Interview : Wie lernen Kinder besser schwimmen?

Fast 60 Prozent der zehnjährigen Kinder können nicht sicher schwimmen. Das hat eine Forsa-Umfrage der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) ergeben. Der Landes­verband Schleswig-Holstein des Deutschen Kinder­schutz­bunds will das ändern und führte zwischen 2016 und 2018 gemeinsam mit der DLRG und der R.SH-Stiftung das Projekt „Schleswig-Holstein lernt schwimmen“ durch. Das Schulportal hat mit Susanne Günther, Geschäfts­führerin des Landes­verbands Schleswig-Holstein im Deutschen Kinder­schutz­bund, über die Ergebnisse der Initiative gesprochen.

Sandra Hermes / 01. Juli 2019
Der Kinderschutzbund Schleswig-Holstein spricht sich für den freien Eintritt in Freibädern in den Sommerferien aus.
Der Kinderschutzbund Schleswig-Holstein spricht sich für den freien Eintritt in Freibädern in den Sommerferien aus.
©dpa

Schulportal: Frau Günther, 60 Prozent der Zehnjährigen sind laut Umfrage Nicht­schwimmer. Woran liegt das?
Susanne Günther: Das hat verschiedene Gründe. Es gibt immer weniger Schwimm­bäder. Und die verbleibenden sind für viele Schulen häufig schlecht erreich­bar. Zusätzlich nimmt die Infra­struktur des öffentlichen Nah­verkehrs weiter ab. Große Entfernungen und fehlende Transport­möglichkeiten machen es also doppelt schwierig, während der Schul­zeit zu einem Schwimm­bad zu kommen.

Welche Gründe gibt es noch?
Die Anforderungen an Sportlehrerinnen und Sport­lehrer, die auch Schwimmen unterrichten dürfen, sind von Bundes­land zu Bundes­land unter­schiedlich. In Schleswig-Holstein ist die sogenannte Schwimm­lehrer­befähigung unbedingte Voraus­setzung, um Kindern das Schwimmen beibringen zu können, in anderen Bundes­ländern nicht. Hier wünschen wir uns mehr Einheitlich­keit, denn in Zeiten des allgemeinen Lehrer­mangels wird es dadurch noch schwieriger, ausreichend geeignete Lehr­kräfte zu finden. Außer­dem ist es mit einer Schwimm­lehrerin oder einem Schwimm­lehrer ja nicht getan. Im Grund­schul­alter braucht es darüber hinaus auch zusätzliche Fach­kräfte, die die Kinder auf dem Weg zum Schwimm­bad begleiten und vor Ort dafür sorgen, dass alle angezogen und geföhnt sind, wenn es zurück zur Schule gehen soll. Eine personelle Aus­stattung, die viele Schulen heute nicht haben.

Gibt es für die hohe Nicht­schwimmer­quote auch Gründe, die außer­halb der Schule liegen?
Ja. Denn wenn das Kind in der Schule nicht schwimmen lernt, muss ja theoretisch ein privater Schwimm­kurs her. Und Kosten von durch­schnittlich 100 Euro können sich bei zunehmender Kinder­armut in unserer Gesellschaft immer weniger Familien leisten. Das Ergebnis: Das Kind lernt weder in der Schule noch in der Freizeit schwimmen. Es treffen sich am Ende also drei Zustände: Schwimm­bad­mangel, Lehrer­mangel und zu wenig Geld in den Familien für private Schwimm­kurse.

Wie haben der Kinder­schutz­bund und seine Projekt­partner gegen­gesteuert?
Auf Ortsverbandsebene hat der Deutsche Kinder­schutz­bund schon im Vorfeld seit Jahren viele Kurse für Kinder angeboten, die uns von den Schulen genannt wurden. Das spenden­finanzierte Projekt „Schleswig-Holstein lernt schwimmen“ hat dann erstmals eine Bestands­aufnahme auf Landes­ebene und alter­native Schwimm­angebote für die Schule ermöglicht. Ganz wichtig war, dass alle wichtigen Akteure an einem Tisch saßen und die konkreten Gründe benennen konnten, warum zu wenig Schwimm­unterricht statt­findet, obwohl er dezidiert im Lehrplan steht. Zusätzlich bestätigte eine Umfrage des Bildungs­ministeriums den Ernst der Lage: In Schleswig-Holstein konnte 2016 ein Viertel der Grund­schulen keinen Schwimm­unterricht anbieten.

