Gewalt gegen Lehrer : Was läuft schief an deutschen Schulen?

Beschimpft, bedroht, beleidigt: Die Gewalt von Eltern und Schülern gegen Lehrer nimmt zu. Oft fehlt es an Schutz durch die Schulleitungen – im Zweifel bleibt nur die Flucht.

Dieser Artikel erschien am 19.07.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Katrin Hummel
Lehrer packt Tablet in Rucksack
©iStock

Die Neuntklässlerin wartete mit ihrem Vater vor dem Lehrerzimmer, und Salvatore Caruso, Rektor an der Edith-Stein-Gesamtschule in Offenbach, bemerkte schon beim Näherkommen, dass der Vater der Schülerin extrem unter Druck stand. Er ging an den beiden vorbei in den Raum, in dem die Lehrer der Schülerin sich zu einer Klassenkonferenz versammelt hatten. Sie wollten darüber entscheiden, ob sie die Schülerin aufgrund schweren Fehlverhaltens von der Abschlussfahrt ausschließen würden. Doch plötzlich habe der Vater die Tür aufgerissen, sei hereingestürmt und habe mit der flachen Hand auf den Tisch vor ihm geschlagen, berichtet Caruso. „Er brüllte mich an: ‘Was fällt Ihnen ein?’“ Caruso sagt, er habe dann ebenfalls mit der flachen Hand auf den Tisch geschlagen und gerufen: „Jetzt ist aber Schluss!“ Daraufhin sei der Vater regelrecht ausgerastet, „er fragte: ‘Hast du ein Problem? So gehst du nicht mit mir um!’“ Als er ihn gebeten habe, das Lehrerzimmer wieder zu verlassen, habe der Vater Anstalten gemacht, ihm einen Stuhl über den Kopf zu ziehen. Er habe ihn schließlich mithilfe eines Kollegen aus dem Lehrerzimmer gedrängt, und im Flur davor habe der Vater sich die Jacke ausgezogen und gerufen: „Komm raus, wir können das sofort regeln!“

Dieser Vorfall aus Offenbach ist nur ein Beispiel unter vielen. Einer repräsentativen Untersuchung im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung zufolge hat sowohl die verbale als auch die körperliche Gewalt gegen Lehrerinnen und Lehrer zwischen 2018 und 2020 deutlich zugenommen. Insgesamt gaben rund 60 Prozent der Schulleitungen an, dass es in den letzten fünf Jahren an ihrer Schule Fälle gab, in denen Lehrer beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden. 2018 sagten dies nur 45 Prozent. Von körperlichen Angriffen gegen Lehrkräfte berichteten zuletzt 23 Prozent der Schulleitungen, 2018 waren es noch 16 Prozent gewesen. Und während der Pandemie ist alles noch viel schlimmer geworden. Die Lehrerinnen und Lehrer wurden dafür attackiert, dass sie die Corona-Regeln durchgesetzt haben.

„Es findet ein Wertewandel statt“

Lehrerinnen und Lehrer aus Thüringen berichten, sie seien während der Durchsetzung der Corona-Maßnahmen mit den KZ-Mitarbeitern verglichen worden, die vor 80 Jahren an der Rampe in Buchenwald standen. Oder ihnen sei gesagt worden, sie seien wie die Mauerschützen, die auch nur Befehle ausgeführt hätten. Eine Schulleitung musste sich anhören, sie leite ihre Schule mit Nazimethoden. Ein Vater zettelte auf dem Messenger Telegram eine Hetzkampagne gegen die Schule seiner Kinder an, sodass fremde Menschen die Schulleitung bedrohten und beleidigten. Andere Lehrer wurden beleidigt, bespuckt, bedroht, geschlagen oder in den Bauch getreten.

Grund für ein solches Verhalten dürfte natürlich beileibe nicht nur die Corona-Pandemie sein. Nach Einschätzung des Deutschen Lehrerverbands nimmt die Gewalt gegen Lehrer gerade an Brennpunktschulen zu. Dort stammen viele Schüler aus Familien, die in prekären Verhältnissen leben. Es sind Kinder, die immer wieder Zeugen von körperlicher Gewalt werden, etwa zwischen ihren Eltern. Solche Kinder und Jugendliche werden dann auch selbst eher gewalttätig als andere.

