Dieser Artikel erschien am 04.08.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Heike Klovert, Nike Laurenz und Franca Quecke

Mangel an Pädagogen : Warum in Deutschland so viele Lehrer fehlen

Grund- und Berufsschulen spüren es besonders stark: Bundesweit fehlen Lehrer. Woran liegt das? Wie steuern die Länder gegen? Die wichtigsten Antworten im Überblick.

Schule in Sachsen 2012: „Politisches Planungsversagen“?
Schule in Sachsen 2012: „Politisches Planungsversagen“?
©dpa

Auch zum neuen Schuljahr können bundesweit nicht alle Lehrer­stellen besetzt werden. So viel ist sicher. Doch wie groß die Not der Schulen ist, geeignetes Personal zu finden, ist nicht leicht zu erheben.

Noch sind die Schulen zwar bundesweit in den Sommer­ferien. Doch der Lehrer­verband hat trotzdem bereits einen Versuch gestartet, die Lücke zu beziffern: Bundes­weit würden zum Schul­jahres­beginn rund 15.000 Lehrer­stellen offenbleiben, schätzt Verbands­chef Meidinger.

Der Deutsche Philologenverband, der vor allem die Interessen der Gymnasial­lehrer vertritt, warf der Politik ein „Planungs­versagen“ vor. „Schüler- und Lehrer­bedarfs­prognosen sind kein Hexen­werk“, sagte die Verbands­vorsitzende Susanne Lin-Klitzing der Nachrichten­agentur dpa. Die Planung der Unterrichts­versorgung müsse in den Ländern und der Kultus­minister­konferenz „besser wahr­genommen werden“.

Doch warum ist das Problem so schwer in den Griff zu bekommen? Und wie ist es um die Lehrer­versorgung bundes­weit genau bestellt? Die wichtigsten Antworten im Überblick.

Wo herrscht Lehrermangel?

Nicht überall. Es gibt massive Unterschiede zwischen den Schul­formen – und auch zwischen West- und Ost­deutsch­land. Während für Gymnasien deutsch­land­weit in der Regel ein Über­angebot an Lehrern besteht, fehlen sie besonders an Grund- und Berufs­schulen. Zudem ist die Lage im Osten deutlich angespannter als im Westen.

Ob der Lehrerverband mit seiner Schätzung richtig liegt, wird sich zeigen. Aus fast allen Bundes­ländern hätten Verbands­vertreter jedoch zurück­meldet, dass es verglichen mit dem Vor­jahr noch schwieriger geworden sei, Lehrer­stellen zu besetzen, sagte Meidinger vom Lehrer­verband.

Einzelne Bundesländer werden in den kommenden Wochen bekannt­geben, wie viele Lehrer in ihrem Gebiet fehlen. Berlin und Branden­burg, wo am Montag als erstes die Schule wieder losgeht, haben bereits gemeldet, dass alle freien Lehrer­stellen besetzt werden konnten – aller­dings mit vielen Quer­ein­steigern, die noch weiter ausgebildet werden müssen.

Eine Zahl, wie groß der Lehrer­mangel bundesweit ist, wird die Kultus­minister­konferenz nicht verkünden. Zu wenig aktuell seien die Rück­meldungen aus den Ländern, heißt es dort.

Warum ist es so schwierig, den Lehrer­mangel vorher­zusagen?

Neue Lehrer lassen sich nicht aus dem Hut zaubern. Wer im vergangenen Jahr als Lehr­amts­student angefangen hat, braucht etwa sieben Jahre, bis er fertig ist und gegebenen­falls eine Lücke füllen kann. Deswegen ist es wichtig, den Bedarf an Lehrern möglichst akkurat vorherz­usagen.

Man sollte meinen, das sei einfach: Wie viele Kinder eingeschult und wie viele Lehrer in Ruhe­stand gehen werden, ist Jahre im Voraus bekannt. Es spielen jedoch auch noch andere Faktoren in diese Berechnung hinein:

  • Bildungspolitische Entscheidungen wie Vorgaben zur Klassen­größe oder besondere pädagogische Maßnahmen beeinflussen eben­falls die Frage, wie viele Lehrer gebraucht werden – und können mitunter recht kurz­fristig fallen.
  • Nicht alle, die ein Studium beginnen, führen dieses auch zu Ende – und arbeiten danach als Lehrer. Gerade in den vergangenen Jahren guter Konjunktur hätten viele Lehr­amts­absolventen eine Anstellung in der freien Wirtschaft dem Lehrer­beruf vorgezogen, sagte Meidinger vom Lehrerverband.

Für das Jahr 2019 hat die Kultus­minister­konferenz prognostiziert: 33.540 Lehrer werden gebraucht; dieser Zahl stehen 30.210 Absolventen gegenüber.

Doch selbst diese Berechnung ist nicht besonders aktuell. Denn die Bundes­länder melden der Kultus­minister­konferenz zu unter­schiedlichen Stich­tagen ihre Schüler- und Lehrer­zahlen. Die Statistischen Landes­ämter prüfen diese Zahlen, was von Land zu Land unter­schiedlich lange dauert. Wenn der Stichtag im Oktober liegt, kann es sein, dass die Kultus­minister­konferenz die Zahlen erst im Juni erhält. Dem­entsprechend langsam passt sie ihre Bedarfs­prognosen an.

