Digitales Lernen : Wie eine Schule 1.300 Schüler-Tablets verteilt

Gerade noch rechtzeitig, kurz vor dem zweiten Lockdown, konnten an der Gesamtschule Bremen-Ost digitale Endgeräte an alle Schülerinnen und Schüler verteilt werden. Das Schulportal war dabei und hat sich angesehen, mit welchen Herausforderungen es verbunden ist, wenn 1.300 Lernende an einer Schule mit iPads ausgestattet werden. Bremen hatte als erstes Bundesland beschlossen, Tablets an alle Lehrkräfte und Lernende zu verteilen. Und dabei lief erwartungsgemäß nicht immer alles nach Plan.

Florentine Anders 18. Dezember 2020
Lehrerin Sylke Schütte nimmt die ersten iPads für ihre neunte Klasse in Empfang.
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In einem abgeschlossenen Raum der Schule werden jede Menge Kisten mit den Schüler-Tablets und Hüllen gelagert.
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Schüler Özgür hilft beim Tragen der lang ersehnten Geräte in den Klassenraum.
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Lehrerin Sylke Schütte versucht das Passwort-Problem von Schülerin Kheloud zu lösen.
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Özgür und Zehra packen mit aller Vorsicht das neue Tablet aus.
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Die Schüler-Tablets sind pädagogisch eingerichtet und können je nach Bedarf an der Schule um weitere Apps und Software ergänzt werden.
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Das Warten hat ein Ende: Vor Beginn der fünften Stunde an der Gesamtschule Bremen-Ost (GSO) steht Lehrerin Sylke Schütte mit fünf Schülerinnen und Schülern ihrer neunten Klasse vor der gut verschlossenen Tür neben dem Lehrerzimmer. Hinter dieser Tür sind die neuen iPads gelagert, die an diesem Tag in der Klasse verteilt werden sollen. Die Aufregung ist bei der Lehrerin mindestens so groß wie bei den Jugendlichen, als der verantwortliche Kollege den Raum öffnet und ihnen nacheinander die Kartons mit den ersehnten digitalen Endgeräten in die Arme drückt. Die Palette ist fast leer, es sind nur noch wenige Schüler-Tablets zu verteilen. Tagelang musste sich die neunte Klasse gedulden – denn die Jahrgänge können nicht alle gleichzeitig die Geräte einrichten, sonst wäre die Netzverbindung der Schule überlastet.

Bremen verteilt 65.000 Schüler-Tablets

Im Dezember verteilt Bremen Tablets an alle 65.000 Schülerinnen und Schüler und geht damit in die Umsetzung einer bundesweit einzigartigen Digitaloffensive. An den meisten Schulen kommen die Geräte gerade noch rechtzeitig vor dem zweiten Lockdown an. Bremen ist das erste Bundesland, das alle Lehrkräfte und Lernende mit einheitlichen digitalen Endgeräten versorgt. Eigentlich sollte die Verteilung schon vor den Herbstferien beginnen, doch dann gab es Schwierigkeiten mit der Lieferung der Schutzhüllen für die Geräte, und ohne Hüllen sollten sie keinesfalls in die Hände der Kinder und Jugendlichen übergeben werden. Mitte November konnte das große Verteilen dann beginnen. Doch die große Frage lautete: Welche Schule wird wann mit der ersehnten Lieferung von der Spedition angefahren?

Die Verteilung der Tablets an der GSO wurde mehrfach verschoben

Hans-Martin Utz, Schulleiter der Gesamtschule Bremen-Ost
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„Es gab zwei Termine, die dann in letzter Minute wieder abgesagt wurden – es war wie ein Krimi!“, sagt Schulleiter Hans-Martin Utz. Täglich hörte er über den „Buschfunk“, wo gerade Kinder sich über die iPads freuen durften. Nur bei ihm kam nichts an. „Für uns war das unverständlich und ärgerlich, denn Schulen in sozial benachteiligter Lage, wie die GSO, sollten zuerst drankommen“, sagt Utz.

Man sollte meinen, auf die paar Tage komme es nicht an. Doch an der GSO zählt jeder Tag. Seit den Herbstferien gehen häufig ganze Schülerkohorten in Quarantäne, am 16. Dezember erfolgte dann die vorgezogene Schulschließung. Die Geräte hätten tatsächlich keinen Tag später kommen dürfen, denn anders als in besser gestellten Stadtgebieten gibt es hier in Osterholz-Tenever viele Schülerinnen und Schüler, die zu Hause nicht über ein eigenes digitales Gerät für das E-Learning verfügen.

