Berufswahl in der Pandemie : „Schaffe ich das?“

Seit Anfang 2021 begleitet das Schulportal die beiden Jugendlichen Swenja und Leon aus Halle. Da waren sie noch in der 9. Klasse der Gemeinschaftsschule Heinrich Heine und steckten mitten im zweiten Lockdown. Inzwischen haben beide die Schule mit dem Realschulabschluss beendet und eine Ausbildung begonnen. Wie geht es ihnen nach den ersten Wochen? Wie haben sie während der Corona-Pandemie den Übergang von der Schule in die Ausbildung erlebt?

Annette Kuhn 15. September 2022
Swenja und Leon haben gerade ihre Ausbildung begonnen
Im Sommer haben Swenja und Leon aus Halle ihren Realschulabschluss gemacht, jetzt haben sie gerade ihre Ausbildung begonnen.
©Annette Kuhn

Wenn Swenja dem Gast einen Cappuccino serviert, sieht das so routiniert aus, als habe sie nie etwas anderes gemacht: Silbertablett, Papieruntersetzer, Tasse, Löffel, der obligatorische Keks, ein freundliches Lächeln und „Bitte schön“. Tatsächlich ist das aber alles noch ziemlich neu für die 16-Jährige. Erst Anfang August hat sie ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau im Hotel Dorint in Halle begonnen. Ihre erste Station ist im Restaurant, das heißt in der Frühschicht: von 6 bis 10.30 Uhr Frühstück – eindecken, abräumen, Gästen am Büfett Fragen beantworten. Nach dem Frühstück Saugen und Wischen, und schon kommen die nächsten Gäste fürs Mittagessen. Wenn zwischendurch mal kurz Luft ist, poliert sie Besteck und faltet Servietten für den nächsten Tag.

Swenja gefällt die Arbeit im Hotel, auch wenn es schon sehr anstrengend und alles neu ist. „Schaffe ich das?“, geht ihr manchmal durch den Kopf. Und manchmal fragt sie sich auch: „Schaffen das meine Füße?“ Stundenlang auf den Füßen zu sein ist sie nicht gewohnt.

Das frühe Aufstehen fällt schwer

Für Leon ist es vor allem das frühe Aufstehen, an das er sich gewöhnen muss. Bis zu den Sommerferien konnte er den Wecker auf 7 Uhr stellen, wenn er um 8 Uhr in der Schule sein musste. Heute klingelt der Wecker schon um 4 Uhr, weil sein Dienst um 6 Uhr beginnt. Ende August hat der 16-Jährige eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei den Stadtwerken in Halle angefangen. Während die Schule aber bei ihm zu Hause um die Ecke liegt, fährt er nun jeden Morgen in der Frühe ans andere Ende der Stadt. Aber die Arbeit macht Leon großen Spaß: „Ich bin superzufrieden.“

Gerade lernt er, Stahl und Blech zu feilen. Der neue Ausbildungsjahrgang soll ein Formel-1-Auto bauen, das zwar keine Rennen fahren wird, aber zumindest rollen soll es. Gar nicht so einfach, alle Flächen glatt zu bekommen, da brauche er schon viel Geduld, und anstrengend sei es auch: „Das Feilen sieht so leicht aus, aber ich merke das überall, vor allem im Rücken und im Trizeps“, sagt Leon. Gerade hat er aber Lob von seinem Ausbilder bekommen, und da spürt er den Muskelkater kaum noch. In der Ausbildung muss man schon mal Kritik aushalten. Schongang gibt’s hier nicht – ein Lob fühlt sich dann umso besser an.

Eine andere Ausbildung, als beide geplant hatten

Swenja und Leon haben im Sommer ihren erweiterten Realschulabschluss an der Gemeinschaftsschule Heinrich Heine in Halle-Neustadt gemacht. Sie gehören damit zu den etwa 330.000 Jugendlichen deutschlandweit, die die Schule nach der 10. Klasse abgeschlossen haben. Und sie gehören zu der Schülergeneration, die die letzten beiden Schuljahre unter Corona-Bedingungen gelernt hat.

