Vernetzung im Stadtteil : Miteinander statt nebeneinander

In Schulgebäuden ist mehr möglich als Unterricht. Damit die Räume in Schulen auch Initiativen im Stadtteil einen Mehrwert bieten, müssen sie aber baulich entsprechend gestaltet sein. Ein Beispiel in Heidelberg zeigt, wie die Vernetzung einer Schule im Stadtteil aussehen kann – aber auch, wie schwierig es ist, das Zusammenspiel verschiedener Akteure dauerhaft zu etablieren.

Judith Jenner 30. Juni 2022
Außenansicht des B3-Projekts in Heidelberg
Wie sich eine Schule mit anderen Akteuren im Stadtteil vernetzt, zeigt das Projekt B3 in Heidelberg: Das dreigeschossige Gebäude hinten rechts ist die Grundschule, vorne rechts ist die Sporthalle, gegenüber am linken Bildrand das Bürgerhaus und im Hintergrund die Kita.
©Thilo Ross
Fassade des Bauprojekts B3, bei dem sich
Außenansicht des Projekts B3, das Grundschule, Kita und Bürgerhaus an einem Ort vereint. Links im Bild ist das Bürgerhaus zu sehen, rechts die Sporthalle.
©Datscha Architekten

Mehr als 32.000 allgemeinbildende Schulen gibt es in Deutschland. In ihren Gebäuden wird vormittags geschrieben, gerechnet und experimentiert. Nachmittags und abends nutzen Sportvereine, Musik- und Volkshochschulen die Gebäude. Oft findet auch die ergänzende Betreuung in Schulräumen statt. Aber viele Räume in Schulen werden nach Unterrichtsschluss überhaupt nicht genutzt.

Nicht nur angesichts knapper Flächen in Städten und Kommunen wäre eine effizientere Nutzung sinnvoll. Schulen, Vereine und lokale Initiativen können auch inhaltlich voneinander profitieren, indem sie räumlich enger zusammenrücken. Doch wie muss eine Schule für unterschiedliche Nutzungen gebaut sein, die eventuell sogar zeitgleich stattfinden?

Mit dem Projekt B3 – Betreuungs-, Bildungs- und Bürgerhaus entstanden 2017 im neuen Heidelberger Stadtteil Bahnstadt Kindertagesstätte, Ganztagsgrundschule und ein Bürgerzentrum unter einem Dach. Eigentlich waren dafür mehrere Baufelder vorgesehen. „Doch im Laufe der Planung zeigte sich, dass alle drei Funktionen auf einem untergebracht werden mussten“, sagt Stephan Brühl, Leiter des Amts für Schule und Bildung der Stadt Heidelberg.

Geschützter Spielplatz für die Kleinen, Fußballplatz für die Großen

Das Stuttgarter Büro Datscha Architekten gestaltete das Gebäude so, dass Schule, Kita, Bürgerzentrum und eine Sporthalle in miteinander verbundenen Gebäudeteilen untergebracht sind. Durch große Fenster fällt viel Tageslicht in die Klassenräume. Alle Kitaräume haben einen Zugang zum Innenhof mit einem geschützten Spielplatz, während die Größeren auf dem Fußballplatz auf dem Dach der Kantine kicken können.

Nach 17 und bis 20 Uhr sowie an den Wochenenden ist der separate Schulhof wie alle Schulhöfe in Heidelberg auch ein öffentlicher Kinderspielplatz. Um das zu ermöglichen, trägt das Landschaftsamt die Aufgabe der Wartung und Begutachtung. Die Schulhöfe unterliegen dann der Spielplatzordnung der Stadt Heidelberg. Von der Architektenkammer Baden-Württemberg wurde das Gebäude 2017 mit dem Titel „Beispielhaftes Bauen“ ausgezeichnet.

Doch die drei Hauptnutzer Kita, Schule und Bürgerzentrum sind in diesem „Bildungshaus“ nicht nur baulich miteinander verbunden – besonders Kindertagesstätte und Schule arbeiten eng zusammen, um den Kindern einen sanften Übergang zu ermöglichen.

Zusammenarbeit nachhaltig zu etablieren, ist eine Herausforderung

So gab es zeitweise mit dem „Ki-Schu“-Club (Kindergarten- und Schul-Club) eine gemeinsame AG, in der sich ältere und jüngere Kinder gegenseitig unterstützen sollten. „Dies geschah dann in gemeinsamen Spielaktionen in beiden Häusern, in Stadtteilbegehungen, gemeinsamen Ausflügen, einem Kinonachmittag und einem gemeinsam erstellten Puppentheater, das wir an einem Bürgerfest im Stadtteil auch aufgeführt haben“, berichtet Schulleiterin Melanie Kronz.
Doch mit dem Wechsel der Kitaleitung und dem Vorstand des Stadtteilvereins aus dem Bürgerhaus schliefen diese Aktionen ein. Die Zusammenarbeit im B³ sei auch eine Frage der „Köpfe“ hinter den Gebäuden, sagt Melanie Kronz. Aber sie betont auch: „Meine Vision war und ist es immer noch, die begonnenen gemeinsamen Projekte weiterzuführen.“

Stephan Brühl gibt außerdem zu bedenken: „Da es sich um komplett neue Einrichtungen handelt, müssen sie in den Anfangsjahren aber auch viel Energie in den Aufbau der eigenen Strukturen stecken.“ Allein die Grundschule wuchs in den vergangenen Jahren von zwei auf jetzt 13 Klassen. Stephan Brühl sieht viel Potenzial, dass die Zusammenarbeit in Zukunft noch enger wird.

