Jugendliche in Schleswig-Holstein : Zu viel Kontakt zu Nazis

In Schleswig-Holstein haben 6.200 Jugendliche ein rechtsextremes Weltbild. Das geht aus einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts hervor.

Dieser Artikel erschien am 05.12.2019 in der taz
Andreas Speit
Erreichen 35 Prozent der Jugendlichen im Norden: Rechtsradikale – hier 2016 in Bad Oldesloe
Erreichen 35 Prozent der Jugendlichen im Norden: Rechtsradikale – hier 2016 in Bad Oldesloe
©dpa

In Schleswig-Holstein suchte die rechtsextreme Szene im vergangenen Jahr nicht oft die breite Öffentlichkeit. Es gab kleine Aktionen und klandistine Konzerte. Die Szene strahlt dennoch auch aus – verstärkt auch auf Schüler*innen.

3,1 Prozent der Jugendlichen in Schleswig-Holstein zeigen im Alter von 12 bis 18 Jahren ein „geschlossenes rechts­extremes Welt­bild“, stellt das Kriminologische Forschungs­institut Nieder­sachsen fest. Im Auftrag des Landes­präventions­rats Schleswig-Holstein konnte das Institut 171 Klassen­verbände befragen. Beunruhigender als die kleine Prozent­zahl wirkt die tatsächliche Anzahl von rund 6.200 Jugendlichen.

Anlass zur Sorge ist auch, dass von den 200.104 Einwohner*innen zwischen 12 und 18 Jahren 8,8 Prozent Mitglied in einer „rechten Kameradschaft, Clique oder einer anderen rechte Gruppe“ sind. Jede*r elfte Schüler*in ist demnach in einer dieser Gruppen. Im Land­gerichts­bezirk Flensburg sind gar 13,5 Prozent in der Szene verankert, deutlich mehr als in Lübeck (8,4 Prozent), Kiel (8,0 Prozent) und Itzehoe (7,2 Prozent).

Knapp 35 Prozent der Jugendlichen haben zudem „Kontakt­erfahrungen“. Die drei häufigsten Zugangs­wege, so die Studie, seien dabei Flyer (24,6 Prozent), Internet­seiten von rechten Organisationen und Gruppen (9,8 Prozent) und Rechts­rock (7,0 Prozent). Meist kaum in Medien und Politik verhandelt wird die Relevanz der direkten Kommunikation von Angesicht zu Angesicht. Im Internet findet man aber nur zu den entsprechenden Websites, Portalen und Image­boards, wenn Vor­wissen da ist oder Tipps gegeben werden.

Anhaltender Rechtstrend

Einzelne Werte zu verschiedenen Ressentiments belegen den anhalten Rechtstrend: 15,9 Prozent sind muslim­feindlich eingestellt, 15,3 Prozent stimmen ausländer­feindlichen Positionen zu. 14,5 Prozent hegen chauvinistische und 13,8 Prozent sozial­darwinistische Einstellungen. In diesem Kontext ist es nur konsequent, dass 38,9 Prozent abwertend über Hartz-IV-Empfänger*innen denken, 12,9 Prozent negativ gegen Obdach­lose eingestellt sind und 6,2 Prozent Menschen mit Behinderungen abwerten. Homophobe Einstellungen haben 9,4 Prozent und sexistische Vorstellungen 5,6 Prozent.

Die Untersuchung zeigt also die Relevanz des sozialen Umfeldes für diskriminierendes Verhalten und entsprechende Einstellungen. Besteht ein Kontakt zur Szene, nehmen Hass und Hetze zu. Sind die Eltern, beste*r Freund*in und Klassen­lehr*innen selbst voller Vor­urteile, verstärken sich die rechten Einstellungen. Die Autor*innen der Untersuchung betonen, dass ein Ausbau der Präventions­arbeit für Toleranz, Empathie und Demokratie dringend geboten sei.