Sexuelle Übergriffe durch Lehrer : Wollen wir nackt schwimmen, fragte ihr Lehrer

Er bittet sie, ihren Freund zu verlassen, tanzt mit ihr Walzer im Kunstunterricht, lädt sie zu sich nach Hause ein. Sie war 16, er 48 und ihr Lehrer. Bis sie sich wehrt.

Dieser Artikel erschien am 24.10.2021 auf ZEIT Online
Linda Tutmann
Schülerin
Wo beginnt eine Grenzüberschreitung? Nicht immer ist das den Schülerinnen und Schülern klar.
©iStock

Wann war eigentlich der Moment gekommen, an dem sie wusste: Es geht nicht mehr? Als er ihr sagte, dass er ohne sie nicht unterrichten könne? Oder als er sie fragte, ob sie ihn nicht heiraten wolle – weil er ihr doch so viel mehr bieten könne als ihr Freund? Einen Beamtenstatus zum Beispiel, Geld und Sicherheit. Irgendwann, erzählt sie, hatte sie wirklich Angst vor ihm bekommen. Vor ihm, ihrem Klassenlehrer.

21 Jahre später sitzt Lara Bachmann* (Name geändert) in einem Café in der Hamburger Innenstadt, draußen hasten die Fußgänger vorbei, drinnen sucht sie nach Worten für eine Geschichte, über die sie bisher kaum gesprochen hat. Bachmann, eine energische Frau, 37 Jahre, die gerne lacht, ist mittlerweile selbst Lehrerin geworden. Am Vormittag hatte sie noch mit ihren Schülerinnen und Schülern über das Thema Streiten diskutiert, wie sieht ein guter Streit aus – und wie findet man eine gemeinsame Lösung? Jetzt möchte sie darüber reden, wie ihr Lehrer – sie stockt, sucht wieder nach Worten: Wie soll sie es beschreiben: sie stalkte, sie bedrängte, ihr nachstellte?

Sie möchte ihre Geschichte erzählen, auch weil sie überzeugt ist, dass Schülerinnen und Schüler heute noch immer zu oft alleine gelassen werden, wenn Lehrer oder auch Lehrerinnen Grenzen übertreten, mit Worten oder auch körperlich.

Vor drei Monaten veröffentlichten wir einen Leseraufruf auf ZEIT ONLINE: „Haben Sie sexuelle Gewalt durch einen Lehrer oder eine Lehrerin in der Schule erlebt?“, fragten wir. Und erhielten über 300 Zuschriften. Zu einem sehr großen Teil stammten sie von Frauen, manchmal waren die Übergriffe, die sie erlebt hatten, verbal, manchmal auch körperlich. Sie alle eint, dass sie nicht einvernehmlich passierten.

Mein Englischlehrer in der 7. Klasse schaute immer auf meine Brust, wenn er mit mir sprach. Eines Tages drängelte er sich auf der Treppe an mir vorbei und legte dabei beide Hände auf meine Brüste. Er sagte „Upps!“, lächelte und ging weiter. (Nicole F., Lübeck)

Der Schulleiter meines Gymnasiums pflegte sich bei Unterrichtsbesuchen in die letzte Reihe zu setzen, ein Mädchen neben sich zu rufen und den Arm um sie zu legen. Niemand hat das je abgelehnt oder angesprochen. Die Lehrer schauten nur irritiert. (Hannah S., Thüringen)

Mich hat ein Lehrer auf der Klassenfahrt am Po angegriffen und anschließend auf der Rückfahrt vor allen Schulfreund*innen sexualisiert. Ich wurde auch generell bevorzugt und mit sexualisierenden und objektivierenden Kommentaren versehen. (M., Hessen)

Es ist ein Thema, über das auch in der Öffentlichkeit nicht viel geredet wird. Es gibt keine exakten Zahlen darüber, wie oft Lehrkräfte übergriffig werden – klar ist nur: Sie tun es. An die Öffentlichkeit gelangen die Berichte nur in Ausnahmen und nur bei großen Skandalen, wie die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule, am Canisius-Kolleg und zuletzt an der Staatlichen Ballettschule in Berlin. Experten gehen davon aus, dass das nur die Spitzen des Eisberges sind.

