Nach der Grundschule : Wie eine Mutter den Schulübergang erlebt hat

In Bayern dürfen die Eltern beim Schulübergang nicht mitentscheiden. Sie können sich zwar gegen die Grundschulempfehlung stellen, aber dann müssen die Kinder eine Probezeit auf der weiterführenden Schule als Aufnahmeprüfung absolvieren. Besonders die Aufnahmebedingungen für das Gymnasium sind anspruchsvoll, darum sprechen viele Eltern in Bayern auch von einem „Grundschulabitur“. Anke Willers, die mit ihrer Familie in München lebt, hat über ihre Rolle als Mutter während der Schulzeit ihrer beiden Töchter ein Buch geschrieben. Den Schulübergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule beschreibt sie darin als eine besonders stressige Zeit. Inzwischen liegt dieser Übergang sieben und zehn Jahre zurück. Dem Schulportal verrät sie, was ihre Töchter heute machen, wie sie auf die Zeit zurückblickt und was sie Eltern in dieser Situation rät.

Annette Kuhn / 23. Dezember 2020
Schulübergang Mutter lernt mit Kind
Wenn Kinder von der Grundschule auf die weiterführende Schule wechseln, sind Eltern oft fast ebenso gefordert wie ihre Kinder.
©plainpicture/Westend61/Andreas Pacek

Aus dem Buch von Anke Willers:
„Geht’s dir gut oder hast du Kinder in der Schule?“:

… Dieser Übertritt macht alle völlig kirre: Kinder, Eltern, Lehrer. Schon bevor meine Kinder in die Schule kamen, hatte ich davon gehört, aber immer gedacht: Warum sind die bloß alle so aufgeregt? Das ist doch kein Staatsexamen.

An meinen eigenen Übertritt konnte ich mich gar nicht mehr erinnern – und das lag nicht nur daran, dass der Übertritt nicht Übertritt hieß, sondern gar keinen Namen hatte. Ich nehme an, es war so: Die Grundschule war aus, und man brauchte eine neue Schule. Es gab drei zur Auswahl – eine Hauptschule, eine Realschule und ein Gymnasium. Punkt.

Aus meiner Klasse gingen nur eine Handvoll Kinder aufs Gymnasium. Aber die anderen Schulen waren auch fein – für die Eltern und für uns Kinder. Denn auch mit Realschule wurde man später an der Sparkasse gerne als Azubi genommen.

Für mich war ohnehin die wichtigste Frage, ob an der neuen Schule genügend Mädchen waren, mit denen ich Gummitwist spielen konnte.

Dass das nichts zu tun hatte mit dem Übertrittswahnsinn, der 30 Jahre später auf mich wartete, habe ich dann ziemlich schnell begriffen. Zweimal hintereinander wurde ich davon voll erfasst.

Es gehe, so hörte ich es auf Schulhöfen und Elternabenden munkeln, um eine zentrale Entscheidung für den weiteren Lebensweg der Kinder. Jetzt, in der vierten Klasse würden die Weichen gestellt und die Spreu vom Weizen getrennt (ja, solche Vergleiche kamen tatsächlich. Und natürlich wollten dann alle lieber ein Weizenkind haben!).

Aber, so erfuhr ich weiter, die Spanne zwischen Gymnasium und Hauptschule sei klein. Das Kind müsse in der Vierten nur ein, zwei Proben (so heißen die Klassenarbeiten in Bayern) versemmeln – und schon sei es passiert. „Geht’s bei der Dramatisierung auch eine Nummer kleiner?”, versuchte ich da noch zu denken. Und nahm mir vor, mir meine Verunsicherung nicht anmerken zu lassen. Denn ich fand es uncool, so eine aufgeregte Übertrittsmutter zu sein.

 

Wie ging der schulische Weg der beiden Mädchen weiter?

Porträt Anke Willers
Autorin Anke Willers
©Behtel Fath

Schulportal: Was machen Ihre Töchter heute?
Anke Willers: Die 20-Jährige hat vor einem Jahr ihr Abitur gemacht und will nun nach einem Gap-Year mit dem Studium beginnen. Die 17-Jährige macht nach ihrem Realschulabschluss derzeit eine kaufmännische Lehre. Sie überlegt, danach noch ihr Abitur zu machen.

