Journalismus macht Schule : Wie lernen Schüler, Fake News zu erkennen?

Fake News – Nachrichten, die nicht stimmen, sich aber trotzdem mit großer Geschwindigkeit in den sozialen Netzwerken verbreiten. Die Corona-Krise hat eine Flut solcher Falschmeldungen hervorgebracht und gezeigt, wie wichtig es ist, verlässliche Informationen von Halbwahrheiten und Falschnachrichten unterscheiden zu können. Das kürzlich gegründete Bündnis „Journalismus macht Schule“ will Lehrerinnen und Lehrer darin unterstützen, die Medienkompetenz von Schülerinnen und Schülern zu stärken, indem es ab sofort in allen Bundesländern Journalistinnen und Journalisten in den Unterricht vermittelt. Das Schulportal sprach mit der Lehrerin und ehemaligen Journalistin Kerstin Schröter, Sprecherin des Bündnisses.

Regina Köhler / 24. Juli 2020
Eine Frau schaut auf den Computer-Bildschirm
Die Corona-Krise hat im Netz eine Flut von Fake News hervorgebracht. Um so wichtiger ist es, dass Schülerinnen und Schüler lernen, die Glaubwürdigkeit einer Information zu überprüfen.
©dpa

Schulportal: Als die Corona-Pandemie begann, gab es WhatsApp-Warnungen einer angeblichen Ärztin vor bestimmten Medikamenten. Noch gefährlicher war der Tipp, Desinfektionsmittel zu trinken, um nicht an Corona zu erkranken. Wie kann das Bündnis Journalismus macht Schule Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, solche Falschnachrichten zu erkennen?
Kerstin Schröter: Journalistinnen und Journalisten kommen auf Anfrage an die Schulen. Sie bringen typische Fake News mit, gehen aber auch auf Beispiele ein, die die Schülerinnen und Schüler nennen. Dabei geht es darum, Fake News zu erkennen, zu überprüfen und darüber zu diskutieren. Die Jugendlichen sollen in der Lage sein, die Motivationen hinter den Falschmeldungen zu erkennen, aber auch die Mechanismen der Weiterverbreitung sowie die Wirkungsweise von Algorithmen zu verstehen.

Welche Tipps geben Sie da konkret?
Die Journalistinnen und Journalisten klären die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel darüber auf, dass sie über soziale Medien verbreitete Behauptungen möglichst anhand von mehreren verlässlichen Quellen überprüfen sollten, dass es wichtig ist, sich über den Autor zu informieren oder dass ein Impressum vorhanden ist. Beim Thema „Corona-Fake News“ zum Beispiel lernen die Jugendlichen, dass es am sichersten ist, sich an offizielle Stellen und seriöse Medien zu halten oder in den sozialen Netzwerken verifizierte Accounts zu nutzen. Auf Twitter oder Instagram erkennt man diese beispielsweise an einem blauen Häkchen. Hilfreich sind auch die Internetseite des Robert Koch-Instituts, der Podcast des Virologen Christian Drosten beim NDR, der Online-Faktenfinder der ARD-Tagesschau oder der Account der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Um sich über solche Krisen seriös zu informieren, sollten sich die Schülerinnen und Schüler möglichst auch vor Ort, in ihrer Gemeinde oder Stadt und bei deren Behörden – dem Gesundheitsamt zum Beispiel – informieren, um bestimmten Meldungen auf den Grund zu gehen.

Wie geht es in einem Workshop zum Thema „Fake News“ weiter?
Nachdem die wichtigsten Informationen zum Thema vermittelt wurden, lassen die Journalistinnen und Journalisten die Schülerinnen und Schüler selbst recherchieren. Die meisten nutzen verschiedene Quellen in Google oder anderen Suchmaschinen und unsere Tipps, woran man Fake News erkennt. Danach wird erklärt, dass sie auch auf das Datum der Veröffentlichung schauen sollten: Ist es eine alte Meldung? Wer steckt hinter dem Impressum – denn auch diese Menschen kann man googeln. Das ganze Vorgehen dient dazu, quellenkritisch zu sein und nicht blind den ersten Suchergebnissen zu vertrauen.

