Fremd in der Familie : Was soll nur aus dir werden?

Peters Eltern sind Ärzte, er ist Sachbearbeiter beim Jobcenter. Der Bildungsabstieg hat ihn von den beiden entfremdet. Und nun?

Dieser Artikel erschien am 28.03.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Leonie Feuerbach
Junger Mann blickt aus dem Fenster
In Peters Kopf verfestigte sich das Bild seines Vaters als jemand, der auf einem stetig wachsenden Geldsack sitzt, den er vor dem eigenen Sohn verteidigen müsse.
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Als Kind wünschte Peter sich manchmal, sein Vater wäre Bauarbeiter. Denn der Vater eines Mitschülers arbeitete auf dem Bau und hatte samstags Zeit für die Familie. Peters Vater hingegen, ein Arzt mit eigener Praxis, hatte eigentlich nie Zeit. Dafür hatte die Familie Geld, konnte im Sommer in ein Hotel in Kärnten fahren und wandern gehen. Auch wenn Peter mit sieben Jahren noch keine Vorstellung davon hatte, wie viel ein Bauarbeiter verdient, ahnte er einen Zusammenhang zwischen den Urlauben im Sommer, dem Mercedes vor dem Haus und der Anspannung des Vaters. „Ich hab’ gemerkt, irgendwie sind meine Eltern anders als bei anderen Kindern, weil sie weniger Zeit haben, weil sie weniger emotionale Nähe schenken können.“

So festigte sich schon früh eine ambivalente, eher ablehnende Haltung zu Geld und Wohlstand. Und möglicherweise zumindest indirekt auch zu akademischer Bildung, die ja im Fall des Vaters Voraussetzung des Wohlstands war.

Heute ist Peter, der eigentlich anders heißt, Anfang vierzig, arbeitet in einem Jobcenter in einer oberbayerischen Stadt und wohnt in einer Einliegerwohnung im Haus seiner Eltern in einem Vorort. Er, der Arztsohn, hat kein Abitur gemacht, nicht studiert und Schwierigkeiten, mit seinem Einkommen eine eigene Wohnung zu finden. Mit seiner Bildungsbiographie ist er einigermaßen im Reinen; sein Beruf macht ihm Spaß.

Den Kontakt zu den Eltern aber hält er trotz der räumlichen Nähe möglichst gering, um sich nicht runterziehen zu lassen von der dominanten Art des Vaters und der angepassten Art der Mutter. Die beiden könnten sich von ihrem Leistungsdenken nicht freimachen, sagt Peter. Sie wirkten auf ihn oft wie zwei Fremde, die nicht dieselbe Sprache sprächen wie er.

Bildungsabstiege kaum erforscht

Der Bildungsaufstieg ist in der Soziologie ein beliebtes Thema, es gibt viele Bücher und Studien darüber. „Intergenerationelle Mobilität“ lautet der Fachausdruck. Ein Aspekt dieser Untersuchungen ist, wie sich die Beziehung zu den Eltern und zum Herkunftsmilieu verändert, wenn Arbeiterkinder aufsteigen, Abitur machen, studieren. Mit dem Gegenteil hingegen, dem Bildungsabstieg, beschäftigt sich kaum jemand. Womöglich, weil es nicht als wünschenswert gilt oder als Beitrag im Kampf gegen soziale Ungleichheit.

Daran, dass Bildungsabstiege selten sind, kann es eigentlich nicht liegen: Die wenigen und schon etwas älteren Untersuchungen, die es zum Thema gibt, kommen auf eine Abstiegsquote von um die vierzig Prozent bei Kindern von freiberuflichen Akademikern und Unternehmern. Und wie der Fall von Peter zeigt, gehen auch Bildungsabstiege mit einer Entfremdung von den Eltern einher.

Peter hat ein freundliches, rundes Gesicht, trägt eine randlose Brille und die Haare millimeterkurz. Die Jahre auf der Grundschule des 1500-Seelen-Orts, in dem er aufwuchs, waren traumatisierend für ihn. Der Sportlehrer, ein militaristischer Typ, der meinte, die Kinder „formen“ und „hart rannehmen“ zu müssen, hatte schon seinen Vater unterrichtet. Der Vater war ein sportliches Kind aus einfachen Verhältnissen, der es später bis an die Uni schaffte. Peter war ein eher unsportliches Kind aus gehobenen Verhältnissen –  und damit in den Augen des Sportlehrers ein Versager.

An der Schule gab es bloß vier weitere Lehrer. Sie behandelten ihn bald genau so wie der Sportkollege. Der Mathelehrer sagte zu Peter: „Wenn du weiter so schlecht in Mathe bist, dann wirst du nichts. Dann kannst du auf die Müllhalde gehen.“

Peter sagt heute, das habe gar nicht gestimmt: Seine guten Noten in Deutsch, Musik und Religion hätten die schlechte in Mathe locker ausgleichen können. Trotzdem habe er die Worte des Lehrers verinnerlicht, sich wertlos gefühlt. „Das war eine verdammt harte, leidvolle Zeit. Und das hat mich verdammt geprägt.“

Von seinen Eltern hätte Peter sich gewünscht, dass sie zum Lehrer gegangen wären und diesen konfrontiert hätten: „Also, hören Sie mal, wie reden Sie denn mit unserem Kind? So geht das nicht.“ Aber das taten sie nie. Vielleicht, weil sie so viel zu tun hatten in der Arztpraxis, vielleicht, weil Lehrer für sie Autoritätspersonen waren, denen man nicht so einfach widerspricht.

Vielleicht aber auch, weil sie sich selbst an Peters Verhalten in der Schule störten. Der malte beim Schönschreiben über die Linien, nahm beim Weitsprung Anlauf, um dann vor der Grube plötzlich abzubremsen und den Lehrer zu fragen: „Was muss ich jetzt machen?“ In der Schule galt er damit als Störer, Außenseiter, Problemkind. „Aber das war eigentlich, so würde ich heute sagen, ein Hilfeschrei“, erzählt Peter. „Der Versuch, ein Stoppschild aufzustellen und zu sagen: So nicht, bitte.“

Bild des Vaters auf einem Geldsack

Die Eltern hatten zu viel um die Ohren, um diesen Hilfeschrei zu erkennen. Peter hatte das Gefühl, dass sie eigentlich nie für ihn da waren. Selbst wenn sie mal zum Elternsprechtag oder zu einer Theateraufführung in der Schule kamen, waren sie mit den Gedanken ganz woanders. Und noch dazu sprachen dann alle möglichen Eltern und Lehrer den „Herrn Doktor“ an, um ihre Wehwehchen zu schildern.

Geld und Leistung waren ständige Konfliktthemen, von den Eltern auf ungesunde Art verknüpft. Die Schwestern seiner Oma durfte Peter zwar regelmäßig in Amerika besuchen. Doch jedes Mal hieß es, bevor man den Flug buche, warte man noch das Zeugnis ab, um zu sehen, ob Peter sich die Reise denn überhaupt verdient habe. In Peters Kopf verfestigte sich das Bild seines Vaters als jemand, der auf einem stetig wachsenden Geldsack sitzt, den er vor dem eigenen Sohn verteidigen müsse. Zum einen, weil Geld Sicherheit bedeutet und man es als Selbständiger deshalb hüten muss. Zum anderen, weil Leistung sich lohnen muss und er selbst als Kind ja auch nichts geschenkt bekommen hatte.

Peter bekam am Ende der Grundschule eine Empfehlung für die Hauptschule, der die Eltern folgten. „Bei denen war das so: Was die Lehrer sagen, zweifelt man ja nicht an.“ Sie hätten den negativen Blick der Lehrer übernommen. Manchmal habe es noch „provokative Spitzen“ gegeben, nach dem Motto: „Wenn du das jetzt nicht lernst, dann wirst du schon sehen, dann wird nichts aus dir.“ Die hätten aber nachgelassen, irgendwann ganz aufgehört: „Das war dann auch von deren Seite ein Stück Resignation.“

Wegen seiner Schwierigkeiten bekam Peter mal Hausarrest, musste mal zum Schulpsychologen, mal zum jugendpsychiatrischen Dienst. Dort wurde festgestellt, dass er keine Lernbehinderung hatte. Peter wollte seine Sicht der Dinge schildern, wie es ihm ging, wie sehr er kämpfte. „Aber das hat die gar nicht interessiert“, sagt er rückblickend. „Man kam dann zu so einer Lösung, dass ich zusätzliche Hausaufgaben machen musste, die die Lehrerin dann auch abgezeichnet hat, und dass Eltern und Lehrer engmaschig in Kontakt standen. Und damit war es ja wieder so weit, wieder alles auf der Leistungsebene. Das Emotionale hat man völlig ausgeblendet.“

Eine Lehrerin aber erkannte, dass Peter, wie er es formuliert, „eigentlich ein Guter“ war und „kein Aussätziger“. „Dass ich halt in Mathe nicht so gut bin, aber in anderen Fächern, und das auch gut so ist.“ Seine Außenseiterrolle wurde Peter zwar nicht mehr los, von den Mitschülern wurde er nie zu Geburtstagsfeiern eingeladen. Aber er wechselte nach dem Hauptschulabschluss auf die Realschule, machte auch dort den Abschluss, danach eine Ausbildung zum Justizfachangestellten. Das tägliche Pendeln zum Ausbildungsort, neue Menschen, für die er einfach nur Peter war und nicht mehr der Arztsohn: Das half.

Gleichzeitig fiel es ihm nach wie vor schwer, Freundschaften zu schließen, eine Frau kennenzulernen. Er hatte Angst vor Nähe, Selbstzweifel plagten ihn. Mit Mitte zwanzig begann Peter eine Therapie. Ihm wurden depressive Verstimmungen diagnostiziert und sozialphobische Tendenzen. Viele Dinge, die er davor höchstens geahnt hatte, wurden ihm im Therapiegespräch klar. Er erkannte, dass der enge Kontakt zu den Eltern ihm nicht guttat. Irgendwann verkündete er ihnen, dass er von nun an nicht mehr am gemeinsamen Sonntagsessen teilnehmen werde.

Der Vater ziehe immer alles auf die Sachebene

Bis heute sind die Gespräche mit seinen Eltern oft wenig verständnisvoll. Wenn Peter mal einen schlechten Tag bei der Arbeit hat, betont der Vater immer, das sei doch gar nichts: Immerhin sei der Sohn angestellt, kriege ein festes Gehalt nach Tarifvertrag, könne Überstunden abbauen. „Das ist sicherlich nicht falsch“, sagt Peter. „Aber in dem Moment hab’ ich halt ein Anliegen, empfinde eine Ungerechtigkeit. Und dann hilft es mir nicht, wenn mir einer sagt, wie schlimm seine Welt ist.“ Selbst wenn Peter einfach nur erzählt, dass er am Nachmittag mit einem Kollegen Eiskaffee trinken war, mache der Vater ihm das madig, indem er betone, er selbst habe ja in dieser Zeit gearbeitet.

Ähnlich läuft es ab, wenn Peter von seiner Wohnungssuche berichtet. Er würde gern aus dem Haus der Eltern in einem Vorort ausziehen, allein in der Stadt wohnen, in einer netten Nachbarschaft. Doch die Mieten in der Stadt sind so hoch, dass er für ein Drittel seines Nettogehalts keine Wohnung findet, die ihm gefällt: „Dann sagt mein Vater, dass die Mieten ja auch so teuer sind, weil die Mietnebenkosten so hoch sind und die Steuern, und dass es zu viele Auflagen gibt für Neubauten.“ Sein Vater, analysiert Peter, ziehe immer alles weg von der emotionalen auf die Sachebene.

Viele Bildungsabsteiger leiden unter der emotionalen Kälte ihrer Eltern. Das hat der Soziologe Martin Schmeiser herausgefunden, der sich zu Bildungsabstiegen habilitiert hat. Ein von Schmeiser interviewter Arztsohn warf seinen Eltern vor, „dass sie zwar ihre Patienten gut versorgt und betreut haben, jedoch nicht die eigenen Kinder“ –  ein Vorwurf, der auch bei Peter mitschwingt, wenn er erzählt, dass die Praxis immer Vorrang vor dem Privatleben gehabt habe und der Vater, selbst wenn er mal bei Peter in der Schule war, noch um ärztlichen Rat gefragt wurde.

In zahlreichen Interviews mit Bildungsabsteigern machte Schmeiser vier Typen aus. Der erste Typus zögert den Bildungsabstieg möglichst lang hinaus, ist zum Beispiel viele Semester an der Uni immatrikuliert, ohne wirklich zu studieren, und schmeißt dann erst hin. Der zweite Typus tut sich schon in der Schule schwer und wählt eine Ausbildung statt eines Studiums. Oft grenzt er sich bewusst vom Elternhaus und der akademischen Welt ab, macht etwas Praktisches oder wendet sich der Alternativkultur zu. Der dritte und der vierte Typus pendeln zwischen Herkunfts- und Abstiegsmilieu hin und her, versuchen immer wieder, den Herkunftsstatus zu erreichen, und scheitern, wobei beim vierten die Trennung der Eltern eine Rolle spielt.

Peter lässt sich ziemlich eindeutig dem zweiten Typus zuordnen, dem „frühen Ausscheren aus der akademischen Normalbiographie“: Er hatte schon in der Grundschule Probleme, und ihm war früh klar, dass er kein Abitur machen und nicht studieren würde. Zwar kann man eine Stelle im Jobcenter kaum als alternative Lebensform bezeichnen. Aber Peter betont immer wieder, wie sehr ihn die Bürgerlichkeit und die Fixierung auf Normen und Geld an seinen Eltern stören. Das verfolge ihn bis heute, etwa bei der Wohnungssuche: Viele der Vermieter, so schildert er es, erinnern ihn an seinen Vater. Zum Beispiel der „Fettsack mit seinem Mercedes, barockem Auftreten, der jetzt jemanden sucht, wo er möglichst maximale Miete herausholt“. Dass er als Angestellter im öffentlichen Dienst ein verlässliches Gehalt von immerhin 2600 Euro netto habe und längerfristig etwas zu einem fairen Preis suche, werde nicht gesehen.

Die Wohnungssuche hat auch Auswirkungen auf Peters Verhältnis zur Familie: „Sie lässt so ein Stück weit die Entfremdung von den Eltern wieder hochkommen, von diesem ganzen Denken von früher.“ Das liege daran, dass es um Geld gehe. Aber auch daran, dass er aufgrund der hohen Mieten und des selbstbewussten Auftretens von Vermietern und anderen Wohnungssuchenden wieder das Gefühl habe, nicht dazuzugehören.

Bild der Lehrer widerlegt

Die emotionale Kluft, die zwischen Peter und seinen Eltern liegt, betrachtet er als unüberwindbar. Mit seiner Bildungsbiografie und seinem beruflichen Werdegang ist er etwas versöhnter. „Klar hatte ich auch Phasen in meinem Leben, wo ich gedacht habe: Vielleicht musst du doch auch studieren und dem Vater nacheifern. Aber dann habe ich schnell gemerkt, das wär’ eine total verlogene Welt für mich. Wie schon als Kind, wo ich dachte: Was nützt das ganze Geld, wenn man das Emotionale nicht hat, die Geborgenheit, den Zusammenhalt?“

Vom Gehalt und den Entwicklungsmöglichkeiten stehe er heute nicht schlechter da als ein Akademiker. Er ist glücklich über seinen Job, bezeichnet ihn als Lebensversicherung im doppelten Sinne: „Was das Existenzielle betrifft, aber auch als Mensch. Zu wissen, wo man hingehört.“ Und er hat täglich mit Zahlen zu tun, rechnet Dinge aus, weist Zahlungen an. „Also insofern habe ich das Bild meiner Lehrer früher tausendfach widerlegt, was mir auch hilft.“

Aber ganz im Reinen mit seinem Werdegang ist Peter dann doch nicht. Auf mehrmaliges Nachfragen hin erzählt er, dass er gern Politiker geworden wäre. „Ganz ehrlich, ich hätte vielleicht doch gerne mehr gemacht.“ Zugleich merke er aber auch: „Es würde mich emotional überfordern. Es würde mich umhauen, wenn ich dann diese Verantwortung hätte, es mal konfrontativ würde. Ich wüsste, ich könnte das nicht aushalten, auch wenn ich noch mal über irgendeinen Bildungsweg studiert hätte. Auch, weil ich eben diese Prägung habe, liegt mir sehr viel an Sicherheit, und die hab’ ich halt mit einem unbefristeten Vertrag beim Staat.“

Peter erzählt, er lerne manchmal Menschen kennen, die ihm nicht glaubten, dass er mit seinem Job zufrieden sei. „Die sagen dann: ,Was du dir merken kannst oder was du für Leserbriefe schreibst, wie du formulieren kannst.’ Die kennen mich teils nicht so gut und denken, ich könnte mehr machen, Teamleiter werden, mich weiterentwickeln. Das mag sein. Aber diese Bestärkung im Innern, die fehlt mir komplett. Und deshalb hab’ ich das, denke ich, auch nicht mehr weiterverfolgt.“

Statt beruflich etwas zu verändern, geht Peter lieber sein Privatleben an. „Für mich ist es wichtig, im privaten Bereich diese konservative Welt noch mehr zu verlassen, also vielleicht einmal weniger in die Oper und dafür mal klettern zu gehen. Oder mal eine Kanutour zu machen.“ Peter sagt, bei solchen Unternehmungen merke er, dass sich in ihm etwas neu entwickele, was vorher verkümmert war.

Dieser Text ist ein gekürzter und überarbeiteter Auszug aus dem Buch „Fremd in der eigenen Familie. Wenn sich Kinder von ihren Eltern entfernen“, das bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen ist; 206 Seiten, 23 Euro