Dieser Artikel erschien am 09.11.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Johannes Mohren

Jüdische Schulen : Wachstum ohne Blüte

Die Zahl der jüdischen Schulen wächst. Ein gutes Zeichen, finden alle Beteiligten. Aber immer häufiger werden die jüdischen Einrichtungen zu Schutz­räumen.

zwei jüdische Schüler mit Kippa
©dpa

Aktuell ist es bei Sigmount Königsberg ein bisschen ruhiger. Zumindest im Bereich Schule – einem seiner Aufgaben­felder. Der Anti­semitismus­beauftragte der Jüdischen Gemeinde Berlin ist erleichtert darüber. Als das alte Schul­jahr zu Ende ging, war die Lage eine andere. Wöchentlich bekam Königsberg Meldungen. Wöchentlich saßen jüdische Eltern bei ihm, deren Kinder an nicht­jüdischen Schulen – vornehmlich an staatlichen, aber auch privaten – anti­semitisch gemobbt wurden. Königsberg sucht dann mit den Schulen den Dialog. „Niemand will ja ein Kind aus seinem All­tag reißen. Das ist die Ultima Ratio“, sagt er. Manchmal gelingt es, das zu vermeiden. Aber bei weitem nicht immer. „Und wenn ein Kind die Schule verlassen muss, dann ist es eigentlich immer das jüdische.“ Er berichtet von Bagatellisierung durch Schul­leitungen. Von den Versuchen, solche Situationen einfach aus­zusitzen. Bis hin zum Ignorieren – trotz ein­deutiger Hinweise.

Königsberg sitzt im Schulleiterbüro in der zweiten Etage des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn, während er davon berichtet. Leicht zurück­gesetzt steht das alte Schul­gebäude an der Großen Hamburger Straße in Berlin-Mitte – umgeben von einem Metall­zaun, bewacht von der Polizei sowie gemeinde­eigenem Sicher­heits­dienst. Über 400 Schüler werden hier unter­richtet. Ihr Schul­leiter ist seit vier Jahren Aaron Eckstaedt. „Bei uns am Gymnasium lernen die Schülerinnen und Schüler, wie jüdische Identität in einer modernen Welt aussehen kann“, sagt er. Die Fächer Jüdische Religion und später Religions­philosophie sowie Hebräisch sind über weite Teile der Schul­lauf­bahn verpflichtend. Der Zulauf ist groß – von jüdischen, aber auch nicht­jüdischen Schülern.

Das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn ist in dieser Hinsicht exemplarisch für das jüdische Bildungs­system, das in den Städten, in denen es große jüdische Gemeinden gibt, insgesamt stark wächst. Allein in den vergangenen drei Jahren wurden in München, Düsseldorf und Frankfurt die Strukturen für eine jüdische Schul­bildung bis zum Abitur geschaffen. In der bayrischen und der nordrhein-westfälischen Landes­haupt­stadt durch die Neu­gründung von jüdischen Gymnasien, in Frankfurt durch die Erweiterung des bestehenden Systems. Doch es ist nicht nur dieser Ausbau im Bereich der weiter­führenden Schulen, der das Wachs­tum zeigt. An der Düsseldorfer Yitzhak-Rabin-Grund­schule war im Jahr ihres 25-jährigen Bestehens vor kurzem die Nach­frage erstmals größer als die Kapazität. 2019 soll daher nun mit drei statt bislang zwei Klassen gestartet werden.

