Kinder in der Corona-Krise : „Wir können den Ansturm nicht bewältigen“

Viele Kinder und Jugendliche leiden seelisch unter der Corona-Krise. Doch es dauert Monate, um einen Therapieplatz zu finden. Ein Gespräch mit der Psychologin Marion Schwarz

Dieser Artikel erschien am 01.12.2021 in DIE ZEIT
Jeannette Otto
Mutter beruhigt Tochter
©Getty Images

DIE ZEIT: Frau Schwarz, diese Tage sind geprägt von Rekord-Infektionszahlen, Menschen, die an Corona sterben, und neuen Virusmutationen. Wie wirkt sich das auf die Kinder und Jugendlichen aus, die Sie in Ihrer Praxis behandeln?
Marion Schwarz: Viele haben Angst, dass sich jetzt alles wiederholt. Dass die Schulen, anders als versprochen, wieder schließen, sie noch einmal allein zu Hause sitzen. Dass sie wieder überfordert damit sind, selbstständig und strukturiert zu arbeiten und einen Rhythmus zu finden, dass sie erneut abdriften in stundenlanges Videospielen oder Serienmarathons. Hinzu kommt, wie schon in den letzten Infektionswellen, die Sorge, dass die Oma sterben könnte, dass sie schuld daran sein könnten, jemanden anzustecken.

ZEIT: Oder selbst krank zu werden?
Schwarz: Klar, in diesem Zwiespalt stecken viele. Sie wollen zwar zur Schule gehen, fühlen sich dort aber nicht sicher. Auch die Frage des Impfens beschäftigt viele Kinder und Jugendliche. Sie bekommen die Streitereien in den Familien mit und geraten in echte Konflikte, wenn sie selbst sich impfen lassen wollen, die Eltern oder der Vormund aber dagegen sind.

ZEIT: Studien zeigen, wie stark sich die Erfahrungen der vergangenen 21 Monate bei den Kindern und Jugendlichen in psychischen Erkrankungen niederschlagen (siehe Kasten). Sie arbeiten seit über 30 Jahren als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin – wie erleben Sie die derzeitige Situation?
Schwarz: Die Fälle psychischer Erkrankungen nehmen zu, das sehen wir deutlich. Kinder und Jugendliche reagieren empfindlich und sehr verletzlich auf diese Krise. Die Kolleginnen und Kollegen im ganzen Land melden unserem Verband zurück, dass sich die Anfragen nach Therapieplätzen um das Zwei- bis Dreifache erhöht haben. Oft können wir Therapeuten lediglich Erstgespräche anbieten, zu denen wir in gewissem Umfang verpflichtet sind. Das aber hilft vielen Patienten nicht besonders weiter, weil darauf keine regelmäßige Therapie folgen kann – und sich danach wieder die Frage stellt: Wohin jetzt?

ZEIT: Auf welche Wartezeiten müssen sich Patienten gerade einstellen?
Schwarz: Besonders schlimm ist die Lage in ländlichen Regionen. Wartezeiten von bis zu zwölf Monaten und länger kann man nicht ausschließen. Ich selbst habe im Jahr 2021 keinen einzigen neuen Patienten aufnehmen können. Ich rechne damit, dass das erst wieder im Frühjahr oder Sommer 2022 möglich ist. Das liegt auch daran, dass sich Behandlungen verlängern, weil es zu Rückfällen kommt oder die Symptomatik zunimmt. Wenn zum Beispiel ein ängstlicher, phobischer Jugendlicher fünf Monate zu Hause saß, dann ist es für ihn schwer möglich, den Schalter umzulegen und wieder entspannt zur Schule zu gehen.