Die Schüler-Tablets können nicht gleichzeitig an alle Jahrgangsstufen übergeben werden

Mit 1.300 Schülerinnen und Schülern gehört die GSO zu den größten allgemeinbildenden Schulen in Bremen – die Lieferung musste deshalb in mehreren Chargen erfolgen, schon allein wegen der begrenzten Lagerkapazitäten in der Schule. Die Schulleitung hatte zu entscheiden, welche Klassen die Geräte am dringendsten benötigen. Zunächst hatten die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe die Tablets bekommen: „Hier sind die Kohorten größer – wenn es zur Quarantäne kommt, sind gleich 60 Schülerinnen und Schüler betroffen“, begründet die stellvertretende Schulleiterin Karin Peterburs die Priorisierung. Als Nächstes seien die Zehntklässler an der Reihe gewesen. Sie müssten gerade ihre Projektpräsentationen für den mittleren Schulabschluss vorbereiten und könnten dabei mit den iPads viel besser von zu Hause aus zusammenarbeiten.

An diesem Freitag sind nun die Neuntklässler dran. „O je, hoffentlich geht alles gut!“, sorgt sich Klassenlehrerin Schütte. Ausgerechnet sie solle nun mit den Kindern die Geräte einrichten, wo sie das doch gerade erst selbst mit ihrem Dienst-iPad gelernt habe. Normalerweise unterrichtet Schütte Sport und Mathematik. Als technischen Beistand hat sie ihren Sohn Timo mit in die Klasse genommen. Der Zehntklässler habe sein Gerät schon bekommen und kenne sich mit der Technik sowieso viel besser aus als sie.

Lehrkräfte organisieren untereinander Fortbildungen für die Nutzung der Tablets

Quan Nguyen, Lehrer an der GSO, unterstützt seine Kollegen im Umgang mit dem digitalen Lernraum.
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Und dann läuft im richtigen Augenblick gerade der Kollege Quan Nguyen vorbei. Schütte ergreift die Chance und fragt, ob er ihr in seiner Freistunde beim Einrichten der Geräte beistehen könne. Quan Nguyen macht das gern. Der junge Kollege ist erst seit einem Jahr an der Schule angestellt, vorher hat er hier sein Referendariat gemacht. Schon während der Ausbildung hat er interessierten Kolleginnen und Kollegen der GSO Fortbildungen zum Umgang mit dem digitalen Lernraum „iTSlearning“ gegeben. Außerdem hat er für das Kollegium auf iTSLearning ein digitales Mitteilungsbuch installiert, mit dem alle problemlos kommunizieren können.

„Ich hatte während meiner Ausbildung an der deutschen Auslandsschule in Saigon gearbeitet. Dort habe ich die Vorzüge eines Lernraumsystems schätzengelernt“, sagt er. Nguyen hat jetzt auch dafür gesorgt, dass jede Lehrkraft eine Liste mit den IDs für die Schülerinnen und Schüler der Klasse bekam, denn ohne Identifizierung können die neuen Geräte nicht in Betrieb genommen werden.

Im Raum der neunten Klasse von Frau Schütte bekommen jede Schülerin und jeder Schüler zwei Pakete auf den Tisch: eines mit dem iPad und eins mit der Tastaturhülle.

Einige Eltern waren zunächst skeptisch

Alle Eltern hatten zuvor die Nutzungsvereinbarung für die iPads unterschrieben. Und das war keine Selbstverständlichkeit. Unter den Eltern der Schule gab es im Vorfeld viele Fragen und Diskussionen. Die einen hatten Angst, sie könnten das teure Gerät nicht ersetzen, falls es kaputtgeht, andere befürchteten einen zu hohen Medienkonsum ihrer Kinder. Doch schließlich konnten alle überzeugt werden.

Ehrfürchtig packen die Jugendlichen die nagelneuen Tablets aus. Mit spitzen Fingern zieht die 15-jährige Kevser die Schutzfolie vom Bildschirm, penibel darauf bedacht, keinen Fingerabdruck zu hinterlassen. Dann lässt sie das Tablet wieder zurück in den weißen Karton gleiten, um erst mal ein Handyfoto von dem Objekt zu machen. „O mein Gott! Es riecht ganz neu!“, wendet sie sich in hohem Ton an ihre Banknachbarin. Zu Hause, sagt sie, besitze sie kein eigenes Tablet.

Eine Pilotschule hat das Anleitungsvideo zum Einrichten der Tablets erstellt

Wenige Minuten später wischt Kevser schon ganz selbstverständlich mit den Fingern über den Bildschirm, um das Gerät einzurichten. In der Klasse wird’s unruhig: Die einen wollen schneller vorankommen, andere rufen dazwischen, weil sie noch einen Schritt hinterherhinken. Immer wieder muss sich die Klassenlehrerin Gehör verschaffen, allerdings immer auch mit einem Lächeln im Gesicht. „Man merkt, dass es ein ganz besonderer Moment ist – so aufgekratzt sind die Schüler sonst nicht!“, sagt sie. Die Lehrerin spielt ein Video mit einer schrittweisen Anleitung ab, die eine der Pilotschulen erstellt hat. Doch kaum jemand schaut hin – im Klassenraum fehlt ein Whiteboard, um es im Großformat zu zeigen.

