Michael Winterhoff : Was versteht dieser Mann von Kindern?

Ehemalige Patienten erheben schwere Vorwürfe gegen den bekannten Psychiater und Erziehungsexperten Michael Winterhoff.

Dieser Artikel erschien am 18.08.2021 in DIE ZEIT
Martin Spiewak
Michael Winterhoff
Der Bonner Mediziner war lange Zeit ein gern gesehener Talkshow-Gast.
©imago

Als Thomas Klausner* vor wenigen Tagen die ARD-Dokumentation über den Kinderpsychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff im Fernsehen schaut, ist alles wieder da. Klausner sieht ihn wieder vor sich sitzen: den berühmten Arzt – zurückgekämmte Haare, gebräunter Teint, Dreitagebart –, der die ganze Autorität seiner Profession ausstrahlt.

Acht Jahre ist es her, dass Klausner und seine Frau Hilfe in der Praxis Winterhoffs in der gediegenen Bonner Weststadt suchten. Der pubertierende Sohn machte Probleme in der Schule, hatte Ausraster zu Hause. Jetzt hört Klausner wieder das Urteil von damals, das für den Mediziner schon nach kurzer Zeit festgestanden habe, so der Vater. Ihr Junge habe Probleme, Erwachsenen zu gehorchen. Der 13-Jährige sei auf dem Entwicklungsstand eines Dreijährigen. Und sogleich habe Winterhoff das passende Medikament ins Gespräch gebracht: Dipiperon, ein Antipsychotikum. „Als meine Frau kritisch nachfragte, reagierte Herr Winterhoff ungehalten“, erinnert sich Klausner sinngemäß. „Wie wir uns anmaßen könnten, seine Kompetenz infrage zu stellen.“

Thomas Klausner hatte die Sache schon abgehakt, denn damals hatte er gemeinsam mit seiner Frau entschieden, die Behandlung nicht fortzusetzen, der Sohn nahm das Medikament nie ein. „Wir hatten das Gefühl, dass sich Winterhoff zu keinem Zeitpunkt für unseren individuellen Fall interessiert hat.“

Die ARD-Dokumentation erhebt nun schwere Vorwürfe gegenüber Michael Winterhoff. Die Filmemacherin Nicole Rosenbach hat erstmals Kritiker des Kinder- und Jugendpsychiaters öffentlich zum Reden gebracht (parallel berichtete die Süddeutsche Zeitung). Ehemalige Patientinnen und Patienten, Eltern sowie Beschäftigte von Heimen berichten darin, Winterhoff habe – oft ohne ausreichende Diagnose – Psychopharmaka verabreicht. Insbesondere Pipamperon (Handelsname Dipiperon) sollten einige Patienten laut Aussagen im Film jahrelang einnehmen. Das Neuroleptikum wirkt sedierend und kann auch in niederschwelliger Dosis gefährlich sein, wenn es über einen langen Zeitraum verabreicht wird.

Seit Ende der 1980er-Jahre praktiziert Michael Winterhoff als niedergelassener Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bonn. Sein erstes Buch stand über Monate auf der Bestsellerliste. Über die Jahre behandelte er vermutlich weit mehr als tausend Kinder und Jugendliche in seiner Praxis, zugleich war er in einer großen Zahl von Kinder- und Jugendheimen in der Rhein-Main-Gegend tätig.

Seitdem Klausner im Film all die Aussagen der Betroffenen gehört hat, ist seine Empörung über die fragwürdigen Behandlungsmethoden Winterhoffs wieder da: „Wie kann ein Arzt über so viele Jahre solche Diagnosen stellen?“

Der Besuch der Familie Klausner habe sich laut Winterhoff anders zugetragen, lässt er über seinen Anwalt mitteilen. Er habe den Eltern in einem Orientierungsgespräch gesagt, „ein Teil des Verhaltens“ ihres Jungen entspreche „dem eines kleinen Kindes“. In dem Gespräch habe er zudem den Eindruck gehabt, „dass die Mutter die tatsächliche Problematik nicht erfassen konnte“. Über seinen Anwalt teilte der Psychiater zudem mit, dass er gegen die ARD-Dokumentation rechtlich vorgehen wolle, da sie „seiner Ansicht nach Falschdarstellungen enthält“.