Das Schulportal wollte seit Beginn der Pandemie wissen, wie es Schülerinnen und Schülern in dieser Zeit geht, wie der Übergang von der Schule in die Ausbildung unter Pandemie-Bedingungen läuft und hat daher Swenja und Leon mehrmals in Halle getroffen. Das erste Treffen fand Anfang 2021 statt, der zweite Lockdown dauerte da bereits drei Monate. Die beiden Jugendlichen haben von den Belastungen des Distanzunterrichts und der schwierigen Berufsorientierung in der Pandemie erzählt. Beim zweiten Treffen im Sommer 2021 haben sie sich für die 10. Klasse vor allem eins gewünscht: „Hoffentlich bekommen wir ein ganz normales Schuljahr!“

Ganz normal wurde es dann doch nicht in ihrem letzten Schuljahr – die Pandemie begleitete sie weiter. Beim dritten Treffen im Frühjahr 2022 standen sie kurz vor ihren Abschlussprüfungen und waren bei der Ausbildungsplatzsuche im Endspurt. Swenja hatte viele Bewerbungsgespräche hinter sich und ihren Ausbildungsplatz im Hotel Dorint unterschrieben, Leon war in der Endrunde der Bewerbung bei den Stadtwerken in Halle.

Leon vor der Verwaltung der Stadtwerke in Halle
Seit Ende August macht Leon eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei den Stadtwerken in Halle.
©Annette Kuhn

Schülerpraktika wurden wegen Corona abgesagt

Jetzt ist es Anfang September, und die beiden Jugendlichen sind in der Berufswelt angekommen. Allerdings beide auf dem Weg in andere Berufe, als sie ursprünglich gedacht haben. Leon wollte eigentlich zur Feuerwehr und hatte in der 9. Klasse zwei Schülerpraktika in Aussicht: als Kfz-Mechatroniker und direkt bei der Feuerwehr. Kurz bevor es losgehen sollte, kam die Pandemie, und beide Praktika wurden erst mal abgesagt.

Swenja dachte lange, dass ein Beruf ohne direkten Kontakt zu Menschen am besten zu ihr passen würde. Sie wollte daher ein Praktikum als Zahntechnikerin machen. Auch das klappte wegen Corona nicht.

Swenja beim Tischdecken in ihrer Ausbildung zur Hotelfachfrau
Swenjas erste Station in der Ausbildung zur Hotelfachfrau ist das Restaurant.
©Annette Kuhn
Swenja beim Wischen
Da muss sie dann nach dem Frühstück auch mal den Boden am Büffet wischen.
©Annette Kuhn

Beide konnten dann aber später ihre Praktika nachholen. Auch ihre Schule hatte sich dafür starkgemacht, möglichst vielen Schülerinnen und Schülern diese Möglichkeit zu geben, Berufe vor Ort kennenzulernen. Für Swenja und Leon war das eine wichtige Erfahrung. „Auch wenn ich jetzt nicht Kfz-Mechatroniker, sondern Industriemechaniker werde, war das schon ein guter Einblick, weil einiges ähnlich ist“, sagt Leon. Und Swenja hat sich nach dem Praktikum noch mal ganz neu orientiert, denn sie hat gemerkt: „Zahntechnikerin ist nichts für mich, ein bisschen mehr Kontakt zu Menschen wäre doch ganz schön.“ Und jetzt ist es gerade dieser Kontakt zu Menschen, den sie an der Ausbildung zur Hotelfachfrau besonders schätzt. Ohne Praktikum hätte sie das wohl nicht herausbekommen können.

Auch Betriebe gehen neue Wege, um Auszubildende zu finden

Swenja und Leon haben Glück, dass sie noch ein Schülerpraktikum machen konnten, für viele Jugendliche fiel diese Möglichkeit in der Corona-Pandemie weg. Nach einer Umfrage für die Bertelsmann Stiftung gab es wegen der Einschränkungen 68 Prozent weniger Praktikumsplätze für Schülerinnen und Schüler und auch kaum Messen zur Berufsorientierung. Die Folge war, dass viele Schülerinnen und Schüler in ihrem letzten Schuljahr noch völlig orientierungslos waren und es nach ihrem Abschluss auch immer noch sind. In der Pandemie ist dieses Phänomen stärker zu beobachten als in Abschlussjahrgängen zu anderen Zeiten.

