Dieser Artikel erschien am 22.10.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Alexander Rupflin

Nazis im Netz : Wie Extremisten Jugendliche im Internet ködern

Jeder vierte Jugendliche ist anfällig für Populismus. Besonders im Netz werden junge Menschen schnell zu leichter Beute. Hat Horst Seehofer recht, wenn er die Gaming-Szene stärker beobachten will?

Jugendlicher vor PC
Von Antifeminismus über Verschwörungstheorien bis zu Hass auf Juden: Im Netz fällt extremistische Saat schnell auf fruchtbaren Boden.
©Getty Images

Hi Jungs! Glaubt ihr, es wird bald einen dritten Welt­krieg geben?“, fragte der passionierte Zocker Max im Auftrag der F.A.S. im Chat des Computer­spiel-Klassikers Counter Strike. Spontan antwortete ein anderer User: „Ich hoffe es.“

„Warum?“, fragte Max nach.

„Die Juden sind noch nicht ausgerottet.“

Die Antwort überraschte den 21-jährigen Studenten nicht. „Wer sich in solchen Spielen aufhält, weiß ja: Der Ton ist rau.“ Anti­semitismus, Rassismus, Fremden­feindlichkeit, Sexismus, das finde da alles statt.

Max’ gefühlte Wahrheit ist jetzt auch wissenschaftlich unterfüttert: durch die aktuelle Shell-Jugend-Studie, die diese Woche veröffentlicht wurde. Das Ergebnis in diesem Jahr zeichnet ein zum Teil unschönes Bild der jungen Generation. Selbst wenn „Jugendliche in Deutschland in ihrer großen Mehrheit tolerant gegenüber anderen Lebens­formen, Minder­heiten und sozialen Gruppen“ seien: 68 Prozent der 12- bis 27-Jährigen seien über­zeugt, man dürfe nichts Schlechtes über Ausländer sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden. Auch den Aussagen „Die Regierung verschweigt der Bevölkerung die Wahrheit“ und „Der Staat kümmert sich mehr um Flüchtlinge als um hilfs­bedürftige Deutsche“ stimmt mehr als die Hälfte zu. Fast jeden vierten Jugendlichen bezeichnet die Studie als „populismus­geneigt“, neun Prozent als hand­feste „National­populisten“.

Rezo und Facebook statt Zeitung und „Tagesschau“

„Was denkt ihr über den Täter in Halle?“, fragte Max die Counter­strike-User.

„Ich weiß nichts über ihn. Aber die Frau, die er getötet hat, war Müll“, schreibt einer zurück.

Hat Innenminister Horst Seehofer also recht, wenn er nach dem Anschlag vor der Synagoge fordert: „Wir müssen die Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen“? Woher bekommen die jungen Leute heute ihre Informationen, aus welchen Versatz­stücken basteln sie sich ihre eigene Welt­sicht?

„Tagesschau“ und Zeitung sind für sie von gestern, statt­dessen sind Youtube, Instagram und Facebook die wichtigsten Informations­quellen, wie das Inter­nationale Zentral­institut für das Jugend- und Bildungs­fern­sehen berichtet. Max etwa guckt auf Youtube gern die Satire­sendungen „heute-show“ und „Neo Magazin Royale“, um sich zu informieren. Aber auch den Yotuber Rezo findet er gut, zum Beispiel dessen Video „Die Zerstörung der CDU“, das bis heute über 16 Millionen Mal geklickt wurde. Woher Max weiß, dass das, was Rezo dort über die CDU erzählt, der Wahrheit entspricht? „Na ja, Rezo gibt ja bei dem Video Quellen an“, sagt er. Und prüft er die nach? „Eher selten. Eigentlich kannst du dir nie sicher sein, dass das alles stimmt.“

Die „Tagesschau“ guckt Max nicht, denn „die ist so alt­backen“. Und Zeitungen? „Eine Zeitung wollte mir mal ein Probe-Abo andrehen. Das war mega anstrengend, das wieder zu kündigen.“

Wie „Volks­lehrer“ Nerling zum rechten Youtube-Star wurde

Ausgerechnet ein Berliner Grund­schul­lehrer war es, der schon früher als andere verstand, dass Jugendliche sich heute anders informieren also noch vor ein paar Jahren. In kurzer Zeit baute er sich im Netz eine beachtliche Gefolg­schaft auf. Im September 2017 ging Nikolai Nerlings erstes Youtube-Video online, eine Kopie davon findet man noch heute auf der Platt­form. Es hat 490.000 Aufrufe und trägt den Titel: „Lehrer legt sich mit Merkel an“.

