Alemannenschule Wutöschingen : Eine gute Schule braucht keine Klassenzimmer

Offene Lernateliers, viel Tageslicht, helles Holz und sanfte Farben: Der Alemannenschule Wutöschingen ist eine Wohlfühl-Atmosphäre wichtig. Jetzt plant die Preisträgerschule des Deutschen Schulpreises 2019 einen Neubau nach demselben Konzept und arbeitet dafür mit der Gemeinde Hand in Hand. Das Schulportal erklärt, warum eine enge Kooperation unverzichtbar ist – und was Hausschuhe mit der Raumplanung zu tun haben.

Antje Tiefenthal / 03. Juli 2019
Auf dem großzügig gestalteten offenen „Marktplatz“ treffen sich die Lernpartnerinnen und -partner, wie die Schülerinnen und Schüler hier genannt werden, um gemeinsam in kleinen Gruppen zu lernen.
Auf dem großzügig gestalteten offenen „Marktplatz“ treffen sich die Lernpartnerinnen und -partner, wie die Schülerinnen und Schüler hier genannt werden, um gemeinsam in kleinen Gruppen zu lernen.
©Traube47

Die Alemannenschule Wutöschingen ist keine gewöhnliche Schule. Hier ist vieles ganz anders, als man es kennt oder erwartet. Der ersten Besonderheit begegnet man schon an der Eingangstür: Wer die Gemeinschaftsschule betritt, muss als erstes die Straßenschuhe ausziehen. Denn in den Lernhäusern herrscht Hausschuhpflicht.

Besonders ist auch, wie intensiv die Schule mit außerschulischen Partnern zusammenzuarbeitet, um den Schülerinnen und Schülern „bestmögliche Rahmenbedingungen und Lernressourcen bieten zu können.“ Schulleiter Stefan Ruppaner formuliert es so: „Das ganze Dorf ist die Schule.“ Und dieses Dorf ist Wutöschingen, ein kleiner Ort im Süden Baden-Württembergs, nahe der Schweizer Grenze.

Längst ist die Alemannenschule untrennbar mit Wutöschingen verwoben: Das Blasorchester der Schule probt im Keller des Gemeindehauses, die Schülerinnen und Schüler dürfen auch außerhalb der Öffnungszeiten die kommunale Bibliothek nutzen, der Landwirt Florian Burkhard bietet seinen Hof als außerschulischen Lernort an, die Betriebe im Ort helfen bei der Berufsorientierung, und der Supermarkt unterstützt die Schülerfirma. In diesem sozialen Geflecht ist die Alemannenschule das Zentrum des „Lerndorfes Wutöschingen“.

Die Alemannenschule Wutöschingen gestaltet eine anregende Lernlandschaft

Herzstück der Schule sind die Lernhäuser mit ihren unterschiedlichen Räumen. Auf dem großzügig gestalteten offenen „Marktplatz“ treffen sich die Lernpartnerinnen und -partner, wie die Schülerinnen und Schüler hier genannt werden, um gemeinsam in kleinen Gruppen zu lernen. In den kleineren „Input-Räumen“ vermitteln die Lehrkräfte – sie heißen Lernbegleiter – in komprimierten Einheiten den Stoff der Hauptfächer. In den „Lernateliers“ hat jeder Lernpartner ab dem fünften Jahrgang seinen eigenen Arbeitsplatz, um selbstständig zu lernen. Herkömmliche Klassenzimmer? Gibt es nicht.

Otto Seydel, Mitglied des Autorenteams des Grundlagenwerkes „Schulen planen und bauen“, erklärt in einem Vortrag an der Hohenloher Academy das räumliche Konzept der Alemannenschule Wutöschingen.

Und noch etwas ist an den Lernhäusern außergewöhnlich: Sie sind aufwendig und mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Bunte Lampen hängen an der Decke, der Boden ist mit Teppich ausgelegt, die Lernateliers sind von Licht durchflutet und die Möbel aus hellem Holz. „Uns ist die positive Wirkung eines gestalteten Raumes sehr bewusst“, heißt es auf der Website der Alemannenschule, die den Raum als „dritten Pädagogen“ versteht. Ziel ist, dass sich „alle Personen an unserer Schule wohlfühlen und bestmögliche Lern- und Arbeitsbedingungen vorfinden“.

Verbindliche Strukturen erleichtern das Zusammenleben

Im Leitbild der Alemannenschule ist fest verankert, dass jede und jeder seinen Teil dazu beiträgt. Klare Regeln helfen dabei. So darf zum Beispiel auf den Sofas nicht „gechillt“, sondern ausschließlich gelernt werden. In den gesamten Lernhäusern sind Straßenschuhe nicht erlaubt. Denn wer Hausschuhe trägt, der fühlt sich wohl und geborgen. Und in den Lernateliers gilt ein Flüstergebot, damit alle in Ruhe arbeiten können. „Wenn wir möchten, dass still gelernt werden soll, dann muss auch die Umgebung so gestaltet sein, dass sie Ruhe ausstrahlt“, sagt Tanja Schoeler.