Wie sind die beiden dahingekommen?
Die ältere Tochter hat zunächst eine Regelgrundschule besucht, aber der Schulbeginn war zäh. Zur dritten Klasse wechselte sie auf eine sehr kleine Montessori-Schule. Das passte besser zu ihr, und sie entwickelte sich wunderbar. Nach der vierten Klasse hätte sie auf eine weiterführende Montessori-Schule gehen können, aber die lag am anderen Ende von München und endete mit dem Hauptschulabschluss. Die Alternative: Sie würde zurück auf eine Regelschule gehen, die Montessori-Lehrer empfahlen uns eine Realschule. Das Problem dabei war allerdings: In Bayern sind Montessori-Schulen nicht staatlich anerkannt. Wer zurück ins staatliche System wechseln will, muss eine dreitägige Aufnahmeprüfung, den Probeunterricht bestehen.

Das war ein wahnsinniger Prüfungsstress, aber unsere Tochter hat die Prüfung für die Realschule bestanden. Nach der mittleren Reife hat sie dann die Fachoberschule besucht und ihr Fachabitur gemacht und nach einem weiteren Jahr die allgemeine Hochschulreife. In drei Jahren drei Abschlüsse. Danach brauchte sie eine Pause und wollte nicht gleich ins Studium.

Unsere jüngere Tochter war auf einer normalen Grundschule. Nach der vierten Klasse hatte sie eine Empfehlung für das Gymnasium, aber ich hatte das Gefühl, dass das ein ständiger Kampf für sie werden würde. Sie musste sich in der Grundschule alles hart erarbeiten und brauchte viel Hilfe von uns. Ich dachte deshalb, dass es leichter für uns alle sein würde, wenn sie erst mal auf dieselbe Realschule ginge wie ihre Schwester.

Tochter mit Entscheidung der Eltern zum Schulübergang unzufrieden

Hat ihre Tochter das auch so gesehen?
Nein, sie war stinksauer. Sie wollte auch mal zu den Guten gehören. Und zu den Guten gehörte man, wenn man aufs Gymnasium ging. Erst ein paar Jahre später hat sie gesagt, dass es so besser gewesen sei. Damals merkte sie, dass auch die Bayerische Realschule kein Spaziergang für sie war.

Wie sehen Sie das im Rückblick – war Ihre Entscheidung für die Schullaufbahn richtig?
Bei der Großen denke ich im Nachhinein, sie hätte das Abitur auch auf dem direkten Weg geschafft und gleich aufs Gymnasium gehen können. Aber zu dem damaligen Zeitpunkt war das schwer zu entscheiden. Die Lehrer rieten uns ab. Im Rückblick sehe ich, dass sie viel mehr erreicht  hat– und zwar aus eigenen Kräften –, als ihr damals prognostiziert wurde.

Ich finde, dass die Kinder zu früh sortiert werden. Meine Kinder waren gerade neun Jahre alt, als die Entscheidung für die weiterführende Schule anstand. Lässt sich die Entwicklung eines Kindes schon so früh richtig einschätzen? Das kann schnell in eine falsche Richtung gehen, wenn nicht Eltern eine entsprechende Unterstützung leisten. Aber das können nicht alle Elternhäuser. Darum halte ich das derzeitige System auch sozial für sehr unfair.

Probeunterricht erlebte die Mutter als Schikane

Ist die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium ohne Hilfe der Eltern zu schaffen?
Ich habe den Probeunterricht als Schikane erlebt. Ich glaube, viele Kinder können diese Prüfung kaum schaffen, ohne dass die Eltern mit ihnen dafür monatelang üben. Und dieser enorme Druck macht ja auch etwas mit den Kindern. Wenn es mit dem Gymnasium dann doch nicht klappt, haben sie das Gefühl, nicht zur Mehrheit zu gehören. Und in München geht die Mehrheit eben aufs Gymnasium. Eine Rolle spielt natürlich auch, wieviel man als Eltern in diesen Übergang hineinprojiziert.