Damals brachte Nerling am Vormittag den Kindern noch Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Am Abend aber schuf er sich seine eigene Meinungs-Marke am Rechner. Er nannte sich „Der Volks­lehrer“. „Ich bin ganz neue Wege gegangen, erzählt er heute. In seinem ersten Video brüllte er der Bundes­kanzlerin bei einer Veranstaltung entgegen: „Sie haben geschworen, dem deutschen Volk zu dienen. Sie lassen Flüchtlinge hier rein, die keinen Anspruch haben. Ich fordere alle Deutschen auf: ,Nutzen Sie das Recht auf Selbst­verteidigung!’“

Warum macht er das? Nerling sagt, es habe Dinge gegeben, die ihn störten. Etwas, dass an seiner Schule nur ein einziges Kind ohne Migrations­hinter­grund eingeschult worden sei. Es störte ihn, dass das Siegel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ gleich­gesetzt worden sei mit „Gegen rechts sein“. Laut seiner Home­page störten ihn auch noch Dinge wie zum Beispiel die „Lügen­märchen“ über den 11. September 2001.

Nerling aus dem Schul­dienst entlassen

In kürzester Zeit verschafften ihm seine Videos eine ungeahnte Reichweite. Die Jugendlichen hörten Nerling zu, kommentierten die Filmchen, likten und teilten. „Der Volks­lehrer“ wurde zu einer Stimme im Netz, die sich ihre eigene Echo­kammer baute: einen virtuellen Raum, in dem sich Gleich­gesinnte inner­halb der sozialen Netz­werke gegen­seitig ihre Weltsicht bestätigten – und diese Welt­sicht dadurch enger und enger werden ließen.

In der Wirklichkeit bekam Nerling darum zunehmend Probleme. Im Januar 2018 wurde er vom Schul­dienst beurlaubt, im Mai entlassen. Er sei „nicht dazu geeignet, Kinder dahin­gehend zu erziehen, der Ideologie des National­sozialismus entschieden ent­gegen­zu­treten“, befand Bildungs­senatorin Sandra Scheeres. Gegen ein Urteil des Arbeits­gerichts Berlin, das dieser Auf­fassung folgt, hat Nerling Berufung eingelegt. Auch seine Videos sind nach wie vor auf Youtube zu finden – wenn auch nicht unter seinem eigenen Kanal. Den hat Youtube inzwischen gesperrt.

Subtiler und weniger offen rechts­radikal geht da die identitäre Gruppe „Ein Prozent“ vor. Deren Youtube-Inhalte wirken jung, frisch und pop­kulturell. Sie sehen professioneller und auf­wendiger produziert aus als alles, was auf den digitalen Kanälen der Bundes­zentrale für politische Bildung so läuft. Wenn man „Ein Prozent“-Videos guckt, empfiehlt einem Youtube neben­bei noch Sendungen von ZDF, SWR und Spiegel TV. Es fällt in diesem Kontext kaum mehr auf, dass die „Ein Prozent“-Videos seltsame Namen tragen wie „Solidarität für Patrioten“, „Eine Absage an den Verfassungs­schutz“ oder „Unser Europa ist nicht eure Union“.

Warum uns Youtube Propaganda empfiehlt

Student Max sagt, für ihn sei es ein Zeichen der Glaub­würdig­keit, wenn Youtube ihm neben dem eigentlichen Video zusätzlich Beiträge von seriösen Medien vorschlage. Außerdem gucke er auf die Abonnenten­zahlen, „und wenn ein Video nur 1000 Aufrufe hat, ist davon nichts zu halten“. Die Videos von „Ein Prozent“ wirken auf ihn „jugendlich, gut gemacht und vertrauens­würdig. Wie von Youtubern, die was Größeres aufziehen wollen, aber noch ganz am Anfang stehen.“

Und wenn er wissen will, ob die Seite wirklich seriös ist? „Dann schau ich auf die Kanal­info. Da steht was von ‘professionell’ und ‘seriös’. Aber das kann natürlich jeder von sich behaupten“, über­legt er laut. Und googelt. Und ist plötzlich überrascht: „Das Erste ist gleich ein Zeitungs­artikel, da steht, ,Ein Prozent’ sei radikal rechts.“

Zu der allgemeinen Schwierigkeit Jugendlicher und auch vieler Erwachsener, Nachrichten von extremistischer Propaganda zu unter­scheiden, kommt hinzu: Der Algo­rithmus von Youtube unter­stützt aktiv die Meinungs­mache der Extremisten. Denn Youtube liebt nichts mehr als den Gladiatoren­kampf: Veranstaltungen, wo das Blut spritzt, wo Gut gegen Böse kämpft, wo bis zum Sieg gerungen wird. Weil es genau diese Inhalte sind, die immer wieder unsere Aufmerksamkeit gewinnen, die uns bannen – uns vor dem Bild­schirm halten. Wenn es dazu Propaganda braucht, dann wird uns eben die empfohlen.