Wenn andere Akteure unsere Schulgebäude nutzen, ist das immer eine Abwägung zwischen Öffnung und Schutzbedürfnis.
Stephan Brühl, Leiter des Amts für Schule und Bildung der Stadt Heidelberg

Von Anfang an plante die Stadt die Bahnstadt-Grundschule als inklusive Bildungseinrichtung mit barrierefreien Unterrichtsräumen. In einem Klassenzimmer können die Lehrenden Kinder, die zum Beispiel beatmet werden oder stark körperbehindert sind, sogar liegend unterrichten.

„Wenn andere Akteure unsere Schulgebäude nutzen, ist das immer eine Abwägung zwischen Öffnung und Schutzbedürfnis“, unterstreicht der Leiter des Heidelberger Schulamts. Klassenräume seien sehr individuell für unterschiedliche Lernformen gestaltet, oft mit persönlichen Dingen der Schülerinnen und Schüler. Daher sei es nicht so einfach, sie nach 17 Uhr, wenn das ergänzende Betreuungsangebot der Schule endet, anderweitig Institutionen zur Verfügung zu stellen.

Schulleben ist Teil des Stadtteilgeschehens

Vereine und Schulen zeitgleich zusammenzubringen, scheitere häufig an der dünnen Personaldecke, die Angebote zur Schulzeit nur schwer möglich machen. Oft laufe es daher bei der Raumnutzung auf ein Nebeneinander und weniger auf ein Miteinander hinaus. Stephan Brühl findet aber eine Vernetzung von Schulen mit dem Umfeld, gerade für Grundschulen, sehr wünschenswert.

Für den Schulamtsleiter ist die Grundschule eigentlich eine Gesamtschule. „Denn nur in dieser Zeit sitzt ein Kind aus einer Harz-4-Empfänger-Familie neben einem Akademikerkind im gleichen Klassenraum“, unterstreicht Stephan Brühl. „Eine Schule, besonders eine Grundschule, ist Teil des Stadtteilgeschehens. Dort kommen nicht nur Kinder zum Lernen zusammen, sondern es werden auch ein Stück weit Familien zusammengeführt.“ Somit reiche die Vernetzung häufig bis in den Stadtteil. Wie intensiv diese Vernetzung stattfindet, liege aber in der Verantwortung der Schulleitungen und Kollegien.

Leer stehendes Schulgebäude als Begegnungszentrum für Geflüchtete

In Heidelberg möchte Stephan Brühl die Zusammenarbeit von Schulen und Stadtteil-Organisationen nicht nur in der Bahnstadt fördern. Ein aktuell leer stehendes Schulgebäude dient auf dem Schulcampus Mitte momentan als Begegnungszentrum für Geflüchtete aus der Ukraine. Im Rahmen der Sanierung und Erweiterung des ebenfalls auf dem Gelände befindlichen Gymnasiums, der Grund- und Berufsschule ist dort auch ein Campus-Haus geplant mit einer Mischung aus schulischer und öffentlicher Nutzung. Diese Idee geht gerade in einen Hochbauwettbewerb. Möglicherweise ergibt sich daraus ein weiteres Leuchtturmprojekt für die Schullandschaft in Heidelberg.

Mehr zum Thema

  • Auch die Initiative Ein Quadratkilometer Bildung macht sich für den Campus-Gedanken stark und unterstützt Projekte, die die Öffnung von Schulen und ihre Vernetzung in ihrem Stadtteil voranbringen.
  • Besonders in sozial benachteiligten Vierteln kann das die Chancen der Kinder und ihrer Familien merklich verbessern, zum Beispiel durch Angebote von freien Trägern, Lese- und Lernpartnerschaften mit Ehrenamtlichen oder Kooperationen mit dem Jugendamt, die in den Schulen stattfinden.
  • Ein Beispiel dafür ist der Campus Rütli in Berlin-Neukölln, auf dem die Initiative ihr erstes Programm umgesetzt hat. Die Rütli-Schule sorgte 2006 für Schlagzeilen, als Lehrerinnen und Lehrer in einem Brandbrief auf die verheerenden Zustände an der Schule aufmerksam gemacht hatten. Drei Jahre später fusionierte die Schule mit zwei anderen Schulen im Kiez, und es entstand der Campus. Dort befindet sich seit 2017 eine Pädagogische Werkstatt, die Teil der Neuköllner Bildungsverbünde ist und ein Netzwerk von Bildungsakteuren im Kiez koordiniert.
  • Weitere Projekte der Initiative sind hier aufgeführt.