Der Erwerb von Nachrichtenkompetenz ist ein längerer Lernprozess und muss immer wieder zum Thema gemacht werden.

Unsere Workshops oder Unterrichtsstunden allein reichen dafür aber sicherlich nicht aus. Der Erwerb von Nachrichtenkompetenz ist ein längerer Lernprozess und muss immer wieder zum Thema gemacht werden. Journalistinnen und Journalisten können diesen Prozess in den Klassen anstoßen, aber es ist die Aufgabe der Lehrkräfte, daran anzusetzen, um bei den Schülerinnen und Schülern ein kritisches Bewusstsein dafür zu entwickeln, Meldungen nachzuprüfen.

Warum ist es so wichtig, dass Jugendliche Fake News erkennen können?
Lernen Jugendliche, kritisch mit Inhalten in den sozialen Medien umzugehen, können sie sich viel besser mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen, fundiert argumentieren und eine eigene Haltung entwickeln. Das ist die Grundlage einer demokratischen Öffentlichkeit.

Wie kam es zur Gründung des Netzwerks „Journalismus macht Schule“?
Seit Jahren gibt es bereits regionale Projekte zur Förderung der Medienkompetenz von Schülerinnen und Schülern. In Bayern etwa, in Baden-Württemberg, aber auch in Berlin und Brandenburg unterstützen Medien, Bildungsträger, Lehrerverbände, Journalistenschulen und Landesmedienanstalten diese regionalen Projekte. Die Initiative „Journalismus macht Schule“ will jetzt all diese Projekte miteinander vernetzen. So ist es einfacher, Erfahrungen wie auch Lehrmaterialien auszutauschen und gemeinsam neue Projekte zu entwickeln.

Wer steht hinter dem Bündnis?
Das sind Journalistinnen und Journalisten der Süddeutschen Zeitung, der ZEIT, des NDR, BR, WDR, ZDF, von der Reporterfabrik CORRECTIV, vom Projekt „Lie-Detectors“, von Journalistenschulen und Universitäten. Aber auch Akteure der Lehrerfortbildung und Medienpädagogen, Medienanstalten und Institutionen der politischen Bildung wirken mit. Rund ein Dutzend Kolleginnen und Kollegen kümmern sich um die Organisation des Netzwerks – insgesamt sind mehr als 600 beteiligt. Alle arbeiten ehrenamtlich.

Medienkompetenz gehört heute auf den Stundenplan wie Deutsch oder Mathematik.

Was bieten Sie den Schulen an?
Medienkompetenz gehört heute auf den Stundenplan wie Deutsch oder Mathematik. Wir wollen den Schulen dabei helfen, den Schülerinnen und Schülern diese Kompetenz mit auf den Weg zu geben, indem wir bundesweit Besuche von Journalistinnen und Journalisten, aber auch erprobtes Unterrichtsmaterial vermitteln. Dabei geht es uns vor allem darum, den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, wie sie sich am besten informieren können. Sie lernen, wie man recherchiert, dabei Fake News erkennt und selbst Medien produziert, wie zum Beispiel Videos oder Audios. All das kann in den Schulklassen nach dem Besuch auch online weiter geübt werden. Darüber hinaus werden die Jugendlichen angeleitet, ihr eigenes Mediennutzungsverhalten kritisch zu hinterfragen.

Wie sehen Journalistenbesuche konkret aus?
Es gibt Werkstattgespräche, wie sie etwa die Süddeutsche Zeitung anbietet. Dabei gehen Journalistinnen und Journalisten in eine Klasse und erzählen ganz konkret von ihrer Arbeit. Journalistinnen und Journalisten geben auch Unterrichtsstunden zu Themen wie Recherche, „Fake News erkennen“ oder dazu, was die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten ausmacht. Der Mannheimer Morgen etwa bietet ganze Journalismus-Tage an, die sich jeweils an mehrere Schulen oder Klassen richten.