Warum gibt es Lehrer­mangel?

Der aktuelle Mangel sei vor allem damit zu begründen, dass die zuständigen Ministerien lange Zeit mit sinkenden Schüler­zahlen gerechnet und daher die Aus­bildungs­kapazitäten zu stark zurück­gefahren hätten, erklärt Klaus Klemm, pensionierter Professor für Bildungs­forschung und Bildungs­wissen­schaften an der Universität Duisburg-Essen.

Zwei Faktoren, die den Lehrermangel verschärfen, seien nicht voraus­zusehen gewesen, sagt Klemm: Neben den Kindern von Zugewanderten und Flüchtlingen seien das die seit einigen Jahren stark steigenden Geburten­zahlen.

Hinzu kommt, dass bis in die Achtziger­jahre sehr viele Lehrer eingestellt wurden, um auf die steigenden Schüler­zahlen zu reagieren, die sich aus dem sogenannten Baby­boom der Nach­kriegs­jahre ergaben. Diese Lehrer gehen nun nach und nach in den Ruhestand.

Während die sogenannte Pensionierungs­welle im Westen bereits abebbe, werde sie im Osten zu weiteren Problemen führen, sagte Verbandschef Meidinger. In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel gehen dem dortigen Bildungs­ministerium zufolge fast 80 Prozent des Kollegiums bis zum Jahr 2030 in den Ruhe­stand, und Nachwuchs ist vor allem für Stellen auf dem Land schwer zu finden.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat außerdem gezeigt, dass bis zum Jahr 2030 fast die Hälfte der bundes­weit rund 125.000 Berufs­schul­lehrer in den Ruhe­stand geht. Allein bis zum Jahr 2020 werden jährlich 4000 neue Berufs­schul­lehrer durch­schnittlich benötigt.

Wie haben die Länder auf die Entwicklung reagiert?

Kaum ein Bundesland habe rechtzeitig gegen­gesteuert, sagt Bildungs­forscher Klemm. Einzig Bayern habe die Aus­bildungs­kapazitäten für Lehrer zügig hoch­gefahren und begonnen, jährliche Bedarfs­prognosen zu erstellen. Teilweise erst einige Jahre später hätten auch die anderen Bundes­länder reagiert und beispiels­weise das Kontingent an Studien­plätzen für angehende Grund­schul­lehr­kräfte erweitert.

Was tun die Länder noch?

In allen Bundesländern wurden inzwischen Maßnahmen ergriffen, um gegen den Mangel vorzugehen. Zwei haben sich etabliert:

  • Wer ein Lehramtsstudium und ein Referendariat für eine bestimmte Schulform abgeschlossen hat, kann Zusatz­qualifikationen erwerben, die den Wechsel zu einer anderen Schul­form möglich machen. So können zum Beispiel Lehrer in Bayern, die eine Ausbildung für das Gymnasium abgeschlossen haben, mit einer Zusatz­aus­bildung an einer Grundv­schule eingestellt werden.
  • Wer ein Fach-, aber kein Lehr­amts­studium abgeschlossen hat, kann in nahezu allen Bundes­ländern Zusatz­qualifikationen erwerben, die den Quer­einstieg an eine Schule ermöglichen. Wer also beispiels­weise ein reines Germanistik-Studium absolviert hat, kann auf diesem Weg Lehrer werden.

Beide Maßnahmen sind jedoch nicht allzu populär. Berlin, wo nur noch rund vier von zehn Lehrkräften ein Lehr­amts­studium abgeschlossen haben, steht heftig in der Kritik dafür, so viele Quer­ein­steiger einzustellen. Und um mehr Gymnasial­lehrer an die Grund­schulen zu locken, wollen einige Bundes­länder Grund­schul­lehrern mehr bezahlen. Doch auch darüber gibt es Streit.

Was könnten die Länder noch besser machen?

Bildungsforscher Klemm ist der Überzeugung, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen, um den Lehrer­mangel erfolg­reich zu verringern. Er fordert deshalb:

  • Eine Aufhebung der Zusatz­verdienst­grenze: „Es muss für Lehrer, die kurz vor dem Ruhestand stehen, attraktiver gemacht werden, noch ein oder zwei Jahre weiter­zu­arbeiten“, sagt Klemm. „Man kann keinen Pensionär dazu zwingen, das zu tun. Aber es gäbe sicherlich mehr Menschen, die sich dazu bereit­erklären würden, wenn sie für diese besondere Leistung auch angemessen entlohnt würden.“
    Bisher sei es in den meisten Ländern so: Wer länger bleibe, obwohl er nicht müsse, bekomme nur ein wenig mehr Geld. „Der Zusatz­verdienst sollte verhandelbar sein und nicht von oben gedeckelt werden“, sagt Klemm.
  • Erleichterungen für Mütter: „In vielen großen Betrieben gibt es Kitas oder andere Betreuungs­möglichkeiten für Kinder von Mit­arbeitern“, sagt Klemm. „Wenn Kommunen ihren Lehrern garantieren könnten, dass ihre Kinder nahe der Schule anständig betreut werden, würden sehr viele Mütter nach der Geburt womöglich schneller in den Schul­dienst zurück­kehren.“ Es gebe bundes­weit zu wenige an Schulen angedockte Kitas, in denen Kinder von Lehrern betreut werden könnten.