Bildungsengagement : Wie Fördervereine immer stärker die Schulen prägen

Immer mehr Menschen engagieren sich ehrenamtlich für eine bessere Qualität der Bildung an Schulen und Kinder­tages­stätten. Das zeigte der Survey 2018 der Zivil­gesell­schaft in Zahlen (ZiviZ). Unter den neuen zivil­gesell­schaftlichen Bildungs­partnern nehmen die Kita- und Schul­förder­vereine eine heraus­ragende Rolle ein. In den vergangenen zehn Jahren haben die Förder­vereine im Bildungs­bereich einen regel­rechten Boom erlebt. Wie können Schulen dieses zivil­gesell­schaftliche Bildungs­engagement am besten nutzen, und wie gelingt es, auch in sozial schwachen Regionen aktive Kita- und Schul­förder­vereine auf­zubauen? Darüber sprach das Schulportal mit Katja Hintze, der Vorstands­vorsitzenden der Stiftung Bildung. Die spenden­finanzierte Stiftung Bildung unter­stützt und berät bundes­weit ehren­amtlich Engagierte in den Kita- und Schul­förder­vereinen.

Florentine Anders / 24. Januar 2019
Was Schulfördervereine bewirken können, zeigt das sozialpädagogische Wanderprojekt in Großbritannien: 13 Studierende, fünf Lehrkräfte und 40 Bochumer Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Familien einer Hauptschule waren zehn Tage in England auf Wanderpfaden unterwegs.
Was Schulfördervereine bewirken können, zeigt das sozialpädagogische Wanderprojekt in Großbritannien: 13 Studierende, fünf Lehrkräfte und 40 Bochumer Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Familien einer Hauptschule waren zehn Tage in England auf Wanderpfaden unterwegs.
©Werner-von-Siemens-Schule

Schulportal: Der Anteil, den die Zivil­gesell­schaft zur Qualität der Schulen beiträgt, wird häufig unter­schätzt. Können Sie beziffern, wie groß der Beitrag ist, den ehren­amtlich Engagierte in den Kita- und Schul­förder­vereinen leisten, um das Bildungs­system voran­zubringen?
Katja Hintze: Das Bildungsengagement ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Heute gibt es bundes­weit etwa 40.000 Kita- und Schul­förder­vereine. Wir gehen davon aus, dass 80 bis 96 Prozent aller Schulen inzwischen einen Förder­verein haben – und dabei ist keine Schul­form ausgenommen. Bei den Kitas beträgt der Anteil schätzungs­weise 20 Prozent, allerdings hat hier die Entwicklung der Förder­vereine auch erst später begonnen. Die aktuelle ZiviZ-Studie über zivil­gesell­schaftliches Engagement hat ergeben, dass der Bildungs­bereich bereits auf dem zweiten Platz rangiert. Höher ist der Beitrag von Vereinen und anderen zivil­gesell­schaftlichen Organisationen nur beim Sport. Damit haben die Kita- und Schul­förder­vereine einen großen Einfluss auf die Bildungs­qualität. Von der Politik wird dieser Beitrag jedoch noch unter­schätzt und zu wenig gefördert.

Wer steht denn hinter diesen Kita- und Schul­förder­vereinen? Sind das vor allem die Eltern?
Das war in der Anfangsphase vor 30 Jahren so. Heute sind in den Kita- und Schul­förder­vereinen ganz unter­schiedliche Akteure vertreten. Dazu gehören Lehr­kräfte, Schul­leitungen, Schülerinnen und Schüler, Erzieherinnen, Erzieher, Privat­personen oder Unter­nehmen aus der Nach­bar­schaft, die sich für die Bildung der Kinder und Jugendlichen einsetzen. Wer im Förder­verein engagiert ist, hängt auch immer von dem jeweiligen Stand­ort der Bildungs­einrichtung ab. Wir plädieren dafür, am besten möglichst viele verschiedene Akteure einzubeziehen.

Schulen in sozialen Brennpunkten beklagen oft, dass ihnen die engagierte Eltern­schaft für einen wirkungs­vollen Förder­verein fehlt. Spenden sind dort von den Eltern kaum zu erwarten. Erhöht das nicht die Bildungs­ungerechtig­keit?
Nein. Die Realität sieht anders aus. In den gut­bürgerlichen Regionen geht die Initiative für den Kita- oder Schul­förder­verein oft von den Eltern aus. In Brenn­punkten sind es eher die Lehr­kräfte oder die Schul­leiter­innen und Schul­leiter, die sich für ein zivil­gesell­schaftliches Netz­werk einsetzen. Und das mit großem Erfolg, denn die Bereit­schaft von Stiftungen oder Unter­nehmen, zu helfen, ist eher dort besonders hoch, wo die Not am größten ist. Oft haben sie auch selbst ein Interesse daran, den Bildungs­stand­ort zu stärken, um damit den gesamten Kiez aufzuwerten. Kinder­gärten und Schulen in privilegierten Wohn­gebieten haben es an diesen Stellen schwerer, Spenden oder Förder­gelder zu bekommen. Aber gerade auch ohne Geld­spenden können Förder­vereine sehr erfolgreich sein. Sehr oft geht es bei den Aktivitäten der Kita- und Schul­förder­vereine um den Ausgleich von sozialen Ungerechtig­keiten.