Aber die Corona-Pandemie hat nicht nur für die Jugendlichen die Berufsorientierung erschwert, auch für die Betriebe war es eine noch größere Herausforderung als sonst, geeignete Auszubildende zu finden. „Vor der Pandemie kamen immer viele Jugendliche über das Schülerpraktikum zu uns und haben sich oft direkt im Anschluss für eine Ausbildung beworben“, erzählt Juliane Gornig, Personalchefin im Dorint in Halle, „da kannten wir viele Bewerberinnen und Bewerber schon, und die jungen Leute wussten, was sie erwartet.“

Nun hat sie die Bewerberinnen und Bewerber wenigstens zu einem Praxistag eingeladen, damit beide Seiten besser feststellen können, ob es passt. Auch Swenja hat bei ihrem zweiten Bewerbungsgespräch ein paar Stunden zur Probe gearbeitet.

Die Personalchefin schaut sich die Noten der Bewerberinnen und Bewerber an, vor allem Deutsch und Mathematik, „aber uns sind auch Teamfähigkeit und Offenheit besonders wichtig“, sagt Juliane Gornig.

Teamfähigkeit und selbstständiges Arbeiten werden in der Ausbildung gebraucht

Swenja kommt damit gut zurecht. Sie fühlt sich dabei von ihrer Schule gut vorbereitet. Dort hätten sie viel in Teams gelernt, erzählt sie. Und sie hat dort auch oft geübt, vor einer Gruppe zu präsentieren – selbst in der Corona-Pandemie. Da bekamen sie zum Beispiel mal die Aufgabe, eine fiktive Partei zu gründen und diese dann in einem Video vorstellen. Damals erzählte Swenja: „Das war mir total peinlich, mich so darzustellen und mir vorzustellen, dass die ganze Klasse das sieht.“ Aber jetzt profitiere sie: Sie könne im Hotel auf die Gäste zugehen und mit ihnen kommunizieren.

Auch Leon sagt, dass er in der Schule schon geübt habe, im Team zu arbeiten. Vor allem hat er dort aber gelernt, selbstständig zu arbeiten, und dabei hat ihm sogar das Homeschooling in der Pandemie geholfen. Das selbstständige Arbeiten werde jetzt auch in der Ausbildung von ihm erwartet. „Ich kann mir meine Zeit gut einteilen und selbst nach Lösungen suchen.“ Zum Beispiel hat er sich neulich Videos zum Thema Feilen auf Youtube angeschaut, um seine Technik noch zu verbessern.

Beide freuen sich über ihr erstes selbst verdientes Geld

Die Tage für Swenja und Leon sind nun vor allem durch die Arbeit bestimmt – „heute denke ich, wie viel Freizeit ich doch gehabt habe, als ich früher mittags aus der Schule kam“, sagt Swenja, und irgendwie fehle ihr manchmal ein bisschen die Leichtigkeit der Schulzeit. Aber beide finden es gut, gleich mit der Ausbildung angefangen zu haben. Sie kennen andere aus ihrem Jahrgang, die sich nicht um einen Ausbildungsplatz bemüht haben und auch jetzt noch keinen Plan haben, wie es für sie weitergeht. „In der Schule war das alles so weit weg“, sagt Leon, „da haben sich viele noch gar nicht mit der Ausbildung beschäftigt.“ Vielleicht habe dabei auch die Corona-Pandemie eine Rolle gespielt? Das weiß er nicht, er hat ja keinen Vergleich. Aber seine Eltern seien immer hinterher gewesen, dass er sich bewirbt, das habe ihm geholfen.

Swenja und Leon gefällt auch, jetzt ihr erstes eigenes Geld zu verdienen. Swenja will im November mit ihrem Freund zusammenziehen. Das erste Geld als Auszubildende hat sie daher schon mal in Dinge für die Ausstattung der gemeinsamen Wohnung investiert.

Leon will seinen Eltern, bei denen er noch wohnt, einen Teil seines Ausbildungsgehalts geben, einen Teil will er ansparen, den Rest will er ausgeben, „das Leben genießen“, wie er sagt. Zwei Jahre lang hat er kaum etwas unternommen – jetzt will er nachholen, was Jugendlichen in der Corona-Pandemie verwehrt blieb: sich mit Freunden treffen, feiern, Spaß haben. Vielen seiner Freunde gehe es so wie ihm, aber er kennt auch Jugendliche, die das nicht können oder wollen, die sich weiterhin zurückziehen, die sich kaum verabreden, die lieber vor dem Computer sitzen.

Der Blick von Swenja und Leon ist auf die Zukunft gerichtet. Die Belastungen der Corona-Pandemie, die sie in ihren letzten beiden Schuljahren erlebt haben und die so viele Jugendliche noch immer erleben, liegen heute weit hinter ihnen.