Schikanen in Klassen und digitale Hetze : Wie Initiativen weltweit gegen Cybermobbing kämpfen

In der Pandemie hat sich Mobbing vom Pausenhof stärker auf digitale Plattformen verlagert. Mit Influencern und per Messenger wollen Initiativen dagegen vorgehen. So können auch Eltern Betroffene unterstützen.

Dieser Artikel erschien am 06.11.2021 in DER SPIEGEL
Sonja Peteranderl
Kinder und Jugendliche werden nicht nur im Klassenzimmer gemobbt – sondern zunehmend auch über digitale Plattformen
Kinder und Jugendliche werden nicht nur im Klassenzimmer gemobbt – sondern zunehmend auch über digitale Plattformen
©iStock

Seine Peiniger ritzten ihm mit ihren Fingernägeln ein Hakenkreuz-Symbol auf seine gerötete Stirn; auf einer Klassenfahrt wurde er aus dem Bett gezerrt und vor einem Mädchen abgeladen, in das er verliebt war – die ganze Klasse sah dabei zu, wie sie ihm eine Abfuhr erteilte. Als Norman Wolf aufs Gymnasium wechselte, wurde er „schnell zur Zielscheibe“, wie er sagt: Der Zwölfjährige war schüchtern, trug abgewetzte Kleidung und war Pokémon-Fan.

Seine Mitschüler lästerten über ihn und seinen Vater, der arbeitslos war, klauten ihm Sachen, zogen ihn auf dem Pausenhof aus. Je schlimmer es wurde, desto mehr aß er – bald wog er mehr als 70 Kilo. „Es war ein Teufelskreis“, sagt Wolf. „Ich wurde als ›Fettsack‹ beschimpft, als eklig“ – bis er es selbst glaubte und an Selbstmord dachte. Einmal schlug ein Mitschüler ihm so heftig ins Gesicht, dass seine Nase blutete. Als Wolf sich einem Lehrer anvertraute, sagte der nur, zu einem Streit würden immer zwei gehören. Der Junge, der ihn geschlagen habe, wolle sicher nur sein Freund sein.

Heute geht Wolf an Schulen, um über Mobbing aufzuklären. In seinem Buch „Wenn die Pause zur Hölle wird“ prangert der 28-Jährige an, wie Kinder mit den Monate oder Jahre andauernden Schikanen oft allein gelassen werden. Das Internet verschlimmert ihm zufolge das Martyrium: „Wenn ich aus dem Bus ausgestiegen bin, wusste ich, ich kann mich für ein paar Stunden erholen“, sagt er. „Aber wenn du heute ein Smartphone hast und mit deiner Schule im Klassenchat oder in sozialen Netzwerken vernetzt bist, nimmst du es mit nach Hause, und das ist Dauerstress.“

Experten zufolge findet Mobbing an jeder Schule und in fast jeder Klasse statt, es kann jeden und jede treffen. Allein in Deutschland sind dem Verein Bündnis gegen Cybermobbing zufolge fast zwei Millionen Schüler von Cybermobbing betroffen. Der im vergangenen Jahr von dem Verein und der Techniker Krankenkasse herausgegebenen Studie „Cyberlife III“ zufolge ist die Zahl der Cybermobbing-Opfer seit 2017 um 36 Prozent angestiegen, auf rund 17 Prozent aller Schüler und Schülerinnen.

Während der Pandemie hat sich Mobbing vielerorts noch stärker als zuvor auf digitale Plattformen verlagert: Fernunterricht und Kontaktbeschränkungen würden die Situation verschärfen, da „Jugendliche ohne institutionelle Unterstützung gegen Cybermobbing das Internet intensiver nutzen müssen und Sozialkontakte dorthin verdrängt werden“, heißt es in der „Cyberlife III“-Studie. „Die Eltern sind überfordert, die Lehrer zu wenig darauf vorbereitet und die Schulen zu zögerlich in der Reaktion.“

Das Klima im Netz ist offenbar weltweit rauer geworden: Das israelische KI-Unternehmen L1GHT, das Tools gegen Cybermobbing entwickelt, hat zu Beginn der Pandemie für die Studie „Toxicity during Coronavirus“ Millionen von Webseiten und soziale Netzwerke analysiert. Demnach sind Mobbing und Beschimpfungen unter Kindern und Jugendlichen in sozialen Medien und Chatforen um 70 Prozent gestiegen.

