Lesen, ordnen, fordern : Was Kinder an Brenn­punkt­schulen wirklich brauchen

Geld und guter Wille allein reichen nicht, um allen Schülern bessere Bildungschancen zu ermöglichen. Was es braucht: Struktur, klare Regeln und ein neues Verständnis des Lehrerberufs.

Dieser Artikel erschien am 23.05.2022 in DER SPIEGEL
Susmita Arp und Miriam Olbrisch
Unterricht (Symbolbild)
©dpa

Zwischen der Straße Zur Guten Hoffnung und den Hochhausriegeln um die Prassekstraße liegen kaum hundert Meter – und doch sind es getrennte Welten.

Die Eltern aus der „Guten Hoffnung“, einer gepflegten Wohngegend mit Ein- und Zweifamilienhäusern, schickten ihre Kinder lieber an die katholische Grundschule, einige Straßenzüge entfernt. Die Schülerschaft an der städtischen Grundschule in Kirchdorf galt als abgehängt. Neun von zehn Kindern hatten dort ihre Wurzeln in einem anderen Land als Deutschland, gut die Hälfte ihrer ­Familien lebte von staatlicher Unterstützung. Im Hamburger Sozialindex landete diese Grundschule in der untersten Kategorie: „stark belastete soziale Lage der Schülerschaft“.

Dabei seien es gerade diese Kinder, die dringend Vorbilder aus einem ­anderen gesellschaftlichen Milieu brauchten, sagt Christian Gronwald, Leiter dieser Grundschule.

Im November 2012, Gronwald hatte gerade erst seinen Dienst in Kirchdorf angetreten, verfassten 14 Schulleiterinnen und Schulleiter aus den sozialen Brennpunkten südlich der Elbe einen Brandbrief: „An unseren Schulstandorten kommt es zu einer nicht mehr hinreichend bearbeitbaren Kumulation von Problemlagen“, heißt es darin. Viele Grundschulkinder lägen „in allen Kompetenzbereichen“ etwa zwei Jahre hinterher. Ein übergroßer Anteil der Kinder stamme aus bildungsfernen Haushalten, viele beherrschten weder ihre Muttersprache noch Deutsch ausreichend. Hinzu kämen „erhebliche Erziehungsdefizite“ und „geringe Regelakzeptanz“. Man müsse „radikal umdenken“, schrieben sie.

Was Brennpunktschulen brauchen, um keine Brennpunktschulen mehr zu sein, beschäftigt Bildungspolitiker seit Jahren. Im Kern geht es darum, wie Bildung gerechter wird – und wie Schule schlechtere Startchancen im Leben ausgleichen kann.

Schnell folgt der Ruf nach mehr Geld. Doch so einfach ist das nicht, sagt Olaf Köller vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel und Co-Vorsitzender der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK). Viel zu oft werde Geld in Projekte und Maßnahmen investiert, deren Erfolg niemand kontrolliere.

Das Gute ist: Was wirkt und was nicht, dazu wurde in den vergangenen Jahren viel geforscht. „Die Wissenschaft hat längst viele Erkenntnisse“, sagt Köller. „Nur müssen sie in den Schulen noch ankommen.“ Das Beste daran: „Einiges kostet wenig oder gar kein Geld.“

Vor neun Jahren startete Hamburg deshalb das Programm 23plus. 23 Schulen in benachteiligten Lagen und mit unterdurchschnittlichen Schülerleistungen sollten mit wissenschaftlicher Unterstützung die Trendwende schaffen. Das Projekt war so erfolgreich, dass es mittlerweile auf rund 40 Schulen angewachsen ist.

An der Grundschule Kirchdorf lässt sich im Kleinen beobachten, was Wissenschaft für Schule leisten kann, wenn man auf sie hört. Im Lesen, ­getestet mit dem „Salzburger Lesescreening“, verbesserten sich fast alle schwachen Kinder in Klassenstufe vier innerhalb rund eines Jahres um ein bis zwei Niveaustufen auf „durchschnittlich“. Bei den letzten Lernstandserhebungen vor der Coronapandemie landeten die Drittklässler in Rechtschreibung und Mathematik deutlich vor ihren Mitschülerinnen und Mitschülern an Schulen in vergleichbarer Lage. 2020 wechselte ein knappes Drittel der Viertklässler aufs Gymnasium. 2019 gewann die Grundschule den Hamburger Bildungspreis.

Wie haben die das geschafft?

