Nationalsozialismus : Was haben die Nazis mit mir zu tun?

Junge Menschen interessieren sich mehr für die NS-Zeit als ihre Eltern, zeigt eine Studie. Sie schärfen dabei ihre Identität, sind aber auch fasziniert vom Schrecken.

Dieser Artikel erschien am 25.01.2022 auf ZEIT Online
Parvin Sadigh
Holocaust-Mahnmal Berlin
Das Stelenfeld des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, das auch Holocaust-Mahnmal genannt wird.
©dpa

Vor bald 77 Jahren, am 27. Januar 1945, wurden die Menschen im Konzentrationslager Auschwitz befreit. Der Tag gilt heute dem Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus. Gibt es Grund zur Sorge, dass junge Menschen sich nur noch gelangweilt der Geschichte zuwenden? Nein, zeigt die Umfrage Die Gen Z und die NS-Geschichte: hohe Sensibilität und unheimliche Faszination. Die qualitativ-tiefenpsychologische wie auch quantitativ-repräsentative Studie wurde vom Rheingold-Institut im Auftrag der Arolsen Archives durchgeführt. 75 Prozent der befragten 16- bis 25-Jährigen interessieren sich für den Nationalsozialismus. In der Generation ihrer Eltern, den 40- bis 60-Jährigen, die als Vergleichsgruppe befragt wurden, sind es nur 66 Prozent.

Menschen, die heute jung sind, kennen meist niemanden mehr in ihrer Familie, der sich schuldig gemacht hat oder Opfer des Regimes war. Die persönliche Betroffenheit ist also nicht mehr da, aber das ist auch eine Chance: Junge Menschen müssen die Geschichte nicht mehr abwehren, um Familienangehörige zu schützen. Anders als die älteren Generationen fühlen sie sich selbst nicht mehr schuldig oder zu Schuldgefühlen verpflichtet. Laut Umfrage können sie sich auch emotionaler auf die Verbrechen der Zeit einlassen als die Elterngeneration. Allerdings empfinden sie dabei sowohl Empörung und Angst als auch Faszination – Zweites kann für einen kleinen Teil der Generation auch zur Gefahr werden.

Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswelt

Die Zeit des Nationalsozialismus reflektieren viele junge Menschen, um ihre eigene Lebenswelt besser zu verstehen, zeigen die Befragungen. Sie empfinden sie als Gegenbild zur jetzigen Zeit. Sie können nicht nur ihre Religion oder ihren Beruf wählen, sondern auch, wie sie sich unterhalten lassen, was sie konsumieren. Sie können sich relativ frei entfalten, ihre Identität selbst entwickeln. Dagegen stehen Führerkult und Gehorsam der Nazizeit. Damals mussten die Menschen individuelle Eigenheiten den rigiden Vorstellungen der Nazis unterordnen. Die Auseinandersetzung mit diesem Teil der deutschen Geschichte führe dazu, dass viele Jugendliche die Gelegenheit nutzten, um zu schärfen, wer sie selbst sein möchten, heißt es in der Studie.

Die vielen Möglichkeiten, die die jungen Menschen heute hätten, würden aber auch immer wieder als Belastung erlebt, schreiben die Autorinnen und Autoren. Schließlich müssten sie den eigenen Weg selbst finden, statt klare Strukturen vorgegeben zu bekommen. Ein sehr kleiner Teil der Befragten scheint in den Ideen des Nationalsozialismus auch eine Antwort auf die Probleme der Gegenwart zu sehen. Ohne sich explizit dazu zu bekennen, sympathisiere diese Gruppe mit rechtem Gedankengut, das ließ sich in den persönlichen Gesprächen der Studie erkennen. Diese Jugendlichen ließen sich verführen von den klaren Antworten und eindeutigen Festlegungen, die der Faschismus anbietet – und von dem Versprechen, sich dadurch selbst als dominant und mächtig erleben zu können.

Große Emotionalität

Viele junge Menschen wiederum, die sich zwar klar von faschistischen Ideen distanzieren, sind dennoch von der NS-Zeit fasziniert. Das liegt daran, dass sich die historischen Ereignisse wie True Crime rezipieren lassen. Die Befragten erleben die Beschäftigung mit der NS-Zeit wie eine Art Mutprobe, so nennen es die Studienautoren, oder eine Grenzerfahrung. Sie sind neugierig auf das Extreme dieser Zeit und können sich auf diese Weise immunisieren für aktuelle gesellschaftliche Probleme. Manche können allerdings schwer glauben, dass die ungeheuerlichen Verbrechen der Nazizeit nicht Fiktion sind.

