Dieser Artikel erschien am 14.11.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Armin Himmelrath

Gesundheit, Bildung, Lebenschancen : Wie Armut unsere Kinder belastet

Fast jedes sechste Kind in Deutschland ist von Armut bedroht. Und das hat Folgen: Die Betroffenen essen ungesünder, machen weniger Sport und haben schlechtere Bildungschancen.

Ein Kind ist einen Teller Nudeln
©dpa

Gesundheit, Bildung, Lebens­chancen: Je ärmer das Elternhaus, desto größer ist das Risiko für Kinder und Jugendliche. Wer aus einem sozial schwächeren Umfeld stammt, hat schon als Minderjähriger ein deutlich erhöhtes Risiko etwa einer psychischen Erkrankung. Konkret von Armut bedroht ist fast jedes sechste Kind.

Auch auf den Bildungsweg wirkt sich die Herkunft aus: Über die Hälfte der Haupt­schüler in Deutschland lebt bei Eltern, die selbst einen Haupt­schul­abschluss (42 Prozent) oder gar keinen allgemein­bildenden Abschluss (14 Prozent) haben. Bei den Gymnasiasten ist es genau anders­herum: Im Jahr 2017 hatte mit 65 Prozent die über­wiegende Mehrheit dieser Schüler Eltern mit Abitur oder Fach­hoch­schul­reife.

Die Zahlen stammen aus dem „Daten­report 2018“, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Die Studie unter­sucht die Lebens­situation insbesondere von Kindern in Deutschland aus zahlreichen Blick­winkeln: Die familiären Verhältnisse und die wirtschaftliche Situation wurden ebenso betrachtet wie das Freizeit­verhalten, die eingeschlagenen Bildungs­wege und das gesellschaftliche Engagement von Kindern und Jugendlichen.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Die Zahl der Minderjährigen ist in den vergangenen zwanzig Jahren um 14 Prozent gesunken. 1997 lebten noch 15,7 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland, 2017 waren es nur noch rund 13,4 Millionen.
  • Zwar hat sich die gesundheitliche Situation der Kinder insgesamt verbessert – sie hängt im Einzelfall aber stark von der wirtschaftlichen Situation der Eltern ab. „Das beginnt schon vor der Geburt“, schreiben die Forscher: „Etwa 30 Prozent der Mütter mit niedrigem sozioökonomischem Status rauchen während der Schwangerschaft; bei Müttern mit hohem sozioökonomischem Status sind es nur 2 Prozent.“
  • Die gesundheitlichen Ungleichheiten setzen sich dann im weiteren Leben fort. So haben Minderjährige aus ärmeren Elternhäusern öfter psychische Probleme oder sind verhaltensauffällig. Außerdem treiben sie seltener Sport, ernähren sich ungesünder und sind häufiger übergewichtig. „Eltern, die über ein hohes Einkommen verfügen, tun sich leichter, eine gesunde Lebensweise zu finanzieren“, sagt Mareike Bünning vom Wissenschaftszentrum Berlin: „Außerdem besitzen sie in der Regel auch einen höheren Bildungsstand und damit ein größeres Wissen über gesundheitsförderliches Verhalten.“
  • Wie stark sich Schüler belastet fühlen, hängt stark von der Schulform ab, die sie besuchen. Rund die Hälfte der Schüler fühlt sich nach dem Unterricht „meistens erschöpft“. Insbesondere Haupt­schüler empfinden die Schule als besonders belastend und haben hier am wenigsten Spaß.

„Die Lebensverhältnisse der Kinder in Deutschland sind hochgradig unter­schiedlich“, sagt Thomas Krüger, Präsident der Bundes­zentrale für politische Bildung: Was Kinder im Leben erreichen könnten, hänge von zahl­reichen Faktoren ab – von zentraler Bedeutung sei aber „nach wie vor der sozio­ökonomische Status der Eltern“. Dass fast jeder sechste Minder­jährige von Armut bedroht sei, sei „gerade für eine reiche Volks­wirtschaft wie Deutschland ein mehr als beschämender Befund.“

Bei der Armutsbekämpfung seien in den vergangenen Jahren „kaum Fort­schritte gemacht worden“, kritisieren die Autoren der Studie – im Gegen­teil: Im Vergleich zu 2008 stagniere der Anteil der von Armut bedrohten Kinder. Kinder und Jugendliche mit allein­erziehenden Eltern seien dabei am stärksten gefährdet. Ein weiterer Risikofaktor sei ein Migrations­hinter­grund der Familie.

„Steigende Kinderarmut erschwert kulturelle, soziale und politische Teil­habe“, schreiben die Forscher und warnen: „Materieller Mangel kann zu sozialer Stigmatisierung führen.“ Dies habe dann wiederum Auswirkungen auf die weiteren Bildungs­chancen – ein Teufels­kreis.

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