Unbeweglicher Nachwuchs : Wenn Kinder nicht mehr klettern können

Vielen Mädchen und Jungen fehlen heute grundlegende motorische Fähigkeiten, weil sie sich zu wenig bewegen. Das liegt auch an den Eltern.

Dieser Artikel erschien am 26.09.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Kerstin Mitternacht
Mädchen klettert auf einem Baumstamm
Draußen unterwegs zu sein macht Spaß und fördert nebenbei die Motorik.
©iStock

Kinder können heute vieles. Sie sprechen schon im Grundschulalter die ersten Worte Englisch, schreiben vor dem ersten Schultag ihre Namen und tippen auf den Smartphone ihrer Eltern herum, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Kognitiv sind viele Kinder heute sehr weit und werden früh gefördert. Im Kopf sind sie beweglich, aber was mit dem Rest des Körpers?

Hört man sich in Sportvereinen und Schulen um, berichten Trainer und Lehrer von Kindern, die nicht mehr balancieren oder rückwärts hüpfen können, die Angst vor Höhe haben und vor Schreck die Augen zukneifen, wenn ihnen ein Ball entgegenfliegt. Und das beobachten Erzieher nicht erst seit der Pandemie und dem Lockdown. „In den letzten 20 bis 30 Jahren hat es eine Verschlechterung der sportmotorischen Fähigkeiten gegeben, das kann man sehr deutlich sehen“, sagt Daniel Möllenbeck, Vizepräsident des deutschen Sportlehrerverbandes.

Viele Schüler schaffen nicht einmal eine Runde um den Sportplatz

Besonders problematisch seien Kraft und Ausdauer, so der Sportlehrer. Aber auch Stützkraft und Körperspannung würden fehlen, sodass beim Schulsport viele Übungen mit den Kindern nicht mehr möglich seien: „Viele Schüler schaffen zudem nicht einmal eine Runde um den Sportplatz.“ Vielen Schülern fehle die Kraft, an Ringen zu hängen oder sich irgendwo hochziehen zu können. Ein Rad zu schlagen, was Kinder früher auf der Wiese oder am Strand geübt hätten, dazu seien viele Kinder heute nicht mehr in der Lage, so Möllenbecks Beobachtung. Corona habe den Mangel an motorischen Fähigkeiten noch verstärkt. Aber schon vorher sei zu beobachten gewesen, dass Kinder weniger draußen spielten; wenn sie auf dem Spielplatz mal kletterten, stünden Eltern sofort am Klettergerüst, damit bloß nichts passiere, so der Sportlehrer.

Ein weiterer Grund für die mangelnde Bewegung sei, dass Kinder vermehrt mit dem Auto vor der Schule abgesetzt würden und ihnen der Ranzen bis zum Eingang getragen werde. „In der Schweiz wird bereits gegengesteuert; dort gibt es jetzt Bannmeilen um die Schulen, damit die Kinder nicht mehr am Tor abgeliefert werden, sondern ein paar Hundert Meter laufen müssen“, berichtet Möllenbeck.

Ein anderes Problem sei der Sportlehrermangel vor allem an Grundschulen, was dazu führe, dass fachfremde Lehrer unterrichteten: „Da werden dann gewisse Dinge nicht beigebracht“, so Möllenbeck. „Turnen fällt oft ganz aus, und auch Schwimmunterricht ist ein großes Problem. Viele Kinder können nicht schwimmen, und für den Schulsport ist es oft schwierig, Hallenzeiten zu bekommen – wenn Bäder nicht sowieso bereits geschlossen haben.“

Das Problem liegt aber nicht nur an den Schulen. Auch wenn Kindergärten und Kitas Turnräume haben und es „Waldtage“ gibt, lernen heute oft schon Dreijährige, den Vormittag über ruhig zu sitzen. „Wir erziehen den Kindern ihren natürlichen Bewegungsdrang ab“, sagt Möllenbeck. „Dabei sollten sie sich mindestens ein bis zwei Stunden am Tag bewegen.“

Die „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“, die sogenannte KIGGS Welle 2, die von 2014 bis 2017 vom Robert-Koch-Institut erhoben wurde, zeigte bereits vor der Pandemie, dass Kinder und Jugendliche den Großteil des Tages mit sitzenden Tätigkeiten verbringen. Sitzendes Verhalten habe sich deshalb als eigenständiger Faktor für Übergewicht etabliert, heißt es in der Studie.

Der Kinderarzt Jakob Maske vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte beobachtet das schon seit längerer Zeit: „Es gibt immer mehr Bildschirmzeit, die Kinder werden ruhiggestellt. Eltern unterbinden das nicht mehr, und es gibt auch für die Kinder keine festen Regeln, wann und wie lange sie die Geräte nutzen dürfen. Wenn es einmal aus dem Ruder gelaufen ist, wird es schwierig, es wieder zurückzuschrauben.“ Dazu hätten auch die beiden Lockdowns beigetragen.