Wie kann es sein, dass der Ort, der eigentlich Schutz bieten soll, zum Tatort wird? Diese Frage hat sich Sabine Andresen auch gestellt. Bis September 2021 war sie Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, sie sagt: „Die Aufarbeitung gibt Hinweise, dass strenge autoritäre Strukturen in Schulen sexuelle Gewalt und vor allem auch ihr Vertuschen mit ermöglichen. Auch heute gibt es ein Machtgefälle in der Schule und auch jetzt kann Schule Tatort sein. Es muss deshalb darum gehen, die Rechte von Kindern und Jugendlichen genau hier zu stärken.“

Lara Bachmann, geboren in Tadschikistan, aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, wechselte in der zehnten Klasse von einem Gymnasium an eine Gesamtschule. Dort wurde sie herzlich empfangen. Die Lehrerinnen und Lehrer, die Schüler und Schülerinnen – alle waren neugierig auf sie, so erinnert sie sich heute. Ihre Schilderungen sind, soweit möglich, durch Dokumente belegt. Eine frühere Beratungslehrerin von Bachmann, die damals eingeweiht war, hat Bachmanns Berichte über die Übergriffe gegenüber ZEIT ONLINE bestätigt.

Bachmann zieht Fotos aus ihrer Tasche und legt sie auf den Tisch. Eine schüchterne 16-Jährige, die Haare schwarz gefärbt, das Top kurz, wie man es in den Neunzigerjahren trug. Ein anderes Bild zeigt sie auf der Klassenfahrt, sie sitzt hinten links im Bus, vorne rechts, er. Ihr Klassenlehrer. Schnäuzer, Bauchansatz, kariertes Hemd, ganz normal. Begonnen habe alles eher subtil. Am Anfang nahm er sie ständig dran, lobte sie vor der Klasse. Sie sagt: Es war toll, endlich gehört zu werden, sie war stolz. Auf dem Gymnasium war ihre Herkunft oft ein Thema gewesen, an der neuen Schule hatte sie das Gefühl, endlich dazuzugehören. Sie gehörte schnell zu den besten Schülern in ihrer Stufe, auch das gab ihr neues Selbstbewusstsein. Wenn sie jetzt von ihrem damaligen Lehrer spricht, sagt sie oft: „Ich konnte nicht einordnen, ob sein Verhalten in Ordnung war oder nicht.“

„Du weißt doch, ich mag kräftige Frauen“

Im Kunstunterricht bittet er sie immer wieder, mit ihr Walzer zu tanzen. Sie ist eine gute Tänzerin und hat das Goldabzeichen im Standardtanz. Irgendwann, als er sogar extra Musik mitbringt, gibt sie nach. Sie denkt: „Walzer habe ich auch mit anderen Männern getanzt, die ich nicht kannte.“ Wohl fühlt sie sich nicht dabei, obwohl er ihr nicht näherkommt, als es ein Walzer erlaubt. Einmal steht sie für ihr Essen in der Mensa an. Als die Köchin ihr Soße auftut, steht er plötzlich hinter hier. „Gibt ihr noch eine Kelle, du weißt doch, ich mag kräftige Frauen.“ Bachmann errötet, zieht ihren Teller weg. So erzählt sie es heute. Ein blöder Spruch oder eine Grenzüberschreitung? Bachmann zuckt die Achseln: „Heute würde ich sagen, ja klar, so was geht gar nicht. Aber damals wusste ich es nicht.“

Für Lehrerinnen und Lehrer gelten strenge Regeln. Sie müssen zu ihren Schülerinnen und Schülern Distanz halten, auch sexuelle Anspielungen können zu einem Disziplinarverfahren führen. Eine sexuelle Beziehung zwischen Lehrer und Schülerin wäre auch strafrechtlich relevant, denn sie gilt als Missbrauch Schutzbefohlener, selbst wenn sie einvernehmlich sein sollte.

