Corona-Aufholprogramm : Vom Hörsaal ins Klassenzimmer

Lehramtsstudent Maximilian Goeritz ist über die Initiative students@school an eine Dortmunder Grundschule vermittelt worden. Dort hilft er mit, Lernrückstände von Schülerinnen und Schülern aufzuholen, die während der Pandemie entstanden sind. Das Schulportal hat sich genauer angesehen, wie die Initiative funktioniert und wobei die Studierenden die Schule wirklich unterstützen können.

Regina Köhler 09. März 2022 1 Kommentar
Ein voller Hörsaal mit Studierenden
Bisher haben sich 1.077 Studierende bei students@school registriert, die meisten von ihnen sind Lehramtsstudierende.
©Rolf Vennenbernd/dpa

Zweimal pro Woche, immer mittwochs und freitags, unterstützt Maximilian Goeritz (27) seit Ende Januar Drittklässler einer Dortmunder Grundschule dabei, mit dem Schulstoff zurechtzukommen. Geduldig erklärt er ihnen, wie die Matheaufgabe zu verstehen ist oder warum bestimmte Wörter großgeschrieben werden. Mit einigen übt er Lesen, mit anderen englische Vokabeln. „Von den 27 Kindern dieser Klasse brauchen 24 eine besondere Förderung“, sagt er.

Goeritz ist Lehramtsstudent und hat an der TU Dortmund die Fächer Sozialwissenschaft und Germanistik belegt. Nach Abschluss seines Studiums wird er an einer weiterführenden Schule unterrichten. Erst mal aber unterstützt er jetzt die Klassenlehrerin jener dritten Klasse dabei, die Lernrückstände ihrer Schülerinnen und Schüler aufzuholen.

Die Corona-Pandemie hat die schulische Situation vieler Kinder und Jugendlicher dramatisch verschlechtert. So auch die der Dortmunder Drittklässler. Immer wieder mussten sie während der vergangenen zwei Jahre wochenlang zu Hause lernen, konnten ihre Lehrerinnen und Lehrer und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler nur am Bildschirm sehen. „Ich beobachte, dass die Kinder vieles, was sie in den vergangenen zwei Jahren im Unterricht durchgenommen haben, nicht richtig verstanden oder vergessen haben“, sagt Maximilian Goeritz. Zu Hause habe es oft nicht die Unterstützung gegeben, die nötig war. „Eltern sind eben keine Lehrkräfte, und das Kinderzimmer ist kein Klassenzimmer.“ Es sei nun wichtig, die entstandenen Wissenslücken zu schließen.

Sprachliche und mathematische Basiskompetenzen stärken

Maximilian Goeritz ist über das Projekt students@school zu den Kindern „seiner“ dritten Klasse gekommen. Das Programm wurde Ende vergangenen Jahres von RuhrFutur gestartet, um gegen Lernrückstände, die bei vielen Schülerinnen und Schülern in der Zeit des Distanz- und Wechselunterrichts entstanden sind, vorzugehen. Die 2013 gegründete Bildungsinitiative RuhrFutur setzt sich für Bildungsgerechtigkeit ein. Sie wird von der Stiftung Mercator, dem Land Nordrhein-Westfalen, sechs Städten und einem Kreis, sieben Hochschulen sowie dem Regionalverband Ruhr getragen und hat bereits verschiedene Projekte in der frühkindlichen Bildung sowie im Schul- und Hochschulbereich umgesetzt.

Geschäftsführer Oliver Döhrmann sagt, dass es bei students@school vor allem darum geht, sprachliche und mathematische Basiskompetenzen zu stärken. „Unser Programm bringt qualifizierte Studierende als Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter in Schulen aller Schulformen in Nordrhein-Westfalen. Dabei sollen die Studierenden zielgerichtet Mädchen und Jungen der Jahrgangsstufen 1 bis 6 unterstützen.“

Studierende erhalten eine vorbereitende Fortbildung

Bisher haben sich 1.077 Studierende bei students@school registriert, die meisten von ihnen sind Lehramtsstudierende. 312 Schulen, vor allem Einrichtungen in herausfordernder Lage, haben Bedarf angemeldet, so Oliver Döhrmann. „Die Studierenden erhalten vor ihrem Einsatz an einer Schule eine Fortbildung, die 20 Stunden umfasst und auf verschiedene Herausforderungen eingeht, die sich in der Praxis ergeben. Auch ein Modul zur Didaktik gehört dazu.“

Anschließend geht es laut Döhrmann darum, ein passendes Matching hinzubekommen. „Die Schulen können angeben, in welchen Fächern die Kinder Unterstützung brauchen, wobei wir uns auf die Basiskompetenzen in Deutsch, Mathematik und Englisch konzentrieren“, so Döhrmann. „Wir gucken dann, welche Studierenden zu welcher Schule passen könnten.“ Anschließend finden Vorstellungsgespräche vor Ort statt. Wenn die Schule grünes Licht gibt, kommt ein Honorarvertrag zustande. Den machen die jeweiligen Kommunen, die auch die Bezahlung der Lernbegleiterinnen und -begleiter übernehmen.