Erstens: Lesen als Basis allen Lernens

Jeden Morgen um 8.50 Uhr ist Lesezeit. Alle Mädchen und Jungen der Schule beugen sich über ihre Bücher und lesen, mal leise, mal zu zweit, mal in der Kleingruppe, mal im Tandem, mal im Chor, mal mit dem Hörbuch, 20 Minuten lang. Den Jüngsten liest die Lehrkraft vor. Ob das Training wirke, werde engmaschig kontrolliert. Alle Ergebnisse schaue er sich persönlich an, sagt Schulleiter Gronwald. „Wenn ich bei einem Kind keine Steigerung sehe, frage ich nach.“

Wenn ich bei einem Kind keine Steigerung sehe, frage ich nach.
Christian Gronwald

Als Folge des Lesetrainings verbesserten sich die Kirchdorfer Kinder auch im Rechnen. „Sie verstehen die Aufgaben jetzt schneller“, sagt Gronwald. „Wer gut lesen kann, profitiert auch in anderen Schulfächern.“

Zweitens: Ordnung und Struktur

Die 3b ist zu laut – zumindest für den Geschmack von Frau Wittkowski. Sie streicht über das schokoladentafelgroße Xylofon in ihrer linken Hand. Augenblicklich verstummt das Gemurmel im Klassenraum. Das Xylofon begleitet die Kinder schon seit der Vorschule. Jede Lehrkraft hat eins.

Die Sitzordnung ist immer gleich. Auf den Tischen liegen nur die nötigsten Arbeitsmaterialien. Jacken hängen ordentlich an der Garderobe, die Mülleimer sind geleert, die Fenster geputzt. Die Kinder arbeiten konzentriert, keiner kippelt mit dem Stuhl, wer etwas sagen will, hebt die Hand und spricht, wenn die Lehrerin es erlaubt. Und das soll eine Brennpunktschule sein?

„Das ist wirklich immer so“, sagt Tatiana Wittkowski, die Lehrerin. Der Weg sei allerdings weit gewesen. „Wir ernten jetzt, was wir mit den Kindern jahrelang eingeübt haben.“

Kern des Erfolgs sei, dass jede Lehrkraft sich möglichst vorhersehbar verhalte, sagt Schulleiter Gronwald. Dass jeder denselben Laut­stärkepegel toleriere, dieselben Maßstäbe an Ordnung und Sauberkeit im Klassenraum anlege und Verstöße auf dieselbe Art ahnde.

Auch die Schulstunden sind immer gleich aufgebaut. Dieselben Zahlenrätsel, die Frau Wittkowski heute der 3b stellen wird, müssen auch die Parallelklassen lösen. Zum Anfang jeder Stunde begrüßt jede Klasse die Lehrkraft im Chor: „Gu-ten Mor-gen!“

Ordnung und Routine vermittelten den Kindern Sicherheit, sagt Christian Gronwald. Je unsteter das sonstige Umfeld eines Kindes sei, umso mehr Orientierung brauchte es, um konzentriert lernen zu können. „Wir wissen aus der Unterrichtsforschung, dass es nichts Verheerenderes gibt als ständig wechselnde Regeln“, sagt Erziehungswissenschaftler ­Köller.

Drittens: Die Lehrkraft als Dienstleister

Bei so vielen Vorgaben bleibt wenig Platz für Kreativität – oder für das, was Lehrkräfte oft unter „Freiheit“ verstehen: die Hoheit über den eigenen Unterricht.

„Es darf nicht vom Zufall abhängen, ob eine Lehrkraft eine Klasse gut führt oder nicht“, sagt Schulleiter Gronwald. „Deshalb haben wir gemeinsam einen möglichst engen Rahmen entwickelt, an den sich alle halten müssen.“ Um zu gewährleisten, dass alle mitziehen, stehen während des Unterrichts alle Klassentüren offen, damit Kollegen jederzeit hereinkommen und zuschauen können.

Wissenschaftlich ergebe Gronwalds Vorgehen Sinn, sagt Felicitas Thiel, Professorin für Schulpädagogik und Schulentwicklungsforschung an der FU Berlin und ebenfalls Co-Vorsitzende der SWK. „Jede Lehrkraft steht im Umgang mit Schülerinnen und Schülern vor ähnlichen Herausforderungen. Trotzdem finden wir es normal, dass jeder hinter verschlossener Tür an seinen eigenen Lösungen herumbastelt.“ Gerade in sozial schwierigen Lagen dürfe man nicht darauf bauen, dass die einzelne Lehrkraft es schon richten werde.