Das Zuschauerinteresse freilich war groß, gleich am übernächsten Tag wurde die Sendung wiederholt. Siebzig weitere Betroffene haben sich inzwischen beim WDR gemeldet – viele von ihnen parallel auch bei dem Opferanwalt Mehmet Daimagüler, der gegen den Mediziner Strafanzeige wegen des Verdachts der „Misshandlung von Schutzbefohlenen“ gestellt hat.

Auf seiner Website rechtfertigt sich Michael Winterhoff: Das Ziel des Einsatzes des Medikaments Pipamperon sei in seiner Praxis „bewusst keine Sedierung“. Man setze es ein, um „Kinder in die Lage zu versetzen, ihre Aggressionen kontrollieren zu können“.

Jugendämter und Träger von Kinderheimen distanzieren sich nun von Winterhoff. Die für die Rechtsaufsicht von Medizinern zuständige Ärztekammer befasst sich mit dem Fall. Bis vor Kurzem reichten die Termine von Winterhoffs geplanten öffentlichen Auftritten mindestens ein halbes Jahr in die Zukunft. Nun lässt sich der betreffende Link auf seiner Homepage nicht mehr anklicken.

Sadistische Züge?

Die ARD-Dokumentation hat etwas ins Rollen gebracht – nicht nur für den bisher von vielen Medien zum Erziehungsexperten geadelten Bestsellerautor. Warum, fragt man sich, kaufen oft ausgerechnet Pädagogen die Bücher eines Psychiaters, der Kinder als „Monster“ bezeichnet und ohne konkrete Belege behauptet, mehr als die Hälfte des Nachwuchses in Deutschland sei psychisch gestört? Welche Macht haben Mediziner, Jugendämter und Heime über Kinder und Familien? Wo haben die Aufsichtsbehörden versagt? Wie kann ein Arzt seine Therapien immer wieder auf Diagnosen gründen, die offiziell nicht anerkannt sind?

Winterhoff stellt bei seinen Patienten oftmals eine „Fixierung im frühkindlichen Narzissmus“ fest. Die Betroffenen seien danach in ihrer Entwicklung in einer Phase stehen geblieben, in der sie wie ein Kleinkind nur sich selbst sähen. Auch in seinen Büchern kommt das Konstrukt immer wieder vor. Die Theorie stammt ursprünglich aus den Siebzigerjahren, als Winterhoff seine Ausbildung begann, und basiert auf Säuglingsbeobachtungen der österreichischen Psychoanalytikerin Margaret Mahler (Die psychische Geburt des Menschen).

„Dieser Ansatz gilt heute als veraltet und unwissenschaftlich“, sagt Dietmar Fernholz, Kinder- und Jugendpsychiater bei Bonn. In der offiziell gültigen Klassifikation der Krankheiten (ICD 10) kommt die „ Fixierung im frühkindlichen Narzissmus“ nicht vor. „Wir behandeln unsere Patienten heute sehr viel differenzierter, etwa schauen wir auf Stressfaktoren in der Familie wie Scheidung und suchen nach Lösungen und Ressourcen einer Familie“, sagt Fernholz, der die Winterhoffsche Diagnosepraxis seit 30 Jahren kritisch beobachtet. „Winterhoff dagegen projiziert etwas in die Kinder hinein, was nicht überprüfbar ist.“

Überraschen jedenfalls kann die jetzt öffentlich gewordene Kritik an dem berühmten Kinderpsychiater nicht. Seit Jahren kursiert das Wort von den „Winterhoff-Flüchtlingen“ in der Bonner Therapeutenszene: Familien, die nach einem Besuch bei dem Bestsellerautor in anderen Praxen Hilfe suchen. „Die Vorwürfe gegen Winterhoff waren uns in der Region lange bekannt“, sagt der Psychologe und Psychotherapeut Dieter Adler, der ebenfalls eine Praxis in Bonn betreibt. „Was wir von ehemaligen Patientinnen und Patienten zu hören bekamen, zeigt für mich sadistische Züge auf, die ich auch in seinen Büchern wiederfinden kann“, schreibt Adler im Rundbrief des Deutschen Psychotherapeuten Netzwerkes, dessen Vorsitzender er ist.

Andreas Renger, Psychotherapeut und lange Zeit Leiter einer Erziehungsberatung bei Bonn, ergänzt: „Es ging stets um dieselben Themen, wenn Väter und Mütter von Winterhoff kamen: die Übermedikamentierung von Kindern, die Einschüchterung der Eltern, was sie in der Erziehung alles verbrochen hätten. Welch Unheil ihren Kindern bevorstünde, wenn sie nicht auf seinen Rat hören würden.“ Auch aus Kliniken der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Region hörte man schon vor Jahren hinter vorgehaltener Hand Kritik, wenn man als Journalist nachfragte, namentlich an der „viel zu häufigen Verschreibung von Dipiperon“.