Eine Gelegenheit, Praxiserfahrungen zu sammeln

Maximilian Goeritz ist begeistert von diesem Programm. „Für mich ist das eine gute Gelegenheit, Praxiserfahrung zu sammeln“, sagt er. Im Studium sei das bisher viel zu kurz gekommen. Hinzu kommt, dass der Einsatz auch bezahlt wird. Pro Stunde erhält er dafür 15 Euro. Auch habe er von Anfang an gemerkt, wie wichtig sein Einsatz an der Schule ist, sagt Goeritz.

Die Klassenlehrerin habe ihm signalisiert, dass es für eine Lehrkraft allein kaum zu schaffen sei, allen Kindern gleichermaßen gerecht zu werden.

Die Schülerinnen und Schüler würden über ein sehr unterschiedliches Leistungsniveau verfügen. Etliche würden unter Konzentrationsschwierigkeiten leiden und müssten ständig zur Weiterarbeit motiviert werden. Sie bräuchten besonders viel Aufmerksamkeit. Teilweise müssten Texte und Erklärungen in englischer Sprache erfolgen. Drei Kinder seien erst im vergangenen Jahr aus dem Ausland hinzugekommen, ein Kind habe Dyskalkulie, andere seien wenig motiviert und arbeiteten nur sehr langsam. „Angesichts dieser Herausforderungen ist die Klassenlehrerin sehr froh, dass ich sie im Unterricht unterstütze“, sagt Goeritz.

Die Kinder erlebt er als sehr zugewandt. „Sie freuen sich, dass ich da bin und helfen kann“, sagt er. „Viele haben Probleme mit dem aktuellen Stoff.“ Hinzu komme, dass ein großer Teil von ihnen zwar in Deutschland geboren sei, trotzdem aber nicht gut Deutsch spreche, weil zu Hause eine andere Sprache gesprochen werde. „Diese Schülerinnen und Schüler brauchen besonders viel Hilfe, damit sie zum Beispiel Matheaufgaben überhaupt erst mal verstehen.“ Künftig werde er aber nicht nur im Unterricht dabei sein, sondern auch kleinere Gruppen extra begleiten, um gezielt individuelle Förderung geben zu können, sagt Goeritz.

Viele Schülerinnen und Schüler haben psychische Probleme

Als jemand, der von außen kommt, hat Maximilian Goeritz einen besonderen Stand in der Klasse. Er spüre, dass die Kinder ihm gegenüber sehr aufgeschlossen seien, sagt er. Sie hätten keine Scheu, Schwächen zu zeigen oder Fragen zu stellen. „Ich bin eben nicht ,der Lehrer‘ und gehe lockerer mit ihnen um.“ Das Mitteilungsbedürfnis der Kinder sei groß. „Es ist deutlich zu spüren, dass ihnen das gemeinsame Lernen, aber auch gemeinsame Unternehmungen während der Einschränkungen durch die Pandemie sehr gefehlt haben.“

Im Umgang untereinander gebe es in seiner Klasse keine größeren Schwierigkeiten, sagt Goeritz. Er sei allerdings erst wenige Wochen dabei und habe sich bisher nur einen ersten Überblick machen können. Oliver Döhrmann von RuhrFutur betont indes, dass viele Kinder aufgrund der schwierigen schulischen Situation während der Pandemie durchaus auch mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Das präge die Atmosphäre in vielen Klassen. Da einzugreifen sei allerdings nicht die primäre Aufgabe der Lernbegleitungen, sie können aber eine wichtige Lotsenfunktion übernehmen: „Um diese Fragestellungen müssen sich Schulsozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Schulpsychologinnen und Schulpsychologen und andere Akteure mit spezifischen Qualifikationen kümmern. Fokus unseres Projekts ist es, den Kindern beim Auf- und Ausbau genau der Kompetenzen zu helfen, die für ihre weitere schulische Laufbahn von größter Bedeutung sein werden.“

Maximilian Goeritz kann sich gut vorstellen, so lange wie möglich in der dritten Klasse mitzuhelfen. „Mit der Klassenlehrerin verstehe ich mich gut“, sagt er, wünscht sich aber auch, künftig noch stärker in das Kollegium der Schule integriert zu werden.

Auf einen Blick

  • Um Lernlücken zu schließen, die durch die Pandemie entstanden sind, haben alle Bundesländer Aufholprogramme gestartet. Dazu gehören häufig auch Initiativen, Studierende im Klassenzimmer einzusetzen.
  • Das Programm students@schoolvon RuhrFutur wird durch das Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen des Landesprogramms „Ankommen und Aufholen für Schülerinnen und Schüler“ gefördert.
  • Es vermittelt qualifizierte Studierende an Schulen in Nordrhein-Westfalen, um Lehrkräfte in den Jahrgangsstufen 1 bis 6 vor Ort zu unterstützen. Dabei steht die Förderung der sprachlichen und mathematischen Basiskompetenzen im Vordergrund.