Als größte Hürde erweist sich in dieser Stunde das Eingeben des Passworts. Dabei hatten sie das am Tag zuvor extra geübt: Jede Schülerin, jeder Schüler hatten einen Zettel mit dem selbst gewählten Code vorbereitet. Und dennoch passiert es nun, dass ein Passwort falsch eingegeben wird, es von der Lehrkraft zurückgesetzt werden muss. Nyugen kümmert sich darum. Immerhin: Bei nur zwei von insgesamt 25 Kindern in der Klasse hakt es diesbezüglich. „Damit sind wir richtig gut!“, verkündet die Lehrerin am Ende der Stunde stolz. Im Schnitt gehe es bei drei Jugendlichen pro Klasse im ersten Anlauf schief.

Schulbehörde bietet eine Support-Hotline

Insgesamt drei Kollegen kümmern sich an der GSO um den IT-Bereich und erhalten dafür Entlastungsstunden. Darüber hinaus bietet die Schulverwaltung eine Support-Hotline, wenn Probleme nicht vor Ort gelöst werden können.

Inzwischen setzt die Dämmerung ein. Hans-Martin Utz schaut gebannt aus dem Fenster, ein Lkw fährt gerade die Straße herauf. „Ach, schade, doch nicht die Spedition!“, sagt er. Noch für diesen Freitagnachmittag ist eine weitere Ladung iPads angekündigt. Der Hausmeister hat den Hubwagen schon am Lastenfahrstuhl bereitgestellt. Mit der letzten Lieferung sollen dann auch die übrigen Jahrgänge versorgt werden.

Für Utz und das Kollegium kann jetzt die inhaltliche Entwicklung digitaler Lernformate beginnen. „Wir waren lange in dem Prozess blockiert. Auch durch eine ideologisch aufgeladene Diskussion, ob es sinnvoller wäre, mit Apple oder Windows zu arbeiten. Ich bin sehr dankbar, dass die Schulbehörde uns diese Entscheidung abgenommen hat. Jetzt können wir endlich auch inhaltlich arbeiten“, sagt der Schulleiter.

Lehrkräfte erstellen gemeinsam digitale Unterrichtsmaterialien

In einem nächsten Schritt will die Gesamtschule Bremen-Ost gemeinsam mit der Oberschule Habenhausen an dem sogenannten „dynamischen Curriculum“ arbeiten. Vorreiter auf diesem Gebiet ist die Bremer Oberschule Habenhausen: Den einzelnen Kompetenzbereichen jeder Unterrichtseinheit werden dabei digitale Unterrichtsmaterialien für verschiedene Niveaus zugeordnet, die alle Lehrkräfte dann im Lernraum nutzen können. Geht es in Geografie zum Beispiel um räumliche Orientierung, wird transparent dargestellt, welche Kompetenzen dazu bis zur Klassenarbeit erreicht werden sollen. Unter „Ressourcen“ findet man dann Materialien, vom Übungsblatt bis zum Erklärvideo.

Auch Kinder und Eltern haben damit einen guten Überblick. Im Fach Mathematik arbeiten die beiden Schulen seit Sommer an einer gemeinsamen Lösung. „Wir sind froh, dass wir mit der Oberschule Habenhausen kooperieren dürfen. Auch innerhalb der Schule arbeiten die Lehrkräfte eng zusammen. Eine einzelne Lehrkraft wäre völlig überfordert damit, für die heterogene Schülerschaft leistungsdifferenzierte Materialien zu erstellen“, sagt Utz. Die digitale Technik mache die Zusammenarbeit nun einfacher. Die Kolleginnen und Kollegen müssten sich beispielsweise nicht mehr zwingend an festgelegten Terminen treffen, um zusammenzuarbeiten.

Neben dieser inhaltlichen Arbeit stehen im neuen Jahr auch dringend weitere Anschaffungen an: Damit alle Schülerinnen und Schüler in der Schule das iPad nutzen können, muss das WLAN verstärkt werden. Und dann werden dringend Smartboards benötigt …

Die Umstellung auf eine neue digitale Lernkultur hat an der GSO gerade erst begonnen.

 

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  • Die Verteilung der iPads ist nicht nur eine große Herausforderung für die Schulen, sondern auch für die Schulverwaltung. Wie steuert man eine so große Digitaloffensive? Das Schulportal sprach mit Rainer Ballnus, dem Leiter des Bremer Zentrums für Medien, der mit seinem Team für die Umsetzung des Digitalpakts in Bremen verantwortlich ist. Das Interview lesen Sie hier.
  • Die Nutzungsvereinbarung für die Schüler-iPads in Bremen, die die Eltern unterschreiben, sowie Informationen zur häuslichen Nutzung der Geräte für Eltern stehen hier zum Download bereit: