16 Jahre Deutscher Schulpreis : „Schulen sind sehr eigenständige und eigenwillige Gefüge“

Seit 2006 vergeben die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung den Deutschen Schulpreis – ebenso lange ist der Erziehungswissenschaftler und Bildungsforscher Michael Schratz von der Universität Innsbruck Jurymitglied des Deutschen Schulpreises und seit vielen Jahren auch Sprecher der Jury. Mit der 16. Verleihung des Deutschen Schulpreises am 28. September 2022 gibt er den Stab weiter. Im Interview mit dem Schulportal blickt er zurück auf 16 Jahre Deutscher Schulpreis, auf das, was Schulpreisschulen auszeichnet, und auf überraschende Momente bei Schulbesuchen.

Annette Kuhn 21. September 2022
Michael Schratz mit Schülern
Jury-Sprecher Michael Schratz hat viele Auslandsschulen besucht - wie hier die Deutsche Schule La Paz in Bolivien.
©Robert Bosch Stiftung/Stefan Schott
Jury Schratz bei der Jurysitzung
Als Sprecher der Jury - hier bei einer Jurysitzung 2014 - war es ihm immer wichtig, dass das Gremium zu Entscheidungen kommt, die von allen getragen werden.
©Tobias Bohm
Michael Schratz am Tisch beim Spielen
Michael Schratz testet das „Planspiel Gute Schule", das Alexandra Bär und Thomas Ahnfeld 2018 als Lehramtsstudierende entwickelt haben.
©Robert Bosch Stiftung

Deutsches Schulportal: Welchen Beitrag hat der Deutsche Schulpreis bislang geleistet, um Schulentwicklung voranzubringen?
Michael Schratz: Der Schulpreis hat vor allem die Qualitätsdebatte, was eine gute Schule ist, vorangebracht. Es gab früher kaum Vergleiche zwischen einzelnen Schulen oder Schulformen, schon gar nicht über Ländergrenzen hinweg. Als dann mit der Jahrtausendwende die globalen Vergleichsstudien wie PISA kamen, waren diese Vergleiche stark statistisch definiert, es ging vor allem um Output-Orientierung. Der Schulpreis hat hingegen versucht, Qualität mehrdimensional zu erfassen, und sechs Qualitätsbereiche formuliert. Denn wenn man Leistung nur auf die Ergebnisse von Tests und Klassenarbeiten reduziert, wäre das ein sehr enges Bildungsverständnis. Es zählen ebenso der Umgang mit Vielfalt und Verantwortung. Gelebte Verantwortungskultur beginnt in der Schule.

Im aktuellen Wettbewerbsjahr hat der Schulpreis den Fokus vor allem auf die Unterrichtsqualität und Unterrichtsentwicklung gerichtet – warum?
Die Unterrichtsqualität stand beim Deutschen Schulpreis schon immer im Zentrum. Durch die Pandemie hat sich das Verständnis von Unterricht verändert, weil Schülerinnen und Schüler lange Zeit nicht mehr in der Schule waren. Bis dahin war Unterricht vor allem das, was im jeweiligen Schulstundenrhythmus im Klassenzimmer stattgefunden hat. Das hat zu eingefahrenen Routinen geführt mit allen Problemen, die damit zusammenhängen. Durch die disruptiven Erfahrungen stellt sich mehr denn je die Frage, was eigentlich Unterricht ausmacht. Unterricht ist nicht nur das, was zwischen vier Wänden stattfindet, sondern alles, was ganzheitlich zu einem Bildungsprozess beiträgt. In Pausen lernen Kinder und Jugendliche, sozial miteinander umzugehen. Oder Teile des Curriculums lassen sich auf einem Acker oder im Wald durchführen. Früher lief das eher unter Exkursion oder Projekt, heute sind außerschulische Lernorte zu einem konstitutiven Element der Aneignung von Welt geworden.

Preisverleihung Deutscher Schulpreis 2022

  • Die Preisverleihung für den Deutschen Schulpreis 2022 findet am 28. September 2022 in Berlin statt.
  • 15 Schulen sind für das Finale nominiert. Im Rahmen der Preisverleihung erfahren die Delegationen der nominierten Schulen, wer die fünf begehrten Preise erhält. Bundeskanzler Olaf Scholz überreicht den Hauptpreis.
  • Die Veranstaltung wird am 28. September von 12.30 bis 14 Uhr im Livestream übertragen.

Welche Strahlkraft hat der Deutsche Schulpreis?
Es geht nicht nur um die Auszeichnung der besten Schulen, sondern auch darum, zu zeigen, wie man eine gute Schule werden kann und wie Schulen voneinander lernen können. Ziel ist es, Schulentwicklung öffentlichkeitswirksam voranzubringen. Und der Schulpreis setzt auch bildungspolitische Signale.

Können Sie das näher erläutern?
Es gibt weltweit drei globale Ziele, die von zentraler Bedeutung sind. Das sind die Schüler*innenleistung, Chancengerechtigkeit sowie Well-Being. Bei uns ist Letzteres noch wenig im Bewusstsein. Dabei geht es um mehr als Gesundheit. Man glaubt oft, eine zusätzliche Sportstunde oder ein gesundes Essen würden reichen. Aber das greift zu kurz. Es geht bei Well-Being um ein ganzheitliches, mentales Wohlbefinden der Einzelnen, auch in Hinblick auf gesamtgesellschaftliches Wohlergehen. Die Pandemie hat deutlich gezeigt, wie wichtig gerade diese mentale Gesundheit ist. In anderen Ländern ist das schon viel früher ins Bewusstsein gerückt, da ist Well-Being kein En-passant-Thema, sondern ein zentraler Teil der Qualitätsentwicklung von Schulen.

Es ist wie bei einem Konzert: Da spielen Dirigent:innen eine große Rolle – ohne Orchester aber entsteht kein Klang.

Was brauchen Schulen, um sich entwickeln zu können?
Bei jeder Innovation gibt es drei wichtige Aspekte, die zusammenspielen: die Bereitschaft, die Fähigkeit und die Möglichkeit. Zunächst stellt sich die Frage, ob jemand überhaupt bereit ist, sich auf etwas Neues und Unbekanntes einzulassen. Diese Bereitschaft entsteht manchmal auch erst in Krisen. Nicht selten haben sich Preisträgerschulen aufgrund krisenhafter Ereignisse zur Exzellenz entwickelt.

Dazu kommen die Fähigkeiten, zum Beispiel im Umgang mit neuen Technologien. Die Schulschließungen haben digitale Grundkompetenzen der Lehrerschaft erforderlich gemacht, was Fortbildungsmaßnahmen flächendeckend erst in Jahren erreicht hätten. Der Schulpreis hat gezeigt, wie es Schulen gelungen ist, in dieser herausfordernden Situation Kompetenzen zu erwerben.

Bereitschaft und Fähigkeiten allein sind nicht genug, es braucht auch Möglichkeit, sie zu leben. Wenn ich von einer Preisträgerschule berichte, an der die Schülerinnen und Schüler für einen Tag die Schule übernehmen, sehen viele darin keine Möglichkeit, sondern ein Risiko: „Was passiert, wenn etwas passiert?“ Die Grenzen sind oft im eigenen Kopf. Aber der Schulpreis vermag durch diese Beispiele Erfahrungsräume zu öffnen.

Was zeichnet eine Schule aus, die sich auf den Weg macht und Schulentwicklung voranbringt?
Schulen sind sehr eigenständige und eigenwillige Gefüge, die gewachsen sind in einer bestimmten Kultur, in einem bestimmten Umfeld. Daher können Schulen auch auf sehr unterschiedliche Weise erfolgreich arbeiten. Bedeutsam für das Gelingen ist dabei die Schulleitung, wie sie Führung teilt, wie viel Freiraum sie gibt, welche Vertrauenskultur sie schafft und wie viel Mut sie aufbringt, die Grenzen der Möglichkeiten nicht zu eng zu setzen.