Auf der ganzen Welt versuchen Initiativen mit verschiedenen Ansätzen, online und offline gegen die Hetze vorzugehen: Sie setzen auf Influencer oder Messengerdienste oder versuchen, das Schulklima langfristig zu verändern.

In Großbritannien machen Influencer wie die 25-jährige Holly H, der 16 Millionen Fans auf TikTok folgen, aber auch Schauspieler und Sportler dort auf Mobbing aufmerksam, wo Kinder und Jugendliche viel Zeit verbringen – nicht nur während der Pandemie. Auf Plattformen wie Instagram, TikTok oder YouTube. Die Influencer arbeiten mit der Cybersmile Foundation zusammen, einer gemeinnützigen Londoner Organisation, die Betroffene von Cybermobbing und Online-Hasskampagnen unterstützt.

Die Stiftung organisiert Onlineaktionen wie Anti-Cyber-Bullying-Wochen, in denen Hashtag-Kampagnen dazu auffordern, sich gegen digitalen Hass und Hetze einzusetzen. Influencer sprechen bei Instagram über ihre Erfahrungen und stoßen Diskussionen an.

Der 25-jährige YouTuber und Musiker Chunkz aus London etwa hat während der Pandemie ein Lied gegen Mobbing aufgenommen – der „Anti Bullying Track“ wurde allein auf seinem Instagram-Account fast 800.000-mal aufgerufen. Chunkz hat 2,5 Millionen Fans auf Instagram, rund zwei Millionen Nutzer haben seinen YouTube-Kanal abonniert. Mit seiner Reichweite will er Jugendliche dafür sensibilisieren, wo Mobbing anfängt, denn auch vermeintliche Witze könnten böse Wirkungen haben, glaubt er.

Schnelle Hilfe per Messenger

Das Team von Krisenchat steht Kindern und Jugendlichen in Deutschland in Notlagen per Messenger bei, etwa bei Einsamkeit und sexueller Gewalt, aber auch bei Mobbing und Cybermobbing. „Chats sind bei jungen Menschen viel beliebter als Telefonate, und es ist einfacher für sie, um über schambesetzte Themen zu sprechen“, sagt Kai Lanz, Gründer und Leiter der gemeinnützigen Organisation. Seit dem Frühjahr 2020 bietet sie kostenlose psychosoziale Ersthilfe in Form von Chatberatungen an.

Während die deutschen Schulen geschlossen waren, sind die Anfragen mit Bezug auf Cybermobbing bei Krisenchat Lanz zufolge deutlich angestiegen. „Cybermobbing ist ein Riesenproblem, bei dem es viel zu wenig Hilfe gibt“, beobachtet er. „Mehr als 50 Prozent der Betroffenen, die sich an uns wenden, sagen uns, dass sie zum ersten Mal mit jemand über ihr Problem sprechen – sie haben vorher also noch keine Hilfe bekommen.“

Der 20-Jährige kennt digitale Attacken aus seiner eigenen Schulzeit: „Irgendwelche Leute werden aus den Klassen-Chatgruppen ausgeschlossen, Schüler verbreiten Gerüchte und Nacktfotos weiter, und es werden bizarre Fotomontagen gepostet“, erzählt er.

Nur wenige Betroffene würden sich Lanz zufolge trauen, öffentlich zu machen, dass sie Mobbingerfahrungen machen: „Die meisten geben sich selbst die Schuld, was natürlich absurd ist“, sagt er. Gerade Opfer von Cybermobbing, die Hilfe brauchen, hätten zudem oft Angst, dass sie nicht ernst genommen werden: „Eltern verstehen oft nicht, wie schlimm das ist, und raten ihnen, ihr Handy mal wegzulegen.“

Die Krisenchat-Mitarbeiter versuchen, das Selbstwertgefühl der Jugendlichen zu stärken. Sie ermutigen sie, das Geschehen etwa mit Screenshots zu dokumentieren und mit Eltern und Schulpsychologen zu sprechen, oder sie verweisen die Kinder an weiterführende Hilfsangebote weiter.