Konkret passiert ist hingegen wenig. Eine Reihe von Jugendämtern und Psychotherapeuten schickten keine Patienten mehr zu Winterhoff, man mied auch Heime, die mit dem Psychiater zusammenarbeiteten oder wo er sogar im Vorstand saß. Mehr aber geschah nicht. Zwar gab es immer wieder Anläufe, gegen den Kinderpsychiater juristisch vorzugehen. „Uns fehlten aber gerichtsfeste Beweise“, sagt Dieter Adler.

Denn für Beschwerden bei der Ärztekammer oder Klagen vor Gericht müssen Betroffene konkrete Vorwürfe erheben. Solche Eltern zu finden ist jedoch schwierig: Niemand will Probleme mit den eigenen Kindern öffentlich machen. Patienten zu drängen, gegen Winterhoff Anzeige zu erstatten, wollte man nicht: „Das hielten wir für medizinisch unethisch“, sagt Adler. Zudem habe es in der Jugendhilfe wie auch unter vielen Lehrern und Erziehern durchaus „Anhänger der Thesen Winterhoffs“ gegeben, sagt der Psychotherapeut Renger.

In seinen Büchern inszeniert sich Winterhoff als einer, der Klartext spricht, während andere aus falscher politischer Korrektheit um die Probleme in Familien, Schulen und Kitas herumredeten. „Rücksichtslos“ seien unsere Kinder; so heißt es in dem neuesten Buch Deutschland verdummt. Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut. Sie „vermeiden jede Anstrengung“, „ihr Leben entbehrt jeder Tiefe“. Bereits jeder „zweite Azubi hat eine Psyche wie ein Kleinkind“, in den Grundschulen hinken gar „70 bis 80 Prozent der Kinder ihrer Entwicklung weit hinterher“.

Als Schuldige macht Winterhoff, der selbst zwei Kinder hat, vor allem die Eltern aus: Weil sie verlernt haben zu erziehen. Weil sie ihren Kindern keine Grenzen setzen. Weil sie ihren Nachwuchs als Freund und Partner behandeln und im Extremfall – der bei Winterhoff die Regel ist – mit ihm eine pathologische „symbiotische Beziehung“ eingehen.

Vielen Lehrerinnen und Erziehern, aber paradoxerweise auch Eltern selbst, gefällt diese Art der Katastrophenliteratur von der Erziehungsfront. Sie sorgt für Entlastung im mühsamen pädagogischen Alltag. Wer die Winterhoffschen Alarmmeldungen liest, fühlt sich gleich besser: Denn so schlimm ist es in der eigenen Familie oder Klasse zum Glück noch nicht – und wenn doch, dann bekommt man die Schuldigen geliefert: Monsterkinder, Versagereltern, inkompetente Bildungspolitiker.

Rund 1,4 Millionen Mal verkauften sich seine neun Bücher bislang, die nicht nur oft ähnlich heißen (Warum unsere Kinder Tyrannen werden, Tyrannen müssen nicht sein, Persönlichkeiten statt Tyrannen …), sondern auch dieselben Thesen vertreten, wie Textbausteine immer neu zusammengesetzt. Empirische Belege liefert Winterhoff selten; als Ursachenanalyse für das vorgebliche Erziehungsversagen führt er Schlagworte an („Globalisierungsstress“, „Internet“, „Werteverfall“). Stattdessen bastelt er sich seine Realität aus Fällen aus der eigenen Praxis, Zeitungsartikeln und mutmaßlichen Interviews mit Praktikern. Da bestätigen dann Gymnasiallehrerin „Frau D.“ oder „Hausmeister S.“ die Befunde des Autors über den Verfall der Sitten.

Als Idealbesetzung erwies sich Winterhoff für Talkshows

Kein bekannter Kinderpsychiater oder Erziehungsexperte hat seine Theorien je aufgegriffen. Dennoch ziehen etliche Medien den Psychiater immer wieder als Experten zurate. Sie sind ein wichtiger Teil des „Systems Winterhoff“. Zwei Dutzend Zeitungen und Magazine haben ihn interviewt, oft spielen die Befrager den erstaunten Stichwortgeber nach dem Motto: „Ist es tatsächlich so schlimm?“ Die Bild-Zeitung druckte als „große Erziehungsserie“ den Vorabdruck seines zweiten Buches Tyrannen müssen nicht sein.

