Kinder und Dialekt : Warum ned einfach losschwätze?

Es gibt immer weniger Kinder, die heute Dialekt sprechen. Und wenn, dann gelten sie als provinziell und ungebildet. Was keiner weiß: Mundart fördert die kognitiven Fähigkeiten und sollte geschützt und gepflegt werden.

Dieser Artikel erschien am 14.09.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Isabel Fisch
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Dialekte: Wie lange werden Kinder ihn noch lernen und sprechen?
©Getty Images

Lara runzelt die Stirn. „Vielleicht sprechen wir es falsch aus“, sagt sie und betrachtet das Kärtchen in ihrer Hand. Auf dem Stundenplan der Dritt­klässlerin steht heute Alemannisch. Dazu ist Heidi Zöllner von der Muetter­sproch-Gsellschaft an die Grundschule in Hausen im Wiesental gekommen, einem kleinen Ort im südlichen Baden-Württemberg. Und sie hat ein Mundart-Memory mitgebracht. Statt Bildern sollen die Schüler hoch­deutsche und alemannische Begriffe einander zuordnen. Doch obwohl Laras Eltern und Großeltern regel­mäßig Mundart sprechen: Was „Saudätsch“ heißen soll, das weiß sie beim besten Willen nicht.

Wie Lara geht es vielen Kindern in Deutschland: Die älteren Generationen sprechen noch Dialekt, geben ihn aber nicht mehr weiter. Einige Wörter kennen die Kinder noch, benutzen sie aber nicht mehr aktiv. Der Wortschatz geht nach und nach verloren. Was bleibt, ist ein regionaler Klang bei der Aussprache schrift­deutscher Begriffe. Das ist schade, nicht nur für die Dialekte als Kulturgut, sondern auch für die Kinder selbst.

Ob Fränkisch oder Französisch, ob Pfälzisch oder Polnisch: Hirnforscher haben heraus­gefunden, dass ein Dialekt im Gehirn die gleichen positiven Effekte hat wie Bilingualität. Denn ein Dialekt, das ist nichts anderes als eine eigene Sprache mit eigenem Vokabular und eigener Grammatik, sagt Ralf Knöbl vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache: „Deshalb lassen sich die Vorteile von Bilingualität auf Dialekt­kompetenz über­tragen.“

Wer verschiedene Sprachen und Varietäten spricht, muss auch damit umgehen können, sagt Rupert Hochholzer, Professor für Deutsch als Zweit­sprache an der Universität Regensburg: „Die Sprach­erwerbs­forschung hat heraus­gefunden: Mundart fördert die kognitive Flexibilität, weil die Sprechenden zwischen den Sprachen wechseln können und müssen.“ Sie setzen die verschiedenen Sprachen zueinander in Beziehung, entwickeln ein besseres Sprach­bewusst­sein und kennen verschiedene Möglichkeiten, sich aus­zu­drücken. Das fördert wiederum das Gedächtnis und das abstrakte Denken. Später hilft es ihnen, weitere Sprachen zu erlernen.

Elektronische Medien verdrängen Dialekte

Mundart ist die alte Sprache des Volkes. Die meisten Deutschen haben weit bis ins 20. Jahrhundert Dialekt gesprochen, jedes Dorf und jeder Stadt­teil eine eigene Varietät – bis in den 1960er-Jahren Fernsehen und Radio die deutsche Sprache veränderten. Hoch­deutsch kam in die Wohnzimmer der Menschen, in den geschützten Raum, in dem bislang gebabbelt, geschwätzt oder geschnackt wurde. Fortan beeinflussten Medien, wie gesprochen wird. Und so war das makel­lose, nordische Hoch­deutsch der „Tagesschau“-Sprecher schnell sprachliches Vorbild.

„Mundart galt plötzlich als Sprache der einfachen Leute“, sagt Hochholzer. Der Dialekt als Barriere für den Bildungs­aufstieg – bis heute haben die Deutschen das verinnerlicht. Im Vor­schul­alter sprechen noch relativ viele Kinder Dialekt. Doch je höher der Bildungs­grad, desto mehr verschwindet er, sagt Knöbl: „Das Problem ist das Prestige. Mundart ist gesellschaftlich nicht angesehen. Deshalb hat sie einen direkten Einfluss auf die Sozial­chancen der Sprechenden.“

Ungebildet und primitiv, provinziell wirken Dialekt­sprechende laut Studien. Und den eigenen Kindern die Chancen verbauen, das will niemand. Es ist das häufigste Argument Hoch­deutsch sprechender Eltern – und kein gutes dazu, sagt Knöbl: „Ein Dialekt kann gar keinen Schaden anrichten, weil ein reiches Sprach­repertoire immer ein Vorteil ist.“

13 deutsche Dialekte hat die Weltbildungs­organisation als „vom Aus­sterben bedroht“ eingeschätzt, Alemannisch ist einer davon. Dabei gibt es ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Vor allem in den Küsten­regionen wird Platt­deutsch kaum noch weiter­gegeben. Als am vitalsten gelten die süd­deutschen Dialekte. Und trotzdem: Schätzungs­weise nur noch jedes fünfte Kind hier­zu­lande spricht Mundart. Dem Prestige allein ist das nicht geschuldet.