Eine Stunde Bewegung am Tag muss sein, so die WHO

Die 60 Minuten Bewegung am Tag, welche die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, schaffen seiner Meinung nach nicht einmal 50 Prozent der Kinder in Deutschland. Nationale Empfehlungen zum Thema Bewegung sogar regen an, dass Kinder zwischen vier und sechs Jahren 180 Minuten und Kinder zwischen sechs und elf Jahren 90 Minuten körperlich aktiv sein sollten.

Die Folgen des Bewegungsmangels bekommt Maske in seiner Praxis bei den Vorsorgeuntersuchungen zu sehen: „Die Kinder haben Schwierigkeiten, auf einem Strich zu balancieren, oder Angst, von der Untersuchungsliege zu springen. Sie verbringen weniger Zeit auf Spielplätzen und können sich deshalb nicht mehr ausprobieren und selbst erleben.“ Das Problem sei, dass die Motorik bei Kindern ab einem Alter von drei bis vier Jahren leide, wenn man sie nicht unterstütze. Das führe vermehrt zu Ungeschicklichkeit und diese wiederum zu mehr Verletzungen. „Das Problem ist in bildungsfernen Schichten stärker ausgeprägt“, so Maske, „da es dort weniger Förderung gibt und Kinder seltener in den Sportverein gehen. Hier sind Eltern oft mehr mit sich selbst beschäftigt.“ Oft fehle auch das Geld, um sich einen Schwimmkurs oder eine Mitgliedschaft im Verein leisten zu können.

Christopher Faust, der als Jugendtrainer bei verschiedenen Hockeyclubs gearbeitet hat, beobachtet einen schleichenden Prozess: „In den 90er-Jahren war es noch anders. Wir sind das ganze Jahr über Fahrrad gefahren und auf Bäume geklettert. Das war quasi Koordinationstraining auf der Straße. Denn Gummitwist, Hüpf- oder Abklatschspiele sind klassische Spiele, die die Motorik automatisch trainieren. Das sieht man heute weniger.“ Faust ist zudem bei der Talentsichtung tätig und hat dabei festgestellt, dass das sportliche Niveau bei den Kindern zunehmend schlechter geworden sei. „Waren es früher auf zehn Kinder zwei bis drei Talente, sind es heute vielleicht zwei auf 20 Kinder“, sagt Faust. Das Niveau sei klar gesunken.

Zudem nehme auch die Leistungsbereitschaft ab. Kinder hätten oft einfach keine Lust, in der Auswahl zu spielen, so der Trainer. Bei ihm riefen oft Eltern an, die wollten, dass ihr Kind Sport mache. „Kommt das Kind dann auf den Platz, hat es überhaupt keine Lust“, so Faust. Außerdem seien vielen zweimal die Woche Hockeytraining und zusätzlich einmal die Woche Konditionstraining zu viel, weil die Kinder noch andere Aktivitäten wie Flötenunterricht oder Tanzen hätten und oft sehr verplant seien, so Faust. Die mangelnde Bereitschaft, sportlich aktiv zu sein und gute Leistungen zu erbringen, sei auch in anderen Sportarten zu beobachten: „Es fehlt ganz klar die intrinsische Motivation.“

Nach Erfahrung von Faust wird der Bewegungsmangel ab einem Alter von etwa acht Jahren sichtbar. Wenn sie einen Purzelbaum machen sollten, könnten viele Kinder das nicht. Beim Hopserlauf rückwärts falle die Hälfte auf den Hintern, berichtet Faust, der darin auch ein gesellschaftliches Problem sieht: „Die Kinder werden von ihren Eltern mit Lastenrädern zum Training gebracht, anstatt dass sie selbst mit dem Fahrrad kommen und sich bewegen. Ich kann darüber nur den Kopf schütteln.“

Sportlehrer Möllenbeck unterrichtet an einer Gesamtschule und sagt, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen dort bereits regelmäßig Rückenschmerzen habe. Wie kann man dem entgegenwirken? Möllenbeck verweist auf positive Beispiele in der Bildungslandschaft: „Es gibt Schulen, die Bewegung zum Lernen nutzen. Denn auf diese Weise kann man sich vieles besser merken.“ So gebe es Schulen mit einem Fahrrad-Ergometer in der Klasse, den Kinder während des Unterrichts nutzen können. Oder Klassen mit Stehtischen oder einem Balanciergerät. Möllenbeck ist sich sicher: „Wir müssen in den Schulen weg von 30 Stühlen und 30 Tischen.“