Leseförderung : Wie entsteht eine gute Schulbibliothek?

Die Stadtbücherei Frankfurt ist mit ihrer Arbeit Vorbild für viele: Gemeinsam mit Schulen engagiert sie sich intensiv für erfolgreiche Schulbibliotheken. Hanke Sühl leitet dort die Schulbibliothekarische Arbeitsstelle (SBA) und weiß, was Schulbibliotheken brauchen, um fit für die Zukunft zu sein. Im Interview mit dem Schulportal erklärt sie, welche Erfolgsfaktoren entscheidend sind und warum auch Flirtratgeber in den Bestand gehören.

Antje Tiefenthal / 11. Januar 2019
Hanke Kühl in der Bibliothek
Hanke Sühl leitet in der Stadtbücherei Frankfurt die Schulbibliothekarische Arbeitsstelle (SBA) und weiß, was Schulbibliotheken brauchen.
©Harald Schroeder (Stadtbücherei Frankfurt)

Schulportal: Was raten Sie Schulen, die ihre Schulbibliothek auf Vordermann bringen wollen?
Hanke Sühl: Ich empfehle wirklich jeder Schule, sich an die nächstgelegene öffentliche Bibliothek zu wenden. Das ist nie verkehrt; es kann nur bereichernd sein. Darüber hinaus gibt es in jedem Bundesland Fachstellen für öffentliche Bibliotheken, die sich die Beratung von Schulbibliotheken auf die Fahnen geschrieben haben. Hilfreich ist außerdem die Kommission „Bibliothek und Schule” des Deutschen Bibliotheksverbandes. Auf der dazugehörigen Website www.schulmediothek.de finden interessierte Schulen alle relevanten Informationen zum Thema. Und dann gibt es natürlich noch bundesweit immer wieder Schulbibliothekstage; der nächste in Hessen ist am 9. Februar.

Das heißt, eine Schulbibliothek lässt sich schnell und unkompliziert umsetzen?
Natürlich entsteht eine Schulbibliothek nicht einfach so aus dem Nichts. Eine professionelle Schulbibliothek unterliegt gewissen Qualitätsstandards. Das fängt schon mit dem Raum an – der sollte eine bestimmte Mindestgröße haben. Öffnungszeiten, Medienbestand, Einrichtung und nicht zuletzt Personalressourcen sowie das für Schulbibliotheken enorm wichtige Ehrenamt müssen in der Konzeption und Organisation bedacht werden.

Wie groß muss eine Schulbibliothek sein, um Ihren Qualitätsansprüchen zu genügen?
Klassenraumgröße sollte es mindestens sein. Das ist für uns der Standard, der für die Grundschule gilt. Ansonsten richtet sich die ideale Größe nach der Anzahl der Schülerinnen und Schüler einer Schule.

Und welche Rolle spielt die Lage der Bibliothek innerhalb des Schulgebäudes?
Das ist mindestens genauso wichtig. Die Bibliothek sollte zentral gelegen sein. Wir sagen immer: Bitte bloß nicht unter dem Dach, weil es so schön kuschelig ist! Schließlich müssen die Kinder da erstmal hinkommen. Viel geeigneter ist ein Raum neben der Mensa oder in der Nähe des Lehrerzimmers – dort, wo Schülerinnen und Schüler automatisch vorbei- und dann auch reinkommen.

Freuen Sie sich eigentlich über Bücher-Spenden für die Bibliotheken?
Spenden sind schön, aber entscheidend ist eine attraktive und aktuelle Medienvielfalt, die den Unterricht bereichert und gleichzeitig die Freizeitinteressen der Kinder und Jugendlichen anspricht. Im Idealfall wird der Medienbestand durch Profis lektoriert und von der Kommune oder Schule selbst finanziert – und das eben nicht nur einmalig, sondern regelmäßig!

Können sich auch die Schülerinnen und Schüler beteiligen, damit der Bestand ihrer Bibliothek langfristig reizvoll bleibt?
Schüler und Schülerinnen sollten unbedingt mit einbezogen werden! Die Peergroup-Empfehlungen sind nicht zu unterschätzen. Wir haben selbst zwei erfolgreiche Aktionen. Das ist zum einen die SBA-Wunschwoche. Die Kinder und Jugendlichen dürfen ganz bewusst und ungefiltert ihre Wünsche für die Schulbibliothek notieren. Das kann vom Buch über die DVD bis zum Sitzsack alles sein. Wir erfüllen dann einige Wünsche. Denn es ist extrem wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler nicht nur gefragt werden, sondern dass auch ihre Wünsche umgesetzt werden. Zum anderen sind wir stolz auf die Aktion „Liest du schon oder suchst du noch aus?”

