Leitfaden : Youth Mayors: Wie Jugendliche ihre Stadt verändern können

Wie können Kinder und Jugendliche Veränderungen in ihren Städten und Gemeinden anstoßen? Wie planen sie ein Projekt, und wie verschaffen sie sich Gehör in Politik, Wirtschaft und Verwaltung? Das lernen Schülerinnen und Schüler mithilfe des Leitfadens „Youth Mayors“ –Jugendbürgermeister. Schritt für Schritt wird hier beschrieben, wie sie Probleme in der Familie, in der Schule oder Stadt identifizieren und Lösungen in ihrem Wohnort für diese finden können. Erarbeitet und erprobt wurde der Leitfaden in einem Netzwerk verschiedener internationaler Schulen.
Felicitas Wilke 17. Februar 2021
Zwei Hände mit der Aufschrift our future in our hands
Mit dem Leitfaden "Youth Mayors" lernen Schülerinnen und Schüler, sich in Politik und Wirtschaft für ihre Projekte Gehör zu verschaffen.
©Hendrik Schmidt/dpa

Die norwegische Hauptstadt Oslo hat Parkplätze zu Fahrradwegen umgestaltet, um die Stadt sauberer und lebenswerter zu machen. Und in Barcelona können die Bürgerinnen und Bürger über eine digitale Plattform die Zukunft ihrer Stadt mitbestimmen. „Nicht nur Regierungen können Veränderungen vorantreiben. Oft sind es die Städte selbst, die das Leben der Menschen vor Ort verbessern“, sagt Jennifer Brandsberg-Engelmann, Lehrerin an der Strothoff InternationalSchool (SIS) in Dreieich bei Frankfurt. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Rosica Koleva und Julia Campbell hat sie in den vergangenen anderthalb Jahren den „Youth Mayors Field Guide“ mitentwickelt – und mit insgesamt 32 Schülerinnen und Schülern in die Praxis umgesetzt.

Die Idee kommt vom United World College (UWC) in Maastricht

 

Die Jugendlichen lernen, wie sie in ihrem engsten Umfeld – in der Familie, in der Schule oder am Wohnort – kleine und große Probleme identifizieren und Lösungen dafür entwickeln können. Die Idee stammt vom United World College (UWC) im niederländischen Maastricht, weiterentwickelt wurde es mit Erasmus-Fördergeldern der EU. Die Strothoff International School gehört neben den UWC-Schulen in Maastricht, in Freiburg, im norwegischen Flekke und der International School of Brussels zu den Schulen, die den Leitfaden zusammen erarbeitet haben. Im November 2019 trafen sich die Lehrkräfte in Maastricht, lernten einander kennen und brainstormten. Sie kamen zu dem Schluss, dass Methoden wie Design Thinking, Systemdenken oder das Donut-Modell dabei helfen können, ganz praktische Probleme zu lösen.

Auch virtuell lassen sich Projekte in der Gemeinschaft anstoßen

 

Zurück an den Schulen, schrieben die Lehrkräfte am Leitfaden, entwickelten vier Phasen und 15 Module, wie man Probleme erkennt, eine Lösung sucht, Maßnahmen ergreift und sie letztlich aus dem direkten Umfeld auf eine höhere Ebene übertragen kann. Dabei stellte die Pandemie sie vor ungeahnte Herausforderungen: „Plötzlich befassten wir uns mit gemeinschaftsorientierten Projekten in einer Zeit, in der die Menschen von der Gemeinschaft abgeschnitten waren“, sagt Rosica Koleva, Lehrerin an der SIS. „Also haben wir reagiert und uns immer auch gefragt: Können wir auch Fallstudien entwickeln, die sich virtuell oder unmittelbar im eigenen Haushalt realisieren lassen?“

Es klappte. Die am Projekt teilnehmenden Schülerinnen und Schüler setzten sich zunächst im Unterricht mit dem Leitfaden und den darin enthaltenen Theorien und Herangehensweisen auseinander, dann machten sie sich an die Umsetzung – zum Beispiel im Projektteam von Jennifer Brandsberg-Engelmann, in dem es um Nachhaltigkeit geht. Einer der 15 Schülerinnen und Schüler, die in ihrem Team eine Lösung für ein Problem sucht, ist Max Marka. Der Elftklässlerfand, dass seine Familie zu viel Müll verursacht – wie so viele andere Haushalte auch. Er entschied sich dafür, die Menge an Plastikmüll deutlich zu senken.