Katja Hintze, Vorstandsvorsitzende der Stiftung Bildung
Katja Hintze, Vorstands­vorsitzende der Stiftung Bildung
©Stiftung Bildung

In welchen Schulbereichen werden Förder­vereine am meisten aktiv?
Ein großer Bereich für das Engagement der Schul­förder­vereine ist der sogenannte Sozial­aus­gleich. Bei Klassen­fahrten zum Beispiel werden Familien, die auf Sozial­leistungen angewiesen sind, durch das Bildungs- und Teil­habe­paket unter­stützt. Doch oft liegen Familien, in denen beide Eltern arbeiten, nur knapp über der Einkommens­grenze, sodass sie diese staatliche Unter­stützung nicht bekommen. Sie haben aber dennoch Schwierig­keiten, für mehrere Geschwister­kinder Klassen­fahrten zu finanzieren. Ähnlich ist es bei den Kosten für die Teil­nahme der Kinder an Arbeits­gemein­schaften. In diesen Fällen springt der Förder­verein ein.

Häufig unterstützen Förder­vereine aber auch konkrete schulische Projekte. Besonders beeindruckend ist zum Beispiel ein sozial­pädagogisches Projekt, bei dem sich eine Wander­gruppe von Deutschland nach Groß­britannien aufmachte: 13 Studierende, fünf Lehr­kräfte und 40 Bochumer Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Familien einer Haupt­schule waren in England auf Wander­pfaden zehn Tage ohne Handy unter­wegs. Angestoßen wurde das von Studierenden der Universität Witten/Herdecke, unterstützt wurde es vom Schul­förder­verein der Bochumer Werner-von-Siemens-Schule. Die spannende Begegnung von jungen Menschen aus ganz verschiedenen sozialen Schichten fand auf diese Weise schon zum dritten Mal statt.

Sehen Sie auch Grenzen des Engagements – etwa da, wo das Ehrenamt die Aufgaben des Staats über­nimmt?
Es gibt Situationen, in denen Kita- und Schul­förder­vereine Feuer­wehr­einsätze leisten müssen und beispiels­weise dafür sorgen, dass der Unterricht abgedeckt wird, weil keine Lehrkräfte verfügbar sind. Wir würden ein solches Engagement nicht ausbremsen, wenn die Not so groß ist, aber das darf und muss nur eine Ausnahme sein! Der Staat ist dafür verantwortlich, den Unterricht abzusichern und Qualität zu garantieren. Ebenso ist es nicht Aufgabe von Schul­förder­vereinen, für die Sanierung, Instand­haltung oder für den Bau von Schul­gebäuden zu sorgen. Mit der Kampagne „Ein­stürzende Schul­bauten“ hat die Stiftung Bildung auf den teilweise sehr maroden Zustand vieler Schul­gebäude aufmerksam gemacht, um hier die Politik – die Länder und Kommunen und auch den Bund – in die Pflicht zu nehmen. Auch darin sehen wir unsere Aufgabe.

Welche Erwartungen haben Sie gegenüber der Politik, wie kann das zivil­gesell­schaftliche Bildungs­engagement der Kita- und Schul­förder­vereine weiter gestärkt werden?
Uns ist wichtig, dass die Politik den großen Wert des zivil­gesell­schaftlichen Engagements für die Bildung erkennt. Ziel muss sein, dieses Engagement zu stärken. Wir fordern zum Beispiel, dass die Landes­verbände der Kita- und Schul­förder­vereine mit staatlichen Mitteln aus­gestattet werden, damit sie Kita- und Schul­leitungen, Ehren­amtliche oder Eltern beraten und qualifizieren können, wie sie einen guten Kita- oder Schul­förder­verein aufbauen können. Baden-Württemberg ist bisher das einzige Bundes­land, das dem Landes­verband der Schul­förder­vereine ein eigenes Budget zum Beispiel für Fortbildungen und Vernetzungs­treffen zur Verfügung stellt. Mit Berlin sind wir dies­bezüglich in guten Gesprächen.

Mehr zum Thema

  • Katja Hintze ist Vorstands­vorsitzende und Gründerin der spenden­finanzierten Stiftung Bildung.
  • Die Stiftung Bildung wurde vor sechs Jahren gegründet. Ziel ist es, die Bildung von Kindern und Jugendlichen durch zivil­gesell­schaftliches Bildungs­engagement zu fördern.
  • Die Stiftung Bildung berät dabei auch Kita- und Schul­förder­vereine und koordiniert deren bundes­weites Netzwerk.
  • Wer konkrete Fragen zur Arbeit von Kita- und Schul­förder­vereinen hat, kann an folgende E-Mail-Adresse schreiben: info@stiftungbildung.com
  • Mehr Informationen, auch zu Programmen und Förderung, ist hier zu finden: www.stiftungbildung.com
  • Tipps gibt es auf dem Schulportal in dem Beitrag „Wie gelingt die Gründung eines Schul­förder­vereins?“
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