Die Gesellschaft verändert sich und mit ihr die Sprache. Früher blieben Dorf­bewohner unter sich, in die weite Welt hinaus kam kaum einer. Die kleinräumige Isolation ließ unzählige lokale Dialekte entstehen. Sie alle teilen nun das gleiche Schicksal: Wir kommunizieren heute quer durch Deutschland und über Länder­grenzen und Kontinente hinweg. Dazu braucht es eine einheitliche Sprache. Zur Globalisierung kommt die Mobilität der Gesellschaft: Nur noch wenige Menschen bleiben an ihrem Geburts­ort. In den Städten wird deshalb kaum noch Dialekt gesprochen. Das macht es so schwer, Mundart zu fördern.

Wiederbelebung der Mutter­sprache

Jemanden zum Schwätzen zu zwingen, das geht nicht. Trotzdem will man in Baden-Württemberg Dialekte vor dem Aussterben retten. Minister­präsident Winfried Kretschmann, ein Schwabe mit Leib und Seele, startete 2020 die „Dialekt­initiative“. Ihm liegt das Thema so am Herzen, dass er es sogar in den schwarz-grünen Koalitions­vertrag aufnahm. „Schwäbisch erleichtert manches – zum Beispiel Koalitions­verhandlungen“, sagte Kretschmann einmal. Dialekt nehme die Schärfe, so der Minister­präsident. Er erdet, holt uns zurück auf den Boden – in der Politik, im Beruf, im Privaten.

Auch Heidi Zöllner hat sich im Ländle der Rettung ihrer Muttersprache verschrieben: Alemannisch. Seit 2015 ist sie Teil des Projektes „Mund.Art in der Schule“. Sie sagt: „Mundart war zuerst da. Schriftdeutsch ist die künstliche Sprache, nicht umgekehrt.“ Zöllner stellt ihren mit­gebrachten Korb aufs Pult. „Morge“, begrüßt sie die dritte Klasse, und als die Kinder mit „Guten Morgen“ antworten: „Ihr schwätzt ja gar ned Alemannisch.“ Also schwätzt sie selbst los, erzählt von früher, zeigt guss­eiserne Bügeleisen und alte Wärm­flaschen und liest ein Märchen vor: „Der Froschkönig“, den Zöllner selbst ins Alemannische übersetzt hat. Verstehen tun sie die Kinder allemal. Ab und zu kommentieren sie auf Alemannisch, rufen angeekelt „Iiiiiih“, als der Frosch vom Teller der Prinzessin essen will, und lachen, als diese abwinkt und sagt: „Lossen schwätze.“

Einige Kilometer weiter, nahe Lörrach, leitet Iris Teulière die Kinder­tages­stätte „Ideen­reich“. Viele Eltern, die ihren Kindern etwas Gutes tun wollen, stecken sie in bilinguale Kitas. „Ideenreich“ ist sozusagen trilingual: Deutsch, Englisch und Alemannisch. Letzteres wird natürlich noch in vielen Kitas der Region gesprochen – aber eher unbewusst, ohne Konzept.

„Wir wenden die Immersionsmethode an“, erklärt Teulière. „Die Kinder lernen, situations­angemessen mit ihren Sprachen umzugehen.“ „Immersion“ bedeutet „Sprachbad“. Es ist eine bewährte Methode, Kinder mehr­sprachig auf­zu­ziehen: Die verschiedenen Sprachen werden im Alltag gesprochen und situations­abhängig eingesetzt. Der Morgenkreis, einige Finger­spiele und regionale Lieder finden auf Alemannisch statt, gefrühstückt wird auf Englisch. Dabei spricht jeder Erzieher eine feste Sprache. Die Kinder schreiben bestimmten Personen eine bestimmte Sprache zu.