Fast ein Drittel der Befragten empfinden dabei allerdings Angst, etwa auch davor, selbst manipulierbar zu sein. Sie können den Rausch nachempfinden, den ein solches System auslösen kann und fragen sich, ob sie selbst zu Täterinnen oder Tätern geworden wären, wenn sie in der Zeit gelebt hätten. “Ich habe wirklich Angst, dass ich damals auch auf der Seite der Nazis gestanden hätte, nur um besser dazustehen”, wird ein Jugendlicher zitiert.

Parallelen zur heutigen Gesellschaft

Die junge Generation betrachtet die Fragen der Vergangenheit auch in Bezug zu gesellschaftlichen Entwicklungen im Hier und Jetzt. Fast 50 Prozent der Befragten sehen laut Umfrage Bezüge zur heutigen Gesellschaft. Floriane Azoulay, die Direktorin der Arolsen Archives, die Dokumente zu NS-Opfern sammelt, sagt, die jungen Menschen erlebten, dass Demokratien in Gefahr geraten könnten. Die Erinnerung an die Geschichte werde mit heutigen populistischen und autoritären Tendenzen in Verbindung gebracht. Rassismus ist dabei ein herausragendes Thema. 39 Prozent beschäftigen sich mit rassistischen Vorfällen heute, wenn sie über die Verfolgung von Juden, Roma und Sinti im Nationalsozialismus nachdenken. Nur 14 Prozent tun dasselbe in der älteren Vergleichsgruppe. Haben die jungen Menschen einen Migrationshintergrund, ist Rassismus sogar zu 46 Prozent für sie ein Thema, das sie aus der NS-Zeit in der Gegenwart wiederfinden. Sogar 60 Prozent der Befragten glauben, dass jeder noch heute rassistische Züge hat.

Vor allem junge Menschen mit Migrationshintergrund fragen sich, wie individuell sie wirklich sein dürfen. Wenn sie sich mit der Nazizeit beschäftigen, sehen sie sich eher in einer Opferrolle, als dass sie überlegen, ob sie selbst Täter geworden wären.

Haltung der Gen Z zum Nationalsozialismus

Die Erhebung fand in zwei Teilen, einem qualitativen und einem quantitativen, statt. Zunächst wurden insgesamt 100 Proband:innen, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 16 bis 25 Jahren, tiefenpsychologisch in Interviews und Gruppendiskussionen befragt. Als Vergleichsgruppe beantworteten auch Erwachsene zwischen 40 und 60 Jahren die Fragen. Bei der Auswahl der Proband:innen achteten die Forschenden darauf, soziodemografische Strukturen (Geschlecht, regionale Verteilung, Altersverteilung, Bildung und Beruf) möglichst genau abzubilden.

In einer anschließenden quantitativen Erhebung wurden insgesamt 1.058 Jugendliche und Erwachsene befragt. Die Studie ist repräsentativ für Alter, Geschlecht und Region in den jeweiligen Altersklassen.

Ein weiteres Thema ist für die Jugendlichen die Propaganda von damals, die mit Fake News von heute verglichen wird. Viele Jugendlichen werfen in den Gesprächen dadurch einen kritischen Blick auf diverse Medien heute.

Barrieren für das Interesse an der Geschichte

Allerdings kann das Interesse auch behindert werden. Das Gefühl, nicht offen diskutieren zu dürfen, schreckt junge Menschen ab. Etwa wenn sie Angst haben, nur vorgegebene Meinungen vertreten zu dürfen. 47 Prozent geben in der Studie an, sie würden schnell in eine Schublade gesteckt, wenn sie “falsche Meinungen äußern”.

Außerdem fühlen sich viele von zu vielen grausamen Fakten überwältigt, was dazu führen kann, dass sie sich abwenden. Viele wünschen sich neben den Fakten, sich in Biografien einfühlen zu können, in Serien, Filmen oder Podcasts. Letztere bieten zum Beispiel den Vorteil, nicht so bildgewaltig und ängstigend zu sein. Neben dem Digitalen, das immer bedeutender wird, weil Zeitzeugen kaum noch am Leben sind, bleibt das Analoge wichtig. Die Befragten schätzen Gedenkstättenbesuche. Lokale Stolpersteine können den Bezug zur eigenen Realität herstellen.

Junge Menschen wollen zudem mehr über die Parallelen zu ihrem eigenen Erleben diskutieren. Sie brauchen den Austausch. Dazu gehört auch ab und an ein Einblick in die Lebenswelt der Täter: 54 Prozent der Befragten wünschen sich, nicht nur etwas über die Geschichten der Opfer zu erfahren, sondern auch über die der aktiven Nationalsozialisten. Sie wollen wissen: Wie wird man zum Täter oder zur Täterin? Ein Perspektivenwechsel, der sensibel machen kann und bestenfalls dazu führt, genauer hinzuschauen, wie sich die heutige Gesellschaft entwickelt. Aber auch um eigene Wege zu finden in einer komplexen Welt.
Seitennavigation