Auf einer Klassenfahrt fragt er sie, ob sie nicht nachts nackt schwimmen gehen sollen, Bachmann verneint und geht verstört ins Bett. Nach drei, vier Monaten an der Schule versucht sie ihm immer mehr aus dem Weg zu gehen. Sieht sie ihn von Weitem, macht sie einen Bogen um ihn, im Klassenraum verbringt sie möglichst wenig Zeit vor und nach dem Unterricht. Auch ihre Klassenkameraden bemerken die Aufmerksamkeit, die ihr Klassenlehrer ihr schenkt. Ihre männlichen Mitschüler fühlen sich benachteiligt, ihre Freundinnen winken ab. „Ach der.“

Bachmann sagt: Sie haben ihn belächelt und seine Annäherungsversuche nicht ernst genommen. Nur ihr Freund habe immer wieder versucht, sie zu überreden, die Übergriffe zu melden. Doch lange traut sich Bachmann nicht: „Ich hatte selbst das Gefühl dafür verloren, was in Ordnung war und was nicht.“ Und auch: Wohin sollte sie sich wenden? Sie war neu an der Schule, viele Lehrer und Lehrerinnen kannte sie nicht gut genug, um ihnen zu vertrauen.

Bachmann ging in den Neunzigern zur Schule, ein großes Problem seien jedoch bis heute die Haltung und das fehlende Wissen der Lehrer und Lehrerinnen, sagt Sandra Glammeier, Professorin für Heil- und Inklusionspädagogik in der Sozialen Arbeit an der Hochschule Niederrhein. In ihrer Studie Sexualisierte Übergriffe und Schule – Prävention und Intervention, die zwischen 2013 und 2015 erstellt wurde, hat sie die Einstellungen, das Hintergrundwissen und, wie Lehrerkräfte und Lehrerinnen auf Hinweise zu Übergriffen reagieren, abgefragt. „Das Handeln der Lehrer und Lehrerinnen ist geprägt von einer unverhältnismäßig großen Angst, jemanden zu Unrecht zu beschuldigen“, sagt die Wissenschaftlerin. Dabei habe die Praxis gezeigt, dass es sehr selten vorkomme, dass Kinder Lehrer oder Lehrerinnen ohne Grund beschuldigen. In ihren Gesprächen mit Schulleitern und Lehrkräften hörte Glammeier oft: „An unserer Schule kommt so etwas nicht vor.“

Auch im Lehramtsstudium spielt das Thema sexuelle Gewalt kaum eine Rolle. Zwar hat die Kultusministerkonferenz im März 2021 den Ländern empfohlen, eine Fortbildung anzubieten, den Online-Grundkurs Basiswissen sexueller Kindesmissbrauch für Schulen des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs (UBSKM). Aber: Ein großer Teil der Fortbildungen ist freiwillig und die Lehrer dürfen selbst entscheiden, welchen Kurs sie belegen. Auch später im Unterricht hänge es dann sehr oft von den Lehrern und Lehrerinnen ab, ob das Thema aufgegriffen werde, sagt Glammeier.

Als Lehrerin spricht Lara Bachmann heute mit jeder ihrer Klassenstufen über sexuelle Gewalt und andere Grenzverletzungen, erzählt sie. „Nein heißt Nein“ hat sie als Plakat in ihrem Klassenraum aufgehängt. Auch im Unterricht greift sie das Thema immer wieder auf. Wenn sie Goethes Faust lesen, sprechen sie darüber, wie er Gretchens Grenzen übertritt; wenn in der Lyrik das tugendhafte und sanfte Frauenbild propagiert wird, fragt sie, was die Schülerinnen und Schüler heute für ein Frauenbild haben, und sie sprechen darüber, wie wichtig es ist, als Frau nicht nur sanft zu sein, und wie wichtig es ist, auch mal Nein zu sagen. „Ich bin natürlich sehr sensibilisiert“, sagt sie: „Rein statistisch gesehen sitzen aber in jeder Klasse ein bis zwei Schüler und Schülerinnen, die sexuelle Gewalt und Übergriffe erlebt haben, von einem Mitarbeiter oder Lehrer der Schule, oder sehr viel öfter noch von einem Familienmitglied. Darauf werden wir im Lehramtsstudium nicht vorbereitet.“ Das müsse sich endlich ändern.