Schutzräume vor anti­semitischen Angriffen

Es gibt Stimmen, die glauben, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. Michael Szentei-Heise ist eine von ihnen. Der Vier­und­sechzig­jährige ist seit über drei Jahr­zehnten Verwaltungs­direktor der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. Zum Schul­start vor einigen Wochen hat die „Jüdische Allgemeine“ ein Plädoyer von ihm veröffentlicht. Der Titel: „Wir brauchen jüdische Schulen“. Es baute auf zwei Argumente. Beide sind, so verschieden, ja gegen­sätzlich sie doch sind, auch Hinweise darauf, wieso die jüdischen Schulen heute einen derart großen Zulauf haben. Das eine lautet: Jüdische Bildungs­einrichtungen sind notwendig, um jüdische Identität und Werte zu entwickeln und zu stärken. Es war schon das zentrale Anliegen Anfang der neunziger Jahre, als jüdische Schulen zum ersten Mal boomten. In Düsseldorf wurde etwa die Yitzhak-Rabin-Schule gegründet. In Berlin das Gymnasium Moses Mendelssohn, das damals noch schlicht JOS – Jüdische Ober­schule – hieß. Möglich wurde die Entwicklung dadurch, dass nach dem Mauer­fall binnen weniger Jahre Zehn­tausende jüdische Kontingent­flüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion kamen. Waren die Jahr­gänge zuvor oft so schwach, dass die Einrichtung von Schulen undenkbar war, änderte sich das.

Das andere Argument, sagt Szentei-Heise, sei neuer; ein Ergebnis der vergangenen zwei, drei Jahre. Die aktuellen Entwicklungen machten es dringend erforderlich, Schutz­räume vor anti­semitischen Angriffen zu schaffen. Mitte 2017, sagt Szentei-Heise, seien in der jüdischen Religions­schule auf Einladung rund 50 Schüler zusammen­gekommen. Der Vorstand der Düsseldorfer Gemeinde war da, die Schul­verwaltung der Stadt und auch ein Vertreter der israelischen Botschaft. Die Jugendlichen sollten berichten über das Jüdisch-sein an nicht­jüdischen Schulen. „Es war wirklich entsetzlich“, sagt Szentei-Heise. Die Zahl derer, die von antisemitischem Mobbing und Angriffen erzählten, sei groß gewesen. „Wir waren perplex.“

Harry Schnabel kann in Frankfurt jeden Tag sehen, wie die jüdische Schule wächst. Die Groß­bau­stelle liegt direkt neben dem Gemeinde­zentrum. „Es ist immer viel los in unserer Gemeinde“, sagt ihr Schul­dezernent, „aber: Momentan ist es schon besonders viel.“ Denn neben Schule ist Schnabel auch noch für die Ressorts Bauen und Finanzen zuständig und damit nun, da ein Schul­gebäude entsteht, in vielerlei Hinsicht involviert. Der Platz im aktuellen Stammvhaus der jüdischen Isaak-Emil-Lichtigfeld-Schule ist für die inzwischen fast 600 Schüler deutlich zu eng geworden. Mit der neuen gymnasialen Ober­stufe, die seit diesem Schuljahr aufgebaut wird, braucht es nun zusätzliche Räumlichkeiten. So wird für die Klassen eins bis vier für 13 Millionen Euro neu gebaut. Als die Schule 1966 als Grund­schule gegründet wurde, war sie die erste jüdische in Nach­kriegs­deutschland. „Eine Zwergen­schule“, wie Schnabel sagt. Zwanzig Jahre später folgten die Klassen fünf und sechs. Seit 2006 gab es eine Sekundar­stufe I. Und nun also den Weg bis zum Abitur – wie zuletzt im Jahr 1939. „Wir haben abwarten müssen, sind organisch gewachsen“, sagt Schnabel. Warum gerade jetzt der Schritt zur gymnasialen Ober­stufe erfolgt? „Unsere Aufgabe ist es, auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren sowie Anregungen und Wünsche unserer Gemeinde­mit­glieder aufzugreifen“, sagt Schnabel. Und der Wunsch, diesen Schritt zu gehen, sei groß gewesen.