Als Idealbesetzung erwies sich Winterhoff für Talkshows: ein Experte, der keine deutlichen Worte scheut, ein Polemiker mit Doktortitel. Ob Maischberger oder Anne Will, hart aber fair oder Stern TV: Winterhoff war überall, bei Markus Lanz mehrmals. Die Beziehung zum ZDF-Talkmaster scheint zeitweise etwas enger gewesen zu sein. In seinem zweiten Buch dankt Winterhoff „besonders Markus Lanz, der die beiden erst auf meine Spur brachte und als Erster die Idee hatte, meine Analyse zu veröffentlichen“. Mit „den beiden“ sind der Verleger des Gütersloher Verlagshauses, Klaus Altepost, gemeint und der Journalist Carsten Tergast, der Schreibhelfer seiner ersten Bücher.

Auch Thomas Klausner wurde von einer Erzieherin im Jugendamt, die Winterhoffs Bücher gelesen hatte, auf den Kinderpsychiater aufmerksam gemacht. In einer Sitzung, erinnert sich Klausner, habe der Psychiater das Therapiegespräch unterbrochen; eine Journalistin von RTL hatte angerufen, Michael Winterhoff musste mit ihr etwas abklären.

Im Sommer 2014 besuchte der Autor dieses Textes Michael Winterhoff in dessen Villa in Bonn. Es ging um eine Recherche zu Gesundheit und Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen. Im Eingangsraum seiner psychiatrischen Praxis glaubte man, in einem Buchladen zu stehen, einem speziellen Geschäft mit Büchern in vielen Sprachen, aber nur von einem Autor: Dr. Michael Winterhoff.

Kaum hatte man damals im Behandlungszimmer Platz genommen, breitete Winterhoff, hinter seinem Schreibtisch sitzend, das Katastrophenpanorama aus. Vor 20 Jahren, sagte er, habe es in Grundschulen pro Klasse zwei, drei verhaltensauffällige Kinder gegeben. Heute seien nur noch wenige Schüler störungsfrei. Das habe Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft. „Es dauert nicht mehr lange, dann haben wir hier Ghettos“, sagte der Arzt.

Medikamente gebe er selten, behauptete Winterhoff damals. Das wirkliche Problem seien ohnehin die Eltern. Sie seien mit ihren Kindern überfordert und würden sie als Teil ihrer selbst behandeln. „So wie ein eigenes Körperteil“, sagte Winterhoff und fasste sich an den Arm. „Den bestraft man ja auch nicht.“ Als Therapie rate er Müttern und Vätern zu „langen Spaziergängen im Wald. Fünf, sechs Spaziergänge, und die Symbiose ist weg“.

Nach zwei Stunden Dauervortrag schwirrt dem Besucher der Kopf, selbst ist man kaum zu Wort gekommen. Michael Winterhoff mag keine Widerrede, das wird schnell deutlich. Ein interessanter Befund in einem Gespräch, in dem es auch um (kindlichen) Narzissmus geht. Am Ende erhebt man noch behutsam ein paar kritische Einwände. Etwa ob er aus den Fallgeschichten seiner Praxis auf die gesamte junge Generation in Deutschland schließen könne. Da fragt der Arzt zurück:

„Haben Sie Kinder?“

„Ja.“

„Dann leben Sie wahrscheinlich selbst in symbiotischer Verstrickung mit ihnen“, lautet die schnelle Diagnose Winterhoffs. „Jetzt ist die Zeit etwas knapp. Aber wenn Sie wollen, können Sie gern wiederkommen. Ich kann Ihnen helfen.“

Nach der WDR-Dokumentation und den darin erhobenen Vorwürfen läuft die Kommunikation mit Winterhoff nur noch über seinen Anwalt. Die plötzliche Abwesenheit des Experten reißt Lücken in Veranstaltungspläne. Vor wenigen Tagen war Michael Winterhoff noch als „Top-Speaker“ beim Kongress der deutschen Kitaleitungskräfte im September angekündigt. Thema: „Deutschlands Bildungssystem: Alarmstufe Rot!“. Jetzt steht er nicht mehr im Programm.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert