UWC Robert Bosch College : Wie eine Schule die Welt bewegen will

Internationale Schulen kommen wegen der Kosten häufig nur für den Nachwuchs finanzkräftiger Familien aus Politik und Wirtschaft infrage. Am UWC Robert Bosch College in Freiburg ist das anders. Die Schule wurde vor fünf Jahren als eine der jüngsten Einrichtungen des Netzwerks der 18 United World Colleges (UWC) gegründet und ist das einzige UWC in Deutschland. Jugendliche aller sozialen Schichten aus verschiedenen Regionen der Welt kommen hier zwei Jahre lang zusammen, um ihr International Baccalaureate zu machen und dabei vor allem eines zu lernen: Globale Veränderungen sind möglich.

Florentine Anders / 12. September 2019
200 Schülerinnen und Schüler aus 98 Nationen lernen am UWC Robert Bosch College, die Welt auch mit den Augen der anderen zu sehen.
©Alexej Braitmayer
In einem riesigen Schulgarten lernen die Schülerinnen und Schüler des UWC Robert Bosch College Freiburg viel über Nachhaltigkeit.
©Sebastian Schröder-Esch

Die Schülerinnen und Schüler zwischen 16 und 19 Jahren sitzen im Halbrund auf Holzstufen, während Kenny aus Taiwan auf der Bühne über ein Thema spricht, das ihn sehr bewegt: „Ich bin unglaublich stolz darauf, dass Taiwan als erstes Land in Asien nach einem Referendum die gleichgeschlechtliche Ehe anerkannt hat“, sagt er in fließendem Englisch. Ein Montagmorgen auf dem Campus des UWC in Freiburg. Der Tag beginnt um 9 Uhr mit einer „Assembly“, einer Versammlung.

Kenny erzählt, wie er selbst schon vor Jahren mit seinen Eltern heftig über das Thema gestritten habe. Am Ende seines Auftritts meldet sich ein Mitschüler aus China und merkt freundlich, aber bestimmt an, dass Taiwan eine Region sei, kein eigenständiges Land. „Nun, dann einigen wir uns doch einfach darauf, dass die Gesetzgebung in Taiwan ein großer Schritt für mehr Toleranz ist“, sagt Kenny fröhlich, und sein Mitschüler aus China nickt zustimmend.

200 junge Menschen aus 98 Nationen lernen am UWC Robert Bosch College

Die alten Gemäuer des ehemaligen Kartäuserklosters, die sich in einen grünen Berghang schmiegen, lassen von außen kaum ahnen, dass hier 200 junge Menschen aus 98 Nationen lernen, wie sie die globalen Probleme der Menschheit angehen können. Nach der morgendlichen Versammlung beginnen um 10 Uhr die Unterrichtseinheiten.

Im Fach Wirtschaft sitzen 14 Jugendliche, sie kommen aus Palästina, Bolivien oder auch Namibia. Auf dem Plan stehen an diesem Tag die Steuersysteme. Unterrichtet wird – wie an anderen Internationalen Schulen auch – nach dem Lehrplan des International Baccalaureate, und dennoch ist der Unterricht hier ganz anders. Die United World Colleges mit ihren 18 Einrichtungen weltweit verstehen sich als Bildungsbewegung, die junge Menschen aller Nationen für eine nachhaltige Zukunft vereint.

Im Wirtschaftskurs an diesem Morgen sollen die Schülerinnen und Schüler herausfinden, wie Veränderungen im Steuersystem soziale Ungleichheiten verstärken oder abbauen können. „Was würdet ihr tun, um die Ungerechtigkeiten abzuschaffen?“, fragt Lehrerin Roxana Erath. „Eine Revolution!“, ruft ein Schüler spontan, und niemand findet diesen Einwurf abwegig. „Und dann, wenn du nach der Revolution an der Regierung wärst?“, hakt die Lehrerin nach. In zwei Gruppen diskutieren die Schülerinnen und Schüler nun verschiedene Maßnahmen und deren Folgen.