Sie unterrichten selbst seit vielen Jahren an einer Stadtteilschule in Hamburg und setzen journalistisches Vorgehen im Unterricht ein. Wie machen Sie das?
Wie Journalistinnen und Journalisten sind auch Schülerinnen und Schüler neugierig. Darauf baue ich auf. Ich gebe ihnen oft Gelegenheit, neben anderen Unterrichtsformen auch zu lernen, wie Journalistinnen und Journalisten arbeiten: Die Schülerinnen und Schüler recherchieren und produzieren – das heißt, sie erstellen aus ihrem Wissen selbst Medien. Und wir informieren uns regelmäßig in der On- und Offline-Presse, damit die Schülerinnen und Schüler aktuelle gesellschaftspolitische Informationen bekommen und darüber diskutieren können. Zudem erkennen sie dabei die Unterschiede zwischen Nachricht, Bericht, Reportage oder Interview. Dieses Wissen brauchen sie für ihre eigenen Produktionen. Um zu beweisen, dass sie das Phänomen „Fake News“ verstanden haben, erstellen sie beispielsweise Audios, Erklärvideos, einen Flyer und sogar ein Kartenspiel. Das Material kommt dann in jüngeren Klassen zum Einsatz – so werden auch diese über Fake News informiert.
Zum Thema Umweltverschmutzung haben einzelne Gruppen als Zusammenfassung einen Audioclip in Form eines Radiobeitrags erstellt. Dafür interviewten sie einen Wissenschaftler aus einem Helmholtz-Zentrum. Diese kreative Herangehensweise ist gerade beim Fernlernen in Corona-Zeiten eine echte Alternative zu schriftlichen Leistungsnachweisen oder zum Referat. Aber bevor die Schülerinnen und Schüler so lernen können, lade ich als Anschub oft Journalistinnen und Journalisten in die Klassen ein, damit die Medienmacher zeigen, wie es geht.

Viele Lehrkräfte sind auf diesem Gebiet selbst Lernende. Gibt es Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer?
In den Bundesländern gibt es verschiedene Angebote für die Lehrkräfte. Bei uns in Hamburg bieten wir in der Lehrerfortbildung am Landesinstitut unter anderem Seminare und Webinare in Sachen Medienkompetenz an. Diese helfen den Lehrerinnen und Lehrern beim digitalen Unterricht, aber auch konkret beim Erwerb von Informationskompetenz, wie dem Recherchieren oder dem Erkennen von Fake News. Damit sie diese Kompetenzen an die Lernenden im Präsenz- und Fernunterricht weitergeben können, bekommen die Lehrkräfte didaktische Unterstützung, etwa in Form von Stundenvorschlägen und Material. Und wir zeigen, wie man diese medialen Lernprodukte bewerten kann.

Zur Person

Kerstin Schröter
©Privat
  • Die ehemalige Journalistin Kerstin Schröter ist Lehrerin an einer Hamburger Stadtteilschule und Dozentin in der Lehrerfortbildung in Hamburg.
  • In dem im Mai gegründeten Netzwerk „Journalismus macht Schule“ engagiert sie sich als Sprecherin.

Auf einen Blick

  • Das Netzwerk „Journalismus macht Schule“ vermittelt Schulen den Besuch von Journalistinnen und Journalisten von über 50 Zeitungen, Magazinen, Onlineportalen, öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk- und Fernsehsendern. Auch Unterrichtsmaterialien und Online-Übungen gehören zum Angebot.
  • Die Journalistinnen und Journalisten werden besonders häufig ab der neunten Klasse gebucht, aber auch mit einer fünften Klasse lässt sich schon an dem Thema arbeiten. Die Schulform – ob Gymnasium, Sekundarschule oder Berufsschule – spielt keine Rolle.
  • Interessierte Lehrkräfte beschreiben ihren Wunsch, die Klassenstufe, den Termin und das Bundesland im Formular auf der Website, und das Netzwerk vermittelt dann eine Journalistin oder einen Journalisten.