ZEIT: Die Politik investiert in den nächsten zwei Jahren zwei Milliarden Euro in ein Corona-Aufholpaket, um Lernrückstände aufzufangen und keine Generation von Bildungsverlierern zu riskieren. Können schulische Defizite auch eine Ursache für psychische Belastungen sein?
Schwarz: Viele Kinder und Jugendliche haben diese Zeit als eine Art Kontrollverlust erlebt. In ihrem Alltag, ihren Beziehungen, schulisch – und auch, was ihre Zukunftsperspektiven betrifft. Wer sich zu Hause nicht so gut strukturieren konnte, kaum Hilfe von den Eltern bekam, für den waren Leistungsprobleme fast unausweichlich. Viele fragen sich: Was wird aus mir? Was soll ich nach meinem Schulabschluss machen? Sie fühlen sich alleingelassen mit ihren Zukunftsfragen. Das Berufspraktikum ist ausgefallen, die Berufsvorbereitung an den Schulen fand kaum statt. Praktika gibt es höchstens im Einzelhandel, wo die Jugendlichen Regale auffüllen dürfen. Das ist eine Verarmung von Lebensperspektiven. Die Jugendlichen können sich kaum ausprobieren, bekommen Absagen auf Bewerbungen für Praktika oder Projekte – und beziehen das negativ auf sich und ihre vermeintlichen Defizite.

ZEIT: Ein bemerkenswertes Studienergebnis, das kürzlich bekannt wurde, zeigt, dass Mädchen zwischen 16 und 19 Jahren mit großen seelischen Belastungen kämpfen. Warum sind gerade sie so verletzlich?
Schwarz: Mädchen neigen oft dazu, in Krisen auf sich selbst zurückzufallen, sich stark zu hinterfragen, an allem zu zweifeln, sich die Verantwortung für kaputte Freundschaften oder Streit in der Familie zu geben. Dabei ist diese Phase zwischen 16 und 19 genau das Alter, in dem sich das Leben nach draußen wendet, weg von den Eltern, in dem man erste sexuelle Erfahrungen macht, Beziehungen eingeht und auch in Freundschaften noch mal Neues ausprobiert. Das alles wurde durch die Corona-Schutzmaßnahmen stark eingeschränkt. Eineinhalb Jahre sind für Heranwachsende eine sehr lange Zeit. Das Zurückgeworfenwerden auf das Elternhaus, der Autonomieverlust – das kann schon zu einer ernsten Einschränkung der psychosozialen Entwicklung führen.

ZEIT: Und wie geht es den Jungs?
Schwarz: Auch die Jungs sind hoch belastet. Allerdings kompensieren sie ihre Ängste ganz anders. Die gehen dann eben ins Netz und spielen exzessiv Ballerspiele. Manche haben sich so in ihrer Welt eingeigelt, denen fehlt nach der Erfahrung des Lockdowns auch jetzt noch die Energie, an die früheren Kontakte und ihr altes Leben anzuknüpfen.

„Die aktuelle Situation muss als Notlage eingestuft werden“

ZEIT: Was passiert mit jenen, die akut in Not sind, aber keine Hilfe bekommen?
Schwarz: Die Versorgungssituation ist sehr unbefriedigend und kann nicht nur die Kinder und Jugendlichen selbst, sondern auch ihre Familien enorm belasten. Wer jetzt ambulant keine Hilfe bekommt, muss eventuell später stationär aufgenommen werden, weil es zu massiven Krisen kommen kann. Wenn beispielsweise Depressionen nicht therapiert werden, kann es zu Selbstmordgedanken kommen. Wenn magersüchtige Mädchen extremes Untergewicht bekommen, bleibt oft nur noch der Weg in die Notaufnahme.

ZEIT: Aber auch die Kliniken sind überlastet.
Schwarz: Ja, auch dort gibt es Wartezeiten. Wir wissen, dass nicht erfolgte Therapien dazu führen können, dass zum Beispiel Jugendliche ihre Ängste anders bewältigen und in eine Drogen- oder Suchtproblematik rutschen. Es kann auch passieren, dass die Konflikte mit Kindern und Jugendlichen so schlimm werden, dass sie zu Hause nicht mehr tragbar sind und vorübergehend in Wohngruppen untergebracht werden müssen. Aber auch dort ist man auf niedergelassene Therapeuten angewiesen, da gibt es also auch keine schnelle Hilfe.