Die Jugendlichen ermutigen, Veränderungen selbst in die Hand zu nehmen

Zum Konzept der Schule gehört es, den Jugendlichen Mut zu machen, Veränderungen selbst in die Hand zu nehmen. Es geht um die großen Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit, Frieden und soziale Gerechtigkeit. „Ich ermutige die Schülerinnen und Schüler vor allem, Fragen zu stellen“, sagt Roxana Erath. So würden sie angeregt, eigenständig zu denken und gemeinsam Ideen zu entwickeln. Dabei bringe jeder die Erfahrungen aus seinem Heimatland mit ein.

200 Schülerinnen und Schüler leben auf dem Campus – 50 aus Deutschland und 150 aus aller Welt. Während an anderen Internationalen Schulen wegen der meist hohen Kosten häufig die Kinder von Politikern, Diplomaten und global agierenden Managern lernen, spielen Einkommen und Bildungshintergrund der Eltern am UWC keine Rolle. Nicht mal die englische Sprache müssen die Jugendlichen als Voraussetzung beherrschen, wenn sie hier lernen wollen. „Wir sind keine Schule für eine finanzstarke Elite. 70 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler erhalten ein Vollstipendium“, sagt Schulleiter Laurence Nodder.

Wir sind keine Schule für eine finanzstarke Elite. 70 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler erhalten ein Vollstipendium
Laurence Nodder, Schulleiter des UWC Robert Bosch College in Freiburg

Viele Jugendliche kommen aus sozial benachteiligten Familien, aus sehr armen Regionen oder aus Krisengebieten. Auch die bisherigen schulischen Leistungen seien bei der Auswahl der Bewerberinnen und Bewerber zweitrangig. „Wichtig ist eher, ob sich die Schülerinnen und Schüler in ihrer Heimatregion durch ein besonderes Engagement für die Gesellschaft hervorgetan haben“, erklärt Nodder.

Nour will einen Roboter für Krisengebiete entwickeln

Nour ist 17 und kommt aus Syrien. Seine Familie ist vor dem Bürgerkrieg in die Türkei geflohen. Dort hat er sich für das UWC beworben und schließlich in Freiburg einen Platz bekommen – die Jugendlichen bewerben sich in ihren Heimatländern beim Netzwerk der United World Colleges, ohne zu wissen, in welchem Land sie einen Platz erhalten. Für Nour hat sich Freiburg als Glücksfall erwiesen. Nach seinem Abschluss am UWC will er Medizintechnologie studieren – vielleicht in Berlin, wo bereits sein älterer Bruder die Universität besucht. Nours Vision ist es, einen Roboter zu entwickeln, der die Fähigkeiten eines Arztes hat und in Kriegsgebieten Verletzte behandeln kann. „Dort, wo ich herkomme, gibt es oft keine Ärzte mehr, weil sie getötet wurden oder geflohen sind“, sagt er. Bevor Nour ans UWC kam, lernte er in der Türkei an einer speziellen Schule für Flüchtlinge.

Beim Mittagessen sitzt Nour zusammen mit dem 18-jährigen Kristoffer aus Braunschweig. Auch Kristoffer hat eine Vision, wenn auch noch weniger konkret: Er möchte politische Veränderungen anstoßen. In seinem Heimatort hatte er sich bei den Jusos engagiert, doch mittlerweile denkt er, dass Parteien nicht so gut geeignet sind, um Veränderungen im Bewusstsein der Menschen anzuregen. „Ich kann mir vorstellen, Filmemacher zu werden. Denn ich glaube, dass man über gute Filme die Menschen besser erreichen kann“, sagt er.

Auf dem Campus hat sich Kristoffer vor der Europawahl mit anderen Schülerinnen und Schülern zusammengetan und in regelmäßigen Runden im Schülercafé darüber diskutiert, warum wir alle Europa brauchen. „Es war spannend zu hören, dass zum Beispiel ein Schüler aus Tschechien oder ein Mädchen aus der Ukraine eine ganz andere Sicht auf Europa haben als ich“, sagt er. Schließlich organisierten die Jugendlichen in Freiburg eine Demonstration im Rahmen von „Pulse of Europe“, gemeinsam mit Aktivistinnen und Aktivisten von „Fridays for Future“. Sie schrieben Pressemitteilungen, kümmerten sich um die Technik und hielten Reden.