Hat es Sinn, einen Dialekt zu fördern, den die Kinder gar nicht sprechen? Je früher Kinder mit Sprache in Berührung kommen, desto intuitiver gehen sie damit um, hat Teulière beobachtet: „Je älter sie werden, desto mehr denken sie nach.“ Es ist ein Unterschied, ob man einen Dialekt erwirbt oder erlernt. Erwerben erfolgt intuitiv im Kindes­alter. Wer den Dialekt lernt, der tut das wie bei einer Fremdsprache. Und sobald sie nicht mehr gesprochen wird, verkümmert sie. Hochholzer von der Uni Regensburg sieht deshalb Sprach­unterricht in weiterführenden Schulen skeptisch: „Dialekt ist die Sprache der Familie, der Nähe. Wenn diese Sprache zu Hause nicht gesprochen wird, ist sie hohl.“

Sprache transportiert die Kultur einer Gegend

Trotzdem gehört für Teulière Alemannisch in der Kita dazu: „Bei uns gibt es viele Alemannisch sprechende Erzieherinnen. Dass sie ihren Dialekt unterdrücken sollen, ist doch alte Schule. Hier in der Region gibt es wiederum viele zugezogene Kinder. Ihnen fällt es schwer, das Alemannisch zu verstehen, das auf den Spielplätzen gesprochen wird.“ Solchen Kindern helfe die Immersion, sich in ihrer neuen Heimat zu integrieren, sich heimischer zu fühlen. Teulière findet: Dialekt ist eine Bereicherung – auch wenn man ihn nicht spricht. Denn Sprache transportiert nicht nur Worte, sondern die ganze Kultur einer Gegend.

Den Alemannisch sprechenden Kindern gibt es wiederum Selbst­vertrauen. Sie erkennen, dass sie sich nicht für ihren Dialekt schämen müssen, dass es etwas Normales ist, so zu sprechen. So könne das Image von Mundart aufpoliert werden, sagt Sprachforscher Knöbl.

Doch Dialekt ist fehlerbehaftet. Die Grammatik entspricht nicht jener der hochdeutschen Schrift­sprache. „Und wir suchen in Deutschland gerne nach Fehlern“, sagt Hochholzer. Ziel der Schule sei es zwar, Schriftdeutsch zu vermitteln. Aber Mundart im Unterricht zu sanktionieren sei nicht der richtige Weg, sagt Knöbl: „Die Doppel­kompetenz ist wichtig. Die Kinder sollen sprechen, wie sie wollen – solange das Schriftdeutsch sitzt!“ Und das lernen sie durch den Medienkonsum früh genug ganz automatisch. Hochholzer ärgert, dass „manche Lehrer den Kindern das Gefühl geben, ihre Sprache sei über­flüssig oder falsch“. Das sei fatal. „Die Sprache ist ihre Heimat, sie sind damit aufgewachsen. Diversität und Toleranz muss auch für Dialekte gelten.“

Dialekt als Kulturgut

Hanna Seemann, Leiterin der Grundschule in Hausen im Wiesental, versucht, Alemannisch in den schulischen Alltag zu integrieren – obwohl sie selbst Probleme hat, das Mundart-Memory zu lösen. „Die Sprache ist ein Kultur­gut, ein Stück Heimat, das wir zu pflegen versuchen“, sagt sie. In Erzähl­kreisen habe sie beobachtet, dass Kinder offener sprechen, wenn sie nicht gebremst werden.

Denn Dialekt lässt emotionalere Kommunikation zu. Er bringt Gefühle nuancierter zum Ausdruck als Schrift­deutsch. Ein Fluch, ein Witz in Mundart transportiert mehr Gefühle, als in Schrift­deutsch je möglich wäre. Bei der Erziehung könne man das bewusst einsetzen, sagt Knöbl: „Ein Sprachwechsel verleiht eine Bedeutung abseits der inhaltlichen Aussage.“ Studien zeigen: Lehrer, die ein Donner­wetter auch mal im Dialekt loslassen, wurden von Schülern als authentischer bewertet. „Wenn jemand gerne Dialekt spricht, dann sollte er das auch tun, egal, ob zu Hause, im Job oder in der Schule“, rät Hochholzer. „Vor allem bei Emotionalität, bei Wut oder Freude ist das wunderbar!“

Vorbildnation für den selbstbewussten Umgang mit Dialekten ist die Schweiz: Hier ist Dialekt angesehen. Er wird durch alle Bildungs­schichten hindurch gesprochen. Eltern zeigen sogar Widerstand, wenn ihre Kinder vor der Einschulung die Hochsprache lernen sollen. Dabei hat in Deutschland die sprachliche Vielfalt eine ähnlich lange Tradition wie in der Schweiz. „Wir sollten uns da eine Scheibe abschneiden und sie positiver aufgreifen“, sagt Hochholzer – samt aller Vorteile für die Kommunikation und die Entwicklung des Gehirns. Nachteile haben Mundart sprechende Kinder nur, wenn sie auf Vorurteile stoßen. Und „Saudätsch“ – oder auch „Säudätsch“ – ist übrigens der Löwenzahn.