Welche Ideen wurden im Projekt entwickelt, um mehr Kindern das Schwimmen beizu­bringen?
Wir haben erkannt, dass es für einige Schulen viel einfacher ist, das Schwimmen als einwöchiges Projekt anzubieten als einmal in der Woche. Solche Kompakt­kurse erleichtern auch den Austausch der Kolleginnen und Kollegen mit Schwimm­lehrer­befähigung. Wenn dann noch die Unter­stützung von Ehren­amtlichen aus der DLRG hinzu­kommt, hat die Mehrheit der Kinder am Ende der Woche mindestens das „See­pferdchen“ oder konnte seine Schwimm­kompetenzen weiter­entwickeln. Außer­dem haben wir den Schulen empfohlen, Klassen­fahrten zum Thema Schwimmen anzubieten. Zum Beispiel in nahe gelegene Sport­zentren mit Übernachtungs­möglich­keiten. Da eine Klassen­fahrt in der Grund­schul­zeit ohnehin ansteht, entstehen keine Mehr­kosten.

Warum ist dem Deutschen Kinder­schutz­bund das Thema so wichtig? Es können ja auch nicht alle Kinder reiten oder Fußball spielen?
Zum einen steht es im Lehrplan. Viel wichtiger aber ist zum anderen, dass Schwimmen nicht nur eine sportliche Kompetenz ist. Es geht auch darum, sein Selbst­bewusst­sein zu stärken, im Notfall nicht zu ertrinken und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ein Kind, das nicht schwimmen kann, bleibt im Sommer zu Hause sitzen, während die anderen die Bade­hose einpacken und ins Frei­bad, ans Meer oder an den nächsten See fahren. Ein Kind, das schwimmen kann, ist integriert, selbst­bewusst, bewegt sich und hat einfach Spaß.

Was ist auf politischer Ebene die Quint­essenz des Projekts?
Erfreulicherweise war ein wichtiger Effekt des Projekts, dass alle Akteurinnen und Akteure nun viel stärker sensibilisiert sind für das Thema und seine Bedeutung erkannt haben. Auch im schleswig-holsteinischen Koalitions­vertrag steht nun, dass es ein gemeinsames Ziel ist, dass Kinder am Ende der vierten Klasse schwimmen können.

Wünschenswert wäre aber, dass sich das Bildungs­ministerium auch zukünftig für das Thema stark machen würde. Außerdem hoffen wir, dass in der anstehenden Novellierung der Zeugnis­verordnung die Grund­lage geschaffen wird, dass die Schwimm­fähig­keit am Ende der vierten Klasse im Zeugnis dokumentiert werden kann. So können sich die weiter­führenden Schulen besser auf die notwendige Schwimm­förderung vorbereiten.

Natürlich ist es in einem Land, das direkt an zwei Meeren liegt und unzählige Seen hat, besonders wichtig, dass alle Kinder schwimmen können. Gibt es in Sachen Schwimm­förderung dennoch eine Abstimmung mit den anderen Bundes­ländern?
Da gibt es keine bundesweite Patentlösung, auch wenn alle Länder von diesem Problem betroffen sind. Vieles liegt an der Kreativität der Beteiligten vor Ort. Wir haben gelernt, dass es am effektivsten ist, wenn man alle Akteurinnen und Akteure auf Kreis­ebene an einen Tisch bringt und dann nach sehr individuellen Lösungen sucht. Bei den einen ist es nur der Transport, bei den anderen das fehlende Schwimm­bad, und bei den dritten steht der Lehrer­mangel im Zentrum. Diese individuelle Sicht können wir auch den anderen Bundes­ländern empfehlen.

Was kann außerhalb der Schule noch helfen, damit Kinder besser schwimmen können?
Was die Kinder im Schwimmkurs lernen, reicht oft nicht, um wirklich gute Schwimmer zu sein. Es fehlt die Routine. Daher fordern wir, dass Kinder aus sozial schwachen Familien einen vergünstigten oder freien Eintritt in Schwimm­bäder bekommen, um möglichst vielen Kindern insbesondere im Sommer das regel­mäßige Schwimmen zu ermöglichen.

Auf einem Blick

  • Möglichst einheitliche Regelungen für die Schwimm­lehrer­befähigung in den Bundes­ländern finden.
  • Die Akteurinnen und Akteure in jedem Kreis an einen Tisch bringen und nach Lösungen suchen, die vor Ort genau passen.
  • Klassenfahrten oder Projekt­wochen zum Schwimmen als Alternative mitdenken.
  • Freien Eintritt in (Frei-)Bädern zumindest in den Sommer­ferien einführen.
  • Dokumentation der Schwimm­fähig­keit im Übergangs­zeugnis ermöglichen.