Corona-Pandemie : Wie Luxemburg seine Schulen offen hält

Das Großherzogtum ist ein Corona-Hotspot mit hohen Infektionszahlen – doch die Schüler sollen darunter nicht leiden. Es gibt viele Tests, Klassen werden isoliert, der Präsenz­unterricht geht weiter. Ein Modell für Deutschland?

Dieser Artikel erschien am 09.12.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Zenthöfer
Schüler mit Maske
Schüler Mitte September in Luxemburg: Auch im Großherzogtum ist die Frage, welche Rolle die Schulen im Infektionsgeschehen haben, umstritten.
©Getty Images

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie hat Luxemburg für seine Schulen ein Stufenmodell eingeführt, dieses allerdings mit einem Test­programm verknüpft. So konnten bislang pauschale Schul­schließungen vermieden werden. Kernelement des Modells ist die Testung aller Personen, die mit einem positiv getesteten Schüler in Kontakt waren. Dafür kommt sechs Tage nach dem letzten Kontakt ein Team vom Gesundheitsamt an die Schule. In der Zwischen­zeit wird die Klasse in der Schul­gemeinschaft isoliert und funktioniert weiter. Erst bei mehreren positiven Fällen wird in den Distanz­unterricht gewechselt.

Luxemburg hatte seine Schulen im Frühjahr für mehrere Wochen pauschal auf Distanz­lernen umgestellt. Das Modell funktionierte, wie in Deutschland, mehr schlecht als recht. Der Lernerfolg war noch deutlicher als sonst vom Engagement der Eltern abhängig. Manche Schüler wurden gar nicht erreicht; einige Familien mussten von den Behörden mit technischer Infra­struktur ausgerüstet werden. Die zentralen Prüfungen am Ende der sechsten Klasse, die über die Orientierung in die weiter­führende Schule entscheiden, fielen aus. All dies möchte Bildungs­minister Claude Meisch diesmal vermeiden. Der an der Universität Trier in Wirtschafts­mathematik diplomierte Liberale kämpft dafür, dass das Programm an den Bildungs­einrichtungen so normal wie möglich weiter­läuft.

Jeden Tag wird jede Schule analysiert

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn Luxemburg ist weiterhin ein Corona-Hotspot. Die 7-Tage-Inzidenz liegt bei 580 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, also fünf Mal höher als etwa im benachbarten Saarland und so hoch wie im deutschen Spitzen­land­kreis Regen in Bayern. Zwar testet Luxemburg mehr als andere Länder, aber dieses „Large Scale Testing“ erfasst nur 15 Prozent der nach­weislich Infizierten. Im November sind mehr Menschen an Covid-19 gestorben als zwischen März und Oktober insgesamt. Auf den Intensiv­stationen wurde die Pflege­intensität herunter­gesetzt. Meisch will mit wöchentlich veröffentlichten Statistiken zeigen, dass Schulen keine Infektions­herde sind. Ein „Comité de pilotage“ (Lenkungs­aus­schuss) analysiert täglich das Geschehen an jeder einzelnen Schule und ordnet es in vier Stufen ein. Bisher sei die vierte Stufe, die wegen einer fest­gestellten Infektions­kette zu einer Distanz­beschulung führt, nur ganz selten eingetreten. Ein Grund dafür waren allerdings auch die Aller­heiligen­ferien. Sie wirkten womöglich als Wellen­brecher.

Doch an den Statistiken gibt es auch Kritik. Denn sie zeigen nur aggregierte Zahlen für das gesamte Land. Das Ministerium verzichtet darauf, einzelne Schulen offen oder anonymisiert und damit lang­fristig vergleichbar anzuzeigen. Unklar ist, zu welchen Zeitpunkt eine Schule etwa von Stufe 3 auf 4 wechselt. Die Öffentlichkeit kann auch nichts über den Verlauf einzelner Infektions­herde erfahren. Zudem gibt es Interpretations­spiel­räume: Sind mehrere Fälle an einer Schule nur Einzel­fälle oder schon eine Infektions­kette? Die Tages­zeitung „Luxemburger Wort“ veröffentlichte eine eigene Auswertung und kam zum Schluss, dass der Anteil positiv getesteter Schüler genauso hoch sei wie der Anteil positiv Getesteter in der Gesamt­bevölkerung. Sind die Schulen also doch mehr in das hohe luxemburgische Infektions­geschehen involviert als man gedacht hat?

Weihnachtsferien als große Unsicherheit

Inzwischen hat Meisch die Regeln verschärft. Wer sich im Unterricht bewegt, muss eine Maske tragen. In manchen Klassen der weiter­führenden Schulen ist nun wieder ein Hybrid­unterricht eingerichtet. Zumindest aber bis zum Beginn der Weihnachts­ferien am 18. Dezember werden die Schulen im Präsenz­unterricht weiter­arbeiten wie bisher. Die Ferien könnten wieder zum Wellen­brecher werden – oder das Gegen­teil bewirken: Luxemburg hat den größten Ausländer­anteil aller Staaten in der EU, manche Familien könnten über die Fest­tage in ihre Heimat­länder fahren und dort womöglich mit Infektions­herden in Kontakt kommen. Dem luxemburgischen Stufen­modell steht seine größte Bewährungs­probe damit noch bevor. Erst nach einer ausführlichen Evaluation im neuen Jahr und anhand aus­sage­kräftigerer Statistiken wird sich beurteilen lassen, ob das Modell zur Nach­ahmung taugt.