Wenn wir möchten, dass still gelernt werden soll, muss auch die Umgebung so gestaltet werden, dass sie Ruhe ausstrahlt.
Tanja Schoeler, Lehrerin an der Alemannenschule Wutöschingen

Die Lehrerin ist seit 2011 an der Alemannenschule, die zu jener Zeit noch eine verbundene Grund- und Werkrealschule war. Damals sah die Zukunft der weiterführenden Schule alles andere als rosig aus: Laut einer Studie sollte es spätestens 2017 nicht mehr genug Anmeldungen geben, um eine fünfte Klasse als Eingangsstufe bilden zu können. Um das drohende Aus abzuwenden, stellte die Schule 2011 kurzfristig einen Antrag auf Anerkennung als Gemeinschaftsschule. In dieser jungen Schulform lernen alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam – aber auf unterschiedlichen Niveaus. Die Alemannenschule überzeugte Kultusministerium und Schulamt.

Die Alemannenschule ist heute eine Leuchtturmschule – bald mit gymnasialer Oberstufe

Inzwischen ist die Alemannenschule mit ihrem innovativen Konzept des gemeinsamen und selbstständigen Lernens so erfolgreich, dass sie weit über die Grenzen ihres Bundeslandes hinaus bekannt ist und zu den Preisträgern des Deutschen Schulpreises 2019 gehört. Die Erfolgsgeschichte geht weiter: Ab kommendem Herbst bietet die Alemannenschule als eine von nur drei Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg eine gymnasiale Oberstufe an.

Damit 2022 die ersten Abiturprüfungen abgelegt werden können, braucht die Schule dringend mehr Platz. Ein Neubau soll die nötigen räumlichen Voraussetzungen schaffen. Lehrerin Tanja Schoeler koordiniert das ambitionierte Vorhaben: „Wir sind mitten in der heißen Phase der Planung. Spätestens im Herbst 2020 muss der Neubau stehen.“

Ein Schulneubau erfordert Expertise, Teamwork und ein Gespür für das richtige Timing

Tanja Schoeler hat von Anfang an den Schulentwicklungsprozess begleitet und weiß genau, worauf es ankommt, wenn man individuelles Lernen und Raumgestaltung zusammenbringen will. Im Idealfall werden die Räume so geplant, dass sie an die Bedürfnisse der Lernenden und der Unterrichtskonzepte anpasst sind und nicht umgekehrt. Damit dies auch wirklich geschieht, müssen auch die ausführenden Architekten die neue Art des Lernens verstehen und wissen, welche Anforderungen die Räume erfüllen müssen.

Der Bürgermeister versteht unser Lernprinzip besser, als manch anderer.
Tanja Schoeler, Lehrerin an der Alemannenschule Wutöschingen

Neben zwei Architekten sind viele weitere Akteure daran beteiligt, den Neubau zu planen: die Schulleitung, der Bürgermeister Georg Eble stellvertretend für die Gemeinde, eine Innenarchitektin, der Schweizer Pädagoge Peter Fratton als externer Schulentwickler und ein Team aus gymnasialen Lehrkräften, das die Konzeption der gymnasialen Oberstufe vorantreiben soll. Es ist Tanja Schoelers Aufgabe, „die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt zusammenzubringen“. Sie muss entscheiden, wann zum Beispiel die Perspektive der Architekten und wann die der Lehrkräfte nötig ist. Eine kleine Herausforderung sei es etwa, den Chemieraum zu gestalten. Die Lernenden müssen spezielle Arbeitsschuhe tragen – das bedeutet, dass sie Platz benötigen, um ihre Hausschuhe ausziehen und ablegen zu können.

Die Gemeinde unterstützt, dass die Alemannenschule den Neubau rechtzeitig fertigstellen kann. „Es ist extrem wichtig, dass wir auch an dieser Stelle eng zusammenarbeiten. Anders geht es gar nicht“, sagt Tanja Schoeler und fügt hinzu: „Der Bürgermeister hat von Anfang an unser Lernprinzip durchdrungen und sich dafür eingesetzt. Er versteht es besser, als manch anderer.“

Auf einen Blick

  • Die Alemannenschule Wutöschingen in Baden-Württemberg ist Preis­träger des Deutschen Schulpreises 2019.
  • Mehr als 600 Kinder und Jugendliche besuchen die Gemeinschaftsgrundschule, die bis 2011 noch eine Grund- und Werk­real­schule war.
  • In der Laudatio der Jury heißt es über die Preisträgerschule: In Wutöschingen ist „ein öffentlich wahr­nehmbarer Lern­raum entstanden, in dem sich aus­gezeichnet beobachten lässt, wie Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihrem gemeinsamen Lernen auf die Spur kommen und sich dabei ohne Angst auf eine ungewisse Zukunft einlassen“.
  • Lesen Sie hier das Porträt der Alemannen­schule Wutöschingen.