Bachmann hatte damals Glück, im Laufe des Schuljahres lernt sie die Beratungslehrerin der Schule kennen. „Eine sehr inspirierende Frau“, sagt sie heute. Kurz vor dem Ende des Schuljahres erzählen zwei Mitschülerinnen Bachmann, dass sie auch von dem Lehrer nach Hause eingeladen wurden – und hingegangen sind. Dort hätten sie Martini getrunken – und fluchtartig die Wohnung verlassen, als er einer von ihnen über den Po strich.

„Vielleicht war das der Moment, an dem ich dachte: Ich muss es jemandem erzählen, ich kann nicht mehr schweigen“, sagt Bachmann. Wenige Wochen vor den Sommerferien geht sie zu der Beratungslehrerin in die Sprechstunde – und erzählt ihr von den Übergriffen.

Vielleicht bräuchte es eine MeToo-Bewegung an den Schulen?

Vielleicht bräuchte es eine MeToo-Bewegung an den Schulen, denkt Bachmann heute manchmal. „Wenn ich in meinem Freundeskreis rumfrage, haben viele, auch wenn nicht alle direkt betroffen waren, an ihrer Schule einen Lehrer erlebt, der übergriffig war. Ernsthaft geredet wurde darüber selten“, sagt Bachmann.

Olaf Genthe-Welzel geht noch einen Schritt weiter, er ist Vorsitzender der Bremer Expertenkommission Wenn Lehrer zu Tätern werden: Was die Schulen unbedingt bräuchten, sei externe Unterstützung – schon wenn ein Verdacht aufkomme. Die Kommission ist an das Kultusministerium in Bremen angegliedert und kümmert sich gezielt um Fälle wie die von Bachmann. Sie ist bundesweit die einzige dieser Art. Genthe-Welzel weiß sehr gut: Selbst wenn ein Verdacht auf dem Schreibtisch eines Schulleiters lande, passiere sehr oft nicht viel. Womit Genthe-Welzel und seine Kollegen und Kolleginnen aus der Kommission immer wieder konfrontiert werden und was seine Arbeit extrem erschwert, ist die oft enge Verbundenheit im Lehrerkollegium: „Im Zweifel musst du einen Freund anzeigen“, sagt er. Umso wichtiger sei einmal mehr eine neutrale Instanz von außen.

Bei Bachmann ging es damals sehr schnell. Am Ende des Gespräches bat die Beratungslehrerin sie, die nächsten zwei, drei Tage nicht zur Schule zu kommen. Als sie wieder zurückkommt, hört sie, dass ihr Lehrer an eine andere Schule versetzt wird.

Was aus ihrem Lehrer geworden ist, weiß sie nicht. „Vermutlich hat er an einer anderen Schule weitergemacht“, sagt sie. Auf die Idee, ihn anzuzeigen, kam sie gar nicht. Die Frage sei, sagt sie: Sollte man nicht irgendwann den Beamtenstatus aufheben dürfen? Genthe-Welzel hat es vor vier Jahren das letzte Mal geschafft, einen Lehrer dauerhaft aus dem Beamtenstatus zu entfernen. Lehrer müssen zu einer Gefängnisstrafe von mindestens einem Jahr verurteilt sein, erst dann verlieren sie zwingend ihren Beamtenstatus. Bachmann hört später, dass ihr Klassenlehrer schon vorher von einer anderen Schule an ihre zwangsversetzt worden war.

Einmal noch trifft Bachmann ihn in der Mensa, kurz nach dem Gespräch mit der Beratungslehrerin – heute glaubt sie, dass er auf sie gewartet hat. Dort habe er ihr eine Szene gemacht. Sie angeschrien, dass er so etwas nicht von ihr gedacht hätte, hinter seinem Rücken. Bachmann lässt ihn stehen. Angst hat sie damals keine mehr.