparaturen für die Schule aus­geführt, im Kräuter­garten wird Unkraut gezupft und Papier auf­gelesen. Die Absicht dahinter: Alle sollen sich verantwortlich fühlen für die Schul­gebäude, die Frei- und Spiel­flächen. Am Ende der Schul­zeit wartet eine besondere Praxis­prüfung: die Weberei, wo an großen Web­stühlen die Unzahl bunter Fäden zu einem sinn­vollen Stoff-Ensemble zusammen­gestrickt werden sollen. „Wer hier durch­hält und am großen Web­stuhl das geplante, angefangene Stück zu Ende bringt“, sagt Herrad Marmon, die Geschäfts­führerin der Parzi­val-Schule, „der hat Großes voll­bracht und ist gut aus­gebildet.“

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