Die perfide Taktik der Verschwörungs­theoretiker

Michael Butter, Professor für Amerikanistik an der Uni Tübingen und Autor des Buches „Nichts ist, wie es scheint: Über Verschwörungs­theorien“, sagt, manche seiner Kollegen würden Youtube als „Tor zur Hölle“ bezeichnen. Die rhetorischen Kniffe, die Extremisten in den Netz­werken anwenden, seien immer die gleichen: Zuerst stelle der Verschwörungs­theoretiker verschiedene Fragen. Er arbeite sich an der offiziellen Meinung ab und diskutiere sie: Kann das wirklich sein? Wurden alle Punkte berücksichtigt? Sind da nicht ungeklärte Aspekte? Als Nächstes sät der Extremist Zweifel, und erst wenn er alle bisherigen Kenntnisse als links-grün versiffte Main­stream-Luft­schlösser enttarnt hat, setzt er zur Attacke an und stellt die Gegen­theorie auf, zu der er ein Feind­bild entwirft: Juden, Muslime, Ausländer, die Medien, der Staat.

Diese Methode, Menschen zu beeinflussen, ist nicht neu. Neu ist die spielerische Art und Weise, mit der Verschwörungs­theoretiker vorgehen. Musik, Memes (rasend schnell populär gewordene Medien-Zitate), schnelle Video­schnitte, Insider-Witze aus der Gaming-Community – Extremismus kann heute richtig frisch wirken. Wo der Dunst­kreis der Rechts­extremen früher kaum über verrauchte Stamm­tische hinaus­reichte, senden sie heute 24 Stunden lang in die Jugend­zimmer.

„Was denkt ihr über Juden?“, fragt Max einen Gamer-Kollegen.

„Vergast sie!“

„Glaubst du denn, Juden sind gefährlich?“

„Ja.“

Die Gaming-Szene hat ein Extremismus-Problem

Seehofers Aussage, die Community müsse beobachtet werden, ist wohl nicht ganz von der Hand zu weisen. Zumindest wenn es darum geht, die eigentlich friedliche Spieler-Gemeinschaft vor Radikalen zu schützen. Julia Ebner, Extremismus­forscherin und Autorin des Buchs „Radikalisierungs­maschinen“, stellt diesen Trend fest, seit Donald Trump amerikanischer Präsident ist. Angefangen habe alles mit dem sogenannten „Gamergate-Skandal“ – als Journalisten über frauen­feindliche Neigungen in der Gamer-Szene berichteten. Manche Nutzer der Community reagierten mit einer Art Gegenschlag; sie radikalisierten sich, und zu ihrem Anti­feminismus gesellten sich rassistische und faschistische Tendenzen.

Seitdem heuern Rechtsextreme laut Ebner gezielt Spieler auf Gaming-Platt­formen wie Steam oder Discord an. „Ich habe beobachtet, dass man bei der Sozialisierung ansetzt und erst dann ideologisiert“, sagt Ebner. Soll heißen, zu Beginn schließen die Extremisten mit den Jugendlichen Freund­schaften und heucheln Verständnis für deren Sorgen und Ängste. Erst wenn Vertrauen her­gestellt ist, konfrontieren sie die Jugendlichen mit ihren Verschwörungs­theorien.

Natürlich wird nicht jeder, der online spielt, früher oder später zum Nazi. Aber genau wie die sozialen Medien und Youtube hat die Gaming-Szene inzwischen ein echtes Extremismus-Problem.

Jeder zweite Jugendliche vertraut Youtube nicht

Ebner rät, der Staat solle nicht nur große Netz­werke wie Facebook beobachten, sondern auch kleinere Platt­formen wie Discord. In gewisser Weise stimmt sie Seehofer damit zu. Außerdem müssten die Internet­konzerne gesetzlich dazu gezwungen werden, ihre Algorithmen so zu ändern, dass sich die Zuschauer nicht mehr unbemerkt von Propaganda-Video zu Propaganda-Video klicken.

Bei all den Untiefen im Netz ist eine Tatsache aber dann doch beruhigend: Die meisten Nutzer surfen recht aufgeklärt herum. Laut der Shell-Studie findet jeder zweite Jugendliche Youtube weniger oder nicht vertrauens­würdig. Den Inhalten auf Facebook miss­trauen sogar mehr als zwei Drittel. Dagegen hält ein Großteil die Nachrichten­sendungen von ARD und ZDF für vertrauens­würdig; ähnlich sieht es für über­regionale Tages­zeitungen aus.

Auch Max vertraut den klassischen Medien mehr als Youtube oder Facebook. Selbst wenn er sie kaum konsumiert. „Da weiß man einfach, was da steht, das stimmt zu 99 Prozent – außer dieser Claas Relotius hat es geschrieben.“