Und deren Eltern respektieren, wie viele andere Menschen auch, Autoritäten nicht mehr. Oder zumindest nicht mehr automatisch, sondern nur noch, wenn sie einen Grund dazu sehen. „Es findet ein Wertewandel statt“, sagt Dieter Frey, Leiter des Center for Leadership and People Management an der Universität München. „Frühere Werte wie Disziplin, Achtung vor Autoritäten und Hierarchien, Höflichkeit und Selbstbeherrschung verlieren an Bedeutung.“

Zukunftsängste, Unsicherheit und Sorge vor dem sozialen Abstieg

Eine weitere Ursache für die zunehmenden Fälle von Gewalt gegen Lehrer könnte mit dem Druck zu tun haben, dem sich die Mittelschicht ausgesetzt sieht: Vor 20 Jahren zählten noch 65 Prozent der Deutschen zur Mittelschicht, 2010 gehörten ihr nur noch 58 Prozent an. Das haben Wissenschaftler im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung ausgerechnet. Sie haben außerdem herausgefunden, dass der Aufstieg in eine höhere Schicht heute schwerer ist als noch vor 20 Jahren. Unbewusst nehmen viele Eltern dies wahr. Die Folge sind Zukunftsängste, Unsicherheit und Sorge vor dem sozialen Abstieg ihrer Kinder. Das dürfte ein wichtiger Grund sein, warum sie oder ihre Kinder sich gegen Lehrer wenden, die ihnen im Weg zu stehen scheinen.

Unterdessen können Schulleitungen ihre Lehrerinnen und Lehrer immer seltener vor Gewalt schützen. Nur noch gut die Hälfte von ihnen sah sich laut Verband Bildung und Erziehung (VBE) im Jahr 2020 dazu in ausreichendem Maße in der Lage. Zwei Jahre zuvor waren es noch fast 90 Prozent gewesen. Als Ursache nennen die Schulleitungen, dass die Eltern der Schülerinnen und Schüler, welche Lehrkräfte bloßgestellt, angegriffen oder beleidigt haben, oft nicht kooperieren würden. Und deren Sprösslinge seien vielfach ebenfalls uneinsichtig.

„Da werden Lehrer traumatisiert“

Im Idealfall stellt sich die Schulleitung trotzdem schützend vor ihr Kollegium. Viel zu oft allerdings passiert das nicht. Stattdessen wird versucht, unangenehme Vorfälle unter den Teppich zu kehren. „Früher wurde man Schulleitung aufgrund guter Examina. Ob man gut kommunizieren konnte und sich fürsorglich gegenüber dem Kollegium zeigte, war nicht relevant“, sagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Es gebe darum Schulleitungen, die hätten einen Reflex, die überlegten sich in solchen Fällen: Wie verhindere ich, dass das publik wird? Weil sie fürchteten, ihre Schule könne durch so einen Vorfall zur Problemschule werden. Also versuchten sie, die Dinge intern und auf schnelle Art und Weise zu lösen. „Da werden Lehrer traumatisiert“, sagt Meidinger.

So ist es auch Oliver Kurz ergangen. Er hat vor einiger Zeit sogar die Schule gewechselt, weil er sich von seiner Schulleitung im Stich gelassen fühlte. Ein Schüler hatte ihn mitten im Unterricht gefragt: „Wissen Sie, welches Gerücht über Sie kursiert?“ Er habe an eine jugendliche Provokation gedacht, sagt Kurz, und gefragt: „Nein, welches denn?“ Und der Schüler habe geantwortet: „Dass Sie mal auf der Toilette von einem Kollegen beim Onanieren erwischt worden sind.“

