Schulen in der Pandemie : Und wenn ein Kind positiv ist?

Viele Bundesländer haben eine Testpflicht an den Schulen eingeführt, in Bayern oder auch in Hamburg muss sie im Klassenzimmer erfüllt werden. Manche Eltern halten das für eine katastrophale Idee.

Dieser Artikel erschien am 18.04.2021 in der Süddeutschen Zeitung
Paul Munzinger
Corona Schnelltest
Ein negativer Corona-Test ist in vielen Bundesländern Voraussetzung, um am Präsenzunterricht teilnehmen zu dürfen.
©dpa

Als Magdalena Rogl am Dienstag um halb neun Uhr morgens einen Anruf ihres Sohnes auf dem Handy hatte, wusste sie sofort, was los war. Seit Ende der Osterferien herrscht in Bayerns Schulen Testpflicht, am Unterricht teilnehmen darf nur, wer negativ ist. Wer eine halbe Stunde nach Schulbeginn seine Mutter anruft, ist es womöglich nicht. Rogl setzte sich ins Auto und holte ihre zwei Söhne von deren Gymnasium in München ab – der jüngere hatte zwar ein negatives Ergebnis, musste aber als Kontaktperson ebenfalls gehen. Dass die beiden auch mit der U-Bahn nach Hause hätten fahren dürfen, findet Rogl „fatal“.

Den Nasenabstrich hat ihr Sohn im Klassenzimmer gemacht. Alle saßen an ihren Plätzen, mit Abstand, im Wechselunterricht ist ja jeweils nur die halbe Klasse da. Rogls Sohn hatte als Einziger ein positives Ergebnis. Er sei schockiert gewesen, sagt sie. Was, wenn er schon jemanden angesteckt hat? Die Mitschüler und die Lehrerin hätten gut reagiert, sagt Rogl, „sehr empathisch“, es gab keine Häme, kein böses Wort. Die Infektion ihres Sohnes hat ein PCR-Test noch am selben Tag bestätigt. In der Klasse hat sich zum Glück niemand angesteckt.

Rogl ist unbedingt für die Testpflicht, das Ergebnis ihres Sohnes hat sie darin bestärkt. Wäre die Infektion nicht am Morgen entdeckt worden, „hätte er munter die ganze Klasse anstecken können“. Dass die Tests aber in der Schule stattfinden müssen – und auf ihrem Sohn nicht nur die frische Diagnose lastete, sondern auch die Sorge, jemanden infiziert zu haben -, das sieht Rogl „durchaus kritisch“. Andererseits, die Vorstellung, dass die Tests ohne Aufsicht zu Hause gemacht werden, findet sie auch nicht besser. Ginge es nach ihr, wären die Schulen geschlossen, genau wie alle Betriebe. Rogl wünscht sich einen härteren Kurs in der Pandemiebekämpfung.

Eine Woche ist die Testpflicht an Schulen in Bayern jetzt alt. Sie ist Voraussetzung für die Teilnahme am Präsenzunterricht – falls der denn stattfindet, was angesichts der hohen Infektionszahlen nicht nur in Bayern wieder die Ausnahme wird. Auch die meisten anderen Bundesländer haben die Pflicht eingeführt. Wenn das neue Infektionsschutzgesetz greift, gilt sie in ganz Deutschland. Doch unter Eltern und Lehrkräften ist sie heiß umstritten. Und das liegt weniger an der Frage, ob es die Pflicht braucht (wenngleich auch das manche verneinen), als an der Frage, wo sie erfüllt wird: in der Schule – oder zu Hause?

„Sicher ist sicher“, sagt Hamburgs Schulsenator

Bayern gehört wie Hamburg zu den Ländern, die das Testen nur in der Schule erlauben. Warum? Das bayerische Kultusministerium spricht von „mehr Sicherheit“. Konkreter wird Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD). „In einer Großstadt wie Hamburg haben wir Eltern, die selber Ärzte sind und bei denen es vermutlich sogar besser wäre, wenn sie es zu Hause machen“, sagt er. „Aber wir haben eben auch viele Kinder, bei denen niemand zu Hause ist, wenn sie morgens zur Schule gehen. Deswegen sagen wir: Sicher ist sicher. Wir wollen, dass der Test einwandfrei und konsequent durchgeführt wird.“ Die Schulbehörde betont, dass die Testpflicht auf Druck auch von Eltern eingeführt wurde – und dass manche Familien ihre Kinder nur deshalb in die Schule schicken.

Doch gegen das Testen in der Schule gibt es große Vorbehalte. Lehrkräfte fühlen sich ihrer neuen Aufsichtspflicht nicht gewachsen. Eltern fürchten, dass die einwandfreie Durchführung der – ohnehin nur bedingt zuverlässigen – Tests gerade in der Schule kaum möglich sei. Um sich die Teststäbchen in die Nase zu stecken, müssen die Schüler im Klassenzimmer natürlich ihre Masken ausziehen. Und das Testen dauert, meist eine halbe bis eine Dreiviertelstunde, und kostet so Präsenzzeit in der Schule, von der es in der Pandemie ja sowieso wenig gibt.