Viertens: Schulzeit verlängern

Wie schreibt man dieses Tier noch mal? Fösch? Fesch? Oder Fisch? Der Junge, der in der Klasse 1c an der Tafel steht, zieht die Stirn kraus. Dann streicht er das ö und ersetzt es durch ein i. „Ich bin begeistert“, lobt die Klassenlehrerin Frau Minic. Dass die Erstklässler Umlaute wie das Ö und komplizierte Buchstabenhaufen wie „sch“ kennen, ist außergewöhnlich – zumal für eine Schulklasse, in der kaum ein Kind zu Hause Deutsch spricht.

Bereits am ersten Schultag hatten seine Erstklässlerinnen und Erstklässler im Schnitt einen Entwicklungsrückstand von bis zu anderthalb Jahren, so Schulleiter Gronwald. „Die Eltern lesen ihnen nicht vor, fördern und fordern sie nicht.“ Schule müsse das auffangen, damit die Kinder im Leben nicht dauerhaft Nachteile erführen.

Wie das geht? „Sie brauchen mehr Zeit“, sagt Gronwald. Die Idee: die Grundschulzeit um ein Jahr zu verlängern – nach vorn. Lehrkräfte der vierten Jahrgänge unterrichten eine Vorschulklasse und übernehmen diese dann bei der Einschulung. „Wir können am ersten Schultag sofort ins Lernen einsteigen.“

Fünftens: Fördern und Fordern

„Für unsere Kinder ist das zu schwierig.“ – „Das können wir ihnen nicht abverlangen.“ Die frühere Berliner Schulsenatorin Sybille Volkholz nannte solche Glaubenssätze „protektionistische Unterforderung“. Christian Gronwald entdeckte sie in seinem Kollegium und auch bei sich selbst. „Wir wollten den Kindern nicht so viel zumuten, weil sie es ohnehin schon schwer haben“, sagt der Schulleiter. Dabei könnten auch Kinder aus belasteten Elternhäusern über sich hinauswachsen – wenn man ihnen etwas zutraut. Das wurde in Schulstudien belegt.

Wenn Frau Minic in der 1c während der Arbeitsphase von Gruppentisch zu Gruppentisch läuft, klingt das jetzt ganz einfach: „Ich weiß, dass du die Lösung kennst“, sagt sie zu einem Mädchen mit pinkfarbenem Haargummi und ernstem Blick. Als ein Lockenkopf sich beschwert, dass sein Sitznachbar abschreibe, sagt Minic: „Ist nicht schlimm – freu dich, dass er bei dir was zum Abschreiben findet.“

Was in den Köpfen der Lehrkräfte passiert ist, lässt sich schwer messen. Doch die Haltungsänderung zeigt sich im Schulprogramm: Es gibt eine Kooperation mit der Technischen Universität Hamburg-Harburg und der Jugendmusikschule. Neben Förderkursen für die Schwachen gibt es nun „Forderkurse“, in denen die Guten anspruchsvolleren Stoff ­bearbeiten.

Es sind wohl auch Angebote wie diese, die die Grundschule Kirchdorf für eine neue Klientel attraktiv machten. Hatte Gronwald früher Mühe, drei erste Klassen zu füllen, bekommt er nun zu viele Anmeldungen für vier. „Ich muss sogar Kinder wegschicken.“

Was der Schulleiter einst herbeiwünschte, ist eingetreten: Die Kinder aus der „Guten Hoffnung“ sind an seiner Schule angekommen. Die Schülerschaft ist bunter geworden.

Gronwald könnte sich freuen. Doch der Erfolg fällt ihm nun auf die Füße. Weil sich der gesellschaftliche Status seiner Schülerschaft im Durchschnitt gesteigert hat, fällt die Schule nicht mehr in die unterste Kategorie des Sozialindex. Sie ist aufgestiegen: „eher stark belastete soziale Lage“ statt „stark belastete soziale Lage“.

Aufstieg bedeutet aber auch: weniger Unterstützung. Zwei Lehrerstellen müsse Gronwald abgeben, erzählt er. Er muss die Sprachförderung reduzieren, den Sonderpädagoginnen werden Stunden gestrichen. „Das ist bitter“, sagt Gronwald. Denn die Kinder aus den Hochhausriegeln sind auch noch da.