ZEIT: Was müsste die Politik jetzt tun?
Schwarz: Die aktuelle Situation muss als Notlage eingestuft werden. Die niedergelassenen Therapeuten können den Ansturm nicht mehr bewältigen. Der Bedarf an Psychotherapie kann durch die geltenden Zulassungsbeschränkungen nicht gedeckt werden. Es müssen dringend kurzfristige Möglichkeiten geschaffen werden, mehr Therapieplätze anzubieten. Ich selbst habe eine Kollegin in meiner Praxis eingestellt, sie darf aufgrund der geltenden Regeln jedoch nur sehr wenige Stunden arbeiten. Ich müsste also zurückstecken, damit sie mehr Patienten behandeln kann. Das ergibt wenig Sinn, wenn das Ziel sein sollte, in der Summe mehr Kindern ein Therapieangebot zu machen.

ZEIT: Gibt es Hoffnung, dass die neue Koalition das Problem ernst nimmt?
Schwarz: Im Koalitionsvertrag steht zumindest, dass die Versorgung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen verbessert werden soll. Mit welchen Instrumenten das geschehen wird, steht da nicht. Wichtig ist, dass die neue Regierung auch Kinder und Jugendliche in sozial und ökonomisch schwierigen Lagen stärker in den Blick nimmt. Armut und prekäre Lebensbedingungen wirken sich schädigend auf die Gesundheit aus.

ZEIT: Was könnte die Gesellschaft tun, um psychischen Belastungen vorzubeugen?
Schwarz: Diese Krise hat uns gezeigt, dass Kinder und Jugendliche ein zuverlässiges Netz von Menschen brauchen, die sich kümmern und verantwortlich fühlen. Ich denke da an Sozialarbeiter an den Schulen, die seelisches Leiden nicht behandeln, aber für Entlastung sorgen können, auch bei den Eltern. Ich setze mich schon lange dafür ein, dass an den Schulen generell mehr Prävention für psychische Erkrankungen stattfindet. Kinder und Jugendliche sollten darauf vorbereitet werden, dass es auch ihnen passieren kann, an Depressionen, Essstörungen, Ängsten oder selbstverletzendem Verhalten zu erkranken. Und wie wichtig es in solchen Fällen ist, sich schnell Hilfe zu holen.

ZEIT: Wird die Corona-Krise das Lebensgefühl der jungen Menschen langfristig verändern?
Schwarz: Diese Erfahrungen werden Auswirkungen auf die Beziehungsgestaltung und die Beziehungsfähigkeit von Jugendlichen haben. Kontaktreduzierungen und Abstand halten, die Aufforderung, solidarisch zu sein, und die Angst, geliebte Menschen zu verlieren, hat diese Generation schon sehr geprägt. Gleichzeitig haben viele Kinder und Jugendliche erlebt, wie die Konflikte zu Hause zunahmen, ihre Eltern unter Druck gerieten. Viele werden sich jetzt genauer fragen: Auf was und wen kann ich mich noch verlassen? Wie stark darf ich mich öffnen, darf ich Nähe überhaupt zulassen?

Das sagen Studien

Forschungsdaten zeigen inzwischen die Folgen der Corona-Krise für die Gesundheit und Psyche von Kindern und Jugendlichen. So ergaben Analysen des Deutschen Jugendinstituts, dass nach dem ersten Lockdown 35 Prozent der Mädchen und 15 Prozent der Jungen zwischen 16 und 19 Jahren in Selbsteinschätzungen depressive Symptome beschreiben – bezogen auf beide Geschlechter ein Anstieg von zehn (2019) auf 25 Prozent (2020). Die Längsschnittstudie Copsy ergab, dass zum Befragungszeitpunkt Anfang 2021 fast jedes dritte Kind zwischen sieben und 17 Jahren unter psychischen Auffälligkeiten litt.