Kooperation : Wenn ein Weltklasse-Orchester in eine Schule einzieht

Die Gesamtschule Bremen-Ost und die Deutsche Kammer­philharmonie Bremen haben eine ganz besondere Form der Zusammen­arbeit unter einem Dach etabliert. Das Erfolgs­modell findet viele Nach­ahmer und soll jetzt sogar in Tunis etabliert werden.

Florentine Anders / 19. Oktober 2018
Eine Schülerin singt am Mikrophon, im Hintergrund ein Schülerorchester
Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Bremen Ost schreiben und komponieren ihre eigenen Songs und präsentieren sie dann gemeinsam mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.
©Traube47 (Robert Bosch Stiftung)

Es ist wohl die ungewöhnlichste Wohn­gemein­schaft in der Bildungs­land­schaft: Ausgerechnet in einem Schul­gebäude mit mehr als 1.000 Jugendlichen hat die inter­national renommierte Deutsche Kammer­philharmonie Bremen, ihr Domizil. In der Gesamt­schule Bremen Ost am Rande der Hoch­haus­siedlung Tenever probt das Orchester für seine großen Auftritte in den Konzert­häusern der Welt – sei es in der Carnegie Hall in New York, der Royal Albert Hall in London oder in der SuntoryHall in Tokio. Und daraus hat sich eine überaus frucht­bare Nachbar­schaft entwickelt.

Aufwendige Umbauten für Proben­raum und Ton­studio

Begonnen hat die besondere Kooperation vor mehr als zehn Jahren. Lange hatte die Deutsche Kammer­philharmonie Bremen damals vergeblich nach geeigneten Räumen gesucht. Die Gesamt­schule Bremen Ost liegt zwar am Rande der Stadt, hatte aber viel Platz zu bieten. Sie war einst für 3.000 Schüler der neuen Hoch­haus­siedlung geplant, doch die Schüler­zahl war inzwischen um mehr als die Hälfte geschrumpft. Die Schule hatte bereits ein musikalisches Profil und das Orchester – mehr als 30 Jahre Erfahrung mit Bildungs­projekten. Und dennoch blieb die Frage, ob das gut gehen kann: Ein Proben­raum inmitten eines Schul­betriebes mit hunderten Jugendlichen, die durch die Gänge toben? Es kann.

Der Saal wurde aufwendig umgebaut, damit er allen akustischen Anforderungen entspricht, selbst für Ton­auf­nahmen. Der Gebäude­teil kann komplett von den Geräuschen des Schul­umfeldes abgeschirmt werden. Und trotz­dem gibt es einen regen Austausch zwischen Schule und Orchester.

Wir wollten nicht nur einen Raum zum Proben, sondern gezielt mit Schule und Stadt­teil in Beziehung treten.
Albert Schmitt, Managing Director der Deutschen Kammer­philharmonie Bremen

„Wir wollten nicht nur einen Raum zum Proben, sondern gezielt mit Schule und Stadt­teil in Beziehung treten“, sagt Albert Schmitt, Managing Director der Deutschen Kammer­philharmonie Bremen. Dabei gehe es nicht in erster Linie um Nach­wuchs­gewinnung, sondern darum, die verschiedensten Potenziale, die in jedem Menschen stecken, zu fördern.

Schülerinnen und Schüler komponieren ihre eigenen Songs

Die Musikerinnen und Musiker des Orchesters besuchen die Klassen und umgekehrt dürfen Schülerinnen und Schüler auch bei den Proben der Profis dabei sein. Dabei sitzen die Jugendlichen direkt im Orchester – so können sie nicht nur das jeweilige Instrument an ihrer Seite genauer wahr­nehmen, sondern auch die Kommunikation unter den Musiker­innen und Musikern beobachten.

Highlight des Schulalltags ist das gemeinsame Projekt „Melodie des Lebens“. Einmal im Monat kommt der Komponist und Sänger Mark Scheibe aus Berlin an die Schule in Bremen und unter­stützt Schülerinnen und Schüler, die eigene Songs komponieren oder Lied­texte schreiben. Die Jugendlichen verarbeiten in ihren Songs Träume und Alltags­probleme. An zwei Konzert­tagen pro Jahr präsentieren sie dann ihre Songs, begleitet von Musikern der Deutschen Kammer­philharmonie Bremen.

Eine Stadtteil-Oper in der Hoch­haus­siedlung

Doch die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen wollte nicht nur einen Austausch mit der Schule, sondern mit dem gesamten Stadt­teil. Und so ist das ambitionierte Groß­projekt der Stadt­teil-Oper entstanden. Mitten zwischen den Hoch­häusern wird rund alle ein bis zwei Jahre ein riesiges weißes Zirkus­zelt mit fünf Masten aufgebaut, in dem 1.000 Besucher Platz finden. Das Orchester bereitet zusammen mit Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehr­kräften und verschiedenen Stadt­teil­initiativen eine Oper vor, die sich jedes Mal einer bestimmten Region oder einem bestimmten Land in der Welt widmet. Denn in der Siedlung Tenever leben Menschen aus 90 verschiedenen Nationen. Premiere und Aufführung der Stadt­teil-Oper sind jedes Mal bis auf den letzten Platz aus­verkauft.

Die Kinder, die Musik machen, sind konzentrierter, frischer und offener auch für andere Unter­richts­inhalte.
Hans-Martin Utz, Schulleiter Gesamtschule Bremen-Ost

Das Engagement zahlt sich aus. Die Gesamt­schule Bremen-Ost feiert nicht nur musikalisch Erfolge. In diesem Jahr gehörte die Schule zu den Preis­trägern des Deutschen Schulpreises „Die Kinder, die Musik machen, sind konzentrierter, frischer und offener auch für andere Unter­richts­inhalte“, sagt der Schul­leiter Hans-Martin Utz.

Das besondere Kooperations­modell des sogenannten Zukunfts­labors der mit dem Zukunfts­labor Kammer­philharmonie Bremen findet inzwischen bundes­weit und sogar inter­national Nach­ahmer. In diesem Jahr eröffnete mit Unter­stützung des Auswärtigen Amtes das Future Lab Tunisia. Und auch im Oman ist man an einem gesellschaftlichen Entwicklungs­projekt interessiert.

Auf einen Blick

  • Noch bis zum 22. Oktober können sich Schulen für den mit insgesamt 270.000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis 2019 bewerben.
  • Alle Informationen über die aktuelle Ausschreibung gibt es auf der Website des Deutschen Schulpreises.
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