Es ist wie bei einem Konzert: Da spielen Dirigent:innen eine große Rolle – ohne Orchester aber entsteht kein Klang. Und manchmal wird nach Noten gespielt, doch oft benötigt es die Improvisation und Variationen eines Themas, um Leidenschaft und Neues entstehen zu lassen.

Ich habe es vermieden, Entscheidungen durch Abstimmungen herbeizuführen, denn reine Mehrheitsentscheidungen sind nicht Ausdruck eines gemeinsam getragenen Qualitätsverständnisses.

Wie einigt sich die Jury auf Schulen, die sie besucht und auszeichnet?
Den Entscheidungen gehen oft lange Diskussionen voraus, die sich auch mal festbeißen können. Da war es als Jury-Sprecher meine Aufgabe, diese Diskussionen immer wieder nach vorne zu bringen. Und mir war es immer wichtig, dass Entscheidungen nicht dadurch zustande kommen, dass die einen sich durchsetzen und die anderen nachgeben, sondern durch eine Einsicht, die dann von allen getragen wird. Daher habe ich es vermieden, Entscheidungen durch Abstimmungen herbeizuführen, denn reine Mehrheitsentscheidungen sind nicht Ausdruck eines gemeinsam getragenen Qualitätsverständnisses.

Welche Momente aus den vergangenen 16 Jahren Deutscher Schulpreis werden Ihnen besonders im Gedächtnis bleiben?
Hierzu fallen mir drei Beispiele ein, die mich besonders berührt haben.

Einmal fuhren wir als Jury zu einem Schulbesuch und haben uns auf dem Weg dorthin gefragt, wieso wir diese Schule überhaupt besuchen. Es war eine Krankenhausschule, und keines der Jurymitglieder kannte diese Schulform. Als wir dort waren, waren wir dann alle perplex, was diese Schule leistet. Das hat mir einerseits gezeigt, wie problematisch Erwartungshaltungen sein können, und andererseits, dass es Dinge gibt, die man sich nicht vorstellen kann. Die Schule wurde mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.

Ein anderes Mal haben wir die „Känguruklasse“ für junge Mütter ohne Schulabschluss mit ihren Babys besucht. Das Engagement der Schule, den Mädchen, die bis dahin so wenig Chancen hatten, einen Schulabschluss zu ermöglichen, hat mich tief berührt.

Der dritte Schulbesuch, an den ich immer wieder zurückdenke, war der in der Deutschen Auslandsschule in Johannesburg, die jedes Jahr 20 Kinder aus den Townships durch ein Stipendium aufnimmt. Zu sehen, wie diese Kinder dadurch ihre Selbstwirksamkeit erleben und ganz neue Perspektiven gewinnen, war sehr beeindruckend. Außerdem wären die Schülerinnen und Schüler der deutschen Schule wohl nie mit den Kindern aus den Townships in Kontakt gekommen, wenn diese Schule sie nicht aufgenommen hätte. Für diese Schule ist das ihr Beitrag für gelebte gesellschaftliche Verantwortung.

 

Zur Person

  • Der österreichische Erziehungswissenschaftler und Schulpädagoge Michael Schratz ist Gründungsdekan der School of Education an der Universität Innsbruck.
  • In seiner Arbeit fokussiert sich Michael Schratz auf die Schulentwicklung und die Professionalisierung von Führungspersonen im Bildungsbereich.
  • Als hochkarätiger Experte aus der Wissenschaft ist er seit Beginn Mitglied der Jury des Deutschen Schulpreises und seit mehr als zehn Jahren deren Sprecher. Mit der Preisverleihung 2022 gibt er den Stab weiter an den Erziehungswissenschaftler Thorsten Bohl von der Universität Tübingen.
  • Für das Schulportal schreibt Michael Schratz regelmäßig Gastbeiträge und beobachtet Entwicklungen in der internationalen Bildungslandschaft.