Wie meinen Sie das?
Es ist nicht leicht, sich von dieser Mittelschichtshaltung „Mein Kind geht natürlich aufs Gymnasium“ zu lösen. Ein Grundproblem der Eltern heute – und da schließe ich mich mit ein – ist, dass man seine Kinder wie einen Leistungsnachweis betrachtet. Wenn sie in der Schule performen, hat man als Eltern alles richtig gemacht. Und wenn sie nicht performen, hat man etwas falsch gemacht. Das heißt, die Schulleistungen der Kinder bewerten gleichzeitig die Leistungen der Eltern. Als wir uns damals bei unserer jüngeren Tochter für die Realschule entschieden haben, obwohl sie eine Gymnasialempfehlung hatte, habe ich mich gefragt: Bin ich eine gute Mutter, wenn ich mein Kind auf Biegen und Brechen aufs Gymnasium schiebe, oder bin ich eine bessere Mutter, wenn ich sein Potenzial so einschätze, dass ich eine andere Schulform passender finde? In diesem Prozess muss man schon sehr an sich arbeiten. Heute sehe ich das viel entspannter und würde anderen Eltern in dieser Situation zu einer offeneren Haltung raten. Es gibt andere Wege zum Abitur als das Gymnasium. Und es muss auch nicht für jedes Kind das Gymnasium sein.

Schulübergang sollte später erfolgen

Was hätte Ihnen denn beim Schulübergang Ihrer Töchter geholfen?
Ein längeres gemeinsames Lernen hätte ich gut gefunden. Wenn die Entscheidung für die weiterführende Schule erst nach der sechsten Klasse oder noch später angestanden hätte, wäre das für meine Kinder besser gewesen. Und es hätte auch geholfen, wenn der Übergang ruhiger verlaufen wäre. Durch die vielen Prüfungen in der vierten Klasse entsteht eine unglaubliche Aufregung – in der Klasse und unter den Eltern. Eigentlich geht es ja schon in der zweiten, dritten Klasse los, sobald es Noten gibt. Dann prüfen Eltern ständig, ob die Noten für das Gymnasium reichen. Es ist unglaublich schwer, sich dieser Dynamik zu entziehen. Und man wird auch sehr unsicher. Viele gehen dann zu einem Psychologen oder zum Testen. Wir haben das auch mit unserer älteren Tochter gemacht. Das hat uns aber eher verwirrt und nach diversen Diagnosen das Gefühl vermittelt, mit dem Kind stimme was nicht. Dabei war ihr Hauptproblem, dass sie vor allem sehr ängstlich war.

Welche Unterstützung hätten Sie sich von der Schule gewünscht?
Durch das ganze System baut sich eine künstliche Feindschaft zwischen Lehrkräften und Eltern auf. Gerade in Bayern, wo allein die Noten über den weiteren Schulweg des Kindes entscheiden, erleben Eltern die Lehrer oft wie Vollstrecker.

Solche Fronten sind für alle Beteiligten, vor allem aber für das Kind, schwierig. Viel besser wäre es, wenn die Schule und die Eltern sich verbünden würden mit dem Ziel: gemeinsam eine Schulform zu finden, die wirklich zum Kind passt. Als Mutter, als Vater hat man ja ein Bild von seinem Kind, aber die Lehrer machen auch interessante und wichtige Beobachtungen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte –  und manchmal muss man es als Eltern vielleicht auch akzeptieren, dass die Leistungen nicht ausreichen. Jedenfalls für diesen Moment. Das ist schwer, aber kein Urteil für den restlichen Lebensweg.

Es gab viel Streit beim Lernen und bei den Hausaufgaben

Wie hat sich die Zeit des Schulübergangs auf die Familie ausgewirkt?
Es gab viele Situationen beim Lernen und bei den Hausaufgaben, in denen wir uns gestritten haben. Das kann doch auch nicht klappen, Eltern sind emotional viel zu nah dran. Man rollt mit den Augen, weil man etwas fünfmal erklärt hat. Und die Kinder denken dann: „Mama oder Papa haben mich gar nicht mehr lieb.“ Ich habe diese Wochenenden oft als Attacke auf den Familienfrieden erlebt.

Zur Person

  • Anke Willers hat das Buch „Geht’s dir gut oder hast du Kinder der Schule?“ geschrieben. Das Buch erschien 2019 im Heyne Verlag (14,99 Euro). Darin beschreibt die Autorin, wie sie ihre beiden Töchter durch die Schulzeit begleitet hat. Die Textpassage oben über den Schulübergang ist dem Kapitel „Der Übertritt“ (S. 63f.) entnommen.
  • Die Autorin ist Journalisten und Buchautorin Sie war Textchefin der Zeitschrift „Eltern“, heute ist sie leitende Redakteurin bei „Eltern family“.