Es fehlt ganz viel

Auch heute spielen Fragen der Identität bei der Schul­entwicklung eine wichtige Rolle. Es waren allen voran die konservativ religiösen Mittel­schichten der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, die sich für eine Ober­stufe stark­machten – und auf Zustimmung stießen. Eine Gruppe, für die auch im Schul­alltag die Einhaltung von religiösen Geboten und Riten zählt. Gewachsen ist sie in den neunziger Jahren durch die Zuwanderung aus Ost­europa. Es ist somit auch der damals angestoßene Prozess, der sich nun fortsetzt. Und doch ist die Lage eine andere. Die Schul­entwicklung nach dem Mauer­fall sei auch ein Spiegel des Vertrauens gewesen, dass Jüdisch-sein nach dem Holocaust in Deutschland Perspektive hat, sagt Schnabel. Es war der Ausdruck einer Blüte – und das nicht nur quantitativ. „Jetzt stehen wir an einem Scheide­weg“, sagt der Schul­dezernent. Weil es nun ein völlig konträrer Punkt sei, der die Entwicklung der Schulen zumindest mit bedinge: Verunsicherung statt Vertrauen. „Es gibt die Eltern, die ihre Kinder lieber direkt auf eine jüdische Schule schicken wollen, damit es gar nicht zu einer Situation kommen kann, in der sie anti­semitisch gemobbt und angegriffen werden“, sagt Schnabel. Und er sagt auch: „Das ist bestimmt nicht der Grund, aus dem wir wachsen wollen.“

Belastbare Zahlen über das antisemitische Mobbing an Schulen gibt noch es keine. In Berlin könnte sich das bald ändern. Ab dem Schul­jahr 2019/20 soll es eine Meldepflicht für diese Vor­fälle geben – als eigenständige Kategorie in den Not­fall­plänen der Berliner Schulen. Schul­leitungen werden dadurch verpflichtet, das Mobbing an Schul­verwaltung und Polizei weiter­zugeben. Es sei ein guter Schritt, sagt Sigmount Königs­berg, „dann sind die Ausflüchte weg“. Hoffnung auf schnelle Veränderung gibt es aber dennoch in keiner der Gemeinden. „Die Schul­büro­kratie ist schwer­fällig“, sagt Szentei-Heise. Der Leiter des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn, Aaron Eckstaedt, bemängelt vor allem eine allgemein fehlende Professionalität im Umgang mit Diversität: „Wir haben in Deutschland immer gedacht, dass wir auf einem wunder­baren Weg sind, stellen aber jetzt fest: Es fehlt ganz viel.“ Das betreffe insbesondere auch die Lehrer­aus­bildung und -fort­bildung, findet Harry Schnabel. „Das Schimpfwort ,Jude‘ ist auf Schul­höfen gängig. Das ist psychischer Druck. Viele Lehrer hören weg, weil der Umgang damit lästig wäre.“ Juden­hass werde entschuldigt oder auch als Israel-Kritik abgetan, statt ihn deutlich beim Namen zu nennen.

So ist es nicht auszuschließen, dass Sigmount Königsbergs Ruhe bald vorbei ist – wie am Ende des vergangenen Schul­jahres. Er hofft, dass er in Zukunft noch effektiver helfen kann. Dafür drängt auch er auf eine weitere jüdische Einrichtung. „Wir brauchen eine Sekundar­schule“, sagt der Anti­semitismus­beauftragte. Es ist die Schul­form, in der die Lage in Berlin aktuell besonders besorgnis­erregend sei – und das jüdische Gymnasium kann diese Schüler aus Leistungs­gründen nicht auf­nehmen. „Deshalb befindet sich der Vorstand der Gemeinde mit dem Senat in Gesprächen“, sagt Königsberg. Für Harry Schnabel ist bei allen diesen Bemühungen vor allem eines entscheidend: „Wir müssen an den jüdischen Schulen den Anteil der nicht­jüdischen Schüler behalten“, sagt er. Das sei die Entwicklung, die es zu beobachten gelte – es sei ein Grad­messer. „Wenn er kleiner wird, wäre das fatal.“ An der Isaak-Emil-Lichtigfeld-Schule ist man stolz auf die große Vielfalt. Die Schüler kommen aus acht­zehn Nationen. Dreißig Prozent sind nicht­jüdisch. Es sind auch einige Muslime unter ihnen. In der Großen Hamburger Straße in Berlin ist das ähnlich. Schutz­räume sind sie not­gedrungen. Aber Rück­zugs­orte wollen sie nicht sein – oder werden.

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