„Häng’ es nicht an die große Glocke“

Kurz, der eigentlich anders heißt, sagt, er sei schockiert gewesen, habe aber kein Drama aus der Sache gemacht. Nach der Stunde ging er aber zu seiner Schulleiterin und bat um ein Gespräch zwischen dem Schüler und ihm selbst im Beisein der Schulleiterin. „Aber als dann eine Woche später der Termin war und der Schüler und ich vor ihrem Raum standen, hatte sie es vergessen und war nicht da“, so Kurz. Zu einem späteren Termin sei es nicht mehr gekommen. Er habe also mit den Eltern des Schülers gesprochen, die von nichts gewusst hätten. Schließlich hätten sich der Schüler, dessen Klassenlehrerin und die Schulleiterin zu einem Gespräch über den Vorfall getroffen. Er selbst sei nicht hinzugezogen worden und habe nur durch Zufall von dem Termin erfahren. Danach habe die Schulleiterin ihm erklärt, die Sache sei jetzt erledigt.

Oliver Kurz wollte sich indes mit dem Totschweigen des Vorfalls nicht zufriedengeben und wandte sich an die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, in der er Mitglied war. Dort riet man ihm, mit dem Lehrerrat an seiner Schule zu sprechen. „Von dem hörte ich erst wochenlang absolut nichts, dann rief mich eine Kollegin vom Lehrerrat an und sagte: ‘Schüler sagen so was, du musst damit leben. Häng’ es nicht an die große Glocke’“, berichtet Kurz.

Lehrkräfte werden von ihren Schulleitungen im Stich gelassen

Heinz-Peter Meidinger vermisst angesichts solcher Vorfälle die Fürsorge des Staates. Er wünscht sich, dass die Schulämter und die zuständigen Stellen in den Ministerien die Lehrer in solchen Notsituationen beraten und auch psychologisch und juristisch betreuen. „Es bräuchte vertrauliche Ombudsstellen und direkte Ansprechpartner für die Lehrer bei den Schulaufsichtsbehörden“, sagt er. Denn manche Lehrkräfte werden von ihren Schulleitungen im Stich gelassen oder trauen sich nicht, zu ihrer Schulleitung zu gehen, weil sie Angst haben, ein solcher Vorfall werde ihnen als individuelles Versagen ausgelegt.

Dass solche Stellen allerdings wirklich eingerichtet werden, ist momentan nicht abzusehen. Als 2017 ein Gesetz geändert werden sollte, um Angriffe auf Polizisten und Sanitäter strenger ahnden zu können, forderte der Verband Bildung und Erziehung, auch Angriffe auf Lehrerinnen und Lehrer mit in dieses Paket einzuschließen und sie so besser zu schützen. Aber das ist nicht geschehen. „Da wird sich durch die Politik unzureichend gekümmert“, beklagt Udo Beckmann, Vorsitzender des VBE.

Im Ernstfall die Flucht ergreifen

An der Edith-Stein-Gesamtschule in Offenbach haben sich die Lehrer darum mittlerweile auf eigene Faust fortgebildet und dafür eine private Sicherheitsfirma engagiert. Sie wissen jetzt, wie sie jemandem mit den richtigen Worten und der richtigen Körpersprache klarmachen können, dass er oder sie zu weit gegangen ist. „Der körperliche Habitus ist ganz wichtig dabei. Man muss aufrecht und selbstbewusst stehen“, sagt Schulleiter Caruso.

Die Kollegen wissen auch, wo sie sich bei Elterngesprächen hinsetzen müssen – immer mit dem Rücken zur Tür und die Eltern in die gegenüberliegende Ecke, „damit wir im Ernstfall schnell fliehen können. Ich bin vor einem heiklen Elterngespräch immer in Habachtstellung“, sagt Caruso, „ich stelle mich immer auf eine Eskalation ein.“ Und wenn eine Kollegin Angst vor einem Elterngespräch habe, komme er selbstverständlich dazu.