Worum geht es dabei?
Die Schülerinnen und Schüler dürfen selbst für ihre Schulbibliothek shoppen. Ein kleines Budget genügt völlig. Wichtig ist, dass die Buchauswahl nicht pädagogisch beeinflusst wird. Vor dem Besuch in der Buchhandlung gibt es eine kleine Unterrichtseinheit: Was ist der Sinn einer Schulbibliothek? Was fehlt uns vielleicht? Wenn ein Schüler dann meint, dass ein Flirtratgeber benötigt wird, dann wird selbstverständlich auch ein Flirtratgeber gekauft. Das ist für die begleitenden Lehrkräfte immer sehr überraschend. Sie erleben ihre Schülerinnen und Schüler von einer ganz anderen Seite. Last but not least: Schulbibliotheken können gerade die Oberstufe ganz klar in den Betrieb einbinden – Ausleihe, Rücknahme, das Aufrechterhalten der Öffnungszeiten, und so weiter.

Wie offen sind Frankfurts Schulen dafür?
An manchen Schulen gibt es ganze Teams aus motivierten und zuverlässigen Schülerinnen und Schülern! Ich kann das mit gutem Gewissen behaupten. Wir geben den Jugendlichen, die sich für ihre Schulbibliothek engagieren, ein Zertifikat für ihren Einsatz in die Hand. Und ich unterschreibe jährlich sehr, sehr viele dieser Zertifikate!

Was bedeutet die Digitalisierung für Ihre Arbeit?
Für die Stadtbücherei Frankfurt ist die Integration von digitalen Medien von großer Bedeutung. Denn wir sind davon überzeugt, dass diese Medien innovative Ansätze für die Leseförderung bieten – und zwar gleichermaßen für Kinder und Jugendliche aus bildungsnahen und bildungsfernen Elternhäusern. Deshalb haben wir ein Veranstaltungsformat entwickelt und etabliert, dass Tablet und Buch zusammenbringt. Wir verschließen uns nicht der digitalen Leseförderung, im Gegenteil. Denn für beides – ganz gleich ob klassisch oder digital – ist Lesen die Schlüsselkompetenz.

Frau Sühl, bitte vervollständigen Sie zum Schluss diesen Satz: Digitalisierung und Schulbibliotheken…
…sind eine Chance! Digitalisierung und Schulbibliotheken gehören zusammen – sie ermutigen Kinder und Jugendliche, sich mit Texten, Medien und Funktionen spielerisch, kreativ und kritisch auseinanderzusetzen.

Zur Person

  • Hanke Sühl leitet die Schulbibliothekarische Arbeitsstelle (SBA) der Stadtbücherei Frankfurt am Main.
  • Außerdem ist sie Ansprechpartnerin für den Vor-Ort-Service, den die SBA Frankfurter Schulen anbietet.
  • Die SBA organisiert einen Verbund von zurzeit 113 Schulbibliotheken. Alle Frankfurter Schulen können an den Angeboten der SBA zur Medienbildung und Leseförderung teilnehmen.
  • Die SBA erreicht nach eigenen Angaben aktuell rund 57.300 Schülerinnen und Schüler in Frankfurt.
  • Die Stadtbücherei Frankfurt ist Bibliothek des Jahres 2018: Für ihre Schulbibliotheksarbeit ist die Stadtbücherei mit dem nationalen Bibliothekspreis des Deutschen Bibliotheksverbandes und der Deutsche Telekom Stiftung ausgezeichnet worden.

Mehr zum Thema

  • „Liebe Schulen, lasst Euch die Schulbibliotheken nicht abhandenkommen, fragt diejenigen, die sich damit auskennen und dies über lange Jahre bewiesen haben! Liebe Bibliotheken, wartet nicht, bis Ihr gefragt werdet, Ihr habt den Fuß in der Tür!”: Mit diesen klaren Worten positioniert sich Florian Höllerer zur Zukunft der Schulbibliotheken in der Studie „Bibliotheken/Digitalisierung/Kulturelle Bildung.2018”. Florian Höllerer leitet das Literarische Colloquium Berlin und ist Mitglied des Rates für Kulturelle Bildung.
  • Die Studie „Bibliotheken/Digitalisierung/Kulturelle Bildung.2018” ist im Auftrag des Rates für Kulturelle Bildung entstanden, in Kooperation mit dem Deutschen Bibliotheksverband und gefördert von der Robert Bosch Stiftung.
  • Hier geht es direkt zur Studie.
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