Manche Eltern werten das Verbot, die Tests zu Hause durchzuführen, als Ausdruck offenen Misstrauens. „Den Kindern und den Familien mutet die Politik so vieles zu, was sie dem Rest der Gesellschaft nicht zumutet“, sagt Teresa Bernheimer aus München, die zwei Kinder in der Grundschule hat. „Und dann wird den Eltern auch noch abgesprochen, diese Tests verantwortungsvoll durchführen zu können. Das ist purer Hohn.“

Und es gibt noch eine andere Sorge, die Bernheimer und andere Eltern umtreibt: Was passiert eigentlich, wenn der Test positiv ausfällt? Wie verkraften die Kinder das Ergebnis, die Isolation, das Herausgerissenwerden aus der Klasse? Den Kindern drohe „ein Trauma fürs Leben“, hat Bernheimer Ende März den zuständigen Ministerinnen und Minister in Bayern geschrieben. Lena Walter und Emilie Malawski, zwei Schülerinnen einer FOS in Schwandorf, warnten in einem offenen Brief gar, positiv getestete Schülerinnen und Schüler würden von ihrer Klasse abgesondert „wie Müll“.

Die Kinder fühlen sich „richtig schuldig“, sagt ein Elternvertreter

Volker Nötzold, Vorsitzender im Landeselternbeirat der Grundschulen und Förderzentren in Schleswig-Holstein, berichtet, dass es vielen Kindern nach einem positiven Test „sehr schlecht“ gehe. „Die fühlen sich richtig schuldig“, sagt er. Nötzold hält das Testen in der Schule für einen unzulässigen Eingriff in die Privatsphäre der Familien. „Wenn ein Kind nicht in die Schule kommt, dann weiß niemand warum. Und das ist auch gut so.“

Doch auch unter den Eltern in Schleswig-Holstein ist das keineswegs Konsens. Thorsten Muschinski, Elternvertreter für die Gemeinschaftsschulen, findet, dass die Testpflicht nur in der Schule erfüllt werden kann. Zu Hause könne niemand kontrollieren, „in wessen Nase das Stäbchen gesteckt hat“. Nötzold hält dagegen: Wer schummeln wolle, könne das auch in der Schule tun – eine Eins-zu-eins-Überwachung durch die Lehrer sei nicht möglich, der Test leicht zu manipulieren. Die beiden Elternbeiräte haben sich eine offene Diskussion geliefert, in der, findet Nötzold, nicht ausreichend unterschieden worden sei: zwischen Eltern, die eine Testpflicht an Schulen ablehnen – und denen, die sich schlechthin allen Pandemie-Maßnahmen verweigern.

In Schleswig-Holstein gilt die Testpflicht von Montag an. Das Schulministerium hat entschieden, dass die Tests, anders als zunächst geplant, auch zu Hause stattfinden dürfen. Man wolle „den Eltern entgegenkommen, die die Testpflicht zwar positiv beurteilen, gegenüber einer Testung in der Schule aber Bedenken haben“, sagte die CDU-Ministerin Karin Prien. So hält es zum Beispiel auch Sachsen. Dort wurden nach Auskunft des Kultusministeriums fünf Prozent der Tests zu Hause durchgeführt und dann per „qualifizierter Selbstauskunft“ der Eltern bestätigt. Ob manche dabei falsche Angaben machen und wenn ja, wie viele, wisse das Ministerium nicht.

Hamburg bleibt bei seiner Regelung: „Die Testpflicht an der Schule hat genauso viel oder wenig mit Misstrauen zu tun wie alle anderen Corona-Regeln“, sagt Schulsenator Rabe. Auch eine mögliche Bloßstellung der Kinder sieht er nicht als Problem: „Für das einzelne Kind mag das eine schwierige Lage sein“, sagt er. „Aber wir sollten nicht so tun, als ob so etwas in der Schule nie vorkommt. Es soll Fälle geben, wo ein Kind eine Sonderaufgabe bekommt, weil es ständig schwätzt, oder wo eine Lehrkraft ein Kind etwas kraftvoller darauf hinweist, dass es seine Hausaufgaben machen muss. Solche Situationen gehören zum Schulalltag dazu.“ Die Zahl der positiven Tests in Hamburg liegt unter Schülern bei 0,13 Prozent, unter Lehrkräften bei 0,06 Prozent.

Gut möglich, dass Kathinka Stiehler aus Glonn in Oberbayern, 13 Jahre, siebte Klasse, ihm da recht geben würde. Beim Testen fühlte sie sich von ihrer Lehrerin „gut angeleitet“, sagt sie am Telefon, das Stäbchen in die Nase, ist ja nicht so schwer. Als der Wecker geklingelt hat, weil die Wartezeit vorbei war, hat sie auf ihrem Test einen Strich gesehen, „nur ganz leicht“. Positiv. Sie musste in ein Quarantäne-Zimmer, wo schon drei andere Kinder warteten; etwa 500 Schüler waren an dem Tag insgesamt da. Wie es ihr dabei ging? „Ganz entspannt“, sagt Kathinka Stiehler. „Ich war mir sicher, dass das Ergebnis falsch ist.“ War es auch. Der PCR-Test war negativ. Und von Montag an ist ihre Schule sowieso wieder geschlossen.