Nach dem Vorfall mit dem aggressiven Vater war er allerdings so geschockt, dass ihm, zurück in seinem Büro, die Tränen kamen. „Ich wusste nicht, wohin mit diesem Druck, das war so viel negative Energie!“ Trotzdem setzt er sich notgedrungen weiter ohne Hilfe von oben für sein Kollegium ein, allerdings mit mäßigem Erfolg. Vergangene Woche hat an seiner Schule ein Fünftklässler eine Lehrerin angegriffen, nachdem sie zu ihm gesagt hatte, er solle einen Mitschüler in Ruhe lassen. „Er sagte zu ihr: ‘Halt du erst mal die Fresse’, und dann hat er sie geschubst, derb am Arm gepackt und Tische und Stühle umgeworfen“, berichtet er. Carusos bittere Erkenntnis: „Wir haben Kulturen dabei, in denen die Frau unter dem Mann steht.“ Das gelte für die Kinder, aber auch für die Eltern. „Es gibt Väter, die sagen: ‘Mit der Lehrerin rede ich nicht. Ich rede nur mit einem Mann.’“ Er überlegt sich in solchen Fällen immer vorher, was er sagen soll – und vor allem, wie er es sagen soll. „Aber man kann nicht viel mehr machen als hoffen, dass es gut verläuft. Es ist ein Bestandteil des Lehrerberufs, Drohungen und Gewalt ausgesetzt zu sein.“

Kontakte zu den Hells Angels

Den betreffenden Vater hat er immerhin angezeigt. Aber es kam nicht zu einem Verfahren, weil der Vater zuvor noch nie auffällig geworden war. Er wurde lediglich im Zuge einer Gefährderansprache dazu verpflichtet, einen Bogen um Caruso zu machen, sollte er ihn auf der Straße treffen. Und die Schule darf er nicht mehr betreten. Eine Kollegin von Caruso, die einen anderen Vater ebenfalls angezeigt hatte, weil er zu ihr gesagt hatte, er habe Kontakte zu den Hells Angels und werde sie „fertigmachen“, wenn sie seinem Sohn keine besseren Noten gebe, hatte indes Glück im Unglück, weil sich die Leistungen des Schülers nach einem Gespräch verbesserten und sie ihm so tatsächlich bessere Noten geben konnte.

Manchmal sind es indes auch die Schüler selbst, die einen Lehrer auffangen und die Sache wieder ins Lot bringen. Jens Rohoff, schwul und Lehrer an einem Gymnasium, wurde vor einiger Zeit mit einem Zettel konfrontiert, den Schüler unter den Vertretungsplan gehängt hatten – also dahin, wo morgens immer alle Schüler draufgucken. Auf dem Zettel stand: „Bei dem schwulen Herrn Rohoff müsst ihr aufpassen, dass euch nicht die Seife runterfällt.“ Schüler hatten diesen Zettel bereits abfotografiert und in den sozialen Medien geteilt. Rohoff, der eigentlich anders heißt, war schockiert, „der Gag implizierte ja, dass ich Interesse an Schülern hätte“. Doch versuchte er erst gar nicht, den Post in den sozialen Medien löschen zu lassen: „Man kommt dagegen kaum an.“ Er hatte zuvor schon einmal einen Anwalt kontaktiert, weil er eine Veranstaltung zum Thema Homophobie moderiert hatte und danach verunglimpft worden war. Doch nichts war danach geschehen.

„Sie schrieben, dass ich ein toller Lehrer sei“

Daher packte er den Stier nun zumindest in der realen Welt selbst bei den Hörnern und fragte gleich in der ersten Stunde die etwa 16-jährigen Schüler seines Deutschkurses: „Die Info, dass euer Deutschlehrer schwul ist, für wen war die neu?“ Niemand habe sich daraufhin gemeldet. Ein Schüler habe aufgezeigt und gesagt, den Zettel habe jemand aus einer anderen Stufe geschrieben, für ihn und seine Stufe sei das „kein Thema“.

Im Laufe der folgenden Tage fand Rohoff in seinem Fach im Lehrerzimmer mehrere Zettelchen und Süßigkeiten von Schülern, die sich mit ihm solidarisch zeigten. Der für ihn schönste Zettel kam von vier Muslimas, denen er mal einen Klassenraum aufgeschlossen hatte, damit sie darin beten konnten. „Sie schrieben, dass sie ja auch zu einer Minderheit gehören und mich als Mensch schätzen und finden, dass ich ein toller Lehrer sei.“