Lernen, die Dinge mit den Augen der anderen zu sehen

Schulleiter Laurence Nodder ist überzeugt davon, dass sich die globalen Herausforderungen nur gemeinsam lösen lassen. „Deshalb muss man sich annähern, miteinander diskutieren“, sagt er. Nodder kommt aus Südafrika, wo er von der Zeit der Apartheid geprägt wurde. Als Schulleiter möchte er bewirken, dass die Jugendlichen lernen, die Dinge auch mit den Augen des anderen zu sehen.

Schwerpunkt am UWC in Freiburg ist das große Zukunftsthema Nachhaltigkeit. Schließlich liegt der Campus in einer Stadt, die sich „Green City“ nennt. Die Schülerinnen und Schüler bleiben nicht auf dem Schulgelände unter sich, sondern gehen raus und arbeiten mit der Universität und anderen Institutionen der Stadt an gemeinsamen Projekten. Umgekehrt öffnet sich der Campus auch den Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt.

Ein riesiger Schulgarten macht Nachhaltigkeit begreifbar

Ein solches Gemeinschaftsprojekt ist beispielsweise der riesige Schulgarten. Der ehemalige Küchengarten der Kartäuser bietet neben den rund 400 Nutzpflanzen eine Ecke für Bienen, Enten und Hühner und einen von Jugendlichen selbst gebauten Lehmofen zum Brot- und Pizzabacken. Freiwillige aller Generationen aus Freiburg gärtnern und ernten hier gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern. „Ich liebe diesen Garten“, sagt Schülerin Joline (18), die aus dem Ruhrgebiet kommt. Im Garten holt sie sich Tomaten, Zwiebeln und Kräuter für die Tomatensoße, die sie gemeinsam mit ihren Mitbewohnerinnen am Abend im Internatshaus zubereiten will, erzählt sie. „Manchmal trinke ich am Nachmittag aber auch nur einen Tee im Garten, um mich zu entspannen“, sagt sie. Für Tobi Kellner, den Nachhaltigkeitskoordinator der Schule, gehört genau das zum Bildungsauftrag: „Nachhaltigkeit kann man nicht nur in der Theorie lernen“, sagt Kellner. Erst durch die eigene Erfahrung mit der Schönheit des Gartens würden die Schülerinnen und Schüler begreifen, dass es sich lohnt, für den Erhalt der Natur zu kämpfen.

Auf einen Blick

  • Das UWC Robert Bosch College in Freiburg feiert am 21. September sein fünftes Jubiläum. Zum Tag der offenen Tür und Sommerfest sind Interessierte herzlich eingeladen: Zwischen 12 und 17 Uhr kann die Schule besichtigt werden. Mehr Informationen unter: www.uwcrobertboschcollege.de
  • Die Schule in Freiburg mit ihrem Schwerpunkt „Nachhaltigkeit“ ist eine der jüngsten Einrichtungen der 18 United World Colleges (UWC) weltweit und das einzige UWC in Deutschland.
  • Die meisten der 200 Schülerinnen und Schüler aus 98 Nationen erhalten hier ein Vollstipendium. Viele von ihnen kommen aus armen Regionen oder Krisengebieten.
  • Die Gründung des ersten United World College (UWC) in Deutschland geht auf eine gemeinsame Initiative der Robert Bosch Stiftung und der Deutschen Stiftung UWC zurück.
  • Die internationale Oberstufenschule nahm ihren Betrieb im September 2014 auf. Seither haben hier über 400 Jugendliche aus aller Welt den international anerkannten Abschluss „International Baccalaureate (IB)“ erlangt.
  • Die Schule wird finanziell unterstützt durch die Robert Bosch Stiftung, das Land Baden-Württemberg, die Stadt Freiburg sowie diverse weitere Firmen, Stiftungen und Privatpersonen.