Schüler startet mit Youth Mayors Projekt, um Menge an Plastikmüll zu senken

 

Über mehrere Wochen hinweg analysierte er, wie viel Plastikmüll er und seine Familie produzieren, wog die Mengen und teilte den Müll in Kategorien wie Milchverpackungen oder Snacks auf. Sein Ehrgeiz, etwas zu verändern, war gepackt. „Ich hatte das Problem erkannt und hätte am liebsten direkt nach Lösungen gesucht“, sagt Max. Doch dann erinnerte er sich an das Eisberg-Modell, das er im Unterricht kennengelernt hatte: Manchmal sieht man nur die Spitze des Eisberges, aber nicht die Schichten, die darunter liegen – also mögliche Gründe, die das Problem zu einem Problem machen. „Wenn man sich in eine mögliche Lösung stürzt, ohne das Problem ganz genau identifiziert zu haben, besteht die Gefahr, dass man dabei etwas Wichtiges übersieht“, sagt Brandsberg-Engelmann.

Wenn man sich in eine mögliche Lösung stürzt, ohne das Problem ganz genau identifiziert zu haben, besteht die Gefahr, dass man dabei etwas Wichtiges übersieht.
Jennifer Brandsberg-Engelmann, Lehrerinder Strothoff International School (SIS)

Also tauchte Max noch tiefer ins Problem ein. Er las, wie sich Müll grundsätzlich recyceln und Plastikmüll vermeiden lässt. Er ging mit seinen Eltern in den Supermarkt und achtete darauf, zu welchen Produkten sie dort griffen und was überhaupt dort angeboten wurde. „Dabei habe ich zum Beispiel gemerkt, dass unser Supermarkt keine Milch in Glasflaschen anbietet“, erzählt er. Als er die Verhaltensmuster und Hürden identifiziert hatte, die hinter dem Problem lagen, machte er sich an die Lösung. Er fing an, selbst zu backen, statt einzeln verpackte Süßigkeiten zu kaufen. „Das hat sogar viel Spaß gemacht“, sagt Max. Und er machte sich auf den Weg nach Frankfurt zum nächstgelegenen Unverpackt-Laden, kaufte dort Mandeln und produzierte seine eigene Mandelmilch.

Einen Unverpackt-Laden im eigenen Wohnort ansiedeln

 

Es gelang ihm, die Menge an Plastikmüll um 14 Prozent zu reduzieren, Monate später backt er immer noch regelmäßig. Doch er merkte auch: Nicht jede Veränderung ist alltagstauglich. Jedes Mal nach Frankfurt zu fahren, um dort im Unverpackt-Shop einkaufen zu gehen, jedes Mal die Mandeln einzuweichen, das ist aufwendig. „Es ist als Konsument total schwierig, Veränderungen voranzutreiben, weil viele Lebensmittelproduzenten alles einzeln einwickeln und es Unverpackt-Läden nur in großen Städten gibt“, sagt Max.

Doch ans Aufgeben denkt er nicht. Inzwischen ist er auf den Stadtrat seiner Heimat in der Nähe von Frankfurt zugegangen und hat angeregt, auch dort einen Unverpackt-Laden anzusiedeln. Außerdem hat er einen Zero-Waste-Unternehmer aus der Region angesprochen, ob dieser nicht in seiner Stadt einen Unverpackt-Laden eröffnen wolle. Genau das mache die Idee rund um den „Youth Mayors Field Guide“ aus, sagt Lehrerin Julia Campbell: „ Es geht darum, im gewohnten Umfeld zu beginnen und die erlernten Fähigkeiten später im überregionalen, nationalen oder sogar globalen Rahmen zu nutzen.“