Anti-Mobbing-Programme an Schulen

Cybermobbing sollte Jane Riese zufolge nicht als separates Problem betrachtet und behandelt werden: „Schüler, die an Cybermobbing beteiligt sind, sind oft auch an traditionellen Formen des Mobbings beteiligt“, beobachtet die stellvertretende Direktorin des Schulprogramms am Institut für Familie und Nachbarschaftsleben der US-amerikanischen Clemson University. „Das Wichtigste ist, eine ganzheitliche Initiative zur Mobbing-Prävention an Schulen zu ergreifen.“

Die 62-jährige Sozialarbeiterin setzt sich seit rund 20 Jahren dafür ein, das Olweus-Mobbing-Präventionsprogramm in den USA, aber auch in anderen Ländern zu verbreiten. Der aus Skandinavien stammende Ansatz zielt auf die Verbesserung des gesamten Schulklimas ab und wird inzwischen in Norwegen, Schweden, den USA, Deutschland, Litauen und Großbritannien umgesetzt. Auch Mexiko und Brasilien wollen Pilotprojekte starten.

Riese hat eng mit dem 2020 verstorbenen Gründer der Methode zusammengearbeitet. Dan Olweus, ein schwedisch-norwegischer Psychologe und Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Bergen, hatte nach dem Selbstmord von drei Jugendlichen in Norwegen in den Siebziger- und Achtzigerjahren als erster Wissenschaftler weltweit Mobbing erforscht, bekannt gemacht und ein Präventionsprogramm entwickelt, das Mobbing als soziales Gruppenphänomen begreift.

„Es geht nicht nur darum, sich mit den Opfern und Tätern zu befassen, sondern man muss alle Schüler und Erwachsenen ins Boot holen, nicht nur Lehrer, sondern auch Busfahrer, Sporttrainer, die Familien, die Gemeinschaften“, erklärt Jane Riese. Erwachsene müssten verstehen, was Mobbing ist, eingreifen und als Vorbilder fungieren. Schulen bräuchten klare Regeln, welches Verhalten nicht akzeptiert wird, und diese Regeln sollten auch mit den Schülern und Schülerinnen gemeinsam erarbeitet und diskutiert werden.

„Kinder müssen wissen, was von ihnen erwartet wird“, sagt Riese. Regelmäßige Gesprächskreise zu Mobbing und Sozialkompetenzen helfen dabei – auch zur Nutzung sozialer Netzwerke oder Cybermobbing. Die Schulen ergänzen Olweus-Materialien wie Lehrvideos, Arbeitsblätter, Diskussionsleitfäden oder Rollenspiele mit eigenen Aktivitäten. Fortschritte werden zudem mit einer jährlichen, anonymen Schülerbefragung gemessen, die mittlerweile auch Cybermobbing-Aspekte umfasst. Sie offenbart, wo und unter welchen Umständen Mobbing stattfindet.

Studien zufolge konnten die Probleme mit der Olweus-Methode an einigen Schulen in Norwegen um bis zu 50 Prozent reduziert werden. „Es ist aber wie Fitness – man gelangt nie ins Ziel, sondern muss immer weitermachen“, schränkt Jane Riese ein. „Es geht um Macht und um Egos, die Schulen müssen langfristig dafür kämpfen und sich jedes Jahr mit neuen Schüler-Persönlichkeiten auseinandersetzen.“

Norman Wolf, der früher gemobbt wurde und jetzt als Experte sein Wissen teilt, hält auch Methoden wie den britischen „No Blame Approach“ für sinnvoll. Hier wird darauf verzichtet, die Täter zu benennen und ihnen die Schuld zuzuweisen. Stattdessen wird ein Schülerteam gebildet, zu dem auch Täter gehören – mit dem Auftrag, das Problem zu lösen. Die soziale Rangfolge werde so „auf den Kopf gestellt“. „Es gibt gute Präventionsprogramme, aber wenn die Lehrkraft nicht bereit ist, sich die Arbeit zu machen, dann passiert da auch nichts“, sagt Wolf.

Wolf glaubt, dass die Folgen der Hetze ihn sein Leben lang begleiten werden: „Man traut sich selbst nichts zu, kann seine Leistungen nicht wertschätzen, und manchmal glaube ich, meine Freunde hätten mehr Spaß ohne mich“, sagt er. „Wenn ich vor dem Spiegel stehe, denke ich heute manchmal noch ›fette Sau‹, obwohl ich keinen Grund dazu habe – es ist wie ein Echo im Kopf.“ Ihn selbst hat nur gerettet, dass seine Peiniger nach und nach die Schule verließen.